Von Torsten Schäfer

Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen werden verstärkt in der Öffentlichkeit diskutiert, was Folge eines umfassenden „Greenings“ vieler gesellschaftlicher Ebenen bis hin zum ökonomischen Sektor ist. Nachhaltigkeit ist inzwischen zu einem der wichtigsten Marketingthemen geworden, mit denen Unternehmen branchenübergreifend ihr Image pflegen möchten, wie etwa Studien des Lehrstuhls für Umweltmanagement der Universität Stuttgart-Hohenheim zeigen. 

Insbesondere diese Integration des Themas in das unternehmerische Denken hat dazu geführt, dass „grüne“ Themen in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind und stärker denn je diskutiert werden. In vielen Bereichen hat die Frage nach nachhaltigen Produktions-, Verhaltens- und Denkweisen die Agenda erobert. Auch das Alltagsdenken ist beeinflusst, da die Frage nach einem grünen Lebensstil bei einigen Verbrauchern in den Vordergrund rückt – in Büchern über Bio-Kost, behördlichen Anleitungen zum Energiesparen oder Reisekatalogen, die Ökotourismus anbieten.

Im Buch- und Filmsektor sind die Motive Wildnis und Natur prominent vertreten, was durch verwandte Lifestyle-Trends wie Gärtnern eine Ergänzung erfährt. Insgesamt ist zu erkennen, dass ein neuer, sich verstetigender Themenstrang entstanden ist. Die Entwicklung ist vergleichbar mit dem Aufkommen des Themas „Bildung/Wissen“, das sich nach dem ersten Pisa-Test in der öffentlichen Debatte festgesetzt und medial in Form neuer Themen-Seiten, Sendungen und Magazine niedergeschlagen hat.

Nachhaltigkeit ist eine Dimension, kein geschlossenes Thema. Umso wichtiger sind Kompetenzen in Einzelthemen - ohne das Konzept der Nachhaltigkeit zu vergessen.

Nachhaltigkeit ist eine Dimension, kein geschlossenes Thema. Umso wichtiger sind Kompetenzen in Einzelthemen – ohne das Konzept der Nachhaltigkeit zu vergessen.

Die folgende Grafik zeigt die Entwicklung des Begriffes „Nachhaltigkeit“ in deutschen Tageszeitungen von 1992-2012 nach einer Analyse mit der Wirschaftsdatenbank Genios (einfache Schalgwortsuche). Sie unterstreicht die allgemeine, stark gestiegene Bedeutung des Themas. Freilich ist dies nur eine quantiative, einfache Begriffsanalyse, die nichts über die qualitative Verwendung des Wortes besagt; auch Greenwashing kann sich hinter Nachhaltigkeit verbergen.

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Politische Ereignisse als Treiber

Treibende Kraft hinter dem öffentlichen Thementrend sind auch besondere politische Entwicklungen. Die nukleare Katastrophe in Japan hat 2011 nicht nur das zuvor schon begonnene Greening der Parteienlandschaft beschleunigt, sondern auch eine historische Energiewende ausgelöst, die der politischen Diskussion eine neue, noch stärkere grüne Komponente hinzugefügt hat – auch wenn in den aktuellen Debatten wichtige Verknüpfungen fehlen und vor allem von Kosten und kurzen Zeiträumen die Rede ist.

Der zweite bedeutende Stimulus der politischen Sphäre ist der Klimawandel. Das Thema war teils so dominant, dass es andere grüne Fragen überlagerte. So ambivalent seine Wirkung auf den Kanon der Nachhaltigkeitsthemen ist, so eindeutig ist seine enorm gestiegene Bedeutung für die nationale, europäische und internationale Politik. Bundesregierung, EU und UN, v.a. aber auch die Wissenschaft, haben durch die stete Behandlung der Erderwärmung dazu beigetragen, dass die Öffentlichkeit das Thema oft diskutiert.

Die politische Bedeutung, die vor allem durch den rasant fortschreitenden Klimawandel (IPCC-Berichte) und seiner Folgen (Bericht zu den Kosten der Klimafolgen von Sir Nicholas Stern) zustande kam, wurde durch die mediale Inszenierung des Themas ab 2005/6 gestärkt. Damit hängt, so ist zu vermuten, auch der zeitliche Bedeutungsanstieg von „Nachhaltigkeit“ in den Zeitungen (siehe Grafik) zusammen. Dies müsste noch genauer untersucht werden.

Viele große Ereignisse fielen zusammen zu dieser Zeit, angefagen bei dem Oscar-prämierte Dokumentarfilm Al Gores über die Verleihung des Friedensnobelpreises an ihn und den Weltklimarat IPCC bis hin zum Hurrikan Katrina und die vor allem die Klimakonferenz von Bali genannt. Diese ungewöhnliche Verkettung wissenschaftlicher Großereignisse mit medialer Inszenierung hat dem Klimawandel eine starke Bedeutung verschafft. Er ist zu einem auch negative Themenzyklen überstehenden Metathema (Prof. Irene Neverla, Hamburg) geworden, an das andere Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen angedockt werden und auf das Journalisten besonders stark reagieren.

