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Fritz Vorholz bei seinem Vortrag im Rahmen des Klimadialogs 2015 (Quelle: energiedialog-wasserburg.de)

Fritz Vorholz während seines Vortrags (Quelle: energiedialog-wasserburg.de)

Sehr geehrte Damen und Herren,
ich möchte Sie auf das Thema des heutigen Abends mit einer Erkenntnis einstimmen, die ich einem sehr aufschlussreichen Buch entnommen habe. Es heißt „Eine kurze Geschichte der Menschheit“, geschrieben hat es der israelische Historiker Yuval Noah Harari. Das Buch handelt davon, wie die Menschheit in ihrer mehrtausendjährigen Geschichte wiederholt nicht in der Lage war, ihre Entscheidungen mit all ihren Konsequenzen zu überblicken. Selbst die neolithische Revolution, die Sesshaftwerdung und der Übergang zu Ackerbau und Viehzucht, eine Zäsur in der Menschheitsentwicklung, war offenbar eine Fehlentscheidung. Der Durchschnittsbauer, schreibt jedenfalls Harari, der vor 10 500 Jahren in Jericho lebte, hatte ein deutlich schwereres Leben als der Durchschnittswildbeuter, der 1000 oder 3000 Jahre vor ihm in der Gegend lebte. Zwar wuchs dank Ackerbau die Nahrungsmenge, aber den Überschuss aß die wachsende Bevölkerung schnell wieder auf. Babys wurden eher abgestillt, Frauen konnten jedes Jahr ein Kind zur Welt bringen, an die Stelle der Muttermilch traten Haferschleim und Getreidebrei. Die Kindersterblichkeit war hoch, man lebte in schmutzigen und verkeimten Siedlungen und die Erwachsenen aßen ihr Brot im Schweiße ihres Angesichts. Einmal in Gang gesetzt, machte es das Bevölkerungswachstum den Menschen aber unmöglich, zum früheren bequemeren Leben zurückzukehren. „Der Traum vom besseren Leben fesselte die Menschen ans Elend“, schreibt Harari.

Wenn man so will, wussten die Früheren nicht, was sie taten. Heute wissen wir aber ziemlich genau, was wir tun – aber besser lassen sollten. Die Menschheit muss deshalb jetzt entscheiden, welchen Weg sie gehen will. Dabei spielt eine wichtige Rolle, wie über diese Frage kommuniziert wird.

Die Frage, warum Kommunikation diese Bedeutung hat, möchte ich mit einem Zitat beantworten. Das Zitat geht so:

„Es mögen Fische sterben oder Menschen, das Baden in Seen oder Flüssen mag Krankheiten erzeugen, es mag kein Öl mehr aus den Pumpen kommen, und die Duchschnittstemperaturen mögen sinken oder steigen: Solange darüber nicht kommuniziert wird, hat dies keine gesellschaftlichen Auswirkungen. Die Gesellschaft… beobachtet nur durch Kommunikation.“

Der Soziologe Niklas Luhmann hat das geschrieben, 1986, im Jahr der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl.

Wenn die Gesellschaft Geschehnisse nur durch Kommunikation registriert, dann folgt daraus, dass ohne Kommunikation Prozesse wie beispielsweise der Klimawandel als gesellschaftliche Phänomene unsichtbar bleiben. Die mittlere Erdtemperatur steigt dann zwar immer noch um sagen wir 0,1 Grad pro Dekade – aber solange sich niemand dafür interessiert, solange über Ursachen, Folgen und Therapien nicht geredet und gestritten wird findet der Klimawandel im kollektiven Bewusstsein nicht statt. Deshalb ist Kommunikation wichtig.

In arbeitsteiligen Gesellschaften muss Kommunikation organisiert werden. Früher traf man sich unter der Dorflinde, später fand Kommunikation in Kaffeehäusern und Lesekabinetten statt – heute sind dafür Profis zuständig: Journalisten und Öffentlichkeitsarbeiter. Sie machen die Medien zwar nicht selten zur Bühne demonstrativer Selbstdarstellung – sind aber gleichwohl diejenigen gesellschaftlichen Akteure, die durch ihre Arbeit Öffentlichkeit herstellen.

Die Frage ist, ob bzw. wie sie das tun, wenn es um das Thema Klimawandel geht. Ob sie dazu beitragen, Voraussetzungen für kollektives Handeln zu schaffen – oder ob sie tatsächlich kollektiver Ignoranz Vorschub leisten.

Auf der Suche nach einer ersten Antwort darauf fiel mir eine Jahreszahl ein: 1992. In diesem Jahr erschien ein Buch, das den Titel „Das Ende der Geschichte“ trug. In diesem Jahr fand aber auch die Rio-Konferenz über Umwelt und Entwicklung statt, die mediale Anteilnahme war immens; dass der damalige EU-Umweltkommissar Ripa di Meana die Konferenz boykottierte und den Erdgipfel als „Hohe Schule der Heuchelei“ bezeichnete machte die Sache umso interessanter.

Vor dem Erdgipfel im Juni 1992 in Rio de Janeiro berichteten viele Zeitungen ausführlich über das bevorstehende Großereignis, auch die ZEIT. Jede Woche brachten wir große Artikel, Interviews mit ergrünten Kapitalisten wie Stephan Schmidheiny, Reportagen aus Indien, Brasilien, USA, Stücke über das Bevölkerungswachstum und die Biotechnologie, natürlich über den anthropogenen Treibhauseffekt, über Verkehrs-, Agrar- und Abfallpolitik, über die Bodenerosion, über die Verschuldung armer Länder, über Umweltflüchtlinge, über den Rebound-Effekt beim Energiesparen, und über die „Revolution in den Köpfen“, die Dennis Meadows in einem Interview forderte.

Am 14. Juni 1992 ging der Erdgipfel offiziell zu Ende, wenig später veröffentlichte die ZEIT sämtliche bis dahin erschienen Artikel zu den Rio-Themen in einem Sonderheft. Es hieß „Ein Gipfel für die Erde“ und das Editorial dazu schrieb Robert Leicht, der bald darauf Chefredakteur des Blattes wurde.

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