Von Christian Sauer

Wann ist eine Redaktion besonders gut zu erreichen für neue Sichtweisen? Dann, wenn sie gemeinsam über ihre Produkte nachdenkt. Und das ist bei der Blattkritik (wobei ich das Wort hier als Oberbegriff auch für Site- und Programmkritiken verwende). Deshalb sind konstruktive Blattkritiken wertvoll als Einstieg in den konstruktiven Journalismus.

Nun weiß jeder, der schon dabei war, dass in einer Blattkritik oft Grabenkämpfe zwischen Ressorts ausbrechen und persönliche Angriffe die Stimmung vergiften. Das liegt aber oft nur an einer schlechten Moderation. Was kann ein Blattkritiker – sei es ein interner oder jemand von außen – für die gute konstruktive Blattkritik tun?

Gegen die ablehnende Grundhaltung der Redakteure hilft nur gute Vorbereitung

Wichtigste Regel: Gute Vorbereitung. Das gilt besonders für konstruktive Blattkritiken, denn die verlassen ja den üblichen Rahmen: Es geht nicht nur wie sonst ums Handwerkliche, also darum, ob Überschriften und Texteinstiege gelungen sind, Interviewfragen gut gestellt oder Filmbeiträge sauber geschnitten. Es geht um inhaltliche Fragen: Sind die Themen so gewählt, so produziert und verkauft, wie der konstruktive Ansatz es nahelegt? Da ist mit einer ablehnenden Grundhaltung bei mindestens einem Teil der Journalisten zu rechnen. Deshalb muss quasi jedes Wort sitzen.

Dr. Christian Sauer ist Journalist sowie Coach für Führungskräfte und Seminartrainer und interessiert sich seit 2013 für konstruktiven Journalismus. Er ist als Dozent und Berater spezialisiert auf die Themen Führung und Change Management in Redaktionen. Seine journalistische Laufbahn begann er beim „Tagesspiegel“ in Berlin. Bis 2006 war er Stellvertretender Chefredakteur des Magazins „chrismon“. Von ihm stammen die Ratgeber „Souverän schreiben“ (FAZ-Buch 2007), „Qualitätsmanagement in Redaktionen“ (BOD 2010, mit Ulf Grüner) und „Der Stellvertreter. Erfolgreich führen aus der zweiten Reihe“ (Hanser 2016).

Ich beginne immer – zum Beispiel bei einer Tageszeitungs-Blattkritik – mit einer Art Schnelldurchgang. Ich schildere dabei, welche Eindrücke und Gefühle meine Lektüre der einzelnen Seiten oder Doppelseiten sich bei mir eingestellt haben. Das hört sich vielleicht merkwürdig an, ist aber recht wirkungsvoll. Ich sage dann in etwa: „Schauen Sie mal, auf der Seite 1 kriege ich gleich beim Frühstück den ersten rechten Haken von Ihnen verpasst: vier katastrophale Nachrichten und zwei eher düstere Bilder.“ Das ist natürlich extrem subjektiv. Aber genau das ist eine Blattkritik immer: extrem subjektiv. Nicht meine persönliche Sichtweise ist das Problem, sondern ob ich sie plausibel erklären und daraus konstruktive Schlüsse ziehen kann.

Darf ein Politikteil freundliche Bilder zeigen?

Nach Durchsicht des gesamten Politikteils am Anfang der Zeitung kann ich dann zum Beispiel sagen: „Okay, nach der heftigen Seite 1 finde ich auf Seite 2 und 3 mehrere Ansätze, wo mir auch Lösungsmöglichkeiten geschildert werden. Insofern geht die Themenauswahl für Seite 1 in Ordnung. Aber warum bebildern Sie ausschließlich die harten, düsteren Themen. Darf ein Politikteil nicht auch was Freundliches oder Ermutigendes haben?“

Worauf ich ziele, ist, dass die Redaktion ins Nachdenken kommt. Ich möchte, dass die Kollegen spüren: Es gibt da tatsächlich so etwas wie eine dunkle Brille auf unserer Journalistennase. Die üblichen Nachrichtenkriterien legen uns eine Auswahl und Präsentation der Themen vor, bei der oft – und nicht immer alternativlos – schwierige, tendenziell unlösbare Probleme im Vordergrund stehen. Das sollen die Redakteure merken und anfangen, weiterzudenken.

Das Stimmungskreuz als Einschätzungshilfe

Manchmal lade ich die Blattkritik-Teilnehmer auch ein, selbst einen Teil der Sendung oder des Blattes einzuschätzen. Dabei hilft das „Stimmungskreuz“, das ich für solche Übungen entwickelt habe. Das geht so:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Man kann einzelne Beiträge in diese Matrix einordnen oder eine Gesamtbewertung machen. Zum Beispiel habe ich mal für eine Ausgabe der Tageszeitung „Die Presse“ in Wien eine Gesamtbewertung weit links unten in die Matrix gemalt. Interessanterweise deckte sich das mit der Einschätzung fast aller Blattkritik-Teilnehmer. Wir konnten dann gut darüber reden, ob das von der Nachrichtenlage an dem Tag quasi diktiert war – oder ob und wie es an einigen Stellen auch anders gegangen wäre.

