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Von Ariane Missuweit

Es ist völlig unsinnig, Nachhaltigkeit kommunizieren und fördern zu wollen, wenn man sich nicht gleichzeitig intensiv darum bemüht, selbst nachhaltiger zu leben. Wie also lässt sich das abstrakte, gesellschaftliche Leitbild der Nachhaltigkeit mit den individuell unterschiedlichen Lebensrealitäten vereinbaren? Was bedingt das nachhaltige, gute Leben für Veränderungen in unserem unmittelbaren Umfeld, was ist dauerhaft umsetzbar in unserem Alltag? Das sind die Fragen, die wir von der internationalen Jugendorganisation youthinkgreen – jugend denkt umwelt e. V. permanent stellen.

Wir haben uns dabei das Ziel gesetzt, nachhaltige Persönlichkeitsenwicklung, Wissensvermittlung und Projektentwicklung, die Vernetzung mit anderen engagierten Jugendlichen sowie die Kooperation mit starken Partnern in der Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft möglichst ganzheitlich zu fördern. Anders als viele zivilgesellschaftliche (Jugend)-Organisationen haben wir uns nicht auf einen Themenkomplex, wie etwa Aufforstung oder nachhaltige Mobilität, festgelegt. Statt dessen arbeiten unsere Jugendlichen in unterschiedlichsten Nachhaltigkeitsprojekten: für die Nutzung regenerativer Energien in Ägypten, für nachhaltige Mobilität (Bike-Bus-Projekt) in Namibia, für plastikfreies Leben in Deutschland, für Tauschbörsen in Brasilien, Regenernte in Peru oder für Recycling und Müllvermeidung in Indien. Generation G – das steht für Green and Global!

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Teilnehmer am 1. Weltjugend-Nachhaltigkeitsgipfel von youthinkgreen im Mai 2013 in Berlin, Tree of Hope-Aktion vor dem Brandenburger Tor. (Foto: youthinkgreen.org)

Unsere Stärke ist die Vielfalt – ein oft vernachlässigter Aspekt in Nachhaltigkeitsdiskursen. Wir vertreten eben nicht die Vorstellung, dass es ein festes und für alle Kontexte adäquates Konzept von Nachhaltigkeit geben kann. Doch jeder Mensch muss in seiner sozialen Funktion und als Individuum seinen Teil zu nachhaltigeren Entwicklungen und zu Verbesserungen beitragen und weiß selbst am besten, wie und auf welche Art und Weise das möglich ist. Aus diesem Grund haben wir das Symbol und die Kampagne „Grüner Faden” entwickelt. Der grüne Faden ist ein Armband aus grüner Wolle, den wir immer bei uns tragen, anderen Engagierten schenken oder Politikern und Delegierten auf Klima-Konferenzen um das Handgelenk knüpfen, und der eine simple und dennoch tiefsinnige Botschaft enthält:

Der grüne Faden …

… erinnert uns, dass Klima- und Umweltschutz tagtäglich Vorfahrt in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft haben müssen.

… ruft uns auf, die Ampel auf grün zu stellen. Grünes Denken wurde lange genug von der roten Ampel aufgehalten und gestoppt.

… ermahnt uns, da er „zerbrechlich“ ist, zu erkennen, dass der Zustand der Erde am „seidenen Faden“ hängt.

… leitet uns und schenkt uns Orientierung für ein verantwortungsbewusstes Handeln, auch künftigen Generationen gegenüber.

… fordert uns auf, uns gemeinsam den globalen Herausforderungen zu stellen, da der Fadenknoten für intensiven Zusammenhalt und vielfältigen Austausch untereinander steht.

… stärkt uns, gemeinsam unsere Rolle als Klimabotschafter wahrzunehmen.

… verbindet uns und lädt Dich/Sie ein, Teil unserer Bewegung und aktiv zu werden!