Praxisrelevante Forschungsergebnisse

Die jüngere kommunikationswissenschaftliche Forschung hat nur wenige Beiträge hervorgebracht, die sich dezidiert dem Zusammenhang von Nachhaltigkeit und Journalismus beschäftigen. Arbeiten sind am Adolf-Grimme Institut, dem am Wuppertal Institut angegliederten Centre on Sustainable Consumption and Production (CSCP) sowie an den Hochschulen Bremen und Darmstadt entstanden. Hinzukommen Aufsätze in Publikationen wie „Fachjournalist“ oder „WPK Quarterly“, der Vierteljahresschrift der Wissenschaftspressekonferenz. Eine Übersicht über die Facharbeiten hat „Grüner Journalismus“ ebenfalls publiziert.

In den Werken geht es grundlegend um den gesellschaftlichen Rahmen, in denen nachhaltigkeitsorientierter Journalismus stattfindet, um seine Forschungsdefizite sowie um Defizite und Kennzeichen, die öfter aber mehr allgemeinjournalistischer Art denn wirklich themenspezifisch sind. Noch eine Frage ist wichtig: Welche Ergebnisse dieser jüngeren Forschungen sind relevant für die journalistische Praxis – und lassen sich damit auch produktiv in die Lehre einbauen? Im Folgenden wurde versucht, die Punkte aus den jüngeren Fachartikeln und Studien zu destillieren, die erkennbare Praxisrelevanz haben oder auch wichtige Hintergründe für die journalistische Arbeit sein können

– Generelle Defizite: Diese Punkte finden sich in vielen Analysen zur Umwelt- und Nachhaltigkeitsberichterstattung: zu wenige Hintergründe, stark negative Perspektiven, monokausale statt multikausale Erklärungen, Fokus auf Ereignisse statt Ursachen, Dominanz von Politikern und Wirtschaftsvertretern und tendenzielles Ausblenden von Normalbürgern und Betroffenen, Wiederholung von Stereotypen und Klischees, reaktives statt präventives Berichten, fehlendes Herunterbrechen überregionaler Ursachen auf lokale Auswirkungen. All dies wird erklärt durch Zeit-, Personal- und Platzmängel, die wiederum Ergebnis der Unterfinanzierung der Redaktionen seien. Insgesamt ist dies unter dem Stichwort „Recherchekrise“ zusammenzufassen. Der zweite Punkt daneben – und Grund für die obigen Defizite – ist das fehlende Sachwissen in Redaktionen durch mangelnde themenspezifische Aus- und Weiterbildung sowie Vorbildung: Die wenigsten Journalisten haben eine naturwissenschaftlich-technische Vorbildung, die geisteswissenschaftliche Vorbildung überwiegt.

– Elitenproblem: Es scheint schwer, das Thema für die breite Bevölkerungsschicht aufzubereiten. Die neuen Formate, die zur Nachhaltigkeit entstanden sind, sind eher elitär orientiert. Ausbildungsansätze, wie sie etwa das CSCP-Zentrum entwickelt hat, haben bisher offenbar nicht wirklich gefruchtet.

– Erste thematische Eindimensionalität: Der mediale Diskurs zu grünen Themen ist stark von der Perspektive der Naturwissenschaften und Ingenieurswissenschaften her geprägt. Soziale und kulturelle Betrachtungsweisen sind demgegenüber selten, Fragen des menschlichen Handelns und der Verantwortung (Umweltbildung) werden überwiegend ausgeblendet.

– Zweite thematische Eindimensionalität: Aus diesen Perspektiven heraus blickt die Darstellung oft rein ökologisch auf Nachhaltigkeitsthemen. Deren Aspekte hinsichtlich Gerechtigkeit, Partizipation und Lebensqualität sind unterbelichtet.

– Dritte thematische Eindimensionalität: Wenn Medien Nachhaltigkeit gezielt betrachten, geschieht dies offenbar oft unter ökonomischem Blickwinkel. Das zeigt die Diplomarbeit von Gesa Lüdecke klar auf, die Nachhaltigkeitstexte in der Frankfurter Rundschau untersucht hat. Texte zum Konzept Nachhaltigkeit machten rund neun Prozent aus, dominant waren unternehmerische Perspektiven – und damit auch Unternehmen als Akteure der Nachhaltigkeit.

– Neue Unübersichtlichkeit: Die klassische Umweltberichterstattung steht nicht mehr vorne.  Sie wird teils unkenntlich, denn die Umweltprobleme sind komplexer geworden und mehrdimensionaler – in Richtung nachhaltiger Entwicklung und neuer Themenverknüpfungen.

– Unbekannte Wirkung: Aufgrund der wenigen Forschungen zur medialen Nachhaltigkeit ist auch bisher nichts bekannt zur Frage, wie Nachhaltigkeitsberichte wirken. Die Rezeptionsforschung hat hier große Aufgaben vor sich.

