Wenn Jens und Jana Steingässer von ihrem Bildband erzählen, den Sie gerade mit National Geographic gemacht haben, schwingt viel mit. Eine unbändige Reisens- und Entdeckungslust, aber auch Nachdenklichkeit. Was ist man eigentlich: „Journalist, Fotograf, Fotojournalist?“, fragt sich Jens, als beide kürzlich zu Gast in Dieburg waren im Rahmen des Seminars „Klimageschichten“ des Masters Medienentwicklung an der Hochschule Darmstadt. „Ich bin Ethnologin, aber auch irgendwie Journalistin“, sagt Jana. Die beiden Darmstädter sind mit ihren vier Kindern dem Klimawandel hinterher gereist, von Grönland über Australien, Lappland, Marokko, Südafrika und zurück in den heimischen Odenwald.

Keine Katastrophenstorys!

Ihre Erlebnisse haben Sie fotografiert und aufgeschrieben: in Geschichten, die anregen sollen, die viel mit ihren Kindern zu haben und dem Ansatz, als Familie zu reisen. Und eben mit dem Klimawandel. Sie schieben ihn immer wieder ein, halten das Thema aber bewusst im Hintergrund der Erzählungen. Kein erhobener Zeigefinger, keine Katastrophenstorys, ohne aber die Relevanz und manche Hintergründe preis zu geben – das war die Zielsetzung für beide Autoren.

Die Steingässers waren im grönländischen Eis unterwegs

Die Steingässers waren im grönländischen Eis unterwegs

Eine Idee, die nicht alle bis in Letzte teilen konnten, denen sie von der Idee erzählten: Ein Buchverlag verlange Katastrophengeschichten und die typischen Bilder, der Eisbär auf der Scholle und dergleichen. Beide verhandelten, suchten nach Elementen solcher Geschichten, und fanden sie aber nicht, weder in ihrem Archiv noch in sich selbst. Sie blieben bei ihrem Kurs, der lösunsgorientiert ist, bilderstark bei Porträts, Reportageteilen und Landschaftsweiten sowie erzählend und berichtend im Wechsel bei den Textteilen.

Ohne Sponsor geht nichts

Hinzu kommen im Bildband „Die Welt von Morgen“ Gastbeiträge von renommierten Klimaexperten wie Harald Welzer oder Stefan Rahmstorf, die Jens und Jana beide selbst anfragten; die ganze Produktion war ihre Sache. Die Tour konnten die sechs Klimareisenden allerdings nur machen, da sie Jack Wolfskin als Sponsor von Beginn an hatten. Der Firma legten sie ihre Konzept und ihre Orte vor und erhielten den Zuschlag. Das bedeutete dann, für unterschiedliche Publika auf verschiedenen Kanälen unterschiedliche Aspekte ihrer Reise aufzubereiten: Der Sponsor, den sie allen anderen Medien, die ihre Klimageschichten nun auch wollen, nicht vorenthalten, bekam Videos zur Reise selbst, für seine Seiten und Produktionen.

 

Bild: Jens Steingässer

Bild: Jens Steingässer

Im Zentrum stand der Bildband, für den Jana vielmehr Text hatte, wie so oft. Und nun werden sie ihre Reise auch auf Outdoor-Festivals mit einer Multimedia-Reportage vorstellen, die fast fertig ist; das machen beide schon länger, da sie auch zu Australien, wo sie zwei Jahre waren, eine Reportage produziert haben. Der Markt rund um solche Festivals sei im deutschsprachigen Rau groß, meint Jens bei seinem Besuch in Dieburg. Und dann schreiben sie ihre Geschichten noch für Magazine wie Enorm und GEO Special auf, ganz journalistisch.

Dazu fragen noch Frauen- und Boulevardmedien an wie „Für Sie“ oder „Vocer“. Weil diese Blätter, so vermutet Jana, alleine an den Kinder- und Familiengeschichten interessiert sind. Und Reise als Überthema an sich immer zieht. Das Klimathema steht da eher Hintergrund; allenfalls über die Deutung des Klimathemas als Ansatz, für die nächste Generation etwas tun zu wollen, seien die Publikumsmedien offen, meint Jana.

Auch bei den Festivals will das Publikum mancherorts offenbar nicht immer die ganz kritischen Perspektiven. Daher drehte ein Veranstalter die Ankündigungen für die Australien-Reportage der Steingässers einmal stark in die Urlaubs- und Servicerichtung. Im Publikum saßen dann viele, die einfach nur reisen wollten und auf schöne Bilder hofften; kritische Sichtweisen und der Erhalt der indigenen Welten, etwa der Aboriginies, störten dann. Es hagelte Beschwerden, berichtet Jana.

Zwei Reporter, eine Woche Grönland, keine Interviews

Beide schaffen es in Dieburg, sehr offen mit den Studierenden zusammen die Ebenen zu sortieren, auf denen sie inhaltlich zwischen Reise, Klima und Umwelt arbeiten sowie die Produkte zu beschreiben, die daraus hervorgehen (alles auch unter www.reiselabor.de). Und sie gaben Einblicke in das langsamere Reisen, da sie jeweils mehrere Wochen Zeit hatten – was Vorteile bietet in vermeintlich abgelegenen Regionen, die inzwischen des Klimawandels wegen von Wissenschaftlern und Journalisten überbevölkert sind. In Grönland etwa mussten zwei deutsche Reporter nach einer Woche ohne Interview abreisen, da niemand mit ihnen sprechen wollte. Denn die Inuit sind zumindest teils offenbar der Menschen überdrüssig, die einfliegen, sie ausfragen und schnell wieder verschwinden. „Was haben wir davon“?. Diese Frage stellten Einheimische öfter, berichten die Steingässers – auch in Lappland.

Das gibt zu Denken. Inwieweit müssen Medien reagieren, wenn es solche Effekte gibt, wenn sie also selbst die Szenerie und die Menschen samt Themen derart beeinflussen? „Wir konnten Interviews machen, weil wir länger da waren“, erzählt Jana. Das sei etwas Anderes für die Grönländer gewesen, habe offenbar von mehr Respekt gezeugt. Zeit als Recherchefaktor – hier kommt er zum Tragen.

Ich selbst bin gespannt, ob es mir bei der geplanten Forschungsreise im Rahmen meines Forschungsprojekts nach Lappland 2017 ähnlich ergehen wird. Ob die samischen Journalisten und Medienforscher, mit denen ich über den journalistischen Umgang der Sami mit Klimawandel und Erwärmung sprechen will, vielleicht genauso reagieren.

Solche Fragen hat der Besuch der Steingässers hervorgebracht. Ich hätte sie auch gut in mein Seminar „Reisejournalismus“ einbauen können, das ich von nun an regelmäßig anbieten will ebenso wie „Klimageschichten“ und „Scandinavian Journalism“ – beide werden sicher nicht das letzte Mal in Dieburg gewesen sein. Jens ist ohnehin öfter da, der er einer der Fotografen ist, der für die Hochschule Darmstadt Bilder zu verschiedenen Anlässen macht.

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