Unsere Programme und Projekte gestalten wir nach dem Motto „Global denken – lokal handeln”.

Wir unterstützen Jugendliche in mehr als zwanzig Ländern dabei, eigene Nachhaltigkeitsprojekte (sog. „Feldarbeiten”) in ihrem lokalen Umfeld zu starten und weiterzuentwickeln, vernetzen sie mit potenziellen Kooperationspartnern und bieten individuelles Coaching beim Management der Projekte. Zudem schaffen wir Möglichkeiten der digitalen Vernetzung und des Austausches und organisieren internationale Begegnungen – um unsere Zukunft gemeinsam verantwortlich mitzugestalten. 2013 hat youthinkgreen in Berlin den 1. Weltjugend-Nachhaltigkeitsgipfel veranstaltet – mit 160 jungen Klimabotschaftern aus dreißig Entwicklungs-, Schwellen- und Industrieländern.

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Unsere Solarbaum ist mit acht Sonnenkollektoren, vier davon mit 250 Watt und weitere vier mit 60 Watt – ausgestattet. Diese Solarkollektoren sammeln Sonnenenergie und wandeln sie in Strom um. 4300 Watt sind insgesamt verfügbar, wenn die Sonne scheint, und 624 Watt für zwei Batterien für die Nachtbeleuchtung. Der Baum kann damit ein Wireless-Gerät, vier tragbare Lapatops, zehn Mobiltelefone und einem Bildschirm für die Werbung mit Strom versorgen. (Foto: youthinkgreen.org)

Bei all dem versuchen wir immer den Blick auf die eigenen Lebenswirklichkeiten und den persönlichen Lebensweg der Jugendlichen zu lenken.

Exkurs: Was bedeutet „Nachhaltigkeit” für uns von youthinkgreen – jugend denkt um.welt. e. V.

Zum einen gibt es die individuelle Ebene: Nachhaltigkeit beinhaltet für den Einzelnen in erster Linie Gesundheit und Zufriedenheit. Nachhaltig zu leben, heißt, tief verwurzelt zu sein in der eigenen sozio-kulturellen Umgebung, und dennoch beweglich und neugierig zu bleiben, die Fühler weit auszustrecken und stetig neue Blicke über den eigenen Tellerrand zu wagen. Wir wünschen uns lebensfrohe, ausgeglichene, junggebliebene Mitmenschen, die optimistisch in die Zukunft blicken können, die Herausforderungen kennen und annehmen, welche das Leben so mit sich bringt. Wir versuchen: Nicht über unsere Verhältnisse zu leben; Ressourcen zu schonen; nicht aus Schuldgefühlen oder spontanen Impulsen heraus zu handeln, sondern wohl überlegt und in tiefer Verbundenheit mit anderen und der Mitwelt, voller Vertrauen und Wertschätzung für uns und andere.

Damit sind wir auch schon auf der mittleren Ebene der sozialen Gemeinschaften: Nachhaltig agierende Menschen suchen sich Teams und Gleichgesinnte, um die Herausforderungen – auch die alltäglichen – bewältigen zu können. Sie agieren auf Augenhöhe mit anderen, können Führungsaufgaben übernehmen, sich aber auch unterordnen und Kompromisse schließen. Gute Kontakte zu pflegen, vorwiegend im lokalen und regionalen Umfeld, aber auch über den Globus verstreut, kulturelle und soziale Grenzen zu überwinden, ohne die eigene Identität aufzugeben, das sind wichtige Ziele von nachhaltigen Gemeinschaften. Wir vom youthinkgreen-Team verstehen uns auch als eine große Familie. Wir wollen Themen der Nachhaltigkeit nicht nur kommunizieren, sondern vor allem nachhaltig kommunizieren und interagieren, was einander bedingt. Das bedeutet, dass wir unsere sozialen Beziehungen möglichst so gestalten, dass sie belastbar und bereichernd sind für alle Beteiligten. Wir haben ein offenes Ohr für einander, auch wenn es gerade mal nicht um ein Projekt geht. Wir feiern Geburtstage und Feste miteinander oder gratulieren telefonisch. In Gemeinschaften kleine Rituale und Gesten der Wertschätzung und ein breites Verständnis füreinander zu entwickeln und weiterzutragen, darum geht es! Wenn wir das nicht schaffen, brauchen wir nicht über gesellschaftliche Leitbilder und Kriterienkataloge für mehr Nachhaltigkeit fachsimpeln.

