Von Julia Donhauser

„Hoffentlich kann dieser Kapitän besser mit Eis umgehen, als der der Titanic“, ertönt die Stimme eines Passagiers, als das Boot auf eine massive blauweiße Eisfront zusteuert. Eine Gruppe steht in dichtem Nebel eingehüllt an Deck eines Touristenschiffes. Um den Dampfer herum treiben Eisschollen und Mini-Eisberge im grauen Meerwasser. Der Nebel lichtet sich und gibt den Blick auf eine kilometerlange Abbruchkante eines Gletschers frei.

Ungläubiges Kopfschütteln. Offene Münder. Das sind die ersten Reaktionen die der Millionen Jahre alte Esmarkgletscher an der Westseite Spitzbergens bei den Passagieren auslöst. 22 aufgeregte Studierende zücken ihre Spiegelreflexkameras – angehende Journalisten geben sich eben nicht mit Digicams zufrieden.

Es ist Sonntag, der 13. September 2015 und der dritte Tag der ersten Seminarwoche des Kurses Climate Change Journalism. Die Hochschule Oslo/Akershus, mit Sitz im Herzen der norwegischen Hauptstadt, schickt 15 internationale und sieben norwegische Studenten zu einer Exkursion auf die norwegische Insel Spitzbergen – komplett bezahlt.

Initiator Andreas Ytterstad ist Professor für Medienforschung und Umweltjournalismus. Er hat den Kurs 2014 ins Leben gerufen. „Der Kurs zielt auf die soziale und politische Seite des Klimawandels ab. Wir haben die physikalischen Fakten. Jetzt geht es darum, wie wir sie in unsere Gesellschaft integrieren“, sagt Ytterstad. Es sei ihm wichtig, die Studenten dabei aus den Hörsälen herauszuholen und ihnen eine ganz neue Lernerfahrung zu bieten.

Klimawandel nachhaltiges lernen

Kohlenstoffdioxid, Fotosynthese, Übersäuerung der Ozeane, Gletscherschmelze – das sind Themen, die in Klassenzimmern und Hörsälen theoretisch behandelt werden. Doch scheinen sie oft weder gänzlich verstanden worden, noch in den Alltag der Gesellschaft vorgedrungen zu sein. „Leben in Verdrängung“ ist auch deshalb ein großes Thema des Kurses.

Besonders Journalisten sollen mit ihren Geschichten den Leser aufwecken, ihn zum Nachdenken und im besten Fall zum Handeln bewegen. Diese Aufgabe erfüllt nur ein Journalist, der Ahnung von dem hat, worüber er berichtet. Doch Wissen allein reicht noch lange nicht. „Wir als Journalisten brauchen Input, aber auch Erlebnisse, um die Fakten damit verknüpfen zu können“, sagt Sara Plassnig, Studentin aus Graz in Österreich. Sie ist für ein Auslandssemester nach Norwegen gekommen. „Ich habe mich eigentlich nie für Klimawandel interessiert. Das Thema war mir zu abstrakt. Aber dann habe ich diese Natur, diesen Gletscher gesehen. Du stehst vor dieser massiven Eiswand und fragst dich, wie wir dieses Naturwunder nur zerstören können“, sagt die 22jährige.

 

 

Die Erlebnisse helfen Journalisten dabei, die Auswirkungen des Klimawandels intensiver beschreiben zu können. Es geht um Schicksale: der Eisbär, der seine Nahrungsgrundlage verliert; der Kohlearbeiter, der arbeitslos wird, weil die Kohleförderung eingestellt wird; die Gletscherschmelze, die den Meeresspiegel ansteigen lässt und so zu Überschwemmungen der bewohnten Küstenregionen führt. Hier in der Arktis sind die Auswirkungen deutlich spürbar. „Spitzbergen ist wie ein anderer Planet. Es motiviert mich. Ich möchte wissen was dahintersteckt und dann darüber schreiben“, meint die Österreicherin.

Klimareportagen entwickeln – aber wie?

Die Seminarwoche in der Arktis vereint Theorie und Praxis: An einem Tag werden die politischen Maßnahmen, die Rolle der Medien oder die Auswirkungen der Klimawandels im Universitätszentrum in Longyearbyen besprochen. Am nächsten Tag folgt eine Gletscherwanderung über Millionen Jahre altes Eis. Nach einer Woche ist der Intensivkurs vorbei. Jeder Student geht mit einer Themenidee für eine Reportage nach Hause, die am Ende des Semesters als Studienarbeit abgegeben wird.

Zurück in Oslo hat die Gruppe bis November Zeit für die Recherche, um ihre Reportagenideen über den Klimawandel in die Tat umzusetzen. Kurz vor Ende des Semesters folgt die zweite Seminarwoche – dann in den Klassenzimmern der Hochschule Oslo/Akershus. Der Klimawandel und wie ihn Journalisten verständlich für ihr Publikum aufbereiten können, ist nun der Schwerpunkt. „Das Thema Klimawandel war zu oft und zu viel in den Medien. Die Menschen sind an Informationen gesättigt“, sagt Andreas Ytterstad.

Die Studenten lernen, das Thema aus neuen Blickwinkeln zu betrachten. Vielleicht aus der Perspektive eines ehemaligen Kohlearbeiters, der jetzt nachhaltige Führungen für Touristen anbietet. Oder die Geschichte eines leidenschaftlichen Schneescooter-Fahrers, der nicht auf dem Fjord fahren kann, weil der nicht mehr zufriert.

Die Vielfalt des Kurses ermöglicht insgesamt eine neue Sichtweise auf das Thema Klimawandel. Nun ist es die Aufgabe der angehenden Journalisten, sie aufzubereiten und ein breites Publikum zu finden.

Erstveröffentlichung: 22.2.2016

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