Die Covid-19-Pandemie gefährdet Existenzen. Deshalb ist sie Auslöser für eine starke Reflexion über die Beziehung des Menschen zu seiner Gesundheit – aber auch über gesunde Beziehungen in Wirtschaft, Umwelt und sozialem Leben. Für ein Verständnis von langfristigen Folgen ist es noch zu früh. Nachhaltig – also sozial, ökologisch und ökonomisch ganzheitlich zu planen und zu handeln, scheint gerade durch die Dominanz der Gegenwart kaum möglich. Doch einige Trends und hilfreiche Initiativen lassen sich schon identifizieren.

Dieser Artikel gibt einen Überblick über die Debatte:

  1. Ursachen für die Corona-Pandemie im Zusammenhang mit Nachhaltigkeit
  2. Trends zu mehr Nachhaltigkeit durch Corona?
  3. Initiativen für eine nachhaltige Wirtschaft nach Corona
  4. Nicht-Nachhaltigkeit als Treiber für Pandemien
    Indizien für Biodiversitätsverlust als Corona-Ursache

Die Erde hat schon lange Fieber – die Klimaerhitzung. Nun kämpft die Menschheit mit dem Corona-Virus. Lässt sich beides gemeinsam heilen, wie es der „Planetary Health“ Ansatz nahelegt? Bild von Alexandra_Koch auf Pixabay

1. Nicht-Nachhaltigkeit als Treiber für Pandemien
Indizien für Biodiversitätsverlust als Corona-Ursache

Führt zu wenig Nachhaltigkeit zu Pandemien?

The Guardian sieht den Ausbruch von Covid-19 als den Weckruf der Natur an eine gesättigte Gesellschaft.
www.theguardian.com/commentisfree/2020/mar/25/covid-19-is-natures-wake-up-call-to-complacent-civilisation

Zusammenhang globale Pandemien und Biodiversitätsverlust

„Die Wahrscheinlichkeit von Pandemien steigt mit der zunehmenden Vernichtung von Ökosystemen“, sagen die Umweltforscher Josef Settele und Joachim Spangenberg im Interview mit Riffreporter.
www.riffreporter.de/flugbegleiter-koralle/pandemie-interview-settele-spangenberg

Ein Beitrag in Le monde diplomatique unter dem Titel „Woher kommt das Coronavirus?“ beleuchtet, inwiefern die Zerstörung von Lebensräumen eine zentrale Rolle spielt bei der Übertragung von Infektionskrankheiten von Tieren auf Menschen.
www.monde-diplomatique.de/media/demo/woher_kommt_das_coronavirus.mp3 (Audio)

Die ‘Biodiversity in Good Company Initiative‘ zeigt mit einer gut kuratierten Artikel-Liste zum Zusammenhang zwischen Pandemien und dem Verlust der biologischen Vielfalt, dass Biodiversitätsschutz als Teil der Risikovorsorge von Wirtschaft und Politik berücksichtigt werden muss.
www.business-and-biodiversity.de/alle-news/news/zusammenhang-globale-pandemien-und-verlust-der-biodiversitaet/

Panik und Angst – eine Generationen-Frage?

„Ich will, dass ihr in Panik geratet“ war die Botschaft von Greta Thunberg angesichts der brennenden Lungen der Erde. Doch erst angesichts der Entzündlichkeit der menschlichen Lungen durch ein kleines Virus sind die Leute in Panik geraten. Das Virus schadet kurzfristig insbesondere älteren Menschen, die in Entscheidungsgremien von Politik und Wirtschaft viel stärker repräsentiert sind, während die Klimaerhitzung langfristig der jetzt jüngeren, unterrepräsentierten Bevölkerung schadet.

Warum Umweltschutz längst mindestens so viel energisches Handeln gebraucht hätte, wie die Bekämpfung der Pandemie und weshalb Nachhaltigkeit nicht gelingen will, untersucht eine Forschergruppe des Instituts für Gesellschaftswandel und Nachhaltigkeit an der Wirtschaftsuniversität Wien.
www.wu.ac.at/ign/news

Wie sich die unterschiedlichen Reaktionen auf Corona-Virus und Klimawandel erklären lassen, hat Science Alert zusammengefasst. Beide Entwicklungen sind sich verschlimmernde Katastrophen-Situationen. Um beide Probleme zu lösen, braucht es eine Veränderung des Lebensstils. In beiden Fällen müssen Menschen sich dafür koordinieren – nur wenn auch andere mitmachen, lässt sich das Risiko senken. Bei Corona vertraut niemand darauf, dass „der Markt“ schon alles allein lösen wird – bei der Klimakrise galt dies jedoch bisher vielen als Hoffnungsargument.
https://www.sciencealert.com/the-coronavirus-response-shows-we-can-tackle-the-climate-crisis

