Gösta Gantner, Philosoph, zu Besuch am Dieburger Campus. (Bild: Leni Hohm)

Gösta Gantner promovierte an der Goethe Universität Frankfurt und ist als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Heidelberg tätig. Außerdem war er 2015 einer der drei Kuratoren des „Datterich Festivals“ in Darmstadt und zählt zu den Organisatoren des Nonstock Festivals im Fischbachtal.

Seinen Vortrag begann Gantner mit einer allgemeinen Erläuterung des Wortes „Begriff“ und dessen Bedeutung, das Wesen von Etwas zu sein. Ein Kugelschreiber sei nur das Wort, denn im Detail gesehen ginge es hierbei nicht um eine schreibende Kugel. Letzteres ist nur das Wort, das Wesen sei das Schreibgerät. So sollen wir uns von Worten nicht täuschen lassen.

Prozessbegriffe

Eine Brücke zur Digitalisierung schlug Gantner, indem er zwei Begriffstypen unterschied: zum einen klare und zum anderen bedeutungsvariable
Begriffe. Was ein Quadrat sei, dürfe für jeden ziemlich „klar“ sein. Schon schwieriger wäre es, eine klare Definition für die Digitalisierung zu finden. Digitalisierung sei ein Prozessbegriff – denn dort, wo Prozesse laufen, ist etwas in Veränderung. Um einen ersten Eindruck davon zu vermitteln, welche gesellschaftliche Bedeutung der Digitalisierung offiziell eingeräumt wird, zitiert Gantner die Bundesregierung: „Der digitale Wandel verändert unsere Art zu leben, zu arbeiten und zu lernen fundamental und mit rasanter Geschwindigkeit.“

Prozesse der Digitalisierung sind kontextabhängig. Digitalisierung kann nur sinnvoll im Kontext der herrschenden Wirtschaftsweise betrachtet werden. Aus den Sozialwissenschaften kommt der Vorschlag, von einem „Digitalen Kapitalismus“ zu sprechen. Er fußt auf den revolutionären Umbrüchen in der Informationstechnologie, die bei weitem noch nicht abgeschlossen sind, wie am Beispiel der Künstlichen Intelligenz sich leicht zeigen lässt. Dem digitalen Kapitalismus komme ein bestimmter „Geist“, zu.

Für jeden sozialen Nagel einen technologischen Hammer

Als wichtigstes Element dieses „Geistes“ wird der „Solutionismus“ erachtet. Oliver Nachtwey und Timo Seidl charakterisieren ihn anhand der Vorstellung, „dass es für alle sozialen Probleme eine technologische Lösung, dass es für jeden sozialen Nagel einen technologischen Hammer gibt.“ Wohlstand und Wirtschaftswachstum sollen künftig die Möglichkeiten, Technologien und Mittel haben, um alle sozialen Probleme lösen zu können. Auch der Klimawandel soll durch technologische Lösungen aufgehalten werden – nicht durch einen menschlichen Bewusstseinswandel.

Solutionismus auf der einen Seite – Postkapitalismus auf der anderen. Gantner verwies hier auf ein sozial-ökologisches Möglichkeitsdenken, auf einen anderen „Geist“, der eine andere Wirtschaftsweise verkörpert: Eine Gesellschaftsform, wie sie sich die „Degrowth Bewegung“ wünscht, die statt immer mehr eine Wachstumsrücknahme fordert, die starken Kurs auf Gleichheit und Gemeinsamkeit hält, die eine Demokratisierung der Wirtschaft verlangt und die an jeden von uns appelliert, ein besseres Verständnis und Verhältnis im Umgang mit der Natur zu haben.

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