Die dritte Ebene ist die der politischen Gemeinschaften, der Staaten und der internationalen Staatengemeinschaft. Die politischen Gemeinschaften haben die Aufgabe der Steuerung von nachhaltigen Entwicklungen. Sie müssen die hilfreichen Ansätze und Strategien aus der Mitte der Gesellschaft fördern und die negativen Strategien und Auswirkungen eindämmen. Außerdem haben sie die Rolle der Streitschlichter und Vermittler bei Zielkonflikten. Gleichwohl vertreten wir die Überzeugung, dass die Innovationen und die Lösungen verstärkt aus den sozialen Gemeinschaften kommen müssen und die Politik diese dann entsprechend aufgreifen sollte. Nachhaltige Lebensweisen lassen sich politisch zwar fördern, aber nicht von oben herab diktieren und auch nicht von außen auf unbekannte Kontexte überstülpen. Das neue WBGU-Gutachten spricht daher zurecht vom „Klimaschutz als Weltbürgerbewegung.”

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UN-Klimakonferenz 2012 in Doha, Katar: Judith Gebbe (18) und Ahmed Hamza (16) geben eine Pressekonferenz, eingeladen ist Peter Altmaier. (Foto: youthinkgreen.org)

Fazit: Verkürzt gesagt, verbinden wir das Kaleidoskop der Nachhaltigkeit sowohl mit Existenzsicherung und Entfaltung, mit Lebenszufriedenheit und Gemeinwohlorientierung, mit Natur-und Klimaschutz, mit intra- und intergenerationalen sowie internationalen Gerechtigkeitsfragen als auch mit der Förderung von Diversität. Wir von youthinkgreen glauben, dass die Transformation in Richtung sozial-ökologisch-wirtschaftlich-gerechter Entwicklungen auf allen drei Ebenen parallel stattfinden muss – auf der Mikro-Ebene der individuellen Lebensweisen, auf der Meso-Ebene der Communities und auf der Makro-Ebene der politischen Entscheidungsträger. In einem „kranken” sozialen System können Menschen nicht nachhaltig leben (lernen) genauso wenig wie „erkrankte” (raff- oder kontrollsüchtige, aggressive, gleichgültige, gelangweilte, pessimistisch denkende) Menschen ihre Umgebung nicht besonders nachhaltig und positiv mitgestalten können. Transformation – die persönliche und die gesellschaftliche – ist ein langsamer und mühsamer Prozess, das funktioniert nur gemeinschaftlich und selten im Hau-Ruck-Verfahren. Wir fördern und fordern daher ganzheitliches Denken und Handeln. Transformation und nachhaltige Entwicklungen bedingen daher einen umfassenden Lernprozess – mit offenem Ausgang – für uns alle.

Deswegen arbeiten wir von youthinkgreen bei der Projektideenentwicklung und Umsetzung stets mit offen gehaltenen Coaching- und Seminar-Konzepten und flachen Hierarchien. Wir starteten Workshop- und Ausbildungsprogramme wie „Klimabotschafter”, „Gestalte dein Vermächtnis” oder „konsumwandeln”. Welche konkreten Projektideen die Jugendlichen dabei auf welche Art und Weise umsetzen wollen, entscheiden sie eigenverantwortlich in kleinen Teams. Für die Projektentwicklung, -Planung und -Auswertung nutzen wir unterschiedliche Methoden, Tools und Kreativtechniken, angepasst an den Kontext und die Gruppe (Open Space, Dragon Dreaming, Design Thinking, Brain Writing, Story Sharing, Medicine Wheel, Busines Model Canvas etc.).

