Projektzeitraum: 1.4.2017 bis 30.9. 2022 (Start mit Forschungssemester Prof. Schäfer)

Abstract

Das Forschungsvorhaben will eine interkulturelle Debatte über den grundlegenden Einbezug der Dimension „Nachhaltigkeit“ in das journalistische, berufsethische Denken und Handeln anstoßen. Die übergreifende medienethische Diskussion wird im Spiegel eigener empirischer Forschungen und exemplarischer Fälle konkretisiert und zu pragmatischen Aussagen inspiriert. Dies geschieht anhand der Praxis massenmedialer Klimaberichterstattung, die am Fallbeispiel der Sámi und ihres Journalismus sowie dessen Ausbildungsstrukturen mit Interviews und teilnehmenden Beobachtungen in Feldstudien medienethnografisch untersucht wird. Der Bezug auf eine indigene Journalismuskultur mit spezifischen Praktiken und Deutungen des Klimawandels macht Vergleiche mit anderen klimajournalistischen Kulturen etwa in Deutschland und Norwegen möglich, die bereits in einem anderen Forschungsprojekt („Klimageschichten“) untersucht wurden. Die Ergebnisse der Fallstudie werden abschließend einer breiteren medien- sowie umweltethischen Betrachtung unterzogen im Hinblick auf die Fragestellung einer interkulturellen, journalistischen Nachhaltigkeitsethik.

Einführungen

In einem ersten Schritt werden grundlegende Fragen der Medienethik auf Gesichtspunkte der Nachhaltigkeit und Ökologie hin untersucht. Dies erfolgt ausgehend von einem konstruktivistischen Forschungsverständnis, das sich auf Prämissen der Cultural Studies stützt. Fachspezifisch spielen dann die Felder der internationalen Journalismusforschung sowie der Ansatz der „journalistischen Kulturen“ eine größere Rolle.

Nachhaltigkeit im Allgemeinen wird – unter Rückgriff auf das Fallbeispiel Klimawandel – in der einführenden Diskussion als universeller Wert gekennzeichnet. Mögliche Schlüsse für die journalistische Debatte zu Rollenselbstbildern und berufsethischen Gesichtspunkten werden daran anschließend im normativen Sinne erstmals angerissen und als Betrachtungsrahmen aufgespannt, in dem die dann folgende medienethnografische Feldstudie verortet wird.

Hintergründe zu Forschungsverständnis und Fragestellung

Es geht in der Studie zum samischen Umweltjournalismus am Fallbeispiel des Klimawandels um die viergliedrige Fragestellung nach journalismuskulturell-spezifischen

  • Diskussionsmustern
  • Deutungsweisen
  • Darstellungsformen
  • sowie Erzählstrukturen (Narrative)

Antworten hierzu sollen qualitative, medienethnographische Studien geben, die sich standardisierter telefonischer Interviews ebenso bedienen wie Feldforschungen mit ihren relevanten Instrumenten (Gruppendiskussion, narrative Interviews, Beobachtungen).  Im Interesse einer ganzheitlichen Betrachtung des globalen Forschungsgegenstandes „Klimajournalismus“ ist es ratsam, die Analysen nicht nur auf die Mehrheitsgesellschaften in unterschiedlichen Ländern zu beziehen, sondern auch kulturelle Minderheiten in die Arbeit aufzunehmen. Vor allem solche sind von Interesse, die aufgrund ihrer Lebensweise in besonderer Art von den Folgen der globalen Erwärmung betroffen sind und diese Betroffenheit, auch im Spiegel einer traditionellen Natur- und Umweltverhaftung, in eigenen Medien wieder spiegeln können.

