Von Rainer Brämer

Es war ein US-Starjournalist, die im Jahre 2005 mit seinem Buch „Last Child in the Woods – Saving Our Children from Nature-Deficit-Disorder“ die amerikanische Öffentlichkeit aufrüttelte.[1] Richard Louv dokumentiert darin auf drastisch-anschauliche Weise, wie wenig amerikanische Kinder und Eltern noch mit Natur im Sinn haben. Damit setzte er unter der Devise „Leave No Child Inside“ ein „Children and Nature Movement“ in Gang, das bis heute die gesamte Nation von nationalen Einrichtungen über viele bundesstaatliche Institutionen und Organisationen bis hin zu zahllosen örtlichen Initiativen beschäftigt. In den deutschen Büchermarkt fand das Buch erst mit sechs Jahren Verspätung Eingang. Sein Titel ist mit „Das letzte Kind im Wald?“ fantasielos übersetzt [2] und klingt für deutsche Ohren befremdlich. Aber trifft Louv’s Situationsbeschreibung denn auch bei uns zu?

Teils, teils. Der Buchtitel jedoch liegt arg daneben. Im Rahmen des Jugendreports Natur 2006 und, um sicher zu gehen, nochmals 2010 wurde über tausend deutschen Sechst- und Neuntklässlern aller Schulformen die Frage gestellt: „Wie oft bist Du im letzten Sommer durchschnittlich im Wald gewesen?“ Jeweils ein Drittel kreuzte „mehrmals pro Woche“, ein weiteres Drittel „mehrmals pro Monat“ an. Noch höher lagen die Quoten für den Aufenthalt auf Wiesen und Feldern sowie im Garten. Zwar hing die Waldbesuchsfrequenz begreiflicherweise stark von der Entfernung zum Wald ab. Aber selbst reine Stadtkinder waren eigenen Angaben zufolge zur Hälfte mehr als einmal pro Monat im Wald. [3] Das Problem sind daher nicht so sehr mangelnde Kontakte, sondern liegt woanders: Natur, das belegt der Jugendreport immer wieder, ist für viele reizüberflutete junge Menschen einfach zu langweilig. [4]

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Dr. Rainer Brämer war von 1972 bis 2008 Wissenschaftli- cher Mitarbeiter der Universität Marburg. Als promovier- ter Physiker beschäftigt er sich seit Anfang der 70er Jahre mit Forschungsarbeiten zum Verhältnis von Natur und Mensch. Nach Publikationen zur Rolle der Naturwissen- schaften in der Gesellschaft folgten seit Anfang der 90er Jahre empirische Studien zur subjektiven Naturbeziehung in der Hightech-Welt, darunter seit 1997 der „Jugendre- port Natur“. Seit 2008 betreibt er u.a. die populärwissen- schaftliche Website www.natursoziologie.de. (Bild: privat)

Sehnsucht nach Wildnis?

Wildnis gilt als Inbegriff von Natur. Die Schaffung von immer mehr Nationalparks wird unter anderem damit begründet, dass der moderne Mensch im Gegenzug zur immer weiteren Verkünstlichung seiner alltäglichen Lebenswelt eine wachsende „Sehnsucht nach Wildnis“ entwickelt. Evolutionsbiologen unterstellen mit dem Schlagwort „Biophilie“ gar eine angeborene Liebe zur Natur, die zumindest bei jungen Menschen noch ihre volle Wirkung entfalten kann. Geht der Trend also wieder zurück zu unseren Ursprüngen oder sitzen wir nur dem transferierten Mythos amerikanischer Wildnisromantiker auf?

Tatsächlich ist Umfragen zufolge [5] Wildnis in der abstrakten Werteskala der Zeitgenossen hoch angesiedelt, und zwar umso höher, je sanfter sie sprachlich daherkommt. Mit bis zu 80% am meisten Sympathisanten findet sie in der Formulierung „unberührte Natur“ oder „Wildnislandschaft“, gefolgt von „wilder Natur“, „wilder Wald“ und „heimische Urwälder“. Der reine Begriff „Wildnis“ trifft auf unterschiedliche Akzeptanz: als abstrakte Größe auf deutlich über 50%, in Verbindung mit Aktivitäten wie Expeditionen auf deutlich unter 50%. Für die Vorstellung, ganz konkret durch die Wildnis zu wandern, können sich gar nur 15% erwärmen – und das in allen Generationen. Allzu hautnah möchte man ihr doch nicht ausgeliefert sein.