Umgekehrt landete die Bewertung für ein Heft der Zeitschrift „enorm“ einmal so weit rechts oben, dass alle schon wieder ins Nachdenken kamen, ob das nicht ein bisschen zuviel des Guten sei.

Der Blattkritiker muss selbst konstruktive Vorschläge machen!

Eines versteht sich dabei von selbst: Die konstruktive Blattkritik sollte konstruktiv sein. Wenn ich mit meiner subjektiven Bewertung links unten im Stimmungskreuz lande, bin ich der kritisierten Redaktion auch konkrete Vorschläge schuldig, wie das zu ändern wäre. Dazu spreche ich dann einerseits über die Nachrichtenlage bzw. die Themenauswahl, aber auch über Aspekte wie Farblichkeit, Bildaussagen, Sprechtönung, Formulierungen in Überschriften und Anmoderationen. Kurz: über den Sound eines journalistischen Angebots. Diesen Sound (die emotionale Gesamtwirkung) haben die Redakteure oft nicht im Blick, sie sind ganz bei den einzelnen Themen und bei der handwerklichen Machart. Als konstruktiver Blattkritiker jedoch kann man auf Eintrübungen im Sound hinweisen und konkrete Vorschläge machen, wie sich der Sound aufhellen ließe. Das ist die größte Chance der konstruktiven Blattkritik: der Redaktion diesen Sound bewusst zu machen und ihr Impulse für konkrete Veränderungen zu gehen.

 Damit sind wir bei den Details. Schauen Sie für eine konstruktive Blattkritik einfach auf die einzelnen Texte, Bilder und Beiträge. Klopfen Sie die Inhalte darauf ab, an welcher Stelle ein zusätzlicher Aspekt hätte eingefügt werden können. Die Redakteure schätzen es sehr, wenn man ganz konkret sagt: „An dieser Stelle hätte ein Experte für Vertragsrecht einen Weg weisen können.“ Oder: „Warum haben Sie Ihren Gesprächspartner da nicht gefragt, welche Auswege er eigentlich sieht?“ Oder: „Was könnte Ihr Medium oder könnten die Leser/User tun, um das Problem zu lösen?“ Führen Sie also immer wieder die zusätzlichen konstruktiven Nachrichtenfaktoren ins Feld: „Problemlösung“ und „Aktivierung“. Was hätte die Redaktion konkret tun können, um ihrem Publikum diese Perspektive zu öffnen?

Ein Blattkritiker ist kein Richter

Nun müssen Sie nur noch darauf achten, dass sie Kritiker sind, nicht Richter: Sie verkünden keine Wahrheiten. Das ist gerade bei diesem Thema wichtig. Je schärfer sie kritisieren, desto größer die Gefahr, dass viele der Zuhörer sich dem Thema „Konstruktivität“ verschließen. Sobald Sie sich als Missionar des konstruktiven Journalismus aufführen, werden Sie auf Widerstand stoßen. Gehen Sie die Blattkritik besser als Einstieg in ein gemeinsames Nachdenken an.

Und stellen Sie sich auf diese Fragen ein:

  • Soll konstruktiver Journalismus jetzt den kritischen ersetzen? Antwort: Nein, nur ergänzen.
  • Müssen wir unsere kritische Grundhaltung in Frage stellen? Antwort: Nein, die braucht man für den konstruktiven Journalismus ganz genau so.
  • Kann man bei jeder Nachrichtenlage konstruktiv berichten? Antwort: Im Prinzip ja, aber zum Beispiel unmittelbar nach Terroranschlägen ist das nicht sinnvoll.
  • Bedeutet konstruktive Berichterstattung nicht immer nur zusätzliche Recherche und erhöhten Zeitaufwand? Antwort: Nicht immer, aber sehr oft.

Es hilft nichts, das zu verschleiern. „Konstruktiv“ ist in gewisser Weise ein anders Wort für journalistische Qualität. Und Qualität macht Arbeit. Die gute Nachricht für jede Blattkritik-Runde ist jedoch: Nicht alle konstruktiven Aspekte machen Arbeit. Manchmal hilft es, ein etwas anderes Bild auszuwählen, eine Überschrift oder einen Teaser zu verändern – und damit Elemente zu betonen, die in den Texten und Beiträgen längst vorhanden sind. Die Redaktion hat sie bloß nicht wahrgenommen, weil sie immer nur die dunkle Brille auf der Nase hatte. Bis zur Blattkritik.

Beiträge mit ähnlichen Themen