Herr Hanisch, Sie besteigen Fünftausender im Himalaya, zelten in der indischen Wüste und fahren vier Tage lang mit dem Fahrrad durch Neuseeland. Warum?

Zunächst ganz einfach deswegen, weil die „Zeit“ mich dort hinschickt und ich so mein Geld verdiene. Aber natürlich bekomme ich das nicht geschenkt, sondern dafür, dass ich in diesen Weltgegenden Themen finde, vertiefe und in gute Geschichten ummünze. Und das ist der eigentliche Impuls: Ich will eine gute Geschichte schreiben.

Und was ist das, eine gute Geschichte?

Eine Geschichte oder eine Reportage ist im Großen und Ganzen dann gut, wenn sie verblüfft. Wenn sie die richtigen Fragen stellt und so zu originellen Antworten führt. Wenn sie neue, gewissermaßen unverbrauchte Perspektiven in einem Sujet entdeckt und durchexerziert. Wenn also der Leser nicht seine Stereotypen bestätigt bekommt, sondern wenn er auf lebendige und unterhaltsame Art Einsichten erhält, die gegen den Strich seiner Erwartung bürsten. Das muss eine gute Geschichte schaffen.

Auch wenn es um die Natur geht?

Prinzipiell auch dann. Allerdings ist das in diesem Fall schwieriger. Die Natur ist nun einmal eine Größe, an der es nicht so viel zu interpretieren gibt. Dennoch ist sie in aller Regel durchwirkt von Menschenwerk. Eine Kuh auf einer Wiese gäbe es ja gar nicht, wenn der Mensch sie nicht gezüchtet hätte. So kommen dann Facetten ins Spiel, die schon Verblüffungspotenzial in sich tragen.

Wolf Alexander Hanisch ist 51 und arbeitet als freier Journalist in Köln. Er betreibt ein Textbüro, schreibt für die „Süddeutsche Zeitung“ und die „FAZ“ über Wirtschaft und Philosophie, hauptsächlich (und exklusiv) aber für den Reiseteil der „Zeit“. Für seine neuste Reisereportage flog Hanisch nach Österreich und machte dort den ersten Klettersteig-Schein, den es in den Alpen gibt.

Wolf Alexander Hanisch ist 51 und arbeitet als freier Journalist in Köln. Er betreibt dort ein Textbüro und schreibt unter anderem für die „Süddeutsche Zeitung“ über Wirtschaft und Philosophie. Als Reisereporter arbeitet Hanisch exklusiv für den Reiseteil der „Zeit“. Eine seiner jüngsten Recherchen für das Blatt führte ihn nach Österreich, wo er den ersten Klettersteigschein der Alpen machte. (Bild: privat).

Und warum reisen Sie durch die Welt anstatt bequem aus dem Büro die Bundespolitik zu kommentieren?

Der Kirchenlehrer und Philosoph Augustinus von Hippo soll gesagt haben, dass die Welt ein Buch sei, und wer nie reise, kenne nur eine Seite davon. Das gilt in unserer globalisierten Welt, die alles mit ihrem Universalgeschmack durchtränkt, natürlich nicht mehr so sehr wie zu Augustinus‘ Lebzeiten in der Spätantike. Aber wer sich bemüht, richtig hinzuschauen, kann auch heute noch viel Überraschendes entdecken rund um den Globus. Und wer das tut, schärft nicht zuletzt seinen Blick für die Phänomene zu Hause. Bestimmt auch für eine so aufgeblasene Angelegenheit wie die Bundespolitik.

Hoffen Sie, dass sich der Leser direkt an den Ort wünscht, die Sie beschreiben?

Wenn ein Text so einen Impuls auslöst, ist das schön. Aber notwendig ist es nicht. Ich meine nämlich, dass auch Reisethemen das Recht haben, als sogenannte Lesegeschichten zu enden. Wenn mir jemand sagt: „Das ist ja wahnsinnig spannend, aber wissen Sie was? Da möchte ich im Leben nicht hin!“, finde ich das sogar mitunter gut, weil ich quasi stellvertretend für ihn an einen Ort gehe, den er gar nicht am eigenen Leib erleben will. Dabei ist die Wahrnehmung häufig bei ein- und demselben Text völlig unterschiedlich. So war das unlängstbei einer Geschichte über einen Ort in Belize: Die hat die Caribbean Tourism Organization ausgezeichnet, aber Freunde sagten dazu: „Nee, sehr gern gelesen, aber muss ich nicht haben.“

Kämpfen Sie mit Ihren Texten für etwas – beispielsweise für den Erhalt der Natur?

