In den vergangenen zehn Jahren haben mich meine Reisen und Recherchen oft nach Nordeuropa geführt; Skandinavien ist auch zunehmend ein Thema meiner Arbeit an der Hochschule Darmstadt, wo ich nun schon zum zweiten Mal das Seminar „Scandinavian Journalism“ gebe. Die Idee dazu kam mir durch einen spannenden Artikel in der Columbia Journalism Review, der den skandinavischen Journalismus als vorbildlich anpreist. Es ist eine sehr gelungene Zusammenfassung der Spezifika und Stärken nordischer Mediensysteme.

Skandinavien, der allumfassende Spitzenreiter?

Aber auch sonst gibt es kaum eine internationale Liste, in der skandinavische Staaten nicht ganz vorne stehen, sei es bei Lebensqualität, Gleichberechtigung, Spitzenküche, Umweltparameter oder Gesundheitsverhalten. Doch warum ist das so, was macht die Kultur dieser Länder aus? Welche versteckten Codes haben sie, von denen andere womöglich lernen können im Hinblick auf eine bessere Lebens- und Umweltqualität?

Und was ist vom viel zitierten nordischen Modell doch nur Mythos und Klischee? Was ist nicht übertragbar und zu sehr verhaftet in der eigenen Kultur dieser kalten Staaten in Randlage, die zudem mit neuen Problemen wie aufkommenden rechten Parteien zu kämpfen haben?

Führend auch in der Umweltpolitik

Diese und andere Fragen stellen ich mir oft, meist mit Gedanken an Journalismus und Politik, vor allem Umweltpolitik – den in diesem Feld sind Schweden, Norwegen, Finnland und Dänemark oft sehr weit, wie zum Beispiel in den Werken von Christoph Knill und Martin Jänicke nachzulesen ist. Damit habe ich mich während meines Europa-Studiums beschäftigt, aber auch meine fortlaufenden Recherchen zur Fischereipolitik zeigen, dass die wichtigsten Ansätze häufig aus dem Norden kommen.

Doch die Politik, die Pläne, das Berechenbare und Erforschte – das ist nur die eine Seite. Daneben steht eine diffuse Sehnsucht des Reisens und Aufbrechens, die mich manchmal ganz unverhofft packt und hinausträgt zu den Landschaften der Weite und Kälte. Es ist ein Gefühl, das mich und uns als Familie schon oft nordwärts getragen hat, wie diese Karte zeigt.

Was können wir lernen?

Ich bereise den Norden Europas seit rund zehn Jahren – mit der Familie und alleine, als Wanderer, Angler oder Journalist, im Standurlaub, mit Kanutouren, Fjellquerungen, Angelturns, Städtetrips und Reportagereisen. Ich habe dazu öfter für die Onlineausgaben von Merian, Geo und Stern geschrieben und fotografiert – etwa über die Schollenfischerei vor der dänischen Westküste, das Kanurevier Glaskogen in Värmland, Bärenforschung in Mittelschweden, Angelausflüge im Lofotendorf Å, Artenzählen in Helsinkis Stadtpark Töölönlahti  oder Wandern auf der norwegischen Hardangervidda.

Es ist erst der Anfang, denke ich oft. Denn den Blick auf einer Europakarte einfach immer nur weiter nach oben schweifen zu lassen reicht um zu sehen, wie viel es noch in dieser Landschaft zu entdecken gibt – einfach nur um ihrer Schönheit willen. Oder um der Ideen und Erfahrung willen, die wir von den Menschen und Gesellschaften im Norden vielleicht mitnehmen können von Reisen und näheren Auseinandersetzungen. 2017 werde ich nach Oslo und Lappland fahren, um in meinem Forschungssemester den Umweltjournalismus der Sámi zu untersuchen – mit narrativen Interviews, die ich gerade vorbereite. Da schwingt das Forschungsfieber mit, auch wenn manches in der Vorbereitung nicht so einfach ist. Und es schwingt natürlich das Reisefieber mit. Doch dazu mehr in Kürze.

Über Skandinavien sind viele Bücher verfasst worden, auch von Journalisten wie etwa Tilman Bünz, der als Korrespondent in Schweden gelebt hat. Ganz anders ist das Werk von Godela Unseld, die als eine Vertreterin des nature writing die Landschaften des Nordens wie keine zweite beschreibt. Oder bei Gavin Francis, der einen sehr kenntnisreichen und lesenswerten historischen Einblick in die Geschichte der nordischen Hemisphäre gibt.

Aus diesen Büchern habe ich viel mitgenommen. Mindestens ebenso viel aber haben mir auch besondere Menschen gegeben, die ich in Skandinavien traf und treffe; manchmal ganz überraschend. Doch dann öffnet sich eine dieser Pforten zu Erlebnissen und Orten, die die Zeit verformen, die sich einprägen. Der junge Emil, der Herr des Mien-Sees, war jemand, der an solch einer Pforte stand und zu dem ich dann ins Boot stieg

Emils Geschichte liegt oben auf der Hochebene, der Euroreporter kennt den Weg  dorthin. Bitte weiterlesen…

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