Es wundert nicht, dass der SWR-Beitrag „Der Kampf um die Windräder“ einige Kontroversen ausgelöst hat; die Redaktion hat bereits eine Stellungnahme verfasst, um auf häufige Kritikpunkte zu antworten.

Ich habe mir den Beitrag in der Mediathek angesehen und denke, dass Grüner-Journalimus mit seiner Blogfunktion als Art „Branchendienst“ eine kurze Einschätzung abgeben sollte. Schließlich geht um unserer Kenthema: wie über screenshot-2016-09-16-12-52-47Themen der Nachhaltigkeit, hier die Energiewende, berichtet wird.

Immer wieder stoße ich mich dabei nicht an einzelnen Sendern oder Redaktionen – der SWR mit seiner Umweltredaktion ist ein Kleinod im deutschen Umweltjournalismus. Ich stoße mich eher bisweilen am Format des investigativen TV-Reports an sich, zumindest an manchen seiner Beispiele. Ganz klar: Für Polarisierungen ist das Format da, weshalb Stilmittel wie Zuspitzungen, Dramatisierung und auch nötige Verkürzungen zulässig sind, ja sein müssen. Das Berufen auf die eigenen Recherchen ist ebenfalls normal; diese haben im vorliegenden Fall der ausführlichen Windkraft-Recherche bezüglich einzelner Mitglieder des Umweltverbandes BUND und deren Verstrickungen mit der Windkraft-Branche sowie der Vorgänge in manchen Kommunen kritikwürdige Praktiken hervorgebracht, über die berichtet werden muss. Gut so!

Kontextmangel – Ergebnis des „Mediendoktor Umwelt“

Dennoch riskiert das Format – wenn man die aktuelle Sendung oder auf frühere Reports zur Wärmedämmung auf anderen Sendern betrachtet – aufgrund seiner handwerklichen Besonderheiten etwas zu verlieren, was im Umweltjournalismus hierzulande öfter verloren geht. So zeigen es zumindest die Ergebnisse des Gutachter-Projektes „Mediendoktor Umwelt“ an der TU Dortmund, an dem ich mitwirke. Es geht um den Kontext, also die grundlegenden Bezüge einer Fragestellung, deren Darstellung für das Verständnis nötig sind. Das Defizit bezeichnen wir in der Wissenschaft als Dekontextualisierung. Es entsteht, wenn das Verkürzen bzw. Fokussieren soweit geschehen ist, das nur noch die Ausuferungen erkenntlich sind, nicht mehr aber, was im Hintergrund zuvor geschehen ist, um was es geht und was grundlegend die Positionen sind.

Ich meine, dass dies hier der Fall ist, bei aller Aufwändigkeit der Recherche. Unerwähnt bleiben die Herkunft bzw. die Gründe für Energiewende und die Windkraft. Gleiches gilt für den Klimawandel und die Kosten, die er verursacht – dabei wird zu anfangs zweimal der „Sinn“ der Windkraft an sich von den Protagonisten angesprochen. Das kann man auch in wenigen Sätzen aufarbeiten, da braucht es weißgott keine Ausgewogenheit im Sinne von Sendeminuten oder dergleichen; das täte dem Format auch nicht gut. Zuschauer ohne Vorkenntnisse werden jedoch so nicht wirklich „abgeholt“ und in das Thema eingeführt.

Lobbyismus ist ein Stück weit normal

Dann gibt es aus meiner Sicht bei manchen Sendungen öfter auch eine Dramatisierung von Banalitäten, etwa dass in Branchen Gewinne gemacht werden, dass es ums Geschäft geht oder auch, dass es sehr aktives Lobbying für eine Sache gibt. Lobbyismus gehört zum politischen Geschäft dazu und wird von Windkraftgegnern ebenfalls sehr stark betrieben – und von fast allen anderen Industriezweigen auch.

Letztlich fällt mir noch auf, das kaum Lösungen oder Alternativen aufgezeigt werden, wie man die Energiewende – oder auch konkret die kritisierten Windkraftprojekte – im Rahmen der dargestellten Kritik besser gestalten könnte. Oder welche anderen Wege es daneben in der Klimapolitik gäbe. Das wären aber interessante Punkte, mit denen klar würde, dass die Energiewende eine gesamtgesellschaftliche Angelegenheit ist, die derzeit breit, offen und vielerorts auch konstruktiv – bei allen nötigen kritischen Fragen – diskutiert wird. Die Energiedebatte stellt letztlich ein Stück diskursive, fruchtbare Öffentlichkeit dar, im besten Habermasschen Sinne. Im TV-Beitrag bleibt jedoch eher der Eindruck zurück, dass ein großer Selbstläufer alle überrollt.

Windkraftprojekte haben es schon viel schwerer

Zuletzt war es ja auch so, dass 2016 viele Windkraftprojekte nicht mehr genehmigt worden sind aus den im Beitrag genannten, sicher oft auch berechtigten, lokalen Gründen (Rotmilan, Landschaftsschutz) – gerade der lokale, und damit differenzierende Faktor für jedes Einzelprojekt und sein eigenes, örtliches Genehmigungsverfahren scheint mir in der öfter recht pauschalen Windkraftdebatte nicht genug berücksichtig.

Von diesem aktuellen Trend der ausbleibenden Genehmigungen erfahren die Zuseher leider nichts. Dieser Aktualität sollte der TV-Report, so denke ich, aber doch zumindest mit einem Satz Rechnung tragen. Denn es zeigt ja gerade, dass die Windkraft kein Selbstläufer ist sondern eine differenzierte Thematik, die letztlich lokal entschieden wird und nicht in Berlin, Wiesbaden oder anderswo.

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