Wir beschäftigen uns auch mit den unterschiedlichsten Ansätzen und Nachhaltigkeitskonzepten, sei es die Buen-Vivir-Bewegung aus Lateinamerika, die Gemeinwohlökonomie von Christian Felber, die Post-Wachstumsökonomie von Niko Paech und auch mit Sozial-Psychologie und auf menschlichen Bedürfnissen basierenden Modellen wie die Barfuß-Ökonomie des Chilenen Manfred Max-Neef. Wir analysieren und überprüfen die Kompatibilität dieser Modelle mit unseren alltäglichen Lebensrealitäten, zum Beispiel in unserem Buch Tree of Hope, das diesen Sommer vom Kellner-Verlag herausgegeben wird und in einem zweiten Schritt auch auf Englisch erscheinen soll. Der Tree of Hope ist unser zweites wichtiges Symbol. Er besteht aus einem Müllgerüst als Stamm und vielen grünen Papier-Blättern, auf die jeder seine Wünsche, Forderungen und Hoffungen schreiben kann. Ins Leben gerufen wurde der Tree of Hope zur UN-Klimakonferenz/COP18 2012 in Doha, Katar. Seither wurde er von Jugendlichen an vielen Orten der Welt immer wieder aufgestellt und begrünt:
Der Tree of Hope

… ist eine bildliche Anklage gegen unsere selbstzerstörerische Lebensweise, eine Mahnung an das Überlebensgebot, in Einklang mit – und nicht auf Kosten – der Natur zu leben.

…ist eine Stätte des Dialogs und lädt zu einem intensiven Gedankenaustausch ein.

…wächst ständig und wird immer grüner mit der Anzahl der unserer Wünsche, Anregungen und Forderungen

… bereitet insbesondere der Jugend den Boden, um sich zu vernetzen und aktiv zu werden.

Ihr Appell zielt auf die Entscheidungsträger: Nehmt uns endlich wahr und ernst! Wir wollen mitwirken und unsere Zukunft mitgestalten!

Auf über 350 Seiten beleuchten wir in dem Buch Tree of Hope internationale und nationale Diskurse zu Nachhaltigkeitsthemen und der Klimapolitik, präsentierten innovative Lösungsansätze, machen kreative Aktions- und Projektvorschläge und wagen ungewohnte Blicke auf die zentralen Herausforderungen unserer Gegenwart und Zukunft. Dutzende Jugendliche haben dafür Experten-Interviews geführt, Reportagen verfasst und sich mit neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen, alternativen Lebensweisen und vielfältigem Engagement für mehr Nachhaltigkeit auseinandergesetzt. Alexander Brock (*1994) aus Namibia reflektiert etwa seinen Lebensweg, berichtet über sein Engagement für youthinkgreen und schildert, warum es für tiefgreifende Veränderungsprozesse und die Entwicklung eines Gemeinschaftsgefühls Impulse von Mentoren, Vorbildern und Lehrern braucht, die einen ermutigen und an einen glauben (Leseprobe auf unserer Homepage).

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UN-Klimakonferenz 2012 in Doha, Katar: Ahmed Hamza erbittet eine Genehmigung, um den Tree of Hope auf dem Markt Souq Waqif in Doha aufbauen zu dürfen. (Foto: youthinkgreen.org)

International renommierte Experten und Persönlichkeiten wie etwa Prof. Dr. Schellnhuber, Dr. Auma Obama, Jakob von Uexküll, Prof. Dr. Weizsäcker, Prof. Dr. Manfred Nowak, Prof. Mary Robinson, Prof. Alberto Acosta, Prof. Dr. Rainer Grießhammer, Prof. Niko Paech, Dr. Fritz Vorholz, Max Schön, James Goodman, Christian Felber, Sunita Narain u.v.a. kommen zu Wort. Auch die von Jugendlichen selbst initiierten und realisierten lokalen Projekte (Feldarbeiten) und die internationalen Begegnungen von youthinkgreen dokumentieren und reflektieren wir. Und genauso bunt und thematisch breit gefächert wie das Buch Tree of Hope sehen wir auch die Konzepte, Handlungsoptionen und Kommunikationsweisen für mehr Nachhaltigkeit in unserer Welt.

