Seite 2/2 Energiewende = Erfolgsgeschichte, auch medial?

In der medialen Berichterstattung wird häufig Skepsis gegenüber dem Gelingen der Energiewende ausgedrückt,häufig festgemacht an der Strompreisentwicklung und der zwischenzeitlichen Überförderung der Solarstromerzeugung. Gleichzeitig geraten die Ausgangspunkte der eingeleiteten Energiewende, die die Mehrheit der Bevölkerung unterstützt, zunehmend aus dem Blick: der Ausstieg aus Atom und Kohle und vor allem der Klimawandel.

Kernziele der Energiewende und Maßstab für eine Zwischenbilanz sind: Bis 2022 werden alle Atomkraftwerke vom Netz genommen, der Anteil der Erneuerbaren am Bruttostromverbrauch steigt bis 2030 auf 30 Prozent, der Ausstoß von Kohlendioxid sinkt bis dahinum 55 Prozentim Vergleich zu 1990, der Stromverbrauch sinkt bis 2020 um 10 Prozent, die Energieproduktivität steigt um 2,1 Prozent jährlich und die Wärmeverluste sinken um 20 Prozent bis 2020. Weitere Zielvorgaben reichen bis ins Jahr 2050. Der Verkehrsbereich und Haushalte und Industrie sind mit jeweils rund 30 Prozent des Gesamtenergiebedarfs – wie schon angemerkt – nicht Teil der politischen Energiewende.

Aktuelle Daten für Deutschland zeigen, dass der Ausbau im Strombereich schneller verläuft als selbst von Befürwortern erwartet. Viele gewünschte Effekte sind bereits eingetreten, aber nicht alle Etappenziele der Energiewende sind erreicht. Das wichtigste, medial aber kaum beachtete Ziel: Durch die Erneuerbaren wurden 2013 circa 148 Millionen Tonnen Treibhausgase wie CO2 eingespart – in Anbetracht der Gesamtemissionen im Strombereich von circa 317 Millionen Tonnen ein ganze Menge. Die Tatsache, dass im Jahr 2013 die CO2-Emissionen in Deutschland gestiegen sind, liegt nicht, wie oft behauptet, an den Erneuerbaren. Vielmehr ist ein marktwirtschaftlicher Effekt für den Anstieg verantwortlich: Günstiger Strom aus erneuerbaren Energien senkt die Strompreise. Umweltfreundliche, aber teuer zu betreibende Gaskraftwerke sind nicht mehr konkurrenzfähig. Parallel dazu gehen immer mehr Atomkraftwerke vom Netz. Die Lücken schließen die billigen, dreckigen Kohlekraftwerke – der Ausstoß steigt.

Rekord beim Stromexport

2013 hatten die Erneuerbaren einen Gesamtanteil von rund 12 Prozent am Energieverbrauch und 24 Prozent im Strombereich. Die Preise für Photovoltaikanlagen ist von etwa 5.000 Euro proKilowattstunden-Spitzenleistung 2006 auf rund 1.500 Euro im Jahr 2013 viel schneller als erwartet gefallen. Gleichzeitig fiel die Einspeisevergütung für Einfamilienhausanlagen von gut 50 Cent pro Kilowattstunde im Jahr 2000 auf durchschnittlich 15 Cent Mitte 2013. Die Versorgungssicherheit in Deutschland erreicht auch im europäischen Vergleich nach wie vor Spitzenwerte und Deutschland exportiert so viel Strom wie noch nie.

Solarthermie und Fotovoltaik in Baden-Württemberg. Quelle: Agentur für Erneuerbare Energien

Solarthermie und Fotovoltaik in Baden-Württemberg. (Quelle: Agentur für Erneuerbare Energien)

Die deutsche Erneuerbare-Energien-Branche ist ungeachtet der Probleme bei der Solarmodulherstellung in Deutschland eine Wachstumsbranche, die 2012 rund 378.000 Menschen beschäftigte. Der volkswirtschaftliche Nutzen aus Erneuerbaren (vermiedene Umweltschäden, kommunale Wertschöpfung, Merit-Order-Effekt durch die Verdrängung teuer produzierender Kraftwerke, vermiedene Energieimporte) ist gegenüber den Kosten für den Ausbau (EEG-Differenzkosten, Ausgleichs- und Regelenergiekosten, anteilige Netzausbaukosten) eindeutig positiv – was vielen Menschen nicht klar ist und medial kaum vermittelt wird.

Selbst die Internationale Energieagentur (IEA), die der Energiewende in Deutschland bisher sehr skeptisch gegenüberstand, lobt in ihrem im Juni 2013 veröffentlichten “Neuentwurf des Energie-Klima-Plans” erstmals die Energiewende als bezahlbar. Gleichzeitig wird vor der sich zuspitzenden Klimakatastrophe gewarnt und der schrittweise Abbau staatlicher Subventionen für fossile Brennstoffe angemahnt.

