Herr Stukenberg, Sie sind Jahrgang 1988 und Chefredakteur des Greenpeace Magazins. Wie haben Sie das gemacht?

Wir sind ein sehr kleiner Verlag. Das hat den Vorteil, dass Strukturen nicht so groß und Jahrzehnte gewachsen sind. Wie in großen Häusern, wo auf allen verfügbaren Positionen erfahrene Leute sitzen und dahinter auch schon viele warten, um nachzurücken. In einem kleinen Verlag bekommt man eher Chancen, sich über Projekte zu beweisen. Und klar, ich hatte Glück, ich war zur rechten Zeit am rechten Ort. Und ganz zentral: Es braucht Personen, die einem Vertrauen schenken. Das war in meinem Fall unsere jetzige Geschäftsführerin und meine Co-Chefredakteurin, Kerstin Leesch. Das ist eine große Chance.

Was können Sie besser als andere in Ihrem Haus?

Es hat eher damit zu tun, wo es dich hintreibt. Ich habe noch keine 30 Jahre Berufserfahrung, ich war noch keine etlichen Jahre Auslandskorrespondent. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass man schnell merkt, wo Stärken und Schwächen liegen. Viele Kollegen beherrschen zum Beispiel die große Reportage besser als ich. Aber bei Themensetzung, der strategischen Planung und Schwerpunktsetzung kann ich gut beitragen. Und ich hatte Lust, an Projekten zu arbeiten wie der Neugestaltung unserer Internetseite vor dreieinhalb Jahren oder dem Launch unseres Digitalmagazins vor eineinhalb Jahren. Das sind andere Aufgaben als das Schreiben. Wer darauf Lust hat, hat einen kürzeren Weg, um in verantwortliche Positionen zu kommen.

Für welches Thema haben Sie denn zuletzt gestritten?

Wir haben vergleichsweise wenig Sendefläche, sechs Ausgaben im Jahr mit 84 Seiten. Deswegen müssen wir in Sitzungen gemeinsam ganz genau klären, welche Ideen es gibt, und wie wir sie umsetzen könnten. Aber die aktuelle Europa-Ausgabe war schon ein Herzensanliegen von mir. Europa ist ein Thema, das wir in meinen Augen unbedingt besetzen mussten. Vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen wie dem Brexit ist ein Plädoyer für Europa wichtig. Wir wollten die Gemeinsamkeiten und Vorzüge dieser Gemeinschaft aufzuzeigen. Und ja, dafür habe ich gestritten. Drei unserer Kernthemen beim Greenpeace Magazin – Energiewende, Klimaschutz oder nachhaltige Wirtschaft – können sinnvollerweise nur mindestens auf europäischer Ebene, wenn nicht global, angegangen werden. Der Rahmen Europa ist für die Erreichung bestimmter Ziele wie dem Klimaschutz ganz zentral.

Vorher waren Sie vor allem Digitalstratege beim Greenpeace Magazin. Wie gut funktioniert Wissen in 140 Zeichen?

Unsere digitalen Aktivitäten sind, wir haben nur zehn Festangestellte, verglichen mit Großverlagen sicherlich übersichtlich. Ich glaube aber, dass unsere Themen nicht längenabhängig sind. Je nachdem, wie man sie betrachtet, funktionieren sie auch in wenigen Zeichen. Grundsätzlich schließe ich keine Form aus. Aber klar, wer in die Tiefe gehen möchte, braucht entsprechend Platz.

Im Gespräch: Kurt Stukenberg, seit Sommer 2016 Co-Chefredakteur des Greenpeace Magazins (Bild: privat)

Dann sind wir beim Relaunch angekommen. Das Greenpeace Magazin ist jetzt monothematisch, Sie gehen künftig tiefer rein. Auch GEO bringt monothematische Ableger heraus. Ist das ein Trend, hin zu tiefgründigem, kontextualisiertem Journalismus?

