Am Dienstag war sie zu Ende, die „Narrationen der Nachhaltigkeit“-Tagung in Darmstadt. Es waren zwei spannende Tage mit viel Input, viel Gesprächsbedarf und vorallem viel Ausstausch über Probleme, Perspektiven und mögliche Lösungsansätze.

Prof. Dr. Peter Seeger machte mit seinem Vortrag den Anfang und stellte die spannende Frage, ob das BIP wirklich der geeignete Maßstab für Wohlstand und ein gutes Leben ist, verbunden mit der Erkenntnis, dass wir nicht dauerhaft in diesem Sinne weiterwachsen können. Nachdenken über eine Postwachstumsgesellschaft und wie diese Aussehen soll ist gefragt. Denn auch im preisbereinigten Brutto-Inlands-Produkt sind Ressourcengrenzen nicht erfasst. Dafür aber Naturkatastrophen- oder kriegsbedingte Ausgaben.

Problematische Ereigniszwänge

Ein weiteres Thema war die Ereignisfixierung der Berichterstattung. Muss erst etwas passieren, ein Wirbelsturm, eine Überflutung oder eine Klimakonferenz, damit es sich zu berichten lohnt? Die Berichterstattung nimmt dann in den Mainstream-Medien zumindest zu. „Es gibt im Klima-Thema immer genug Anlässe zu berichten. Es gibt immer neue Studien oder dumme Bemerkungen von Trump“, griff Bernhard Pötter von der taz die Frage auf. Abseits davon müsse man Nachhaltigkeitsgeschichten trotzdem unterjubeln, dem Leser, aber manchmal auch dem Chefredakteur.

Der Begriff wurde während der zwei Tage viel diskutiert – die Nachhaltigkeit. Sie muss aber gar nicht immer im Titel stehen werden, denn sie steckt in so vielen Bereichen unweigerlich drin, war eine Erkenntnis. Kontextualisierung nennt Torsten Schäfer das, der diese Tagung zusammen mit der Schader-Stiftung, der Universität Lüneburg und dem KMGNE aus Potsdam auf die Beine stellte.

„Noch abstrakter als der Klimawandel, sind Konferenzen über den Klimawandel“, stellte Pötter weiter fest – und stieß damit auf große Zustimmung. Auch deswegen ist kontextualisieren und klarstellen, was das jetzt konkret bedeutet, so wichtig. Nur weil etwas abstrakt ist, dürfen Journalisten aber nicht aufhören zu berichten, wenn es trotzdem von großer Bedeutung ist. Dann müsse man Altes neu erzählen und so dann auch zum tausendsten Mal vom Plastikstrudel und Verpackungswahn berichten, der nunmal immer noch da ist.

Olivia Heider tat das beispielsweise in ihrer Klimageschichte, die wir am zweiten Tag der Tagung vorstellten, in dem sie ihren eigenen, stetig wachsenden Müllberg tagtäglich mit sich herumtrug. So brach sie das große Ganze auf den einzelnen Konsumenten, die persönliche Ebene, herunter. Und das ganze multimedial, um auch neue Erzählformen auszuprobieren.

Neue und alte Erzählformen

Storytelling war neben Nachhaltigkeit einer der meist benutzten Begriffe während der Tagung. Schließlich ging es ja auch um die Narrationen der Nachhaltigkeit. Carlo Sommer erklärte zum Beispiel in seinem Vortrag die psychologischen Aspekte von Storytelling.“Wir müssen uns mit Geschichten identifizieren können!“, sagte der Professor für Kommunikationspsychologie. Ob Storytelling wirklich nachhaltig überzeugen kann, bleibe offen.

Henriette Heidbrink, ebenfalls aus der Kommunikationsforschung, wirft die Frage in den Raum „was denn sei, wenn die Bösen die besseren Geschichten haben?.“ Denn Storytelling beschreibe ja erst einmal nur den Effekt. Zuerst müsse man darüber nachdenken, was eine gute Story ausmache, dann müsse man diese mit dem richtigen Thema umsetzen.

Von der Theorie zur Praxis

Gute Geschichten über Klima und Nachhaltigkeit schreiben, dies versuchen bereits einige Journalisten. Und es gibt schon Erfolgsformate. Die Familie Steingässer, die uns ja auch schon in der Redaktion besucht hat, war ebenfalls zu Gast auf der Tagung. Sie präsentierten ihre große Reportage „Auf den Spuren des Klimawandels“, für die sie mit ihren Kindern die Welt bereist hatten. Das Finanzierungsproblem lösten sie durch einen Sponsor, der aber nur Fotos und Bonusmaterial bekam. Das regt zum Nachdenken an, ob dies der neue Weg für solch große Formate sein könnte, die offensichtlich viel Anklang finden.

Mit unserem Semesterprojekt „Klimageschichten“, das nach dem Diskussionstand der Konferenz Klimakontextgeschichten heißen müsste (klingt nur nicht so gut), versucht auch der Nachwuchs bereits, das Thema Nachhaltigkeit erzählerisch aufzugreifen. Fakten, Richtigstellungen und Studien, die die Stories untermauern, lassen sich dafür auf Klimafakten.de finden. Chefredakteur Carel Mohn stellte das Portal auf der Tagung vor und hielt fest, dass Ehrlichkeit in der Berichterstattung wichtig sei, gerade bei vermeintlichen gute Taten, die aber real nichts bringen. „Heuchelei ist einer der schlimmsten Vorwürfe in der Umweltdebebatte. Da muss man dranbleiben und eine Stimme entwickeln“, forderte er.

Nun ist die Tagung bei der Schaderstiftung vorbei, die Diskussionen aber noch lange nicht. Es bleibt spannend, wie in der Zukunft nachhaltige Fakten immer wieder neu erzählt werden können.

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