Ein Essay über die älteste aber verborgene Seite des Lebensmediums
Ein Text von Ellie Haase
Wasser – der Quell des Lebens. Allen Lebens! Neben der banalen Feststellung, die dieser Satz beinhaltet, versteckt sich in seinem Subtext auch eine weitere, weniger offensichtliche Aussage, die den Fokus auf den spirituellen Nutzen, den das Wasser für unser Überleben darstellt, richtet. Dabei steht im Vordergrund, dass wir Menschen schon früh in unserer Entwicklung damit begannen, Wasser als mehr als eine rein physische, uns lebensspendende Kraft zu sehen.

Die christliche Taufe: Viel mehr als eine Familientradition
Ein wichtiges Beispiel für die spirituelle Bedeutung von Wasser findet sich im Christentum wieder, genauer gesagt in der christlichen Taufe. Dieses Ritual, das bereits seit den Anfängen der Religion vor 2000 Jahren praktiziert wird, ist mehr als nur eine symbolische Handlung, die wir, rein aus familiärer Tradition und der Aussicht auf eine Aufbesserung unseres Taschengelds heraus befolgen. Es ist vielmehr ein tief verwurzelter Ausdruck von Glauben und Erneuerung.
In meinem Austausch mit Pfarrer Walter Schneider der evangelischen Christusgemeinde in Darmstadt-Eberstadt habe ich erfahren, welche Rolle Wasser in der christlichen Taufe einnimmt. Er erklärte mir die Bedeutung der Taufe: „Die Taufe ist ein Sakrament, das die Verbundenheit des Menschen mit Gott symbolisiert. Es geht um die Reinigung von der Sünde, den Beginn eines neuen Lebens und die Aufnahme in die christliche Gemeinschaft.“

Wasser dient hierbei als das Medium, durch das die Reinigung von der Erbsünde symbolisiert wird. Die Erbsünde steht in Verbindung mit der Geschichte Adam und Evas, die im Garten Eden die sogenannte Ursünde herbeigeführt haben. Den Ablauf der Taufzeremonie kann man sich wie folgt vorstellen: „Die zu taufende Person wird mit Wasser aus der Taufschale begossen. Dies geschieht im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Der Kopf des Täuflings wird also insgesamt drei Mal mit Wasser benetzt“, erzählt Pfarrer Schneider. Der Vorgang stehe symbolisch für Reinheit, Leben und auch für die Auferstehung. „Es erinnert an die Taufe Jesu im Jordan und an das Versprechen Gottes, dass der Mensch durch den Glauben ein neues Leben empfangen kann.“
Als besonders bedeutsam habe ich diesen Bibelvers wahrgenommen: „Denn in ihr (der Taufe) wird nicht der Schmutz vom Leib abgewaschen, sondern wir bitten Gott um ein gutes Gewissen, durch die Auferstehung Jesu Christi“ (1 Petrus 3:21). In der kurzen Passage wird deutlich, dass die Taufe als erforderlich wahrgenommen wird, um Gottes „gutes Gewissen“ zu gelangen, quasi seine Gnade. Dass der Auszug impliziert, dass bei einer ausbleibenden Taufe des Kindes mit Konsequenzen gerechnet werden muss, wird dabei von Gläubigen gerne übersehen.
Es finden sich in der Bibel diverse Erzählungen, in denen Wasser eine zentrale Rolle spielt – so etwa die Schöpfungsgeschichte, oder die Sintflut als womöglich das prominenteste Beispiel. Dass Gott gerade Wasser zur Hilfe nahm, um die Erde von seiner Schöpfung zu reinigen, ist bezeichnend. Die hier deutlich implizierte „reinigende Kraft“ des Wassers, kann auf mindestens zwei unterschiedliche Arten ausgelegt werden – positiv wie negativ. Das verdeutlicht den widersprüchlichen Umgang, den das Element im christlichen Glauben einnimmt.
Wasserspiritualität außerhalb religiöser Kontexte
Nicht nur in der christlichen Taufe, sondern auch in abstrakteren Formen der Spiritualität wird Wasser als kraftvolles Symbol verstanden. In vielen Kulturen gilt Wasser als Element der Transformation und des natürlichen Flusses des Lebens. Es steht für Wandel, Heilung und Verbindung.
In der antiken chinesischen Philosophie des Daoismus wird Wasser als Sinnbild für Flexibilität und Durchhaltevermögen interpretiert. Lao Tse, der Autor des Dao De Jing, dem humanistischen Leitfaden dieser spirituellen Ausrichtung, schrieb: „Nichts in der Welt ist weicher und nachgiebiger als Wasser, und doch bezwingt es alles, was hart und stark ist.“ Dieses Bild zeigt, ähnlich zur Darstellung im Christentun und auch im Islam, die paradoxe Kraft des Wassers.

In der Spiritualität vieler Naturvölker wird Wasser als verbindungsschaffendes Element betrachtet. Es bildet Brücken zwischen Himmel und Erde, bindet Meere an Flüsse und Flüsse an Quellen. Rituale, die an Orten des fließenden Wassers stattfinden, sollen die besondere Energie nutzen, Klarheit und spirituelle Heilung zu ermöglichen.
Wasser ist mehr als nur eine chemische Verbindung aus Wasserstoff und Sauerstoff. Es ist ein Symbol für das Leben selbst, sowohl auf einer physischen als auch auf einer spirituellen Ebene. Die Spiritualität des Wassers lehrt uns, dass dieses Element weit über seine Funktion als Lebensgrundlage hinausgeht. Es lädt uns ein, uns seiner tiefen Symbolik bewusst zu werden und unsere Verbindung zur Natur, zum Heiligen und zu uns selbst zu erneuern.
