Klima-Berichterstattung ist anstrengend: Katastrophen und politische Unzulänglichkeiten sind ständige Begleiter (Quelle: nemodoteles/ CC BY-NC-SA 2.0)

Klima-Berichterstattung ist anstrengend: Katastrophen und politische Unzulänglichkeiten sind ständige Begleiter (Quelle: nemodoteles/ CC BY-NC-SA 2.0)

Von Michael Bauchmüller

Als sich Deutschlands Umweltjournalisten im Herbst 2011 auf den Klimagipfel in Durban vorbereiten, können sie aus folgenden Informationen schöpfen: Unwetter setzen halb Thailand unter Wasser, im dortigen Parlament wird ernsthaft über eine Verlegung der Hauptstadt diskutiert, weg aus Bangkok. Am Horn von Afrika werden Menschen von der schlimmsten Hungerkrise seit mehr als 60 Jahren heimgesucht, sie hat sich längst zur humanitären Großkrise ausgewachsen. Der jüngste Sonderbericht des Weltklimarats konstatiert abermals einen Zusammenhang zwischen Treibhauseffekt und Naturkatastrophen.

Und die weltweiten Kohlendioxid-Emissionen sind im Jahr 2010 so hoch gewesen wie nie, aller Klimapolitik zum Trotz. Als dieselben Journalisten Wochen später aus Durban zurückkehren, berichten sie von kleinlichem Streit um einige wenige Worte im Schlussdokument, von Staaten, die jeden Fortschritt zu untergraben versuchen, und vor allem davon, dass bis 2020 ein neues Klimaabkommen in Kraft sein soll. Vielleicht. Frühestens. Wahrscheinlich verbindlich. Dies, so sagen Verhandler, sei ein Durchbruch. Ein Durchbruch?

Berichterstattung über Klimapolitik ist eine journalistische Zerreißprobe. Die Katastrophe ist ein ständiger Begleiter, ebenso aber die politische Unzulänglichkeit. Wer mit dem Anspruch antritt, publizistisch die Welt zu verändern, wird rasch frustriert. Klimapolitik ist hierzulande längst politisch verankert; die entscheidenden Widerstände aber finden sich weit jenseits des eigenen Publikums, in den USA, Indien, Kanada. Der Appell allein nutzt hier wenig, Neuigkeiten gibt es auch selten zu enthüllen. Dafür sind die Diagnosen des Klimaproblems zu manifest, wie auch die Widerstände und Winkelzüge. Und trotzdem ist es für Umweltjournalisten eines der interessantesten Felder überhaupt. Denn kaum ein Bereich der Umweltpolitik ist so vielschichtig.

Grenzüberschreitend und schwierig zu fassen

Klimawandel ist mehr als nur die Bedrohung natürlicher Grundlagen durch ungezügeltes Wachstum. Weil er Grenzen überschreitet, ist er schwieriger zu fassen. Zwangsläufig muss sich, wer Klimapolitik ernst nimmt, mit internationaler Politik befassen, mit Entwicklungsgeschichte, mit kulturellen Unterschieden, bis hinein in die Verhandlungsführung. Wer Wege zur Bewältigung des Klimawandels durchdringen will, muss sich mit Ökonomie beschäftigen, mit der komplizierten Funktionsweise eines Emissionshandelssystems, in dem der Ausstoß von Kohlendioxid einen Preis bekommt, die Belastung der Atmosphäre gleichsam zum handelbaren Gut wird. Mit klassischem Umweltjournalismus hat dies nur noch wenig gemein. Und wer den Folgen des Klimawandels nachgeht, die sich in armen Ländern am stärksten zeigen, gerät zwangsläufi g in das Reich der Entwicklungshilfe, mit all seinen Möglichkeiten und Grenzen.