Bittet man in Umfragen wie dem „Jugendreport Natur“ oder der „Naturbewusstseinsstudie“ um freie Einfälle zu naheliegenden Schlüsselwörtern wie „Natur“ oder „Naturschutz“, so spielt Wildnis nur noch eine randständige Rolle: Ihr Anteil an der Gesamtheit aller Einfälle liegt meist nur in der Größenordnung von Promille. Offenkundig ist Wildnis, wenn wir nicht explizit darauf angesprochen werden, in unseren Köpfen kaum präsent. Von Sehnsucht also keine Spur.

Auf weit mehr Resonanz stößt das Gegenteil von wilder Natur. Über 90% unserer Mitbürger befürworten eine saubere, aufgeräumte Natur. Kein anderes Naturmerkmal erfährt eine höhere Bewertung, und das unabhängig von Alter, Geschlecht und Bildungsgrad. Jeder zweite geht noch weiter, indem er die wildnis- und naturschutzwidrige Meinung vertritt, das Wegräumen von toten Bäumen und Ästen nütze dem Wald. Soll Natur also aussehen wie die Wohnstube der schwäbischen Hausfrau? Erscheint uns Wildnis, wenn es darauf ankommt, vielleicht doch ein bisschen zu unordentlich, zu natürlich oder gar zu bedrohlich?

Förster als Samariter des Waldes?

Obwohl wir alle täglich von und mit ihren Produkten leben, stellen Land- und Forstwirtschaft keine prickelnden Themen für die Medien dar. Wenn darüber berichtet wird, dann werden unter Berufung auf Umwelt- und Naturschützer eher bedrohliche Szenarien entworfen: von der profitorientierten Zerstörung der Landschaft, dem Auslaugen der Böden, dem Einsatz monumentaler Maschinen und so weiter. Sind also die lokalen Hauptakteure des unseres Umgang mit Natur, Bauern und Förster, in den Augen der Bevölkerung die großen Naturschänder?

Das ist gar nicht so einfach zu beantworten. Denn im alltäglichen Naturbild spielt alles, was mit der wirtschaftlichen Nutzung von Natur zu tun hat, so gut wie keine Rolle. Um ihre spontanen Gedanken zum Thema Natur gebeten, äußern sich weder Erwachsene noch Jugendliche in nennenswertem Maße zu Nutzpflanzen, Nutztieren oder deren Bewirtschaftung.[6]

Ähnliches gilt für das Thema Naturschutz: Ohne besonderen Anlass wird in diesem Zusammenhang kaum ein Gedanke auf die Produktion natürlicher Rohstoffe verschwendet. Ihre für uns alle tagtäglich lebenswichtige Bedeutung wird ebenso verdrängt wie die damit verbundenen Beeinträchtigungen des Naturhaushalts.[7]

Fragt man direkt nach, so kommen Land- und Forstwirte indes erstaunlich gut weg. Im jüngsten „Jugendreport Natur“ bescheinigen knapp 50% der befragten Jugendlichen den Bauern und sogar knapp 80% den Förstern einen hohen Grad der Rücksichtnahme auf die Natur. In beiden Fällen verweigern ihnen nur etwa 10% ausdrücklich diese Anerkennung. Dahinter steht das ähnlich verbreitete Bild vom vorwiegend pflegend und fürsorglich tätigen Wald- und Flurpersonal. [8]

Erwachsene sehen die Dinge kaum anders: In einer repräsentativen Forstkommunikationsstudie bejahten über 80% von ihnen die Feststellung „Der Förster ist in erster Linie dafür da, den Wald mit seinen Tieren und Pflanzen zu schützen und zu pflegen“. [9] Dieses realitätsferne Samariterbild scheint eher veralteten Schulbüchern als den modernen Medien zu entstammen. Wie der Erfolg des Magazins „Landlust“ zeigt, scheint dahinter vor allem die nostalgische Sehnsucht nach einer übersichtlich-heilen Welt zustehen.

Gute Natur?

Große Naturkatastrophen sind immer auch große Themen für die Medien. Von daher sollten wir alle wissen, wie gefährlich Natur auch im Zeitalter ihrer vermeintlichen technologischen Beherrschbarkeit sein kann. Ist uns das angesichts unserer weitgehend auf die Freizeit beschränkten und entsprechend ästhetisierten Naturkontakte noch hinreichend bewusst?

Kaum. Für die Mehrheit der Befragten scheint von der Natur keine Bedrohung auszugehen. Nicht weniger als drei Viertel der Erwachsenen wie Jugendlichen bejahen gleichermaßen Feststellungen wie „Was natürlich ist, ist gut“ und „Die Natur wäre in Ruhe und Frieden, wenn der Mensch sie in Ruhe ließe.“ Obwohl man auch neutrale oder verneinende Antworten geben konnten, verführt die für Industrieländer typische Naturverklärung zur massenhaften Bejahung von derlei unsinnigen Behauptungen. Hierin zeigt sich mehr noch als in mangelnden Naturkenntnissen ein hohes Maß an Naturentfremdung.[10]

Haben Landkinder ein anderes Naturbild?

