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Die Wissenschaftler locken die Mücken mit CO2 und Trockeneis an, um sie dann untersuchen zu können. (Bild: Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung)

Womit beschäftigt sich Ihr Forschungsgebiet?

Der Fokus liegt auf Mücken, vornehmlich Stechmücken. Hier interessiert uns besonders ihre Verbreitung in Deutschland und welche Mücken wo neu einwandern. Für einige europäische Nachbarländer gibt es Mückenkarten, sodass bekannt ist, welche Arten in welchen Gebieten vorkommen. Dazu gibt es in Deutschland noch nicht viel. Vor allem ist bei vielen Arten unbekannt, welche Krankheiten sie wirklich übertragen können. Wie oft sprechen wir von der Tigermücke oder weiteren Einwanderern – aber wir wissen noch nicht einmal genau, welche Krankheiten unsere gewöhnliche Hausmücke übertragen kann.

Warum haben Sie sich für dieses Forschungsgebiet entscheiden?

Es ist schön, eine Brücke zwischen Forschung und dem Nutzen für die Bevölkerung schlagen zu können. Zu wissen, dass wir durch unsere Forschung zu Präventivmaßnahmen beitragen können, also den Menschen indirekt zu helfen. Außerdem interessiert mich die Vielfalt der Krankheiten, die eventuell auftreten könnten.

In welchem Zusammenhang steht Ihr Forschungsgebiet mit dem Klimawandel?

Es heißt, dass sich manche Arten mit dem Klimawandel und den damit verbundenen milderen Temperaturen weiter nach Norden ausbreiten. Ein Beispiel hierfür ist die Tigermücke. Die in Deutschland mittlerweile heimischen Buschmücken dagegen sind relativ kältetolerant. So verhält es sich auch bei der Sandmücke, die vor kurzem erstmals in Hessen nachgewiesen werden konnte. Viele Arten wurden lange Zeit nur übersehen, da die Tiere im Schnitt zwei bis drei Millimeter groß sind.

Welche Bedeutung hat Ihre Forschung für das Rhein-Main-Gebiet?

Wir beproben auch das Rhein-Main-Gebiet und ermitteln, welche Arten in welchen Regionen vorkommen. Zum einen, um die Artenvielfalt zu bestimmen, zum anderen, um Regionen mit möglichen Krankheitsüberträgern zu identifizieren und im Auge zu behalten. Allerdings ist bei vielen Arten noch nicht vollständig geklärt, welche Krankheiten sie übertragen können.

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Dr. Christian Melaun forscht seit 2011 im Bereich der Parasitologie (Bild: Kevin Keiner)

Wenn Sie sagen, dass Sie das Rhein-Main-Gebiet beproben, was dürfen wir uns darunter vorstellen?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten. Entweder platzieren wir an bestimmten Stellen spezielle Mückenfallen oder wir nehmen direkt Proben, Larven zum Beispiel. Es empfiehlt sich dorthin zu gehen, wo viele Arten ihre Habitate haben, wie Überschwemmungswiesen. Wir beproben auch bei Privatpersonen, indem wir Fallen in ihrem Garten aufstellen. Da entdecken wir in der Regel heimische Mücken. Manche Arten finden wir besonders auf Friedhöfen. Ein Beispiel ist die Buschmücke, die für ihre Larven stehende Gewässer bevorzugt, wie in Friedhofsvasen und Regentonnen.

Die Mückenfallen sind allerdings in den seltensten Fällen die haushaltsüblichen Klebestreifen…

Wir arbeiten hauptsächlich mit CO2 oder Trockeneis als Lockmittel. Davon werden die Mücken angezogen. Eine gängige Methode bei uns ist auch, dass wir im Freien auf dem Feld die Tiere abfangen, die auf uns selbst landen. (Er lacht) Das funktioniert sogar recht gut. Manchmal stoßen wir auf interessante Funde. Es war zum Beispiel reiner Zufall, dass in Gießen die Sandmücke entdeckt wurde. Wir hätten sie dort niemals erwartet.

Gibt es neue Parasiten im Rhein-Main-Gebiet, die im direkten Zusammenhang mit dem Klimawandel stehen könnten?

Bei den Stechmücken weniger. Es gibt Nachweise, dass Organismen mit der Zeit hier eingewandert sind. Ob das in direktem Zusammenhang mit dem Klimawandel steht, ist schwer zu sagen. Man muss hier zwei Wege unterscheiden: Sind die Organismen eingewandert? Oder durch Menschen hierher gebracht worden und konnten eine ökologische Nische finden und sich verbreiten? Der zweite Weg ist durch die Globalisierung heutzutage eigentlich der häufigere. Findet eine eingeschleppte Art geeignete Bedingungen für ihre Ansprüche, kann sie sich niederlassen, verbreiten und sogar heimische Arten vertreiben. Durch den Klimawandel können sich hier wärmeliebende Arten ansiedeln, denen es früher unter anderen Temperaturbedingungen nicht möglich gewesen wäre.