Es sind sich wohl alle einig, dass der Wert einer Nachricht extrem abgenommen hat. Journalisten haben schon lange keine Exklusivität mehr auf Neuigkeiten und Headlines, weil diese auf verschiedenste Kanälen laufen. Wer heute durch den Bahnhof läuft, liest sogar auf großen Werbe-Flatscreens Yahoo-Nachrichten. Kurze Meldungen bekommt der Leser an jeder Ecke, dazu muss niemand mehr eine Zeitung abonnieren. Die Branche steht vor der Frage, was sie leisten kann, was die Menschen nicht ohnehin gratis bekommen. Eine Antwort ist die Fokussierung auf ein Thema und die Kontextualisierung. Beides versuchen wir mit der neuen monothematischen Ausrichtung. Ich verstehe das als Ergänzung zu den vielen anderen Redaktionen, weil wir nur alle zwei Monate erscheinen. Nachrichten können daher bei uns nicht stattfinden. Unsere Stärke ist es, sehr ausgeruht und im zwei-Monats-Rhythmus an Themen ran- und in die Tiefe zu gehen. Ich sehe auch, dass wir nicht die Einzigen sind, aber ob das jetzt ein Trend ist, weiß ich nicht. Wir haben das auch nicht erfunden, es ist einfach unsere Stärke, und die wollen wir zuspitzen und konzentrieren.

Sie sind abofinanziert, was nicht gerade die Regel in Deutschland ist. Das Modell funktioniert seit vielen Jahren. Warum dann ein Relaunch? Begeben Sie sich mit einer Neuausrichtung nicht auf dünnes Eis?

Veränderungen, ob aus der Not oder einer Situation heraus, in der es noch funktioniert, sind immer mit Risiken verbunden. Aber es wäre falsch, radikale Veränderungen aus Angst auszuschließen. Und kurzsichtig, wenn wir sagen: Es läuft ja. Ein gutes Beispiel sind die klassischen Energiekonzerne. Die waren sich vor einigen Jahren sicher: Die erneuerbaren Energien pendeln sich bei drei Prozent der Stromerzeugung ein – mehr ist da nicht zu holen. Und dann sehr schmerzhaft sehen mussten, dass die Realität anders ist. Auch die Automobilbranche konzentriert sich zu sehr auf ihre lukrativen Erlösmodelle und läuft Gefahr, die Zukunft zu verschlafen. Ich glaube, ein journalistisches Produkt muss sich ähnlichen Fragen stellen: Machen wir das noch gut? Geht das noch besser? Wie entwickelt sich das? Wie können wir uns langfristig aufstellen? Wir sind ein kleiner Verlag, glücklicherweise klopfen nicht einmal im Quartal die Investoren an und sagen, sie wollen zwölf Prozent Rendite. Klar, wir müssen wirtschaftlich tragfähig sein, um unsere redaktionelle Unabhängigkeit zu garantieren. Aber wir sind frei zu sagen, wir machen eine inhaltliche Wende. Weil wir sie für wichtig und geboten halten.

Was ist die radikale Wende genau?

Zuerst fällt die neue Art der Gestaltung ins Auge. Wir haben in den letzten Jahren immer wieder kleine kosmetische Veränderungen vorgenommen. Jetzt haben wir nochmal alles in Frage gestellt, vom Titel bis hin zu den Rubriken. Zweitens die Konzentration auf ein Thema. Wir geben uns Mühe, jedes Heft neu zu erfinden. Wie unser Europa-Heft, das wird getragen von einer einzigen Geschichte über 50 Seiten. Es wird aber auch Hefte geben, die sind gemischt, mit kleinen und großen Geschichten. Vielleicht machen wir auch ein reines Optik-Heft oder ein reines Text-Heft. Und drittens der konstruktive Teil. Wir wollen nicht nur beschreiben, wie negativ die Weltlage ist. Wir wollen zeigen, dass es sich für die Leser lohnt, sich zu informieren und zu engagieren. Wir machen keine positive Berichterstattung, sondern eine konstruktive – ohne zu beschönigen.