Eine solche Minderheit sind in Europa die Sámi, die in den skandinavischen Ländern über eigene Medien und mediale Ausbildungsgänge im Kontext von indigenem Journalismus verfügen, der selbst gerade weltweit in einer übergreifenden Entwicklung ist und dabei eigene Foren und Diskurse ausprägt. Dieser Trend ist im Forschungsvorhaben literaturbasiert aufzuarbeiten; der Schwerpunkt der Literaturanalyse liegt jedoch auf dem samischen Journalismus sowie der Werke, die sich spezifisch samischer Ausdrucksformen in Medien und Literatur widmen wie ebenso der generellen Betroffenheit von und dem Umgang der Sámi mit den Folgen des Klimawandels. Aufgrund der hohen Bedeutung der Rentierzucht für das samische Selbstverständnis sowie anderer Traditionen und Lebensweisen, die auch heute noch direkt vom Zustand der arktischen und subarktischen Ökosysteme in Skandinavien abhängen, ist von soziokulturellen sowie journalismuskulturellen Deutungen und Ausdrucksformen auszugehen, die sich von denen in anderen klimajournalistischen Systemen unterscheiden. Ebenso interessant sind entsprechende journalistisch-kulturelle Ähnlichkeiten im Umgang mit der gemeinsamen globalen Frage des Klimawandels.

Methodik und Forschungsbedarf

Mit narrativen Leitfadeninterviews, in denen samische Journalisten sowie Journalistikwissenschaftler zum Themenkomplex aus Klimawandel, Umweltjournalismus, indigenem Journalismus und generellen samischen Ökologiediskursen in Vergangenheit und Gegenwart befragt werden, sollen eben diese möglichen Unterschiede herausgearbeitet und gleichzeitig neue interkulturelle Aspekte für die sozial- und kommunikationswissenschaftliche Fachdebatte ergründet werden. Denn ein solcher medienethnografischer Ansatz liegt in der Disziplin der Journalistik bisher nicht vor. Er liegt jedoch auf der Hand, da indigene Minderheiten mit ihren spezifischen ökologischen Abhängigkeiten und kulturellen Bezügen weithin als relevante Bezugsgruppe für die Klimaforschung angesehen werden. Sie bringen, so die auch hier vorgenommene Annahme aus der Theorie des „Globalen Lernens“, durch ihre spezifische klimabezogene „Frontstellung“ in Kombination mit Jahrtausendealten Anpassungserfahrungen an Naturveränderungen und Umweltprobleme eigene Adaptionsleistungen mit entsprechenden Formen und Praktiken hervor, von denen andere, ebenfalls vom Klimawandel betroffene Länder und Regionen womöglich lernen könnten. 

Letztlich geht es um die Ergründung neuer Antworten auf die Frage, wie das Megathema Klimawandel womöglich wirksamer bzw. attraktiver vermittelt werden kann – eine theoretische wie auch praktische Problemstellung, die von hoher fachübergreifender sowie internationaler Aktualität und Relevanz ist; vielfach wird eine generelle Krise der Klimakommunikation erkannt. In der Wissenschaft herrscht jedoch Konsens darüber, dass eine gelungene Klimakommunikation Voraussetzung für ein gesamtgesellschaftliches Handeln bezüglich des Problems ist. Die Klimakommunikation erreicht dieses Ziel bisher aber nicht, da sie offenbar zu schwerfällig und alltagsfern geschieht. Der Bedarf nach neuen, auch internationalen und interkulturellen Forschungsansätzen wie auch Vermittlungsansätzen ist groß und wird besonders erkennbar, wenn der Klimawandel ganzheitlich als Thema der Nachhaltigkeit erkannt wird. V.a. in diesem Kontext erschließt sich erst die interdisziplinäre Bedeutung des Themas sowie die daraus resultierende Notwendigkeit fachübergreifender und internationaler Forschungszugänge zur medialen Klimakommunikation.

Der Ansatz des Projekts wäre logischerweise zu erweitern auf die Mediensysteme anderer indigener, vom Klimawandel besonders betroffener Minderheiten etwa in Nordamerika oder Grönland, jedoch auch in Afrika, Asien und Australien.

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