Nicht erreicht wurden bisher im Rahmen der Energiewende die Ziele bei der Energieeffizienz, bei Wärmeverlusten und beim Absenken des Stromverbrauchs. Dazu drängen sich viele journalistische Fragen auf. Etwa der Wirkungsgrad neuer Stromspeicher ist gemessen an ausgereiften Technologien weniger schlecht als häufig angenommen wird. So arbeitet ein moderner Otto-Motor weniger effizient als das sogenannte Power-to-Gas-Verfahren, bei dem überschüssiger Windstrom zur Synthese von Gas verwendet wird, das wiederum günstig in die vorhandene Erdgas-Infrastruktur eingespeist werden kann.

Viele Themen sind unterrepräsentiert

Strom macht aber nur rund 20 Prozent des Energiebedarfs deutscher Haushalte aus. Mehr als doppelt so hoch ist der Anteil der Wärmeenergie am Gesamtenergiebedarf. In vielen Heizungskellern fauchen Jahrzehnte alte Brenner, die Außenwände vieler Gebäude sind schlecht isoliert, also innen zu kalt und außen zu warm. Wer mit Strom heizt, emittiert 30 Mal so viel CO2 wie mit einer modernen Holzheizung. Der Großteil des Gebäudebestandes von 2050 ist heute schon gebaut,der Sanierung bestehender Gebäude wird also mittelfristig deutlich mehr Aufmerksamkeit zukommen müssen.

Dabei geht es nicht nur um Kosten: Die energetische Sanierung hat auch positive Auswirkungen auf das Wohnklima – etwas, das Journalistinnen und Journalisten häufiger aufgreifen könnten. In einem gedämmten Gebäude ist der relative Temperaturunterschied zwischen den Bewohnern und dem Baukörper geringer. Selbst wenn die Lufttemperaturtemperatur reduziert wird, ist es behaglicher hier zu wohnen.

Immer mehr Menschen fragen sich auch, welchen Einfluss Baumaterialien auf die Wohnqualität haben. Der Einsatz von Chemikalien in vielen Baustoffen sorgt gesundheitsbewusste Menschen unddie Entsorgung häufig verwendeter Dämmmaterialien wie Polystyrol ist weiter ungeklärt. Viele Bauherren sind sich der Probleme bewusst und setzen wieder auf traditionelle Baustoffe wie Lehm, Stroh und Holz, die das Bauen umweltfreundlich machen und das Raumklima positiv beeinflussen.

Strohdämmung Aus Strohballen gebautes Haus in Australien. Quelle: Red Moon Sanctuary/flickr

Aus Strohballen gebautes Haus in Australien. (Quelle: Red Moon Sanctuary/flickr)

Die Dynamik der Energiewende besteht hauptsächlich aus dem Ausbau der Erneuerbaren Energien, die weitgehend von einer großen Gruppe mitten aus der Gesellschaft getragen wird. Während 1990 eintausend Kraftwerke neunzig Prozent der Versorgung leisteten, sollen im Jahr 2020 schon 2,5 Millionen Erzeuger 55 Prozent der Versorgung unter sich aufteilen. Die hohe Eigendynamik wird sich absehbar auch ohne Einspeisevergütung fortsetzen, aber das Gemeinschaftsprojekt Energiewende kann nicht gelingen ohne einen gemeinsamen Geist. EEG-kritische Politiker werben für ein Quotenmodell, bei dem jeder Versorger einen bestimmten Anteil erneuerbarer Energie zu liefern verpflichtet wird. Diese Quoten sollen sich entlang der Ausbauziele für Erneuerbare entwickeln. Erfüllt ein Anbieter seinen Soll nicht, drohen ihm Strafen.

EEG in der Kritik

Das Modell soll die Wettbewerbsfähigkeit erneuerbarer Energie steigern helfen und Strompreise reduzieren. Am Beispiel der Offshore-Windkraft ist schon heute klar, dass Standortvorteile wie hohe Windgeschwindigkeiten allein nicht entscheidend sind für den wirtschaftlichen Betrieb eines Windparks. Führt die Konzentration von Photovoltaik im Süden und der Windkraft im Norden des Landes tatsächlich zu besseren wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für die Energiewende? Journalisten könnten dies überprüfen und hinterfragen, ob ein Quotenmodell mit den heutigen Strukturen der Energieversorgung aus erneuerbaren Quellen zu vereinen ist.