Jedes Mal, wenn mal wieder eine Tartarenmeldung über erschreckende Naturwissensdefizite unserer Jugend durch die Medien geht, scheint es für viele nur einen Trost zu geben: Das sei eben eine unausweichliche Folge des zunehmenden Naturverlustes unserer Städte – aber auf dem Land, da sähen die Dinge noch anders aus. Tatsächlich?

Das ist nur insoweit der Fall, als Landkinder in der Tat über mehr Naturkontakte (s.o.) und folglich auch über mehr Naturerfahrungen verfügten. Im Übrigen gilt ganz generell, und das auch für Stadtkinder: Je näher junge Menschen am Wald wohnen, desto öfter besuchen sie ihn und desto wohler fühlen sie sich dort. Das könnte ein Trost sein.

Der Jugendreport Natur 2010 hat erstmals mit einem Wissensschwerpunkt aufgewartet – nicht zu Schulwissen, sondern zu praxisnahem Wissen vorzugsweise aus den Bereichen Land- und Forstwirtschaft. Obwohl auf quasi sie zugeschnitten, haben Landkinder von den 17 Wissensfragen nur drei richtiger beantwortet, Stadtschüler waren in einer Frage besser. Das ist ein unerwartet geringer Unterschied. [11]

Ihr generelles Naturbild und ihre Einstellungen zur Natur unterscheiden sich ebenfalls kaum von dem ihrer städtischen Altersgenossen – mit einer Ausnahme: Von Förstern und Jägern (nicht aber von Bauern) haben sie auf Grund persönlicher Beziehungen ein positiveres Bild. Dafür ist ihr Verständnis von Naturschutz ebenso diffus und widersprüchlich wie das von Nachhaltigkeit. Offenbar hat der auf Natur bezogene jugendliche Wertehorizont so gut wie nichts mit der Nähe zur natürlichen Umwelt zu tun, sondern scheint andere (mediale?) Quellen zu haben. [12]

Jugend als Störer des Waldfriedens?

Es ist schon fast eine Volksglaube: Wenn im Wald Müll herumliegt, dann haben es Jugendliche dorthin geschmissen. Und sie sind es auch, die mit ihrem lärmenden Gehabe rücksichtslos die Ruhe des Waldes zu stören pflegen. Haben sie wirklich keinen Sinn für die Erholungsbedürfnisse der Erwachsenen?

Soweit übersehbar, gibt es keine realistischen Feldstudien zum jugendlichen Verhalten im Wald. Und lebenspraktische Erfahrung deutet eher auf die im Wald Beschäftigten als Hauptlärmquelle und autofahrende Erwachsene als allzu bequeme Müllentsorger hin. Dennoch haben kritische Nachfragen bei der Generation der Hauptverdächtigten verblüffende Ergebnisse erbracht.

Was den Müll betrifft, so gibt es für Jugendliche – ähnlich übrigens wie für Erwachsene – nach eigenen Angaben kein schlimmeres Vergehen, als in ihn den Wald zu schmeißen. So denkt jeder Vierte Teilnehmer am Jugendreport Natur sofort an Müll, wenn das Thema Naturschutz angesprochen wird – zum Vergleich: An Artenschutz denken 6%, an Landwirtschaft 2%, an Nachhaltigkeit 0,3%. Gezielt befragt sind 97% der Meinung, dass Abfall dem Wald schadet (Rang 1 unter den Schadfaktoren). Mitte 80% halten Mülldisziplin im Wald für den wichtigsten Faktor von naturschutzkonformem Verhalten und Nachhaltigkeit (beides Mal Rang 1), und ebenso viele wollen sich auch an das Wegschmeissverbot halten (Rang 1 der Verhaltensskala). Mit Blick auf die eigene Vergangenheit bekennt allerdings über die Hälfte, dagegen schon mal verstoßen zu haben (Rang 1 unter den Natursünden). Dafür haben 40% auch schon mal Müll im Wald gesammelt (Rang 1 unter den guten Taten).

