Hintergründe zur Natur-Kolumne: Zwischen Himmel und Herde. Rand- und Reisenotizen zur Natur, Medien und Zeit.

Es war ein Mittag am Mien-See in Småland, diesem fast kreisrunden Gewässer, das aus einem Kometeneinschlag hervorgegangen ist. Ich sah das Schild im Augenwinkel, im letzten Moment: Angelführer mit Boot, bitte anrufen, jederzeit. Meine Versuche, in eigentlich besten aber dafür umso größeren Gewässern vom Ufer aus erfolglos die fischereilichen Schätze zu heben, sind ungezählt. Also notierte ich die Nummer auf dem Plastikschild, das  auf einer Scheune am Straßenrand klebte. Und rief an. Nicht die dunkle Stimme eines wettergegerbten Wildnismenschen war knarzend zu hören, sondern ein junges Fisteln, fast zart und in jedem Fall scheu.

Ja, Morgen um 6.30, bis 9. Dann müsse er wieder arbeiten im Elchpark, wo er an der Kasse säße jetzt in den Ferien. Kurze Sätze, nicht viel Aufhebens. Kaum hörbar. Das war Emil. Er war mein Führer über den großen See am nächsten Morgen. Und er war ein Mensch, den ich mit einer Landschaft habe verschmelzen sehen.

Der Mien war sein See

Der Mien war sein See, der seines Vaters und Großvaters. Sie waren Berufsfischer, jetzt gab es keine mehr dort. Nur Angler, of Deutsche, die Schwierigkeiten mit dem eigenartigen Gewässer hatten, seinen plötzlichen Untiefen, steil emporragenden Unteewasserbergen, den schlecht zu findenden Kanten und Abbrüchen, den kleinen Inseln und ihren unterseeischen Bedeutungen.

Emil kannte sie alle, und er zeigte gerne, dass alles seins war. Schlaksig, 19, Baseballkappe nach hinten, Kippe im Mundwinkel, wehende Haarsträhnen, die Hand lässig am Außenborder und bei voll aufgedrehtem Maschine noch eine Geschichte über den Miensee herauskramen, die Pausen abwarten, in denen der Zuhörer in die Weite sieht, harte, leise Sätze, abrupte Enden – so habe ich ihn in Erinnerung. Ein Stück berechnend, dann wieder unschuldig, fast immer cool. Durchaus gespielt, aber auch dieses Spiel war cool. Ebenso seine Überheblichkeit.

Drei Frauen

Drei Frauen habe er gerade, da sei noch die Jagd, erzählte er, um dann alle geschossenen Elche, Füchse und Hirsche hintereinander aufzuzählen. Als endlich, in letzter Minute, noch ein Zufallshecht im gleißenden Mittagslicht meinen Spinner schnappte, zog Emil im Boot nur die Brauen hoch: „Halber Meter, Das nehmen wir als Köderfische für die Großen.“ Der Mien hat große Hecht, aber keine Krokodile. Emil war es egal so lange er Stoff hatte, mit dem er die Landschaft und ihre Wesen weiter ausmalen konnte.

Für ihn war der See auch eine unterirdische Welt, die er ertauchte: auf der Jagd nach abgerissenen Ködern, verlorenen Messern, um die Fische zu sehen, die er fing und fangen ließ. Jede Landzunge und jeder Barschberg, sie hatten Namen, die zu Emils innerer Landschaft ebenso gehörten wie die kleinen Felseninseln, die manchmal aus dem Nichts der Nebelwände auftauchten, die wir mit dem Boot auf der Suche nach den Scharkanten immer wieder durchschnitten.

Auf den größeren Inseln stieg Mischwald an, die kleineren mussten mit nacktem Fels und ein paar Birken auskommen. „Manchmal ziehe ich mich dorthin zurück.“ – Warum? –  „Kein Grund. Zum Nachdenken. I don’t know.“ Er hatte Geschichten, aber keine großen Worte. Stattdessen dieser verschlagenen Blick der zuerst so fern von tiefer Naturliebe schien. Sein Verhältnis zum See war dagegen genau das, tiefe Liebe.

Er sah auf mich herab

Er fuhr plötzlich an die steile Felswand einer Insel mitten im Mien heran und erzählte, wie er und seine Schwester hier früher verstecken spielten während der Vater die Netze ausbrachte. Seine Schwester war dann eine dieser Wände herabgestürzt, sie fanden sie rechtzeitig. Er sprach von nächtlichen Fahrten über das Wasser. Gewitter. Kilometerweiter Einsamkeit, die er als Einzelgänger suchte.

Emil sah auf die ausländischen Angler herab, die er über den See fuhr. „Weil ihr auch die Kleinen mitnehmt“. Er sprach nicht vom gesetzlichen Mindestmaß sondern von seinem eigenen. „Ein Meter, darunter setzen wir alles zurück – es sind meine Fische“. Er war forsch, fabulierte in aller Unhörbarkeit, räsonierte, schwieg dann wieder und sah in die Ferne. Er war andächtig und machte dann wieder seine markige Seeshow mit allerlei Wildnisgeschichten. Aber an ihnen war alles Entscheidende real, es war zu fühlen. Geschehene Erlebnisse, vorgetragen als Show, für den Tourist, ihn selbst, die Kumpels im Dorf, die Mädchen am Ufer, für wen auch immer. Daran dachte er nicht. Er wollte in der Welt der Geschichten, zu der auch Smaland gehört, nur sein Revier markieren, ohne Zielgruppe im Sinn.

An der Kasse in Schwedens kleinstem Elchpark

Weiter gehen sollte es für Emil nach dem Job an der Kasse des kleinsten schwedischen Elchparks – „gerade haben wir einen “– in Australien. Oder Neuseeland. Eine dieser verheißungsvollen Ecken seiner Generation. Klettern vielleicht, Rumhängen, Feiern. Wieder dachte ich da, dass es fast keine Europäer unter 30 gab, die noch nicht down under waren. Zum Glück war ich über Dreißig und deshalb in der Minderheit, was mir meistens sympatischer ist.

Emil würde seinen See verlassen. Einen Moment lang verlor ich mich in uferloser Romantik und war traurig deswegen. Ich hatte ihn bereits als Figur in meine Naturideale einsortiert, hatte ihm eine Rolle zugedacht. Aber ich wachte auf. Dachte, als er mich mit den Barschen wieder in der Schilfbucht abgesetzt hatte und als immer kleiner werdende Silhouette zwischen den Inseln verschwand, dass er auch anders über seinen See gesprochen hatte. Nicht nur über die Stille, das Lilagrau der Morgennebel, die Grundwasserquellen an den tiefsten Stellen, das Meteoritengestein, das die Menschen hier sammelten.

Er sprach auch über die überfischten Bestände, den bedrohten Saibling, den es nur hier gab, sterbende Berufe. Und über die Einsamkeit einer schwedischen Waldjugend. „Was sollen wir hier schon machen?“ Augenzusammenziehen, Motor rumreißen, Blick zu den Inseln, nächste Stelle suchen.

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