An der Hochschule lehre ich immer wieder Kurse zu Medien und Zeit, auch mit interkulturellen Perspektiven. Zudem haben mich die Forschungen zur indigenen Kultur der Samen, bezogen auf Klimanarrative (siehe hier GJ-Forschungen), inspiriert, über zyklische Zeitauffasungen stärker nachzudenken – Kreisläufe statt Linien. Auch für eine nachhaltige Gesellschaft wäre eine zyklische Sicht der Welt sehr hilfreich. Ich versuche mich hier, dem Thema literarisch zu nähern und metaphorisch zu zeigen, wie ein Bild eines solchen Zeitverständnisses aussehen kann.

Opal in der Nacht – die Lassenskraft

Einmal sagte jemand, dass Menschen, die viel draußen sind im Wind und unter den Wolken, leichter Dinge ziehen lassen und sich lösen können. Schlichtweg, weil es oft über Ihnen geschieht, das Kommen und Gehen, der Zyklus von Ankunft und Abschied, das Verwehen und Entstehen, im Himmel, mit den Winden und den Formen und Farben der Wolken. Nicht umsonst wird der Vergleich zu dem Spiel der Wolken und dem der Wellen und des Wassers immer wieder in buddhistischen Texten gezogen, um zu versinnbildlichen, wie das Ziehen lassen, das das Wesen der Meditation, gehen kann.

Es kommt für das Ziehenlassen, so habe ich nun herausgefunden, auf eine innere Reise an, die in die eigene Tiefe führt, zum eigenen inneren Fluss, den jeder in sich trägt. Um ihn in sich zu entdecken, braucht es besondere Momente, solche, die die Intuition freilegen. Nach dem Sport, im Wald, in der Stille. Dann kann man den Eingang finden. Man entdeckt ihn aus meiner Erfahrung nach nicht im Alltag so leicht. Es ist Abstand nötig, eine andere Stimmung. Doch dann kommt das Tor, das zum inneren Fluss weist, der zwischen unseren Gedanken, Erinnerungen, Glaubenssätzen und Träumen strömt. Das Wasser des Flusses ist blau, und es fließt zwischen schwarzen Steinen dahin. Der innere Fluss ist wie ein Opal in der Nacht, er leuchtet tiefblau in der Dunkelheit. Dieses Bild kam mir einmal in einem Traum, was selten ist. Ich träume nicht so viel. Aber da leuchtete in einer schwarzen Nacht dunkelblau und so stark der Stein, der einer Farbe den Namen gab. Opal.

Es ist Dein Fluss, und Du kannst ihn entdecken, wenn Du bereit warst, Dich selbst in der Tiefe zu entdecken, mit allem Leid, allen Freuden. Es dauert vielleicht Jahre, bis der Fluss aus der Tiefe des eigenen Seins herauf leuchtet. Bist Du aber dort, kannst Du tauchen. Tief hinab in Dich selbst tauchen, und die Steine am Grund zu sehen – die Aufgaben, den eigenen Ethos. Daraus wächst auch ein Stolz. Aber er darf still bleiben, muss nicht hinausgetragen werden mit Worten. Es vergeht das scheue Zögern, das schon. Wir leuchten mit, aber ohne es hinaus zu schreien. Wir dürfen den Opal in der Nacht dann nicht mehr vergessen. Müssen ihn hüten als Schatz, der immer aufs Neue entdeckt werden will, der nicht einfach hinter der Seinstür wartet.

Es braucht 25, vielleicht 89 oder gar 108 Versuche, um den Fluss zu finden. Aber dann ist er so blau, dass man ihn nicht mehr vergisst. Um hinab zu gelangen, jedes Mal, muss man Vieles hinter sich lassen – Aufgaben, Ideen, Erreichtes, Ansprüche. Denn wenn man klettert wie hier, hinunter an den eigenen Steilwänden, geht es nur mit wenig Ballast. Hinab in die eigenen Täler geht es, entlang der innere Landkarte. Denn jeder und jede besitzt eine Landkarte mit dem Abbild der eigenen inneren Landschaft. Wie sähe Deine aus, wo sind Deine Berge, Flüsse, Ebenen, Anhöhen, tiefe Punkte. Und wo ist der Fluss, sind die Seen dahinter? Man kann eine Landkarte von sich selbst zeichnen und alles eintragen, auch überlegen, welche Tiere dort leben, welche Pflanzen.

