Das Schreiben über die Natur hat im angloamerikanische Raum einen festen Begriff: „nature writing“. Es ist eine literarische und journalistische Möglichkeit, Natur präzise, empathisch und subjektiv zu beschreiben und sie so tiefgehend und ganzheitlich erfahrbar zu machen. Das möchten wir in dieser Kolumne versuchen – womit wir (noch) eher am Rande stehen, da es in Deutschland wenig nature writing gibt ganz im Gegensatz zu den USA und  Großbritannien, wo das Genre aktuell auf dem Buchmarkt und in Medien große Erfolge feiert – getragen durch einen breiten gesellschaftlichen Umwelt- und Naturdrang, den wir auch bei uns erleben; oft, aber nicht immer verbunden mit dem Stichwort der Nachhaltigen Entwicklung. Es sind viele Themen, die sich derzeit verweben: Angefangen bei dem Erfolg von Landzeitschriften bis hin zu Bio-Ernährung sowie regionalen Lebensmitteln und Trends wie Wandern, Waldkindergärten, städtisches Gärtnern, solidarische Landwirtschaft, Imkern, Kräuterwanderungen, Survival-Kurse oder neuerdings auch Jagen. Die Gesellschaft will wieder hinaus und etwas finden – auch sich selbst.

Was erzählt ein Stein, wen ich ihm länger begegne?

Doch wie geht dieses Hinauswollen, wer macht es, an welchen Orten und mit welchen Geschichten? Und wie nimmt ein regionales Publikum solche Naturgeschichten auf – ebenso wie Journalisten ein neues, subjektives Genre? All das frage ich mich als Autor, der in der an Bergstraße und Odenwald, im Inselland zwischen Rhein, Main und Neckar, aufgewachsen ist und diese Region nun mit neuem Blick bereist und beschreibt. Mich interessieren große Landschaften wie auch kleinere Orte und Schauplätze: Was erzählt ein Stein, wenn ich ihm länger begegne – gerade in einer Gegend, die voller geologischer Wunder und geheimnisvoller Steine ist? Welches Schauspiel vollführen Bussarde, wen ich mich mit ihnen aufschwinge? Wie geht es unseren Flüssen, wenn ich untertauche und sie ganz nah beobachte, aber auch erspüre?

Es geht mir auch um die ungewöhnlichen Perspektiven, die mal poetisch und assoziativ sein können. Und dann wieder beobachtend und analytisch, so wie es im Wissenschafts- und Umweltjournalismus geboten ist, in dem ich seit 15 Jahren arbeite, meist mit dem Blick auf heimische Arten und Ökosysteme oder die Weltmeere mit ihren Fischbeständen. Heute lehre ich unter anderem Nachhaltigkeit und Umweltberichterstattung als Journalismus-Professor auf dem Dieburger Mediencampus der Hochschule Darmstadt.

Natur mit Kinderaugen sehen

Es geht in dieser Kolumne um die Schönheit der Region und ihrer Natur, aber auch um ihre Bedrohungen. Über beides will ich mehr lernen und es teilen – auch aus der Perspektive einer Familie. Denn wir sind mit unseren drei Kindern viel unterwegs in Feld und Wald. Und lernen dabei selbst immer wieder, welche Geheimnisse die Natur vor der eigenen Haustür bereithält, wenn man mit anderen Augen auf sie blickt.  Mit Kinderaugen zu sehen hilft dabei, die nahen Naturschätze besser (be-)greifen zu können. Kinder sind deshalb für das eigene Naturverstehen eine große, wenn nicht die wichtigste Hilfe – das habe ich in den vergangenen Jahren neu gelernt. Vor allem bei gemeinsamen Zeiten im Wald, der direkt vor der Haustür beginnt und deshalb eine besondere Rolle bei den Geschichten von Sein und Stein spielen wird.

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