„More Trouble“: Der vielleicht bekannteste Cartoon zu Corona und Nachhaltigkeit: Zwei Wissenschaftler blicken auf die Corona-Entwicklungskurve („flatten the curve“) und hoffen: „Ich bin froh, wenn das vorbei ist“. In ihrem Rücken, für sie nicht sichtbar: Die große Kurve des Klimawandels. #flattenthiscurvetoo Quelle: Statistically Insignificant www.instagram.com/statisticallycartoon/

2. Trends zu mehr Nachhaltigkeit durch Corona?
Kurzfristige Entwicklungen wie Konsumveränderung, Solidarität und saubere Luft

Grundsätzlich lässt sich beobachten:

  • Die Pandemie macht die globale Vernetztheit und Abhängigkeiten sichtbarer: Alles hängt zusammen.
  • In der Diskussion um Heilung für Mensch und Erde bzw. die Bekämpfung der Menschheitskrisen spielt das Konzept der planetaren Gesundheit (Planetary Health) eine wachsende Rolle. Die Fridays for Future Bewegung setzt ihre Demonstrationen als Netzstreik mit dem Hashtag #FightEveryCrisis fort.
  • Reise- und Kontaktbeschränkungen beschleunigen den Megatrend Digitalisierung, der wiederum hilft, die Coronakrise zu bewältigen.
  • CSR- und Nachhaltigkeitsmanagement geraten in den Unternehmen unter Druck, denn die Firmen stellen ihre Planungen für z.B. Klimaneutralität zurück – kurzfristige Krisenbewältigung scheint wichtiger als langfristige Resilienz.

Langfristige Auswirkungen lassen sich bisher noch kaum absehen: „Der richtige Zeitpunkt für weitreichende Konsequenzen oder die Bestätigung von Bewährtem steht noch bevor“, betont der Generalsekretär des Deutschen Nachhaltigkeitsrats Günther Bachmann in seinem Papier „Corona und die Nachhaltigkeit“: „Das politische „Entscheiden auf Sicht“ ist der richtige Modus. Der Modus der Gegenwart ist die Gefahrenabwehr und der Aufbau von Vorsorge.“

Was sich konkret kurzfristig verändert:

  • Digitalisierung durchdringt mehr Lebensbereiche: mehr Home Office, virtuelles Arbeiten sowie online Schule und Bildung, aber auch private Kontaktpflege
  • Nachbarschaftshilfe und Solidarität nehmen zu
  • Sozialberufe erfahren eine Aufwertung
  • Konsumveränderung: weniger Ausgaben, mehr online-Bestellungen, Zeit für Reflexion der eigenen Bedürfnisse
  • Sauberere Luft und Umwelt & geringere CO2-Emissionen durch weniger Verkehr und Energieverbrauch. Zu diesem sogenannten CO2rona-Effekt zählen Phänomene wie glasklares Wasser in Venedigs Kanälen oder ein wolkenloser Himmel über Chinas Millionenstädten. Langfristig lassen sich solche Umweltwirkungen nur verstetigen, wenn man z.B. den Empfehlungen des Umweltbundesamtes folgt: Europa solle eine Vorreiterrolle einnehmen und so zeigen, dass Klimaschutz und Nachhaltigkeit wirtschaftlich möglich sind und Vorteile mit sich bringen. Dazu müssten Rettungspakete für die Wirtschaft mit Nachhaltigkeitszielen (z.B. Kreislaufwirtschaft, reduzierte Emissionen, fairer Handel) verbunden werden. Der europäische Grüne Deal (Green Deal) spielt dabei auch eine Rolle, denn er fordert u.a., dass in Europa „bis 2050 keine Netto-Treibhausgasemissionen mehr freigesetzt werden“ sollen.
  • Bedingungsloses Grundeinkommen – Diskussionen um Geldverteilung werden intensiver
  • Datensicherheit – Debatten um Tracking und Tracing von Gesundheits-Apps oder auch Datenschutz bei Videokonferenzen nehmen zu
  • Produktion wird rückverlagert – globale Lieferketten sind zusammengebrochen, viele Firmen setzen auf regionale Beschaffung