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Ein Mückenkasten mit einigen hundert Mücken aus dem Rhein-Main-Gebiet. (Bild: Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung)

Wie lässt sich herausfinden, auf welchem Weg die Mücken eingewandert sind?

Teilweise lässt sich die Route nachvollziehen, auf der die Tiere eingeschleppt wurden. Stechmücken gelangen häufig über den Altreifen-Handel ins Land. Die Eier der Tiger- und Buschmücken werden gerne in Zwischenräume alter Reifen abgelegt. In einigen Teilen Europas ist gesichert, dass dort nicht nur die Busch-, sondern auch die Tigermücke so eingereist ist. Darüber hinaus konnten sie sich durch gute Bedingungen ausbreiten und möglicherweise sogar weiterwandern.

Gibt es neue Krankheiten im Rhein-Main-Gebiet, die durch neue Mückenarten auftauchen?

Zum Glück nicht nachweislich durch Einschleppung von Stechmücken. Es gibt neue Krankheiten, die in Deutschland auftauchen: Parasitosen, Zoonosen. Das ist allerdings weniger auf den Klimawandel zurückzuführen als auf das Verhalten der Menschen. Ein Beispiel sind mit Leishmaniose infizierte Hunde aus Süd- oder Osteuropa, die Bildschirmfoto 2014-12-15 um 11.24.49die Menschen aus dem Urlaub mitbringen. Auf dem gleichen Weg sind wahrscheinlich auch Filarien, also Herz- oder Hautwürmer, nach Deutschland gekommen. Diese können auch von unseren beheimateten Mückenarten übertragen werden. Im Labor konnte festgestellt werden, dass Leishmaniose von einheimischen Sandmücken weitergegeben werden kann. Es gibt nachweislich Fälle in Deutschland, Menschen wie Tiere, die sich hier angesteckt haben. Diese fallen durch ihre Seltenheit zum Glück aber nicht ins Gewicht. Um es etwas zu relativieren: Viele Mückenarten übertragen keine Krankheiten.

Mit welchen Krankheiten sehen Sie das Rhein-Main-Gebiet in Zukunft konfrontiert?

Es ist kaum möglich, darüber eine Aussage zu treffen. Vor ein paar Jahren hatten wir zwei Malaria-Fälle in Duisburg. Jemand kam infiziert aus Afrika wieder, wurde ins Krankenhaus auf die Isolierstation gebracht und dort von einer einheimischen Mücke gestochen. Sie hat in dem Krankenhaus dann zwei weitere Leute angesteckt. Im Normalfall haben einzelne Krankheitseinschleppungen keine große Bedeutung für die Gesamtbevölkerung. Es ist aber schon kurios: Im Krankenhaus mit Malaria angesteckt.

Viele fragen sich, ob Malaria auch zu uns kommen kann. Dabei wird oft vergessen, dass wir Malaria bis in die 40er Jahre in Deutschland hatten. Sie ist zwar mit der Trockenlegung der Sümpfe verschwunden, aber den Überträger haben wir. Nur den Erreger haben wir hier nicht mehr im Land.

Müssen wir Menschen uns an die Veränderungen, die damit einhergehen, anpassen?

In manchen Gebieten treffen die Einwohner bereits Schutzmaßnahmen, aber das liegt an unseren einheimischen Arten. Das war schon immer so. Es kann natürlich sein, dass in manchen Gegenden Stechmücken besonders häufig auftreten werden. Vielleicht kommen weitere Gebiete hinzu. Das hängt mitunter vom Winter ab: Kältere sind schonender für die Mücken. Bei warmen Wintern beziehungsweise stark wechselnden Temperaturen können viele Larven verpilzen. Ihr Organismus wird öfter angeregt und das ist für die Entwicklung der Larve nicht optimal. Präventiv ist es sinnvoll, entsprechende Kleidung anzuziehen, etwas Langärmliges auch im Sommer, vielleicht entsprechende Sprays zu benutzen oder vermehrt Fliegengitter anzubringen.

Was kann jeder Einzelne tun, wenn er eine ungewöhnlich erscheinende Mücke entdeckt?

Das Beste, was ich empfehlen kann, wenn die Leute irgendetwas Ungewöhnliches sehen: Fangen, fotografieren und uns den Fund zusenden, damit wir ihn untersuchen können. Je früher man fremde Arten erkennt, desto eher kann man eine Etablierung verhindern.

Von Ann-Kathrin Schütze und Hannah Wetter

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Tigermücke, Buschmücke und Co. – für Ann-Kathrin sehen die kleinen Plagegeister im Alltag alle gleich aus. Wie erstaunlich sich eine Mückenart von der anderen unter dem Mikroskop unterscheidet, fasziniert sie daher umso mehr.

Hannah wird im Sommer von Stechmücken so gut wie nie attackiert. Sie werden wohl von ihren Mitmenschen mehr angezogen.

Hannah wird im Sommer von Stechmücken so gut wie nie attackiert.
Sie werden wohl von ihren Mitmenschen mehr angezogen.

 

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