Nein. Der erigierte Zeigefinger tut einer Reportage nie besonders gut, glaube ich. Allerdings sollen meine Texte etwas in den Lesern zum Klingen bringen, das schon. Und wenn das gelingt, ist die praktische Relevanz nie fern. Das darf aber nicht zu vordergründig passieren.

Was ist dann Ihre Motivation? Dass der Leser durch Ihre Geschichten die Natur wieder lieben lernt?

Ach Gott, die Natur lieben! Ist das nicht ein bisschen trivial? Wir sind ja selbst Natur. Und gleichzeitig auch wieder nicht. Ich meine das im Sinne des Soziologen Talcott Parsons, der vom Menschen als einem „kulturellen Tier“ sprach. Als das sind wir nun einmal darauf aus, die Natur zu beherrschen. Und dagegen ist nichts zu sagen. Die Natur an sich ist ja nicht nur schön und liebenswert, sondern kann auch entsetzlich und grausam sein. Das meinte ich übrigens vorhin unter anderem, als ich von Texten sprach, die gegen den Strich bürsten sollen. Wer davon ausgeht, dass die Natur genuin gut und freundlich ist, vergibt sich die Chance, auch ihre dunklen Seiten zu erkennen und zu beleuchten. Die sind oft sogar spannender.

Versuchen Sie also eher, die dunkeln Seiten eines Themas heraus zu destillieren?

Das versucht der Journalismus in seiner Tendenz ja schlechthin: „Only bad news are good news“.

Gilt diese Faustregel auch für Ihre Arbeit?

Manchmal. Aber häufig gilt sogar ihr Gegenteil. Und das ist nicht nur bei meiner Arbeit so, sondern bei guten Reisereportagen schlechthin. Genau das macht Reisereportagen im Übrigen schwieriger, als viele denken. Schauen Sie, ich habe unlängst einen ziemlich wohlwollenden Artikel über die Mosel geschrieben, auf den ich sehr viele begeisterte Zuschriften erhielt – von Moselanern und anderen, durchaus kritisch gesinnten Lesern. Das ist bei diesem Thema nicht selbstverständlich. Denn die Mosel ist eine Gegend, die nun wirklich eine Menge Klischees bedient. All die Sauffahrten, von denen schon Tucholsky berichtete, der biedere Campingtourismus, die Horden von Kegelclubs sind ja Legende. Viele Schreiber können diesen negativen Reizen einfach nicht widerstehen. Die hauen drauf und glauben, das ist es dann. Ist es aber nicht. Denn spannend wird die Sache ja erst, wenn man die Kulissen hinterfragen und so beispielsweise begreifen kann, dass in den Moseldörfern Zeitreisen in eine Art Heinz-Erhardt-Deutschland möglich sind. Und dass diese Zeitreisen nur gelingen, weil die Mosel sich äußerst behutsam verändert – hier kauft man immer noch nicht bei H&M ein, sondern in Läden, die „Topsy Junge Mode“ heißen. Dieses Verschnörkelte, dieses Tantenhafte, dieses Draußen-nur-Kännchen-Ding ist etwas, was einen herrlich melancholisch stimmen kann. Natürlich ist das spießig. Aber es ist wunderbar.

Sie versuchen doch nicht etwa, negative konnotierte Dinge ins Positive zu drehen?

Nein, nein! All das Wohlwollen funktioniert ja nur, wenn die Kritik nicht zu kurz kommt. Nur muss die eher durch den Text summen als in ihm herumbrüllen. Die polemische Kritik ist billig, das kann jeder. Deswegen ist genau dies die vielleicht zentrale Herausforderung des Reisejournalismus: nämlich die Dinge auch da mit einer gewissen Sympathie betrachten zu können, wo sie eigentlich unsympathisch sind.