Also geht es um das Lassen, aber im großen Sinn. Ablassen, um hinabsteigen zu können, Ballast abgeben. Aber nicht nur, nicht ausschließlich Lassen im Sinne des Aufhörens, Weglassens, des Verzichts insgesamt, mit dem man die Lassenskraft nie verwechseln darf. Denn Lassen hat viele andere Präpositionen: Zulassen ist ein schöpferischer Akt, eine Geste der Befreiung. Dann gibt es den Bestand, belassen, das Fortziehen, das Verlassen. Den Beginn – anlassen. Die Offenheit – auflassen. Es ist eines der seltenen Kompassworte, und führt uns daher in die Tiefe, zum innersten Fluss. Wenn man dort das erste Mal eintaucht, dann badet, steigen die Lassenskräfte auf. Steigt man verändert wieder auf, kehrt anders zurück. Nicht jedes Mal wird es so gehen, denn manchmal gelangen wir nicht bis ganz unten, werden zurückgerufen. Oder Felsen versperren den Weg, harte Gedankenbrocken des Vortages, die nicht abgetragen sind. So ist jeder Weg hinab in die eigene Landschaft neu, der Rückweg ebenso. Wir kennen uns und kennen uns nicht.

Das vergebliche Absteigen und Aufsteigen gehört dazu und ist Teil eines Kreisens, eines Zyklus, der sich nicht sofort in seiner Logik erklärt. Doch Schritt für Schritt wird es deutlicher, wohin die Entdeckungsreisen zum Fluss führt – mit dem Eintauchen und ohne es. Es führt zu einer anderen Auffassung der Zeit, weg vom Gedanken des Lebens als eine Linie, die man ab- und voran lebt, wie ein gerader Kanal, der ans Meer führt. Auf dem Schiffe unsere Produkte – seien es die aus Gedanken, Taten oder Gesprächen – zum Hafen und ans Meer bringen. Jeden Tag, immer aufs Neue, mit geradem Kurs, der Lebenslinie folgend. Die Güter, die wir liefern sollen, müssen immer größer werden, besser, wertiger. Teurer. Wir liefern, und sie werden abgefahren. Alles geht linear von sich, geplant; gerade fährt das Schiff, um keine Zeit zu verlieren.

Irgendwann, wenn man am Fluss sitzt, der tief unten in uns fließt, geschieht etwas. Man merkt, dass die gerade Linie als Bild des Lebens, das Produktion und Eile beinhaltet, nicht die richtige Form ist. Es tauchen Bilder auf von Kurven, Eindrücke davon, dass Schlingen und Windungen Sinn machen. Wir sitzen am blauen Fluss in der Dunkelheit und begreifen, dass wir auch nach rechts und links leben können. Vielleicht sollten, gar müssen. Auch nach hinten leben geht, kann Freude machen. Und statt voran zu leben kann man verbunden leben, durch Teilen etwa. Dazu muss man anhalten. Für alle anderen Bewegungsformen als die des Voranschreitens und Voranlebens muss man anhalten. Sonst kann man sie nicht ausführen. Es geht darum, die Bewegungsformen in ihrer Vielfalt zu entdecken, unten am Fluss. Und darum, sie zu versuchen. Zu leben.

So kann man das Erreichte erst einmal festhalten. Und danach erhalten, pflegen, auch verschenken, weggeben, verteilen, tauschen, verleihen, speichern, konservieren, reparieren später, auch neu verwenden, anders einsetzen. Oder auch tiefer kennenlernen, hin- und herwenden, spalten, neu ordnen und dabei unerwartet Samen gewinnen – Schätze, die versteckt bleiben, wenn wir immerzu nur neue Fracht aufgeben und die Produkte zur See schicken. Es ist alles ein Vorwärts, nur ein langsameres Voran, als das der Linie – die Bewegungsform ist gewunden, schlängelt, sie tanz, geht in Kurven voran, auch einmal zurück. Und sie geht in anderen Formen ganz auf – dort, wo sie die Formen der anderen trifft, die auch teilen, pflegen, speichern, neu anordnen wollen. Die bereit sind, das Erreichte und Vorhandene – das, was ist – mit meinem Erreichten und Vorhandenen zu verbinden. Und so Geflechte des Genügens und Gelingens, ein Netz der Gaben, entstehen lassen, das dem Delta eines großen Flusses ähnelt, wenn man es von oben betrachtet. Dann wird der Blick auf eine zyklische und fließende Landschaft der sozialen Wildnis frei, die alle Bewegungsformen der Natur und des Menschen in sich trägt – auch das Kreisen wie den Stillstand, das Zurück und die Überraschungen, die hinter manchen Kurven warten ebenso wie das Scheitern und der Neuanfang.

Nicht alles hier ist einsehbar, bekannt und planbar. Doch insgesamt fließt dieses Delta voran, geht hin, zum Meer. Wir verstehen seine Logik, wen wir oft hinabsteigen, zum eigenen Fluss. Und wie wäre es, wenn wir diese Sicht auf die Zeit gemeinsam entdeckten? Plötzlich neben anderen am blauen Fluss sitzen und die Gesichter sich zuwenden, mit einem Lächeln, das keines ist, das Morgen wieder vergeht. Denn es ist eines der Zufriedenheit, der Gewissheit; eines, das dem Entdeckergeist entspringt, den jeder in sich hat. Der die neuen Landschaften erkunden will, in uns allen und außerhalb, auf den Brücken der Verbundenheit.

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