Gleichzeitig spiegeln sich im Klimaproblem nahezu alle ökologischen Probleme dieser Zeit. Da wäre etwa der erste Hauptsatz der Umweltzerstörung: Wo die Rendite lockt, hat die Natur schlechte Karten. Die meisten Umweltprobleme der Vergangenheit – seien es Smog, vergiftete Flüsse, überfischte Meere, Fahrlässigkeit im Umgang mit Atommüll – gingen mit dieser Gesetzmäßigkeit einher. Mit dem Klimawandel bekommt der Verzicht auf Nachhaltigkeit nun erstmals ein globales Gesicht. Zugleich ruft die Erderwärmung die Gefahren für Artenvielfalt und natürliche Lebensräume ins Bewusstsein – Fragen, die im Umweltjournalismus dieser Zeit leider häufi g zu kurz kommen. Und, ganz grundsätzlich, wird Klimapolitik zur Probe für den Umgang mit natürlichen Ressourcen, von Wasser und Öl bis hin zu Geothermie und Sonnenenergie. Wie in einem Brennglas bündeln sich die Umweltprobleme in dieser einen Kernkrise.

Journalistisch ist das eine immense Herausforderung. Sie liegt darin, einerseits die Geschicke der Atmosphäre zu verfolgen, sie aber andererseits in Klimapolitik einzubetten. Der Kampf um den Leser oder Zuhörer wird dabei in dem Maße schwerer, wie Medienkonsumenten durch ständige Katastrophenberichte abzustumpfen drohen. Gleichzeitig gilt es eine Brücke zu bauen zwischen der zuweilen etwas absonderlichen Klimapolitik und einer zunehmend frustrierten Öffentlichkeit. Denn aus der Ferne betrachtet scheint die einzige Chance zur Umkehr, ein neuer globaler Klimavertrag, nahezu unmöglich. Aus der Nähe gesehen stellt sich das häufi g anders dar: es ist schwer, aber nicht ausgeschlossen. Klimaberichterstattung pendelt so stets zwischen Panik und Pragmatismus.

Ökologische Risiken, ökonomische Chancen

Gleichwohl ist die Herausforderung sehr dankbar. Namentlich in Deutschland heißt Klimapolitik auch, den Wandel der Energieversorgung zu begleiten. Viel mehr noch als die Atomfrage stellt der Klimawandel eine Verbindung her zwischen Umwelt- und Energiejournalismus. Und kaum ein Thema steht in diesem Land derart für eine positive Entwicklung wie die „Energiewende“. Allein diese Verbindung zwischen ökologischem Risiko und ökonomischen Chancen birgt für die Klimapolitik noch enormes Potenzial.

Denn mit der Verknappung fossiler Ressourcen wird gelebte Umwelt- und Klimapolitik, so paradox es klingt, zunehmend auch zu einer Frage wirtschaftlichen Überlebens. Wer sich rechtzeitig auf eine Zukunft teuren und knappen Erdöls einstellt, wird im globalen Wettbewerb die besseren Chancen haben. Selten nur kann sich Umweltpolitik der Ökonomie bedienen, hier aber geht es. Für den Umweltjournalisten bedeutet das: erhöhte Wachsamkeit. Denn Fortschritt lässt sich leider nicht allein an Emissionen messen. In der Vergangenheit war das gut zu beobachten rund um die umstrittenen Agrar-Kraftstoffe, die erst als „bio“ galten und sich dann als Wegbereiter von Monokulturen und Mangelernährung entpuppten.

Derzeit sind es die Maisfelder, die überall in Deutschland die Biogas-Anlagen füttern sollen – wieder mit zweifelhaften Auswirkungen auf Böden und Landschaft. Oder der schwierige Streit über die unterirdische Speicherung von Kohlendioxid, der selbst die Umweltbewegung spaltet. Nicht alles, was dem Klima nutzt, tut auch der Umwelt gut. Und das ist dann auch schon die wichtigste Erkenntnis des Klimajournalisten: Einfache Lösungen gibt es nicht.

Der Artikel erschien bereits 2012 im Band Umwelt Europa der Friedrich-Ebert-Stiftung (Copyright: Michael Bauchmüller) .

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