Die 17 Ziele der UN für eine nachhaltige Entwicklung: Wie sich die Corona-Pandemie auf die Erreichung der SDGs auswirkt, die die Vereinten Nationen bis 2030 erreichen wollen, ist noch unklar. Einige Entwicklungen hat die UNDESA aufgezeigt. Verfügbar unter: https://unsdg.un.org/sites/default/files/2020-03/SG-Report-Socio-Economic-Impact-of-Covid19.pdf (S. 12)

3. Neue Träume vom Guten Morgen
Initiativen für eine nachhaltigere Post-Covid-19-Welt

In Krisen muss man vom Schlimmsten sprechen, weil man damit rechnen muss. Das hilft in der Regel aber nichts, wenn man nicht auch die Möglichkeit des Besseren und Guten in Betracht zieht.
Günther Bachmann, Generalsekretär, Deutscher Nachhaltigkeitsrat

Zahlreiche Initiativen und Organisationen aus Wirtschaft, Zivilgesellschaft, Forschung und Politik fordern, die wegen der Corona-Krise nötigen Veränderungen mit Nachhaltigkeitszielen zu verbinden. Dies könnte auch die Resilienz der Gesellschaften und Volkswirtschaften erhöhen – also die Fähigkeit der Systeme, mit Veränderungen flexibel umzugehen und langfristig stabiler aufgestellt zu sein. Das ersehnte „zurück zum Normal“ in Öffentlichkeit und Wirtschaft birgt die Gefahr, alte Strukturen zu stärken. Während große, unnachhaltige Geschäftsmodelle gerettet würden, litten Nachhaltigkeitspioniere überdurchschnittlich, z.B. weil ihre Innovationsrisiken typischerweise höher sind. Viele fordern daher alternative Fördermodelle.

Eine Auswahl:

United Nations Sustainable Development Group

Die United Nations Sustainable Development Group spricht sich dafür aus, dass eine wirksame Reaktion auf die Pandemie mehrdimensional, koordiniert, schnell und entschlossen sein muss. Zu den vorgeschlagenen Maßnahmen in Bezug auf das Wirtschaften gehören die Förderung von Kreislaufwirtschaft und kleinen und mittelständigen Unternehmen (KMU). Der UN-Bericht erschien im März 2020 unter dem Titel “Shared responsibility, global solidarity: Responding to the socio-economic impacts of COVID-19”.
https://unsdg.un.org/sites/default/files/2020-03/SG-Report-Socio-Economic-Impact-of-Covid19.pdf

#VerantwortungJetzt!

Das Entscheider-Magazin forum Nachhaltig Wirtschaften sieht die Krise als Chance, mutige Veränderungen durchzuführen und Fehlentwicklungen im System zu korrigieren. Dazu will die #VerantwortungJetzt! Initiative nun Denker, Berater, Unternehmer und Macher aus allen Bereichen der Gesellschaft zusammenbringen. Sie fordern in einem ersten Appell an die Bundesregierung: Geld für neues Wirtschaften:

  • „Verbinden Sie alle finanziellen Hilfsmaßnahmen mit der Bitte/Aufforderung, jetzt auch die Verantwortung für morgen zu übernehmen.
  • Animieren Sie die Zuwendungsempfänger, sich jetzt über die Chancen, die nachhaltiges Wirtschaften, ein Green Deal und neue, enkeltaugliche Unternehmensstrategien bieten, zu informieren.
  • Fordern Sie wohlhabende Personen auf, jetzt zur Bewältigung der Krise und zur Unterstützung konstruktiver Zukunftsgestaltung beizutragen. Artikel 14/2 des Grundgesetzes, „Eigentum verpflichtet“, muss jetzt besondere Bedeutung erhalten.
  • Stellen Sie dafür Informationen zusammen und zeigen Sie Wege in eine nachhaltige Zukunft auf. Wir werden Sie dabei nach Kräften unterstützen.“

www.verantwortungjetzt.net

Neues Wirtschaftswunder

Die Initiative „Neues Wirtschaftswunder“ für eine sozial-ökologische Transformation  möchte verhindern, dass kommende Konjunkturpakete das alte System aufrechterhalten. Stattdessen sollen sie Unternehmen unterstützen, die die natürlichen Grenzen des Planeten einhalten, das Gemeinwohl fördern und zukunftsgerichtet wirtschaften. Zu diesem Ziel hat die Initiative für eine sozial-ökologische Transformation einen offenen Brief an die Bundesregierung verfasst. Hinter dem Neuen Wirtschaftswunder stehen der Bundesdeutsche Arbeitskreis Umweltbewusstes Management (B.A.U.M. e.V.), economists for future, der Deutsche Naturschutzring, Parents For Future, Handwerk mit Verantwortung, UnternehmensGrün, German Zero, die Gemeinwohlökonomie und zahlreiche andere Akteure für eine nachhaltigere Wirtschaft.
www.neues-wirtschaftswunder.de

