Ich hänge vollgestopft am Tisch und nippe an meinem Bier. Mein Onkel schaufelt sich bereits die dritte Ladung Spätzle auf seinen Teller und überschüttet sie mit reichlich Boeuf Bourguignon. Der französische Eintopf aus massenweise Rindfleisch und Rotwein mit etwas Gemüse scheint einfach nicht auszugehen. Die kleinen Cousins flitzen schrill schreiend durchs Wohnzimmer während die ältere Generation sie immer wieder ermahnt, ruhig zu sein. Mein Magen schmerzt, wenn ich nur an den Nachtisch denke, der schon bereitsteht. Vorher aber noch einen Schnaps. Den ganzen Abend schon leert sich eine Flasche Wein nach der anderen. Mein Bruder und ich bleiben lieber beim Bier.

Fressen bis das Christkind kommt

Die Weihnachtsfeiertage gleichen in meiner Familie immer einer maßlosen Völlerei. Am Tag zuvor, an Heiligabend, landeten bereits Unmengen an Fleisch auf dem Grill. Seit mein Vater die Erlaubnis meiner Mutter erhielt, 500 Euro in einen Gasgrill zu investieren, wird der so gut wie immer angeheizt, wenn ich zu Besuch komme. So brutzelten wir zu viert 1,2 Kilo Garnelen-Hack-Bällchen und 1,3 Kilo Lammschulter mit Ofen-Gemüse. Zum magensprengenden Abschluss folgte noch ein guter Liter Crème Brûlée. Am ersten Feiertag mit erweiterter Familie blubbern dann zwei Kilogramm Rindfleisch im Eintopf mit Karotten und Champignons. Als ich den Himbeerquark gekrönt mit Spekulatius-Krümeln in mich hineinstopfe, komme ich plötzlich ins Grübeln: Geht es an Weihnachten in allen Familien so zu? Und wenn ja, was hat das für Auswirkungen? Ich beschließe nach den Feiertagen zu recherchieren. Aber erst noch einen Schnaps. Und die Plätzchen von meiner Tante sehen auch lecker aus.

Tatsächlich geht es nicht in jedem Haushalt so zu. Etwa 43 Prozent der Deutschen essen laut einer Umfrage von Shoppingkanal QVC und Statista ganz klassisch Kartoffelsalat mit Würstchen an den Feiertagen. Bei 33 Prozent landet eine Gans auf dem Tisch. Dieser traditionelle Weihnachtsbraten kommt oft tiefgekühlt aus dem Supermarkt. Nur etwa 20 Prozent der Gänse wachsen aber in Deutschland auf. Die meist polnischen oder ungarischen Tiere stammen häufig aus Intensivmast. Sie sterben bereits im Alter von neun bis zwölf Wochen im Schlachthaus, nachdem sie auf engstem Raum mit billigstem Futter gemästet wurden. Im schlimmsten Fall rupfen die Züchter die Vögel davor mehrmals bei vollem Bewusstsein, um die nachwachsenden Daunen teuer zu verkaufen. Bei der Discounter-Gans aus der Kühltruhe sollte man also misstrauisch werden und sich lieber nach einem Bio-Tier umschauen. Und es könnte ja sogar vegetarisch gehen; die Klimaauswirkungen der Zucht von Schweinen- und vor allem Rindern, die zu den Festtagen auch häufiger auf den Tisch kommen, sind bekannt. Und bringen mich einmal mehr zum kritischen Nachdenken über diese Völlerei.

Schön verpackt und schon zerfetzt

Also zurück zum eigenen Frevel: Während die Erwachsenen am Küchentisch weiter dem Alkohol und anderen Köstlichkeiten frönen, reißen die Kinder wie im Wahn ihre Geschenke auf. Ich sehe bunt glitzerndes Geschenkpapier durch die Luft fliegen. Farbige Plastikbänder werden mit der Schere oder wahlweise mit den Zähnen zerrissen und weihnachtliche Briefumschläge zerfetzt. Alles landet auf einem riesigen Müllberg neben dem hell erleuchteten Tannenbaum. Am nächsten Morgen sehe ich überall im Ort überquellende Mülltonnen und gigantische Pappkartons vor den Häusern.

So ist es wohl in fast jeder Stadt. Im bayerischen Nördlingen etwa gibt es zur Weihnachtszeit laut Abfall-Wirtschafts-Verband tatsächlich 20 bis 30 Prozent mehr Müll. Deutschlandweit landen im Durchschnitt zehn Prozent mehr Abfälle in der Tonne. Dazu trägt nicht nur das Geschenkpapier bei. Auch Essensreste, von denen sowieso schon mehr als elf Millionen Tonnen pro Jahr weggeschmissen werden, steigen zu Weihnachten enorm an. Hinzu kommen noch die Plastikverpackungen der geschenkten Produkte. Und auch der Weihnachtsbaum landet früher oder später auf dem Müll.

Lieferwahnsinn

Ich selbst bin spät dran mit den Gaben, wie jedes Jahr. Die Feiertage stehen vor der Tür und ich konnte mich noch nicht dazu aufraffen, Geschenke zu besorgen. Auf eine Shoppingtour in der Innenstadt habe ich aber so gar keine Lust. Dort überrennt mich nur eine Horde Gleichgesinnter, die wie wild durch die Geschäfte hastet. Da klappe ich doch lieber mein Notebook auf und suche gemütlich von der Couch aus nach den passenden Dingen. Mit gut gefülltem Warenkorb klicke ich mich durch den Bezahlvorgang, als mir der Liefertermin ins Auge fällt. Trotz Premiumversand sollen meine Päckchen erst am 23. Dezember kommen. Hoffentlich geht beim Versand alles gut, denke ich und drücke auf „Bestellen“.

