Was denken Deutschlands Umweltjournalisten über den Klimawandel – und darüber, wie Medien das Megathema anpacken? Welche Tipps und Kniffen kennen Sie, um Erwärmung und Extremwetter besser an die Leserschaft zu bringen? Eine Antwort dürfte sicher Storytelling sein – ein  Trend, dem sich kaum ein Medienmensch entziehen kann.

Gerade bei der schwierigen Vermittlung von komplexen Themen wie dem Klimawandel setzten viele Hoffnungen in Techniken des journalistischen Erzählens – übrigens nicht nur Journalisten sondern auch NGO, Forscher, Politiker und Unternehmen. Storytelling könnte, so die stillschweigende Hoffnung, Menschen endlich dazu bewegen, mehr für den Umweltschutz zu tun. Doch ist das nicht eine überzogene Hoffnung? Und sollte dieses Ziel Aufgabe der Medien sein?

Diesen und anderen handwerklichen und ethischen Fragen stellen sich führende Umwelt-, Energie sowie ReisejournalistInnen in der Interviewserie „Klimageschichten“, die von Studierenden der Hochschule Darmstadt in Seminaren geführt wurden – als Teil des gleichnamigen Forschungsprojektes, das an Grüner-Journalismus angebunden ist.

Folge 1: Peter Carstens, GEO.de

Peter Carstens (Quelle: privat)

Peter Carstens (Quelle: privat)

 

Peter Carstens ist Redakteur bei GEO.de und dort zuständig für die Rubrik Natur und Umwelt. Gerade hat er das Buch „Klimafreundlich leben im Handumdrehen“ geschrieben, das im September im Compact Verlag (München) erschienen ist. Darin behandelt Carstens die Geschichte der Klimaforschung und gibt praktische Ratschläge und Tipps, wie man beim Thema Klimawandel selbst aktiv werden – ohne Einbußen für Lebensqualität und Wohlbefinden.

 

 

Herr Carstens, Sie arbeiten als Journalist selbst oft zu Klimathemen. Wie wird denn aus Ihrer Sicht generell darüber in Deutschland berichtet?

Das Thema ist in den Medien insgesamt abgekühlt – und zwar schon seit einigen Jahren. Es gab verschiedene Klimakonferenzen, deren Ergebnisse enttäuschend waren. Und das, obwohl das Thema nicht an Dringlichkeit verliert. Es wird zwar noch berichtet, das hat man etwa auch vor der Pariser Konferenz gesehen, da war der mediale Aufwand rekordverdächtig – aber trotzdem spielt der Klimawandel in unserem täglichen Leben keine nennenswerte Rolle. Wir leben weiter wie bisher – was wir nicht tun sollten, wenn wir den Klimawandel tatsächlich bekämpfen wollen.

Wie kommt es zu diesem Widerspruch?

Ich glaube, wir sind ein bisschen Klimawandel-müde. Man kann das auch am Symboltier des Klimawandels, dem Eisbären, sehen. Irgendwann mochte man diesen Eisbären, der auf seiner schmelzenden Scholle auf dem Wasser trieb und traurig zu dem Fotografen rüber guckte, einfach nicht mehr sehen. Traurig, aber wahr: So, wie Ursus maritimus vielleicht tatsächlich bald von der Erdoberfläche verschwunden sein wird, ist er schon jetzt aus den Medien verschwunden.

Wo gibt es für Sie noch Defizite in der Klimaberichterstattung?

Bei dem, was wir selbst tun können, um den Klimawandel zu bewältigen. Wo wir aktiv werden können und müssen, weil die Wirtschaft nicht weiter wachsen kann oder darf. Denn es gibt einen offensichtlichen Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Emissionen. Es deutet inzwischen sehr viel darauf hin, dass wir den eingeschlagenen Wachstumspfad nicht weiter gehen können, wenn wir es mit dem Klimaschutz ernst meinen. Und ich glaube, dass die Medien da in einer besonderen Verantwortung sind, diesen Punkt herauszustellen.

Gibt es denn Medien, die das vielleicht tun und insgesamt das Klimathema hochhalten?

Es gibt Medien, in denen das Thema eine größere Rolle spielt, einfach, weil für sie das Thema globale Gerechtigkeit eine größere Rolle spielt, etwa die „taz“. Es gibt aber auch ganz spezielle Angebote wie „klimaretter.info“, die sich ganz explizit dem Thema verschrieben haben – mit einer ganz klaren Haltung, was ich sehr gut finde.

Wenige Medien wie etwa Klimaretter.info hielten das Thema Klimawandel hoch, sagt Carstens. Generell sei das Interesse aber zurückgegangen

Wenige Medien wie etwa Klimaretter.info hielten das Thema Klimawandel hoch, sagt Carstens. Generell sei das Interesse aber zurückgegangen

Journalisten mit Klimahaltung, geht das?

Ja. Ich bin nämlich nicht der Meinung, dass man beim Thema Klimawandel auch noch den letzten Klimaleugner zu Wort kommen lassen muss, um die Berichterstattung ausgewogen zu gestalten. Schließlich sind sich 97 Prozent aller Klimaforscher darin einig, dass der Klimawandel stattfindet – und dass der Mensch dafür verantwortlich ist.

Ausgewogenheit als Unausgewogenheit! Welche Klimaaspekte könnten Journalisten denn noch stärker betonen?