Ähnlich eindeutig ist ihre Einstellung zur Stille im Wald. Wie bei den Erwachsenen geben rund drei Viertel von ihnen an, sie besonders zu genießen. Wer hätte das von einer Generation gedacht, die sich ständig mit Musik umgibt? Zwar hört die Hälfte selbst beim Spazieren im Grünen gerne Musik, aber das wohl vor allem, weil es in Begleitung von Eltern so langweilig ist und man sein iPod ohnehin dabei hat. Die Musik dagegen volle Kanne in den Raum abzulassen – dafür ist ihnen die Natur offenbar dann doch zu schade. Wer immer den Wald mit leeren Verpackungen und Lärm vollmüllt: Innerhalb der Jugend sind es nur Vereinzelte, und sie stoßen bei Gleichaltrigen nicht auf sonderliche Sympathie. [13]

Was hat Natur mit Naturwissenschaft zu tun?

Wenn es um das Thema Natur geht, sind aus der Perspektive der Medien üblicherweise die Naturwissenschaften zuständig. Auch Natur- und Umweltschützer berufen sich vorrangig die „exakten Wissenschaften. In der Schule wird Natur spätestens ab der Sekundarstufe fast ausschließlich im natur-wissenschaftlichen Unterricht behandelt. Verfügen die Naturwissenschaften also über das Deutungsmonopol für alles, was mit Natur zu tun hat?

Im nichtveröffentlichten, alltäglichen Naturbild Erwachsener wie Jugendlicher sieht das ganz anders aus.[14] Unter den bereits erwähnten freien Einfällen zum Stichwort „Natur“ nehmen bestenfalls 1% auf die Naturwissenschaften und ihren Fundus fachspezifischer Vokabeln oder Erkenntnisse Bezug. Unter Studierenden sieht das nicht viel besser aus. Selbst wenn sie in einem naturwissenschaftlichen Fach eingeschrieben sind, fallen bei Natur nur wenigen ihre eigenen Fächer ein.

Was dabei allen einfällt, gleich welchen Alters, sind Tiere, Pflanzen und – insbesondere Erwachsenen – Landschaftselemente wie Wald und Wiesen. Fast wichtiger noch: Das alltägliche Naturbild hat, anders als die Wissenschaften, eine ausgeprägte Gefühls- und Erlebniskomponente. Auf die explizite Nachfrage, wie viel die einzelnen Schulfächer mit Natur zu tun haben, erfuhren die von den Naturwissenschaften abgeleiteten eine sehr unterschiedliche Einschätzung. Erwachsene bescheinigten zu 80% der Biologie und zu 60% der Erdkunde einen engen Naturbezug. Der Physik und Chemie mochten das nur 30% zugestehen. Bei Schülern lagen die Quoten sogar noch niedriger. Ähnlich fielen die Antworten auf die Frage aus, in welchen Fächern man viel über Natur gelernt habe.

Physik und Chemie werden also nur in Grenzen mit Natur in Verbindung gebracht, grob 40% der Erwachsenen und 50% der Jugendlichen gaben sogar an, dort wenig oder nichts über Natur gelernt zu haben. Offenbar erkennen die Betroffenen in den Inhalten dieser Fächer die Natur nicht so recht wieder. Trotz systematischer Beschulung haben die Wissenschaften von der Natur ihr Deutungsmonopol im gelebten Alltag bei weitem nicht so wie in den Medien durchsetzen können.

Natur im Widerspruch

Im Gegensatz zum wissenschaftlichen ist das alltägliche Naturbild indes auch nicht annähernd konsistent und widerspruchfrei. Das beginnt schon damit, dass es keinen Konsens darüber gibt, was Natur ist und wie sie sich von was auch immer abgrenzt. Die Naturwissenschaftler äußern sich zu dieser elementaren Frage cleverer Weise in der Regel überhaupt nicht, und wer sich hilfesuchend an die für das Große Ganze zuständigen Philosophen wendet, wird erfahren, dass sie sich darüber durchaus uneinig sind. Nicht selten konstatieren sie sogar resigniert, dass es keine verbindliche Naturdefinition geben kann, weil der Begriff keinen Sinn macht. Sollte man also aufhören, darüber zu reden?

Natürlich nicht. Ohne diesen Begriff würde zumindest den zivilisierten Gesellschaften eine zentrale Orientierung und Selbstversicherung verloren gehen. Stattdessen muss man sich klar machen, was der Kern des Problems ist. Er besteht in der nicht eindeutig lösbaren Frage nach dem Stellenwert des Menschen in der Natur. Gehört er dazu oder nicht, und wenn ja, mit welchen Teilen, Taten und Werken? Letztlich unterscheidet also unser Menschenbild darüber, was wir für Natur halten und wo wir ihre und unsere Grenzen sehen. Ein einheitliches Menschenbild aber kann und wird es nicht geben.