Die Paketzusteller rechnen im gesamten Jahr 2017 mit mehr als drei Milliarden Paketen. An den Werktagen vor Weihnachten steigt das Aufkommen gegenüber normalen Tagen um und die Hälfte an. Und an Spitzentagen fahren die Boten zur Weihnachtszeit laut dem Bundesverband der Paket- und Expresslogistik mehr als 15 Millionen Kartons aus. Diese Menge können die Unternehmen nur bewältigen, indem sie 25.000 zusätzliche Saisonarbeiter einstellen. Hinzu kommen noch 10.000 extra angemietet Lieferwagen. In diesem Jahr vereinbarten die Logistikunternehmen zum ersten Mal eine begrenzte Anzahl Pakete mit Online-Versandhäusern wie Amazon. Sie wollen nur noch das zusagen, was sie auch tatsächlich bewältigen können. Die Zusteller haben Angst, ihre Versprechen nicht mehr einhalten zu können und legen deshalb Obergrenzen für verschieden Regionen fest. Alles was darüber hinaus geht, bleibt liegen. Ein Schritt, der den Online-Bestellern zu denken geben sollte. Vielleicht macht es doch Sinn, das ein ober andere Geschenk persönlich im Laden zu kaufen. Die schlecht bezahlten und unter miesen Bedingungen arbeitenden Saisonkräfte werden es einem danken.

Helle Nacht, teure Nacht

Ich weiß nicht, warum ich die Geschenke immer wieder auf den letzten Drücker besorge. Schon lange vor dem Fest könnten mir die geschmückten Häuser ein Hinweis sein. Der Weihnachtsbaum leuchtet, in den Fenstern blinken bunte Lichterketten. Den ganzen Tag brutzelt entweder etwas im Ofen oder auf dem Herd. So sieht es während den Feiertagen überall aus. Die Gemeinde hat in dem kleinen Ort Dienheim, in dem meine Eltern wohnen, riesige Tannen aufgestellt. Die werden nicht etwa mit energiesparenden LED-Lampen beleuchtet, sondern mit altmodischen Glühbirnen, die echte Energiefresser sind. Und über die Straßen spannen sich ganze Teppiche aus kleinen Lichtern, die dem Sternenhimmel Konkurrenz machen. In nahezu jedem Haus leuchten die Fenster, dass es kaum noch auszuhalten ist. Das merken auch die Betreiber von Stromkraftwerken.

Wenn am 25. Dezember der Braten im Ofen schmort, haben die Experten bei den Energieversorgern einen Fachausdruck dafür. Die sogenannte „Weihnachtsgans-Spitze“ treibt den Stromverbrauch der privaten Haushalte um rund ein Drittel in die Höhe. Damit könnten 34.000 Haushalte mit drei Personen ein Jahr lang versorgt werden. Da aber viele Betriebe über die Feiertage weniger oder überhaupt nicht arbeiten, erhöht sich der Verbrauch insgesamt nicht. Die Stromerzeuger müssen also zu Weihnachten ihre Kraftwerke nicht auf Hochtouren laufen lassen.

Eine andere Geschichte ist die Weihnachtsbeleuchtung. Das Energieunternehmen „LichtBlick“ schätze 2015, dass die Lichterketten etwa 760 Millionen Kilowattstunden Strom schlucken werden. Das entspricht dem Jahresverbrauch einer Stadt mit 250.000 Einwohnern und zusätzlichen Kosten von rund 220 Millionen Euro. Viele Deutsche halten das wohl für verschmerzbar und bleiben ihren Glühbirnen treu. Stromsparende LEDs machen deutlich mehr Sinn, halten länger und leuchten oft sogar heller.

Oh Tannenbaum

Wenn also schon die Beleuchtung die Umwelt belastet, dann ist doch wenigstens der Tannenbaum unbedenklich. Der kommt schließlich aus dem Wald. Weihnachtsbäume sind zwar grün, deshalb aber noch lange nicht umweltfreundlich. Geschätzte 30 Millionen von ihnen stehen im Dezember in deutschen Wohnzimmern. Davon kommen etwa 80 Prozent aus Monokulturen, in denen ordentlich gespritzt und gedüngt wird. Manch teures Bäumchen hat sogar schon eine Europareise hinter sich, bevor es in Deutschland zum Verkauf angeboten wird. Viele Edel- und Nordmanntannen importieren die Händler zum Beispiel aus Skandinavien.

Ich ermutige meinen Vater deshalb, den Weihnachtsbaum im nächsten Jahr selbst zu schlagen. Überhaupt nehme ich mir vor, meinen Konsum während den Feiertagen zu reduzieren. Vielleicht haue ich einfach ab – irgendwo hin, wo es warm ist. Aber so ein Flug ist teuer. Und dann wäre da noch der hohe CO²-Ausstoß. Solche Gedanken haben Zeit bis zum nächsten Urlaub, denke ich mir. Dann trinke ich noch einen Schnaps. Und ein paar Plätzchen passen bestimmt auch noch rein, sie sehen zu lecker aus.

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