Ich glaube, die Fakten über die Ursachen und Folgen des Klimawandels liegen auf dem Tisch und sind auch medial breit behandelt worden. Was man noch klar machen muss – und das ist vielleicht das Schwierigste: Wir alle tragen Verantwortung. Wir früh industrialisierte Nationen sind die Verursacher. Nicht die, die es jetzt ausbaden müssen. Das sind vorwiegend arme Regionen und Nationen, etwa Bangladesch oder die kleinen Inselstaaten. Diese Verantwortung gesellschaftlich anzuerkennen, ist ein Problem, solange klimaschädliche Lebensstile cool sind – und weit davon entfernt, sanktioniert zu werden.

Wie aber rückt man diese Verantwortung stärker in den Mittelpunkt?

Es ist eine moralisch paradoxe Situation. Denn es reicht einfach nicht, Innovationen und Effizienzsteigerungen zu fordern, Elektroautos mit Steuergeldern zu subventionieren, sondern wir müssen an unserem Lebensstil etwas ändern. Das ist ein heißes Eisen, weil die Menschen das nicht hören wollen. Deshalb zögern auch die Medien, das Thema aufzugreifen, offensiv anzugehen oder mit Positivbeispielen zu belegen. Dabei gibt es Beispiele en masse von Menschen, die Ressourcen schonen, energiearm und dabei super leben dabei: stille Klimahelden, die keine großen Aktionen zelebrieren, sondern das tun, was uns allen gut anstünde, nämlich weniger Ressourcen und weniger Energie verbrauchen.

Und diese Helden könnten die Berichterstattung attraktiver machen?

Ja. Man könnte eben etwas andere, stillere Klimahelden porträtieren oder zeigen, dass das CO2-arme Leben sehr, sehr viel besser sein kann als ein CO2-intensives Leben. Entspannter, relaxter, kreativer, sozialer. Das könnte man herausstellen. Es ist eher ein Lebensstil, den man promoten kann, wofür man gute Beispiele finden müsste. Es sind keine Sensationsgeschichten. Zur Zeit scheint es noch interessanter zu sein, Geschichten über Wissenschaftler und ihre innovativen Ideen zu erzählen als Geschichten von Menschen, die sich entschlossen haben, ihr Auto zu verkaufen und nicht mehr zu fliegen.

Sie haben ein Buch geschrieben – worum geht es?

Das Buch ist sehr faktenorientiert. Aber ich erzähle auch kleine Geschichten. Etwa die von Claude Lorius, der entdeckte, dass man das Klima vergangener Jahrtausende anhand von Luftbläschen rekonstruieren kann, die in uraltem Gletschereis eingeschlossen sind. Im zweiten Teil des Buches gebe ich Tipps für ein klimaschonenderes Leben – mit dem man übrigens eine ganze Menge Geld sparen kann. Das sollte natürlich nicht die Hauptmotivation sein, aber es ist für viele Menschen sicher ein guter Anreiz, anzufangen. Wenn es um Vermögen, Steuern etc. geht, werden die meisten Menschen hellhörig.

Fakten und Geschichten – welche Rolle spielt denn das Geschichtenerzählen im Klima- und Umweltjournalismus derzeit?

Nach meiner Wahrnehmung gibt es vor allem einen Trend, der die Textlängen betrifft. Es gibt mehr kürzere Geschichten. Für die ganz ausgeruhten, langen Reportagen – aber das gilt nicht nur für die Klimaberichterstattung – ist immer weniger Platz, Geld und Zeit da. Die Tendenz geht klar in Richtung „Wissenshappen“. Auch in „Geo“ gibt es Klimageschichten im engeren Sinne nur noch sporadisch. Eine der letzten größeren Geschichten drehte sich um den Paläoklimatologen und Gletscherforscher Lonnie Thompson. Aber das ist inzwischen auch schon wieder Jahre her. Das Thema hat offenbar auch für Leitmedien an Attraktivität verloren.

Fallen Ihnen besonders gelungene Beispiele von Klimageschichten ein?

Spannend finde ich vor allem längere Darstellungen – wie das sehr engagierte und faktenreiche Buch „Die Entscheidung. Kapitalismus vs. Klima“ von Naomi Klein oder das kämpferische „Selbst denken“ von Harald Welzer. Welzer hat den Vorteil, dass er uns mit dem Blick des Soziologen mit der Nase auf die Inkonsequenz unseres eigenen Handelns stößt – und Lösungsstrategien aufzeigt.

Was ist für Sie insgesamt die größte Herausforderung für den Klimajournalismus?

Ich denke, dass Journalisten und Medien verstärkt nach Wegen suchen müssen, wie sie die Themen „gesellschaftlicher Wandel“ und die Verantwortung der Industrienationen und jedes Einzelnen neu aufbereiten können. Wie man dem Menschen die Angst davor nehmen kann, dass ihm etwas weggenommen werden soll, dass er weniger von allem verbrauchen soll. Zur Zeit geht ja die Angst um in Europa. Da ist es natürlich noch schwieriger, den Leuten zu vermitteln, dass sie ihren Lebensstil ändern, auf Dinge verzichten müssen. Nicht, weil so viele Flüchtlinge zu uns kommen – sondern weil wir schon lange auf zu großem Fuß leben, zu hohe Emissionen haben, weil wir so oder so mehr teilen müssen. Hier könnten die Medien mit gut erzählten, positiven Beispielen aufzeigen, wie und warum ein CO2-armer Lebensstil auch zu mehr Genuss und Lebensfreude führen kann.

Interview: Paul Schönwetter

Beiträge mit ähnlichen Themen