Wirtschaft #Fairwandeln: Soziale Schieflagen verhindern

Um ein gutes Leben für alle zu schaffen, sprechen sich Bund Naturschutz und IG Metall dafür aus, dass

  • Unternehmen nicht in Krisen gerettet werden können und in guten Zeiten ihre Gewinne privatisieren.
  • Unternehmen verpflichtet werden müssen, Mitbestimmungsrechte zu achten, soziale Standards einzuhalten und ihr Geschäftsmodell kompatibel mit dem 1,5-Grad-Ziel zu gestalten.
  • auch eine ökologische Versorgungsinfrastruktur geschaffen werden muss, weil Klima- und Artenschutz Grundvoraussetzungen des Zusammenlebens sind.
  • nicht nur die Unternehmer gesehen werden, sondern auch die Angestellten.

www.bund.net

Der Rat für Nachhaltige Entwicklung

Auch der Deutsche Nachhaltigkeitsrat fordert Klimaschutz, eine nachhaltige Transformation der Wirtschaft und die Umsetzung des europäischen Green Deal. Laut dem Nachhaltigkeitsrat tragen zum Ausbruch von Epidemien und Pandemien wesentlich bei:

  • generelle Zunahme der Bevölkerung
  • Urbanisierung und globale Mobilität
  • Vernichtung und Abnahme der Widerstandsfähigkeit von Ökosystemen durch Landnutzungsänderungen
  • Klimawandel

Der Rat schlägt z.B. ein Instrument vor, mit dem der Corona-Neustart ökologisch wird.
www.nachhaltigkeitsrat.de

Blick über den deutschen Tellerrand

International verstärkt die Corona-Pandemie die soziale Ungleichheit – gleichzeitig gehen einige Akteure aber auch als nachhaltige Vorbilder für die sog. Post-Corona-Zeit voran. Zwei Beispiele:

4. Krise: Ausnahme, Chance oder Schockstarre?

Während manche sich nach Normalität zurücksehnen, betonen andere bereits sehr früh ihre Deutung der Krise als Chance. Kulturwissenschaftlich lässt sich an dem Ringen um Bedeutungsklarheit des Begriffs „Krise“ ablesen, dass die 2020 entstandene Situation Weltbilder ins Wanken bringt – und so ein kultureller Kampf um die Etablierung neuer Weltbilder entbrennt. Ist die Krise eine Ausnahme oder ein Dauerzustand? Hilft jetzt die evolutionär eingeübte Schockstarre oder unternehmerisch eingeübtes Machertum? Bleibt bei der Konzentration auf kurzfristige Gefahrenbekämpfung überhaupt Zeit für langfristige Risikovorsorge? Viele Fragen lassen sich nicht sicher beantworten. In einer Demokratie werden sie Teil eines gemeinsamen Dialogprozesses über die „gute“, die lebenswerte, die wünschenswerte Zukunft. Oder besser: Zukünfte. Denn eine resiliente Gesellschaft braucht Vielfalt – auch in ihren Vorstellungen davon, wie es sein könnte.

Titelbild abgewandelt auf Grundlage von: „Virus“ von Arek Socha auf Pixabay; 17-Ziele-Kacheln von 17ziele.de


Als Kulturwissenschaftlerin und Absolventin des MBA Sustainability Management setzt sich Tina Teucher mit den Megatrends wie Nachhaltigkeit und Digitalisierung auseinander. Als Mitglied des Think Tank 30 und Mitglied im Gesamtvorstand von B.A.U.M. e.V. diskutiert sie Wege für eine gesellschaftliche und wirtschaftliche Transformation. Sie begleitet Unternehmen in nachhaltigen Veränderungsprozessen und inspiriert in Vorträgen und Workshops rund um das Thema Nachhaltigkeit. Von 2009 bis 2014 war sie leitende Redakteurin des Magazins forum Nachhaltig Wirtschaften.

Beiträge mit ähnlichen Themen

  • Es wurden bisher keine ähnlichen Beiträge gefunden.