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Der Nürnberger Stadtgarten erhält Sortenvielfalt durch samenfestes Saatgut. (Foto: Stadtgarten Nürnberg)

Von Paul Rieger

Kleine schwarze Punkte bedecken die sattgrünen Blätter der Tomatenrispe. Ein Dutzend Menschen begutachten den Lausbefall der Pflanze. „Dagegen hilft ein Brennnessel-Sud“, erklärt eine junge Frau im Sommerkleid. Manja Rupprecht leitet einen Workshop im Nürnberger Stadtgarten. Neulinge lernen hier den richtigen Umgang mit Obst- und Gemüsepflanzen. Die 36-jährige Projekt-Managerin engagiert sich in ihrer Freizeit für urbane Pflanzenzucht. Vor zwei Jahren initiierte sie mit Freunden den Stadtgarten in Nürnberg. Getragen wird das Projekt vom gemeinnützigen Verein Bluepingu e. V. sowie durch Spenden und Sponsoren.

In bundesweit mittlerweile rund 400 urbanen Gemeinschaftsgärten pflanzen Großstädter eigene Nutzpflanzen an. Das Bedürfnis der Nürnberger nach Natur zum Selbermachen manifestiert sich in dem mobilen Stadtgarten. Mobil deshalb, weil sämtliche Pflanzen in Kisten auf Europaletten gepflanzt werden. So konnte der Gemeinschaftsgarten nach Ablauf eines Pachtvertrages Ende 2014 innerhalb des Stadtteils Eberhardshof auf einen Parkplatz des ehemaligen Quelle-Geländes problemlos umziehen. Dort kümmert sich heute ein Kernteam von rund 40 Stadtgärtnern sowie zahlreiche sporadische Helfer ehrenamtlich um die Aufzucht von vorrangig alten Obst- und Gemüsesorten.

Neben der Erzeugung ökologischer Lebensmittel stehen Gemeinschaftsgeist und Weitergabe von Wissen im Vordergrund. Die Stadtgärtner führen regelmäßig interessierte Besucher, darunter Schulklassen, durch den Garten – so werden Naturverbundenheit und Wissen über Herkunft von Obst und Gemüse vermittelt. Die Kenntnisse über alte Kulturpflanzen werden auch an Hobbygärtner weitergegeben, die Saatgut gegen Spenden mitnehmen dürfen.

„Natur zum Selbermachen“ fördert die Auseinandersetzung mit dem Samenkorn, dem Ursprung einer jeden Pflanze. Die Samenkörner im Stadtgarten weisen eine Besonderheit auf: Sie sind allesamt samenfest – also fortpflanzungsfähig. Manja Rupprecht ist überzeugte Verfechterin der traditionellen Pflanzenzucht: „Wir wollen unser eigenes Saatgut gewinnen und uns nicht von Großkonzernen abhängig machen.“

Dass fortpflanzungsfähiges, auf natürlichem Wege gezüchtetes Saatgut in Landwirtschaft und Gartenbau eingesetzt wird, ist bei weitem nicht mehr selbstverständlich. Mittlerweile beherrschen globale Saatgutkonzerne wie Monsanto, DuPont oder Syngenta die Welt der Kulturpflanzen und verkaufen zusammen mehr als die Hälfte aller verwendeten Samenkörner. Allerdings hat das Industrie-Saatgut nicht mehr viel mit dem ursprünglichen Samenkorn gemein.

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Saatguthersteller Monsanto – für Umweltschützer längst Inbegriff allen Übels – ist für einen Großteil der weltweiten Saatgutherstellung verantwortlich. (Foto: flickr.com/Die Grünen Kärnten/ (CC BY 2.0) )

Denn neben der Entwicklung von gentechnisch veränderten Nutzpflanzen, deren Anbau in der EU bis auf eine Mais- und Kartoffelsorte verboten ist, steht in der modernen Züchtung hybrides Saatgut im Vordergrund. Dieses genießt in der Öffentlichkeit weitaus weniger kritische Aufmerksamkeit als das gentechnisch optimierte Saatgut. Dabei hat auch die Zucht von hybridem Saatgut mit den traditionellen Methoden der bloßen Auslese oder herkömmlichen Kreuzung wenig zu tun:
Mithilfe von sogenannten Inzuchtlinien werden heute die Nutzpflanzen immer wieder zur Selbstbefruchtung gebracht. Dabei machen sich die Züchter den „Heterosis-Effekt“ zunutze. Dieser führt bei Kreuzung zweier leistungsschwacher „Inzuchteltern“ zu besonders starkem Nachwuchs. So können erwünschte Eigenschaften der Elternlinien – wie ein höherer Ertrag oder gleichförmiger Wuchs – effektiv herangezüchtet werden. Hybride nennt man in der Pflanzenzüchtung die Nachkommen aus der Kreuzung dieser Inzuchtlinien. Um ausschließlich die vorgesehene Befruchtung mit dem jeweiligen Inzuchtpartner zu sichern, wird oftmals das männliche Elternteil durch das Einbringen artfremder Zellen im Labor sterilisiert. Cytoplasmatische Männliche Sterilität (CMS) gewährleistet optimiertes Hochertragssaatgut. Das hieraus erzeugte Obst und Gemüse zeichnet sich durch eine hohe Gleichförmigkeit in Wuchs, Optik und Qualität aus. Der große Nachteil dieser Hightech-Züchtung ist allerdings, dass sich die Hybrid-Pflanzen durch den Zuchtprozess nicht mehr fortpflanzen lassen. Der Landwirt hat somit keine Möglichkeit, aus seiner Ernte brauchbares Saatgut für die nächste Saison zu gewinnen.