– Einzelthemen: Der Darmstädter Professor Peter Seeger zeigt in seinem Werkstattbericht „Qualitätsjournalismus am Beispiel des Zukunftsthemas ´Nachhaltige Entwicklung und Lebensqualität´ auf den Seiten 26-29 eine Fülle von Einzelthemen aus dem Nachhaltigkeitsspektrum auf, die eine praktische Orientierung zur Themensuche bietet.

– Themenbedeutungen: Der Politologe Sandor Ragaly zeigt im Buch „Medien und Policy“ (S. 75), welche in diesem Fall Umweltthemen nur eine geringe mediale Attraktivität aufweisen, weil sie den Nachrichtenfaktoren nicht entsprechen. Die Arbeit kann bei der Einordnung der eigenen Themenideen helfen.

NachrichtenFaktor Atomkraft Waldsterben Saurer Regen Chemie Abfall Stoffströme Flächen-verbrauch Arten-verlust Klima Boden/Grund-wasser
Konflikt 3 3 3 3 2 1 1 2 3 2
Schaden 3 3 3 3 1 1 2 2 3 2
Reichweite(Betroffenheit) 3 3 3 3 2 1 2 2 3 3
Etablierung 3 3 3 3 3 1 1 3 3 1
Prominenz (unpolitische Akteure) 3 3 3 2 2 1 1 3 3 1
PersönlicherEinfluss (politische Akteure) 3 3 3 3 2 1 1 2 3 1
VisualisierBarkeit 1 3 3 3 2 1 1 3 2 1
Erfolg 2 2 2 1 3 1 1 1 2 1
Überraschung 3 3 2 3 1 1 1 1 1 1
Eindeutigkeit 3 3 2 3 2 1 2 2 1 2
Dauer 2 2 1 3 1 1 1 1 1 1
Personalisierung (Identifikation) 3 1 1 2 1 1 1 2 1 1

1 = Faktor greift kaum/nicht; 2 = teilweise; 3 = eher stark bzw. stark, Quelle: Ragaly, Sandor: Der Einfluß der Medien in der Umweltpolitik aus Sicht der Nachrichtenwerttheorie. In: Medien und Policy. Neue Machtkonstellationen in ausgewählten Politikfeldern. Frankfurt am Main 2007, S. 69-83.

Deutlich wird, dass neben dem Klimawandel nur gewisse ältere Umweltprobleme wie Atomkraft, Waldsterben, Saurer Regen und Chemikalien viele Nachrichtenfaktoren erfüllen. Andere Themen wie Flächenverbrauch, Bodenschutz und Grundwasser, Stoffströme oder Abfall erfüllen die Kriterien weit weniger. Es ist also zu vermuten, dass diese Themen öfter ausgeblendet bleiben. Deutlich wird insgesamt, dass sich künftig die Berichterstattung stärker auf alltägliche, weniger ereignishafte und eher schleichende Umweltprobleme konzentrieren muss.

Nachhaltigkeit und Journalismus: Welche besonderen Kompetenzen entstehen?

Die Analyse führt abschließend zu einer wichtigen Frage: Welche Kompetenzen könnten Journalisten speziell zur nachhaltigen Entwicklung erwerben – also wirkliche besondere Qualifikationen, die sich von reinen Umweltkompetenzen, ausgefeiltem Energie-Sachwissen oder Recherchekünsten in der Wissenschaft unterscheiden? Hier kommt ein erster Vorschlag.

Journalisten mit Nachhaltigkeitswissen stellen

  • unerkannte Verknüpfungen zwischen ökologischen Themen her
  • zeigen unerkannte Verknüpfungen zwischen ökologischen, sozialen, ökonomischen, politischen und kulturellen Themen auf
  • berichten über ganz neue Einzelthemen aus den Nachhaltigkeitswissenschaften
  • betonen die dauerhafte Wirkung eines Vorgangs (Blick auf die Generationenfrage)
  • stellen die strukturelle Frage nach globalen Gerechtigkeitszusammenhängen
  • öffnen den Blick für die Partizipationsfrage, also der größtmöglichen Einbindung der Gesellschaft in Entscheidungsprozesse

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass, soweit sich das in dieser frühen Phase seiner akademischen Erkundung modellieren lässt, Journalisten mit Nachhaltigkeitskompetenz einerseits durch spezifisches Sachwissen konkrete neue Einzelthemen in die Debatte einbringt. Sie haben darüber hinaus eine ganzheitliche Sicht auf die Dinge und fragen auch nach den Punkten Gerechtigkeit, Lebensqualität und Partizipation.

Auch deshalb lässt sich auch von „engagiertem Journalismus“ sprechen – einem Thema, das in der Debatte zu grünem Journalismus, ob in Hochschulseminaren,  auf Fachkonferenzen, in Redaktionen oder im Wissenschaftsgespräch mit Kollegen – auf großes Interesse stößt. Deshalb müssen sich Wissenschaft und Praxis dieser Diskussion ganz besonders annehmen. Einen eigenen Entwurf bieten wir unter „Ideen und Ziele“ an.

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