Des Weiteren haben wir unterschiedliche Konzepte für Projektwochen – wir nennen sie „Werkstätten“– entwickelt, mit der Jugendliche eine gute Kommunikation von Nachhaltigkeitsthemen praktizieren können. Auch diese Konzepte lassen sich im Buch Tree of Hope finden und – mit professioneller Unterstützung – anwenden. In der youthinkgreen-Drehbuch-Werkstatt lernen Jugendliche, mit den Mitteln der Werbung eigene Drehbücher für Umweltspots zu schreiben und diese dann zu verfilmen. Bei der journalistischen Schreibwerkstatt vermitteln wir Jugendlichen Schritt für Schritt, wie sie mit Mitteln des New Journalism und Genres wie Reportage, Report, Feature und Porträt zu „Storytellern“ für grüne Themen werden können.

Die Ansprüche an den »Grünen Journalismus« und an die Vermittlung komplexer Themenfelder der Nachhaltigkeit sind so hoch und die Zeit für Recherche so knapp, dass selbst viele erfahrene Journalisten daran scheitern. Umso besser für uns engagierte Jugendliche, die – unabhängig vom Zeitdruck, der Profitorientierung und der Eigenlogik der großen Medienunternehmen – Geschichten recherchieren und verschriftlichen können. Wir wünschen uns natürlich, dass diese und viele ähnliche Initiativen, um jugendliche Stimmen zu stärken, noch häufiger von der Politik, der Wirtschaft und der Zivilgesellschaft unterstützt und gefördert werden.

Exkurs: Wie klassische Medien besser über Nachhaltigkeit berichten können

Uns ist viel daran gelegen, dass Nachhaltigkeitsgeschichten gut recherchiert sowie unterhaltsam und einprägsam erzählt werden – eine Aufgabe, die von den klassischen Medien derzeit sehr halbherzig in Angriff genommen wird. Journalisten sollten zwar möglich neutral und ausgewogen berichten, aber sie müssen doch immer auch eine eigene „Haltung“ zu den Geschehnissen entwickeln. In den subjektiven Erzählformen kommt es genau darauf an, diese Haltung, also die eigenen Schlussfolgerungen, aus einer gesellschaftlichen Verantwortung heraus – als Fürsprecher der Leitbilder von Demokratie und Nachhaltigkeit – zu kommunizieren. Journalisten dürfen sich nicht hinter der Beobachterrolle verstecken! Jedenfalls nehmen wir diese Art der deskriptiven Berichterstattung, die sich auf das „Nacherzählen“ reduziert, zunehmend gelangweilt zur Kenntnis. Auf der anderen Seite gibt es gut ausgebildete, neugierige und meinungsstarke Journalisten, die allerdings manchmal zu haarsträubenden Schlussfolgerungen gelangen, wie etwa Julia Friedrichs im ZEIT-Magazin bei der Story „Entschleunigung: Die Welt ist mir zuviel.“

