Im Sommer 2019 ist eine der größten multimedialen Flussreportagen im deutschen Lokaljournalismus entstanden – zur südhessischen Modau, nach zwei Jahren Recherche. Im Kern ging es darum, an einem konkreten Fallbeispiel zu zeigen, wie die Europäische Wasserrahmen-Richtlinie vor Ort umgesetzt wird. Dieses Gesetz verlangt, dass bis 2027 die europäischen Gewässer in einem ökologisch gutem Zustand sein sollen. Es gibt ein Verbesserungsgebot – und natürlich, wie bei allen Gesetzen, Ausnahmen. Diese müssen aber gut begründet sein, wenn mit ihnen gegen das Gebot, die Lage an den Flüssen zu verbessern, verstoßen werden soll. Diesen rechtlichen Hintergrund sollten alle bedenken, die in den kommenden Wochen und Monaten über das Schicksal einer Auenwiese an der Modau entscheiden – sei es die Gemeinde Mühltal oder die Verwaltung des Landkreises Darmstadt-Dieburg mit ihren Fachabteilungen für Bauen und Naturschutz.

Konkret geht es um eine unbebaute Aue am Ortsausgang von Nieder-Ramstadt nach Ober-Ramstadt; sechs Doppelhaushälften sollen hier entstehen. Es ist die letzte offene Aue im Ortsgebiet, nach dem schon die ehemalige Festwiese am Ortsausgang Richtung Waschenbach für die „Mühlengärten“ zugebaut wurde. Und so nicht nur eine dörfliche Allmende verloren gegangen ist, also ein Raum des Gemeinwohls, auf dem der Zirkus gastierte und Feste gefeiert wurden wie etwa die 800 Jahr-Feier Nieder-Ramstadts.

Mit einer Aue geht Vieles verloren

Verloren geht mit den Auen auch immer der Lebensraum für seltene Arten, Flächen für den Hochwasserschutz, der grüne, schönere Teil eines Dorfbildes sowie Spielflächen für Kinder. Und verloren gehen Frischluft-Schneisen in zunehmend verdichteten, also immer enger bebauten Städten und Gemeinden. Die Schneisen werden aber in den drohenden Hitze- und Dürresommern dringend gebraucht, da sie das lokale lokale Mikroklima kühlen. Und eben für eine saubere Luft sorgen. Insofern ist der Schutz der kleinen Flüsse und ihrer Auen eine essentielle Aufgabe für jede Gemeinde – aus Gründen des Klima- und Umweltschutzes, der Gesundheitsvorsorge und der Heimatschönheit, die so verloren geht.

Man muss das einmal so festhalten und auflisten, denn um die kleinen Flüsse – und gerade auch um die Modau – scheren sich nur wenige. Sie fließt nebenher, unbeachtet. Dabei sind diese Flüsse in Zeiten der Klimafolgen und Naturzerstörung elementar für das soziale und ökologische Leben vor Ort. Auen und offene Wiesen gehören zu den artenreichsten Lebensräumen in Deutschland. Sie verschwinden aber, drastisch. Das hat gerade erst der Bericht zum Zustand der Natur des Bundesumweltministeriums gezeigt. Über das Verschwinden der Wiesen und Feldfluren ist Einiges geschrieben worden in den vergangenen Jahren. Kaum aber über das Verschwinden der Auen. Und das, obwohl sie sogar von der Wasserrahmen-Richtlinie explizit geschützt sind. Sie verschwinden, unbesehen. Eine nach der anderen wird zugebaut, oft nach einer Güterabwägung, die den Bedarf nach Wohnraum stärker gewichtet als den Umweltschutz. Das sollte endlich verstanden werden.

Strittiger Punkt: Wohnungsbau erlaubt?

Die Abteilung Naturschutz des Landkreises hat sich gegenüber einer Anfrage des Naturschutzbund (Nabu) Nieder-Ramstadt ausweichend geäußert, inwieweit die Pläne für Wohnhäuser zulässig sind. Dafür spricht jedoch in einer Umgebung fast ohne Wohnhäuser, die von Firmen, einer Bundesstraße und einer Eisenbahntrasse eingerahmt wird, augenscheinlich erstmal wenig. Viel aussagekräftiger bleibt der Hinweis auf die Wasserrahmen-Richtlinie und die Lage an der Modau. Die Rahmenrichtlinie muss umgesetzt werden, weil es sonst teuer werden kann für Deutschland. Im Zweifel stehen eine Klage der EU-Kommission beim Europäischen Gerichtshof und hohe Tagesgeldsummen im Straffall an. Die Modau und die vermeintlich kleine, unbedeutende Auenwiese stehen unmittelbar in diesem großen europäischen Zusammenhang.

Dem Fluss geht es ökologisch nicht gut. Und 107 Hindernisse müssten noch beseitigt werden, damit wandernde Arten wie Bachforellen zu ihren Laichplätzen aufsteigen könnten. Nur dann wäre die Modau „durchlässig“, wie es das EU-Recht fordert. Weil in den zuständigen Behörden aber viel zu wenig Personal, Mut und auch Mittel existieren, um Flächen für die Renaturierungen zu kaufen, werden die 107 Wanderhindernisse bis 2027 niemals verschwunden sein. Das ist eines der wichtigsten Ergebnisse der Flussrecherchen an der Modau, deren Beispiel auf viele andere kleine Flüsse übertragbar ist.

All dies sollte die Entscheidungsträger dazu bringen, die Aue zu lassen, wie sie ist. Und die Geschichte des Auenschwundes und der Flussvergessenheit endlich einmal umschzureiben – gerade in einer Gemeinde, die ihrem Fluss historisch eigentlich alles verdankt: die Besiedlung, das lebensspendende Wasser und die wirtschaftliche Entwicklung mit den Mühlen, die der Gemeinde den Namen gaben.

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