Nicht jede Geschichte hat dabei einen positiven Zungenschlag.

Genau das nicht. Das ist eine wichtige Differenzierung zwischen positiver Berichterstattung und konstruktiver. Wir suchen nicht nach Geschichten, in denen heile Welt ist. Wir suchen nach Geschichten, die aber zumindest signalisieren, dass sich was tut. Im aktuellen Heft berichten wir beispielsweise über die Elektrifizierung Afrikas. Da ist nicht alles paletti und läuft, aber es tut sich einiges. Klar, das kann man nicht vergleichen mit westlichen Ländern, wir zeigen auch, dass es noch ein weiter Weg ist. Aber in den Mittelpunkt der Berichterstattung stellen wir Menschen, die sich Gedanken machen, Unternehmen, die große Impulse geben, Firmen, die mit Wagniskapital einiges bewegen. Wir werden auch weiter in aller Deutlichkeit recherchieren und schreiben, wenn etwas schiefläuft. Aber wir suchen nach Leuten, die sich Gedanken über die Zukunft machen. Sonst fehlt auch was im Journalismus. Leider hören zu viele Redaktionen auf, nach der Schilderung der Tatsachen. Sie fragen zu selten: Was machen wir jetzt? Wir stellen diese Fragen von Anfang an, bei jeder Geschichte.

Die meisten Journalisten sind dazu ein Gegenpol, sozusagen dekonstruktive Journalisten. Sie verfolgen den Ansatz, Missstände aufzuzeigen, um den Leser dadurch zu motivieren. Wenn aber im Mittelpunkt jeder Geschichten Menschen stehen, die sich engagieren – kann das nicht auch einschläfernd wirken auf die Leser?

Ich sehen das nicht als Gegensatz, sondern als Ergänzung. Es ist der blinde Fleck, den wir hinzufügen wollen. Wir schläfern den Leser nicht ein, das ist bei unseren Themen nicht möglich. Man kann keine Klimawandelgeschichte machen und sagen: Läuft ja alles. Das ist inhaltlich schlicht nicht haltbar. Die klassischen Verlage stehen vor großen Herausforderungen und müssen sich fragen, woran das liegt. Zum Teil sicher an der Art der Berichterstattung. Wenn Krisen globalisiert werden und Herausforderungen nicht mehr von einzelnen Akteuren und Ländern zu lösen sind, bekommt der Leser das Gefühl, dass es an jeder Ecke brennt. Da kann eine totale Überforderung eintreten, daraus entsteht Lethargie. Wir wollen zeigen: Es tut sich was!

Stichwort Klimawandel: Wie kommunizieren Sie die Debatte darüber vor dem Hintergrund, dass mit der AfD die drittstärkste Partei im Bundestag den Klimawandel leugnet?

Im besten journalistischen Sinne und mit Blick auf den wissenschaftlichen Kontext. Wir machen keine Fake-News und keinen Kampagnenjournalismus. Wir schreiben, dass 97 Prozent der Wissenschaftler den Klimawandel für menschengemacht halten und wieso es nicht 100 Prozent sind. Und wir erklären, was eine 97-prozentige Einigkeit bedeutet und welche Akteure den Klimawandel leugnen.

Sie sprechen den Begriff Fake-News an. Er hat dazu geführt, dass viele Menschen Vertrauen in den Journalismus verloren haben. Manche unter ihnen glauben grundsätzlich nicht mehr, was Journalisten schreiben.

Wenn jemand meine Argumente nicht mehr auf den Prüfstand stellt oder Stellung dazu nimmt, weil ohnehin alles falsch ist, was ich sage – dann habe ich natürlich ein Problem. Das ist das Ende von Debatte und Meinungsaustausch. Weil beides darauf basiert, sich den Argumenten der Debatte zu stellen und sachliche Gegenargumente zu liefern, die nachprüfbar und korrekt sind. Wer das nicht tut, entzieht sich dem Prinzip der Auseinandersetzung. Wie will ich jemand von Fakten mit sauberen Argumenten überzeugen, wenn mein Gegenüber alles was ich sage, in Frage stellt? Nur, weil ich es sage. Da bin ich tatsächlich ratlos, bin aber offensichtlich damit auch nicht alleine.