Der Zubau erneuerbarer Energien in Deutschland liegt zum Großteil in Bürgerhand, sie betreiben unabhängig voneinander über eine Millionen Anlagen, die immer häufiger mehr Strom liefern als die Kraftwerke der Großen Vier. Quoten würden tendenziell gerade die Betreiber von kleinen Photovoltaikanlagen aus dem Markt drängen und die Ziele der Energiewende gefährden. In Großbritannien wurden die Zielsetzungen bislang nicht erreicht, weil die großen Energielieferanten eher die Zahlung von Strafen in Kauf nahmen als quotengerecht in erneuerbare Energien zu investieren.

Politisch wird der Druck insbesondere der Kohlelobby wieder zunehmen, wenn sich der Erfolg der Erneuerbaren nicht aufhalten lässt. Bernward Janzig vermutet, dass dann versucht werden wird, die Entwicklung aktiv zu behindern und eine Art Solarsteuer gefordert werden wird. Dagegen stehen hunderte Energiegenossenschaften und Kommunen, die den Wert eigener Entscheidung und Einflussnahme auf die Gestaltung des neuen Energiesystems betonen. Die dezentrale Erzeugung und Weiterleitung von Ökostrom schafft Wertschöpfung gerade im strukturschwachen ländlichen Raum. In vielen Städten stellt sich die Frage, wem das Netz in Zukunft gehören soll. Vorne mit dabei sind häufig Bürgergenossenschaften.

Die Strompreisdebatte wird sich aus nachvollziehbaren Gründen weiter verschärfen. Die Kritik am EEG mit Verweis auf bezahlbaren Strom für einkommensschwache Gruppen könnte aber journalistisch stärker hinterfragt werden. Natürlich müssen soziale Schieflagen vermieden werden. Die Energiewende bedeutet hier im Kern aber auch eine Neuverteilung von Gewinnen aus der Energieerzeugung auf immer größere Teile der Gesellschaft. Über Genossenschaftsmodelle kann heute jeder Bürger Teilhaber einer Solaranlage werden.

Höhere Heizkosten, fehlende Aufregung

Die Energieökonomin Claudia Kemfert verweist wie andere darauf, dass ein Haushalt zweieinhalb bis fünf Prozent seines Einkommens für Strom bezahlt. Für Mobilität und fürs Heizen zahlt ein einkommensschwacher Haushalt dagegen mehr als dreißig Prozent seines Einkommens. Gleichzeitig sind die Preise für Wärme und Kraftstoff in den letzten Jahren stärker gestiegen als für Strom.

Gute Analysen gibt es inzwischen zur immer wieder aufgestellten Behauptung, die Erneuerbaren seien schuld am hohen Strompreis. Ein gutes Beispiel ist ein knapper Faktencheck von Christiane Grefe in der ZEIT (13.6.2012), in dem sie diese Frage von Lesern aufgreift. Es stimmt, dass die EEG-Umlage etwas mehr am hohen Strompreis schuld ist als die Preissteigerungen bei herkömmlichen Energien. Dabei werden aber die positiven und langfristigen finanziellen Effekte der Erneuerbaren ignoriert. Grüner Strom drückt zum Beispiel den Börsenpreis, ohne dass die großen Stromversorger diese Vergünstigungen weitergeben. Gleichzeitig steigt die EEG-Umlage, die sich aus der Differenz zwischen Garantievergütung und Handelspreis ergibt.

Zudem hat sich herumgesprochen, dass die Privatkunden Privilegien für Großabnehmer der Wirtschaft mitfinanzieren. Hinzu kommen vermiedene Kosten für atomare Endlager, Klimaschutz oder die Renaturierung von Kohlegruben, die nicht in den Strompreis eingerechnet werden. Der Betrieb von Atomkraftwerken kann seit Einführung der Technologie nur rentabel – für die Kraftwerksbetreiber – gestaltet werden, indem die unkalkulierbaren Risiken der Kernspaltung sozialisiert werden. Die Energiewende sozialisiert auch Kosten der Technologie- und Infrastrukturentwicklung – allerdings mit ungleich positiveren gesellschaftlichen Effekten und Gewinnen für viele.

geograph-598645-by-ceridwen Gehöft "Brithdir Mawr" im englischen Wales. Seine Bewohner erzeugen ihrem Strom aus erneuerbaren Energien selbst. Quelle: ceridwen/geolocation.ws

Gehöft „Brithdir Mawr“ im englischen Wales. Seine Bewohner erzeugen ihrem Strom aus erneuerbaren Energien selbst. (Quelle: ceridwen/geolocation.ws)

Es ist die Aufgabe von Journalisten unverständliche Rechnungen, wie die vom ehemaligen Umweltminister Altmaier, der die Gesamtkosten der Energiewende in den nächsten 30 Jahren auf 1 Billion Euro bezifferte, zu durchleuchten. Franz Alt sprach von einer Horrorzahl, die Angst und Schrecken verbreite und Investoren abhalte. Hier wurden jedoch vermiedene Folgeschäden, Brennstoffkosten für fossile Brennstoffe und Entsorgungskosten nicht berücksichtigt. Journalisten könnten bei solchen Hochrechnungen über 30 Jahre Vergleichsrechnungen für andere Infrastrukturbereiche anstellen und fragen, warum solche Zahlen nur schwer einzuordnen sind.

