Seltene Tiere erobern ihre alten Reviere in Europa zurück (Quelle: Klaus Lechten/ CC BY-NC-SA 2.0)

Seltene Tiere erobern ihre alten Reviere in Europa zurück (Quelle: Klaus Lechten/ CC BY-NC-SA 2.0)

Von Torsten Schäfer

Dicht besiedelt, stark industrialisiert, von Verkehrswegen durchzogen und weitgehend erschlossen – Europa gilt international vor allem als hoch entwickelte Wirtschaftsmacht und Technologiemotor, nicht aber als Kontinent mit wilder Natur, weiten Landschaften und spektakulären Tierarten. Und wenn, dann ist oft von schwindender Fauna und Flora die Rede. Von leeren Meeren, bedrohten Arten, kaputten Landschaften – richtigerweise, denn die Umweltzerstörungen sind eklatant.

Dennoch gibt es – immer noch und nun verstärkt wieder – ein anderes, im Ausland weniger bekanntes Europa: einen Kontinent mit ungezähmter Natur, unendlichen Weiten und seltenen Tieren, die alte Reviere zurückerobern. Ob Braunbär, Wisent, Wolf, Luchs, Biber oder Seeadler – die Bestände haben zugenommen, entscheidend ist dabei die europäische Naturschutzpolitik: Die Regierungen haben Jagdverbote verhängt und Nationalparks ausgewiesen.

Europas unbekannte Wildnis: Im Sommer 2010 organisierte "Wild Wonders of Europe" eine Ausstellung in Den Haag (Quelle: macchi/ CC BY-SA 2.0)

Europas unbekannte Wildnis: Im Sommer 2010 organisierte „Wild Wonders of Europe“ eine Ausstellung in Den Haag (Quelle: macchi/ CC BY-SA 2.0)

Europa wird wilder

Die EU hat mit ihrer Umweltpolitik erreicht, dass Flüsse, Seen und Luft sauberer geworden sind. Und dass es in Europa mit „Natura 2000“ das größte weltweite Netzwerk an Naturschutzgebieten gibt. Auf diese Erfolge macht Wild Wonders of Europe aufmerksam.

Die vier Initiatoren entsandten 69 der besten Naturfotografen Europas auf mehr als 135 Fotomissionen in 48 Länder, um die Naturreichtümer eines ganzen Kontinents zu dokumentieren. Mehrere Bildbände, große Outdoor-Ausstellungen, DVDs und die umfangreiche Website zeigen in eindrucksvollen Bildern, dass Europa wilder wird. Und Naturschutzpolitik Erfolg haben kann.

Die Einmaligkeit der europäischen Natur sei ein fester Bestandteil der europäischen Identität, schreiben die Initiatoren. Allerdings einer, der viel zu selten in den Blick gerate. Ihre Bilder steuern gegen: Sie öffnen den Blick, lassen staunen und schaffen auf seltsame Weise eine Art europäisches Naturgefühl. Eine Mischung aus Stolz und Faszination auf und für die heimische Wildnis, die man so noch nicht gekannt und gesehen hat.

Einer der schwersten flugfähigen Vögel der Erde: Der Krauskopfpelikan (Quelle: Alois Staudacher/ CC BY 2.0)

Einer der schwersten flugfähigen Vögel der Erde: Der Krauskopfpelikan (Quelle: Alois Staudacher/ CC BY 2.0)

Krauskopfpelikan

Aufstrebende Größen: Der Krauskopfpelikan zählt mit einer Flügelspannweite von fast drei Metern und einem Gewicht von maximal 16 Kilogramm zu den schwersten flugfähigen Vögeln der Erde. Sein Brutgebiet reicht von Südeuropa bis in die Mongolei; die größten europäischen Kolonien gibt es in Griechenland, Rumänien, der Türkei und dem europäischen Teil Russlands. Die Bestände haben sich dank Jagdverboten und der Ausweitung von Schutzgebieten erholt – die asiatischen Populationen gehen derzeit allerdings zurück.

Der Braunbär taucht wieder in Mitteleuropa auf (Quelle: Cloudtail/ CC BY-NC-ND 2.0)

Der Braunbär taucht wieder in Mitteleuropa auf (Quelle: Cloudtail/ CC BY-NC-ND 2.0)

Braunbär

Alter Bekannter: Lange war der Braunbär nur noch in Osteuropa, Teilen Skandinaviens und Spaniens zu Hause. Doch die Art hat sich etwas erholt, geht auf Wanderschaft und taucht wieder in Mitteleuropa auf, etwa in Österreich, der Schweiz und Deutschland. Das führt zu Konflikten und aufgeregten Debatten. Dass ein Zusammenleben möglich ist, zeigen Russland und Rumänien, wo es mit 36.000 bzw. 7.000 Tieren die größten Populationen gibt.