Trotzdem können die meisten Menschen mit stichhaltigen Argumenten erreicht werden. Dazu gehören wahrscheinlich auch die Leser ihres Magazins. Die haben Sie einmal ungefähr so definiert: Gut situiert, gleich viele Männer wie Frauen, ökologische Grundwerte. Jetzt rennen Sie mit ihren Themen ja offene Türen bei dieser Leserschaft ein, wie aber erreichen Sie Leser außerhalb dieses Milieus?

Wie alle anderen auch, am einfachsten durch das digitale Netzwerkprinzip. Wir können schnell in den News-Stream rutschen, wenn eine Geschichte gut platziert ist. Wer als Redaktion aber ganz andere Menschen erreichen will, muss das selber machen. Rausgehen, den Kontakt suchen auf Veranstaltungen. Das machen andere Medien vor: die Handelsblatt-Dialoge, die Zeit mit der Z2X-Konferenz. Dinge, über die auch wir nachdenken.

Der Name ist nicht nur Programm, sondern auch Bürde. Sie haben schon erwähnt, keinen Kampagnen-Journalismus betreiben zu wollen. Wie schwierig ist das, wenn auf dem Cover Greenpeace steht?

Erstmal ist der Name eine starke Marke. Ich glaube allerdings, dass auch das Magazin nach 24 Jahren eine eigenständige Marke ist. Wir berichten völlig frei, haben aber eine politische Orientierung und einen gewissen Blick auf unsere Themen. Das halten wir auch für richtig. Und dafür ist der Name Greenpeace Magazin nicht verkehrt. Bei uns ist auf dem Cover schon klar, wo die Reise hingeht. Aber nochmal, wir begleiten Themen kontrovers und schreiben niemand nach dem Mund. Wir sehen uns als Raum für Debatte innerhalb des nachhaltigen Lagers.

Unter Journalisten genießt das Greenpeace Magazin einen guten Ruf, Sie bezahlen auch überdurchschnittlich.

Ich finde es schockierend, dass es in großen Häuser mit großen finanziellen Möglichkeiten aufgrund von Werbe-Einnahmen, florierenden Veranstaltungen oder gigantischen Verlagsshops Reporter und Autoren tagelang losschicken und dann für 30 000 Zeichen 800 Euro bezahlen. Das machen wir anders, die Leute, die für uns unterwegs sind, bekommen ein gutes Honorar. Sonst finde ich es unglaubwürdig, von Nachhaltigkeit, Fairness, Solidarität und Fair Trade zu schreiben und zu lesen.

Klimawandel, Energiewende, Dieselgate. Thematisch können Sie momentan aus dem Vollen schöpfen. Mit welchen Themen wollen Sie im nächsten Jahr überraschen?

Die monothematische Ausrichtung und die konstruktive Berichterstattung sind innerredaktionelle Entwicklungsschritte. Das geht nicht auf Knopfdruck. Da müssen wir uns ranrobben – wir sind noch in der Selbstfindungsphase. Wir haben natürlich große Themen auf dem Zettel, Globalisierung, Artenvielfalt, Meere. Wir werden aber auf jeden Fall mit den Themen stark jonglieren, auch aufgrund aktueller Entwicklungen. Hier ist nichts in Stein gemeißelt. Wir wollen alle Themen regelmäßig auf den Prüfstand stellen, wenn in der Gesellschaft ein Thema hochkocht, wie beispielsweise der internationale Handel, dann machen wir kein Heft über den Wald. Dazu sind wir viel zu politisch.

Interview: Johannes Giesler

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