Wir waren entsetzt von dieser pauschalisierten Verunglimpfung der jungen Generation als angeblich unpolitisch und resigniert-biedermeierisch, den szenischen Schilderungen vom „Rückzug in private Idyllen“, die zwar als Stütze der anfänglichen Recherchethese der Autorin dienten, nicht aber einer ausgewogenen Darstellung des Lebensgefühls einer ganzen Generation. Wo blieb hier die Wertschätzung und Perspektive der engagierten, jungen Menschen, die einerseits vor der Herausforderung stehen, im wahrsten Sinne des Wortes, den Planeten zu „retten“ und eine zerrissene Weltgemeinschaft zu stabilisieren, andererseits aber pragmatisch bleiben wollen und versuchen, bei sich selbst, im unmittelbaren Umfeld zu beginnen? Wir kennen keine jungen Menschen, die ihren alternativen Konsum (Food-Cooperative, Upcycling, Do-it yourself, Teilen, Tauschen und gemeinsam Kochen) nicht auch mit gesellschaftlichen Engagement und politischen Forderungen verbinden. Glücklicherweise wurde in der ZEIT dann eine Replik von Ursula März veröffentlicht, bei der mir die Tränen kamen, als ich sie las, so scharf und so empathisch war ihre Analyse, so wohl taten ihre Worte.

Bei den meisten Berichten zu Nachhaltigkeit fehlen uns jugendliche Stimmen und Perspektiven. Dabei gibt es so viele gute Geschichten von der Generation G zu erzählen, vom Kämpfen, Scheitern und Nicht-Aufgeben. Wir wünschen uns, dass die großen Medienunternehmen und die Journalisten sich auf die Suche nach diesen Geschichten machen, dass sie sich die vielen tollen Programme für Klimaschutz und sozial-ökologische Transformationen von Jugendverbänden (BUNDjugend, Naturfreundejugend, Jugendrotkreuz etc) und Initiativen wie Living Utopia oder Projekte von youthinkgreen vor Ort anschauen. Wir wünschen uns eine Berichterstattung über Fall-Beispiele, wann und wo es Nachhaltigkeitsinitiativen aus der „Öko-Nische” in den Mainstream geschafft haben – und einer Analyse der äußeren Rahmenbedingungen. Auch Bundes- und Wissenschaftsinstitutionen, ihre Mitarbeiter und deren Nachhaltigkeits-Rollenkonflikte (etwa im Umweltbundesamt) bergen spannende Reportage-Geschichten. Doch leider beschränken sich viele Journalisten darauf, diese als „Expertenstimmen” zu präsentieren, z. B. nach der Veröffentlichung neuer Studien zur Wasserqualität oder zu den Gefahren des Frackings.

Wir sind dafür, dass sich Journalisten zusammenschließen, sich stärker untereinander vernetzen, Nachhaltigkeit als Querschittsthema begreifen und Geschichten multimedial, innovativ und spannend erzählen. Daher begrüßen und unterstützen wir Portale wie Grüner Journalismus und die Initiative „Netzwerk-Weitblick” sowie Aufbaustudiengänge und Weiterbildungsmöglichkeiten. Eine tolle Möglichkeit und Alternative zur hektischen Tagesberichterstattung bieten (multimediale) Magazin-Projekte zu Nachhaltigkeitsthemen, wie sie z.B. auch die politischen Stiftungen mit Nachwuchsjournalisten umsetzen.

Die Erwachsenen und die Jugendlichen, alle stehen wir gemeinsam und jeder für sich, Tag für Tag, vor einer entscheidenden Wahl: Möchte ich (endlich) ein Teil der Lösung oder (weiterhin) Teil des Problems sein? Auch wenn sich Zielkonflikte nicht ganz vermeiden lassen und wir um die besten Lösungen konstruktiv und gemeinschaftlich streiten müssen: Wir, die Jugendlichen, hoffen und kämpfen bei uns vor Ort sowie auf nationaler wie internationaler Ebene dafür, dass diese Wahl ein klares und sichtbares Gesamtergebnis liefert – ein eindeutiges Bekenntnis und ein stetes Eintreten für die Rechte der Natur und für ein gelungenes und nachahmenswertes Mit- und Füreinander heutiger und zukünftiger Generationen.

 

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