Lernprozesse bei der Bioenergie

Wie wichtig die Lernprozesse bei der Energiewende sind, zeigt auch das Beispiel der Bioenergie. Bioenergie ist vor allem wegen der Diskussion “Tank versus Teller” und der Entwicklung von Monokulturen in Misskredit geraten. Heute wächst auf rund einem Drittel der Maisanbaufläche in Deutschland Energiemais, auf dem Rest Flächen Futtermais. Im Mittelpunkt der medialen Aufmerksamkeit stehen die “Vermaisung” der Landschaft – die aber auch stark auf die Expansion von Futtermais zurückzuführen ist – und die damit einhergehenden ökologischen Probleme.

Die Verteilung des Flächenanteils und die Perspektiven von Bioenergie der zweiten Generation (primär Holzreste, Stroh und Abfälle) werden journalistisch kaum angesprochen. Ihr Potenzial wurde aber gerade von Großbetrieben und der Industrie entdeckt. So heizt etwa Volkswagen am Standort Emden seine Werkshallen mittlerweile mit Holzschnitzeln aus einem eigens hierfür angelegten “Energiewald”. Das Konzept ist Teil eines Plans, der die CO2 -neutrale Produktion am Standort Emden auch aus betriebswirtschaftlicher Motivation verfolgt.

Ein weitere Lektion aus den vergangenen Jahren sind zu niedrige CO2-Zertifikatspreise, die vor allem alten Kohlekraftwerken mit hoher Grundlast und schlechter Schadstoffbilanz entgegen kommen. Die Dumpingpreise verhindern den Ausbau zwar teurer, dafür flexibler und umweltfreundlicher Gaskraftwerke, an denen häufig kleinere Anbieter und Stadtwerke beteiligt sind. Diese könnten gezielt zu Spitzenlastzeiten und an sonnen- und windarmen Tagen einspringen. Zuletzt sind die CO2 -Emissionen in Deutschland trotz der Erfolge der Energiewende deshalb sogar wieder gestiegen. Der gescheiterte Emissionshandel und der wegen der gesunkenen Nachfrage der USA günstige Kohlepreis schaffen hierzulande wirtschaftlich derart gute Betriebsvoraussetzungen für Kohlekraftwerke, dass Anrainerstaaten wie die Niederlande verstärkt Strom aus Deutschland importieren, weil der billiger zu beschaffen ist als durch den Betrieb der eigenen emissionsärmeren Gaskraftwerke.

Es war von Anfang an klar, dass der Umbau des Energiesystems mit einer Veränderung der Netzstruktur und mit neuen Netzen einhergehen muss. Das Ausmaß insbesondere neuer Übertragungsnetze hängt aber entscheidend davon ab, wie sich die Struktur und Verteilung der Energieerzeugung entwickeln wird. Wegen der hohen Dynamik dieser Entwicklung warnen Experten vor vorschnellen Festlegungen im Übertragungsnetz, die sich letztlich als unangemessen herausstellen könnten. Der Wirtschaftswissenschaftler Lorenz Jarass kritisierte die Netzausbaupläne der alten Bundesregierung aus CDU/CSU und FDP als “Verstoß gegen die Ziele der Energiewende”. Hieran anknüpfend könnten Journalisten überprüfen, inwiefern Leitungen tatsächlich für den Transport erneuerbarer Energie Verwendung finden.

Übertragungsnetz bei Los Angeles, USA. Quelle: Chris Hunkeler

Übertragungsnetz bei Los Angeles, USA. (Quelle: Chris Hunkeler)

Es gibt weitere Themen, die im Zusammenhang mit der Energiewende noch gar nicht aufgegriffen wurden. Die Kontroverse um das Verhältnis von zentraler und dezentraler Energieerzeugung und des davon abhängigen Netzausbaus könnte auch um eine standortpolitische Diskussion ergänzt werden. Statt den überschüssigen Windstrom aus Norddeutschland nach Süden zu leiten oder in Power-to-Gas umzuwandeln, könnte auch die Ansiedlung energieintensiver Unternehmen an den Windstandorten gefördert werden.

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