Vom Aussterben bedroht: Der Bestand des Roten Thunfischs ist in den letzten Jahren stark gesunken (Quelle: bzibble/ CC BY-NC-ND 2.0)

Vom Aussterben bedroht: Der Bestand des Roten Thunfischs ist in den letzten Jahren stark gesunken (Quelle: bzibble/ CC BY-NC-ND 2.0)

Roter Thunfisch

König der Meere: Er wird vier Meter lang, schwimmt bis zu 80 Stundenkilometer schnell – und ist mit der teuerste Fisch. In Tokio zahlen Sushi-Feinschmecker bis zu 280.000 Dollar für einen einzigen nördlichen Blauflossenthun. Wegen der starken Nachfrage ist sein Bestand im Ostatlantik und im Mittelmeer zwischen 1997 und 2007 um 60 Prozent geschrumpft. Zahlreiche Studien empfehlen den Fangstopp – und warnen, dass der Fisch ganz verschwinden könnte.

Neu erobert: Der Seeadler kommt jetzt auch in Tschechien, Dänemark, Österreich und den Niederlanden vor (Quelle: Lutz536/ CC BY-NC 2.0)

Neu erobert: Der Seeadler kommt jetzt auch in Tschechien, Dänemark, Österreich und den Niederlanden vor (Quelle: Lutz536/ CC BY-NC 2.0)

Seeadler

Majestätische Eleganz: Die Rückkehr des Seeadlers ist einer der besten Beweise für den Erfolg europäischer Naturschutzpolitik; Regierungen verboten Pestizide, die seine Eierschalen brüchig gemacht hatten. Die EU stellt den Seeadler unter Schutz. Und Naturschützer bewachten vielerorts Nester und fütterten die Vögel im Winter. Heute gilt die Art als „nicht mehr gefährdet“. Tschechien, Dänemark, Österreich und die Niederlande hat der Seeadler ganz neu erobert.

Eine Tonne schwer und zwei Meter hoch: Die gigantischen Wisente kehren nach Mitteleruopa zurück (Quelle: Joachim S. Müller/ CC BY-NC-SA 2.0)

Eine Tonne schwer und zwei Meter hoch: Die gigantischen Wisente kehren nach Mitteleruopa zurück (Quelle: Joachim S. Müller/ CC BY-NC-SA 2.0)

Wisente

Pure Kraft: Ein Wisent-Bulle kann eine Tonne schwer und zwei Meter hoch werden – und ist damit das größte Landsäugetier Europas. Einst war der Wisent auf dem ganzen Kontinent weit verbreitet. Dann, nach Jagdorgien und Kriegen, gab es nur noch zwölf Tiere in Zoos. Ausgehend vom polnischen Białowieża-Nationalpark wurden Wisente in einigen Staaten angesiedelt: In Polen, Weißrussland, der Ukraine, Russland, Litauen und der Slowakei leben heute 2.000 wilde Wisente. Nun kehren die Giganten nach Mitteleuropa zurück.

Türkis, rostbraun, gelb: Der Bienenfresser ist einer der buntesten und kaum zu verwechselnden Vögel Europas (Quelle: Agustín Povedano/ CC BY-NC-SA 2.0)

Türkis, rostbraun, gelb: Der Bienenfresser ist einer der buntesten und kaum zu verwechselnden Vögel Europas (Quelle: Agustín Povedano/ CC BY-NC-SA 2.0)

Bienenfresser

Europäische Exotik: Der vor allem in Süd- und Südosteuropa vorkommende Bienenfresser zählt zu den buntesten Vögeln des Kontinents. Er hat sein Verbreitungsgebiet in den vergangenen Jahren jedoch nach Norden ausgedehnt, wohl aufgrund des Klimawandels und der steigenden Temperaturen.

Nach der Eiszeit starb der Moschusochse in Europa aus, nun leben kleinere Herden aber wieder in Norwegen und Schweden (Quelle: Michelle Bender/ CC BY-NC-ND 2.0)

Nach der Eiszeit starb der Moschusochse in Europa aus, nun leben kleinere Herden wieder in Norwegen und Schweden (Quelle: Michelle Bender/ CC BY-NC-ND 2.0)

Der Bildband

Die Fotografen des Projektes Wild Wonders of Europe haben einen Bildband herausgebracht, der in verschiedenen Ländern auf den Markt gekommen ist. Das Cover zeigt zwei kämpfende Moschusochsen. Diese Verwandten der Ziegen starben nach dem Ende der letzten Eiszeit in Europa aus; in Nordamerika und Grönland hielt sich die Art jedoch. 1947 wurde eine Herde in Norwegen angesiedelt, die sich inzwischen nach Schweden ausgebreitet hat.

Der Gänsegeier gelangt auf Streifzügen immer wieder nach Mitteleuropa (Quelle: martino.pizzol/CC BY-NC-SA 2.0)

Der Gänsegeier gelangt auf Streifzügen immer wieder nach Mitteleuropa (Quelle: martino.pizzol/CC BY-NC-SA 2.0)

Das Projekt auf Reise

Mit Ausstellungen und Vorträgen versuchen die Projektmacher, auf ihr Thema aufmerksam zu machen und für Europas Wildnis zu werben. Im Sommer 2010 zeigten die Fotografen im niederländischen Den Haag 100 ihrer Bilder – unter anderem auch den Gänsegeier, dessen Bestand in Europa durch Auswilderungen und den Schutz der Brutkolonien stark angestiegen ist. Der Aasfresser kommt vor allem in Spanien und Frankreich vor, gelangt auf Streifzügen aber auch immer wieder nach Mitteleuropa.

Der Artikel erschien bereits im Band „Umwelt Europa“ der Friedrich-Ebert-Stiftung.

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