Folglich machen sich die Bauern durch Einsatz von hybridem Saatgut abhängig von Saatguthändlern. Im Gegensatz zum samenfesten Saatgut müssen die Landwirte bei Hybriden jedes Jahr erneut Samenkörner einkaufen. Fatal ist diese Abhängigkeit insbesondere bei Ernteausfällen in Entwicklungs- und Schwellenländern, da den Bauern dort dann häufig das Geld für eine neue Saat fehlt.

Es wird hitzig darüber debattiert, ob das Labor-Saatgut Fluch oder Segen für die Agrarwirtschaft darstellt. Fest steht: Das Hochertragssaatgut erobert die Welt und reduziert dabei die Artenvielfalt. Die Lebensmittel- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) schätzt, dass in der Geschichte der Agrarwirtschaft bisher mehr als 7000 verschiedene Pflanzenarten verwendet wurden. Allein im letzten Jahrhundert hat sich die einstige Vielfalt der Kulturpflanzen um rund 75 Prozent verringert. Der Rückgang geht einher mit dem Aufstieg der industriellen Landwirtschaft, die eine Ertragsmaximierung durch hybrides Saatgut fördert.

In Deutschland beträgt laut Öko-Test der Marktanteil von hybridem Gemüse-Saatgut rund 90 Prozent. Jedoch herrschen durch die vergleichsweise gute finanzielle Situation der Landwirte deutlich stabilere Verhältnisse als in Entwicklungs- oder Schwellenländern vor. Ein maximierter Ertrag steht in den westlichen Industrieländern im Vordergrund und überdeckt den Nachteil der unfruchtbaren Samenkörner. Die beginnende Renaissance des traditionellen Saatguts geht hier mehr mit der Ökobewegung und dem Megatrend Gesundheit einher, der zunehmend auch den ökologischen Landbau beschäftigt. Denn: Hybrides Saatgut ist selbst im Öko-Landbau zulässig und verbreitet. Nur einige Bio-Verbände, wie Bioland oder Demeter, haben speziell die im Labor sterilisierten CMS-Hybride für ihre Verbandsbauern untersagt.

Um darüber hinaus ein ausschließlich samenfestes Angebot von Obst und Gemüse auszubauen, entstehen bundesweit Initiativen zur Förderung von samenfestem Gut. So hat sich beispielsweise die fränkische Naturkostkette ebl der Ökosaatgut-Initiative “no more labor“ angeschlossen und verpflichtet sich gemeinsam mit drei Großhändlern (Naturkost Elkershausen, Naturkost Erfurt und Grell Naturkost) so weit wie möglich Obst und Gemüse von samenfesten Sorten zu verkaufen. Der Initiator Hermann Heldberg, Geschäftsführer von Naturkost Elkershausen in Göttingen, will Bio-Landwirte unterstützen, die samenfeste Sorten auf traditionellem Wege anbauen. Dazu erstellt er gemeinsam mit den Landwirten Anbaupläne über Sorten und Absatzmengen von Obst und Gemüse.

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Tomaten (Foto: flickr.com/Isabella Blanchemain/ (CC BY-NC 2.0) )

Somit erlangen kooperierende Landwirte eine höhere Planungssicherheit für den Verkauf ihrer Ernte an die Öko-Großhändler. Da laut Heldberg die Ernte mit einem Mehraufwand verbunden ist, müssen die Bauern einen höheren Preis verlangen: „Da diese Pflanzen nicht so gleichmäßig abreifen wie die Hybriden, ist die Ernte etwas aufwändiger. Das heißt, dass die Landwirte einen etwas höheren Preis für diese Produkte benötigen. Dieser etwas höhere Preis lässt sich aber am Naturkostmarkt ohne Probleme durchsetzten […].“
Die Öko-Klientel kauft weiterhin kräftig ein. So stieg in Deutschland laut dem Bund ökologische Lebensmittelwirtschaft allein in 2014 der Umsatz des Naturkostfachhandels um acht Prozent auf 2,7 Mrd. Euro.

Das zunehmende ökologische Bewusstsein spürt auch der Samenhändler Helmut Edler in der Nürnberger Altstadt. Der 75-jährige führt das letzte Samenbedarfsgeschäft Nürnbergs. 1958 übernahm Helmut Edler das Geschäft der Eltern und verkauft seitdem überwiegend samenfestes Gut von mittelständischen Züchtern. In den letzten Jahren stellt Edler einen Wandel fest: „Immer mehr jüngere Menschen fragen heute gezielt nach samenfestem Saatgut.“ Diese Nachfrage kann der Händler mit seinem überwiegend traditionellen Angebot bedienen. Rund 500 verschiedene Obst-, Gemüse- und Blumensorten sind in dem inhabergeführten Geschäft erhältlich. Damit trotzt er auch den großen Bau- und Gartenmärkten, die in der Regel ausschließlich Hybrid-Saatgut anbieten.

Die urbane Gartenbewegung, die Saatgutinitiative des Naturkosthandels und das damit verbundene steigende Interesse an samenfestem Saatgut in Deutschland sind Anzeichen für einen bewussteren Umgang mit dem Ursprung der Nutzpflanzen. Auch wenn sich dieser Wandel vorrangig in vereinzelten, alternativen Gärten sowie Naturkostläden niederschlägt, steckt in dem Thema großes Potenzial. Stadtgärtner wie Manja Rupprecht deuten einen vorsichtigen Paradigmenwechsel an: Galt bisher das Hauptaugenmerk des bewussten Lebensmittelkäufers den ökologischen Anbaubedingungen, also etwa dem Verzicht von synthetischen Pestiziden und Herbiziden, könnte sich der Fokus auf die Herkunft des Samenkorns erweitern. Der selbstgemachten Natur in den Großstädten sei Dank.

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