Was folgt daraus? Wer dem Thema Natur im Alltag und in der Gesellschaft gerecht werden will, muss den Menschen in sein Naturbild einbeziehen. Die klassischen Naturwissenschaften grenzen den Menschen, sofern sie ihn nicht selbst zum Gegenstand gemacht haben, bewusst aus ihrem Blickfeld aus. Dieser grandiosen Simplifizierung verdanken sie ihre unbestreitbaren Erfolge, beschränken damit den Gültigkeitsbereich ihrer Aussagen aber massiv. Ihnen wie selbstverständlich die Definitionsmacht über Natur zu überlassen, wäre von daher ein grober Fehler.

Wir brauchen Sozial-, Human- und Geisteswissenschaften

Wenn wir schon zunehmend dazu neigen, zu allen wichtigen Problemen auch die Wissenschaften zu befragen, dann dürfen wir uns im Falle der Natur keineswegs auf die Naturwissenschaften beschränken. Wir brauchen dazu auch die Sozial-, Human- und Geisteswissenschaften. Die allerdings haben sich aus falschem Respekt vor den übermächtigen Naturwissenschaften noch nicht so recht aus der Deckung gewagt.

Am ehesten hat sich das noch die Philosophie zugetraut, ist dabei aber ähnlich wie die Medien weitgehend in das Kielwasser der Naturwissenschaften geraten. In den letzten Jahrzehnten hat sich darüber hinaus vornehmlich in den USA eine Art Naturpsychologie erfolgreich daran gemacht, das Verhältnis Mensch-Natur zu erhellen. In Deutschland steht sie aber bestenfalls in den Anfängen, weil sie sich nur schwer von einer dominierenden Umweltpsychologie emanzipieren kann.

Das gilt analog auch für die Natursoziologie. Von ihr ist zu hoffen, dass sie, indem sie sich unserer alltäglichen Beziehung zur Natur annimmt, deren Ungereimtheiten und Widersprüche auf die Spur kommt. Als eine Natur-Wissenschaft mit anderen, vorzugsweise empirisch-sozialwissenschaftlichen Mitteln kann sie uns zu einem realistischeren Bild vom Verhältnis Natur-Mensch-Gesellschaft verhelfen und damit letztlich auch zur Klärung der hier nur ansatzweise skizzierten Irrtümer beitragen. Exemplarisch versucht sich die junge Website www.natursoziologie.de in diese Richtung vorzutasten.

Fußnoten

[1]Last Child in the Woods – Saving Our Children from Nature-Deficit-Disorder“. Chapel Hill 2005.

[2] Deutsch: Das letzte Kind im Wald – Geben wir unseren Kindern die Natur zurück. Weinheim 2011.

[3] Jugend ohne Natur? Jugendreport Natur 1997-2010 zu Umfang und Art von Naturkontakten.

http://www.natursoziologie.de/NS/naturerfahrung/naturerfahrung.html

[4] Der „Jugendreport Natur“ ist über alle Jahrgänge komplett dokumentiert auf http://www.natursoziologie.de/NS/jugendreport-natur/jugendreport-natur.html

[5] Alle Umfragedaten in: Wildnis oder Ordnung in der Natur? Eine Meinungsbilanz auf empirischer Grundlage. http://www.natursoziologie.de/NS/naturschutz/naturschutz.html

[6] http://www.natursoziologie.de/NS/natur/naturverstaendnis-empirisch.html

[7] http://www.natursoziologie.de/NS/naturschutz/naturschutz.html

[8] http://www.natursoziologie.de/NS/naturnutz/landwirtschaft.html

http://www.natursoziologie.de/NS/naturnutz/wald-forst.html

[9] S. Kleinhückelkotten u.a.: Kommunikation für eine nachhaltige Waldwirtschaft. Hannover 2009

[10] Natur infantil? Die Bambisierung der Natur hat die Erwachsenen erreicht. http://www.natursoziologie.de/NS/natur-im-wertehorizont/bambisyndrom.html

[11] Nutz-loses Naturwissen? Produktive Natur im Fokus des Jugendreports Natur 2010. http://www.natursoziologie.de/NS/naturwissen/naturwissen.html

[12]http://www.natursoziologie.de/NS/jugendreport-natur/jugendreport-natur-2010.html und dortige Links

[13] Natur als stille Gegenwelt. Ruhe und Ordnung als Eckpfeiler des jugendlichen Naturbildes.

http://www.natursoziologie.de/NS/natur-im-wertehorizont/natur-im-wertehorizont.html

[14]Was hat der naturwissenschaftliche Unterricht mit Natur zu tun? Empirische Antworten auf eine nur scheinbar dumme Frage. http://www.natursoziologie.de/NS/natur-in-der-schule-44/natur-in-der-schule.html

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