Aber weshalb?

Weil es interessant ist. Das allein reicht schon.

Nochmal: Alles mit einer gewissen Sympathie zu sehen – müssen Sie da als Journalist nicht neutraler sein?

Man muss unabhängig sein, klar. Aber neutral? Nicht unbedingt. Es ist doch so, dass die Wahrheit nie von selbst zum Vorschein kommt, sondern nur durch Ihre Inszenierung. Das heißt, wenn Sie ziemlich sichergehen wollen, etwas Langweiliges zu produzieren, dann schreiben Sie chronologisch und deskriptiv das hin, was Ihnen widerfährt. Das kann sogar funktionieren. Aber meistens kommt Schrott dabei heraus. Wenn Sie jedoch gute Arbeit abliefern wollen, dann interpretieren Sie ihr Material, bohren es auf, schneiden es auseinander und setzen es neu zusammen. Kreativität statt Schema F.

Okay, Sie haben gewonnen…

…und Sie offensichtlich verstanden, was ich meine. Nämlich, dass es im Reisejournalismus darum geht, in die Dinge hineinzukriechen, sie neu zu denken, ihnen einen Effet zu geben.

Zurück zur Natur: Haben Sie den Eindruck, dass die Deutschen ihre Natur zu schätzen wissen?

Diesen Eindruck habe ich ganz und gar nicht. Auch wenn sich jeder Mülltrenner hierzulande für den größten Naturfreund überhaupt hält. Die Deutschen sind dafür wahrscheinlich zu pragmatisch, eine Ingenieursnation voller Technikerseelen. Und das in einem Land, das Romantiker wie Novalis, Caspar David Friedrich oder Mendelssohn-Bartholdy hervorgebracht hat. Das ist ein Punkt, der mich immer wieder beschäftigt.

Wann werden Sie damit konfrontiert?

Ich werde damit konfrontiert, wenn ich sehe, wie Deutschland sich mit Windparks ästhetisch kastriert. Schauen Sie sich die Eifel an, den Hunsrück, Teile Frankens, die Küsten und viele andere Gegenden – überall werden gigantische Turbinen hingestellt, wird die Landschaft ohne mit der Wimper zu zucken industrialisiert. Wir haben nach dem Krieg den Rest unserer Städte ans Messer geliefert, indem wir Stadtautobahnen durch sie geschlagen und anderen Wahnsinn gebaut haben. Und nach Fukushima ist nun die Landschaft dran. Ich bin weiß Gott gegen Atomkraft, aber müssen deswegen die Reize deutscher Regionen konsequent unter die Räder kommen? Dieses Land begreift die Natur nur ökologisch und ist offensichtlich nicht in der Lage, ihre ästhetische Dimension zu erkennen, die sich als Landschaft äußert. Hier werden unbedingt notwendige Rekreationsräume zunichte gemacht, wird letztlich an einer Art Nabelschnur zwischen uns und einer wichtigen Quelle von regionaler Identität gesägt. Diese regionale Identität aber ist gerade heute wichtig. Und sie ist ohne charakterstarke Landschaften nicht zu haben.

Meinen Sie wirklich?

Aber natürlich. Was diesen Punkt betrifft, haben die Menschen hierzulande kein Maß. Mich macht das regelrecht aggressiv. In Neuseeland bin ich für eine Geschichte mit dem Fahrrad durch die Südinsel gefahren, und da wohnt nun wirklich fast keiner. Da sollten zwei Windparks entstehen. Daraufhin gab es einen Sturm der Entrüstung, der so lange anhielt, bis das Projekt gecancelt wurde. Hier regt sich Widerstand nur dann, wenn Windräder zu nah an Siedlungen rücken. Die landschaftliche Integrität, die die protestierenden Neuseeländer im Sinn hatten, scheint hier kaum jemanden zu interessieren.

Für Ihre Reportage über ein Windrad in Bayern erklommen Sie die Spitze und schrieben anschließend ein paar schöne Sätze über das Licht, das dort durch die Wolken brach: „Als Kind glaubte ich, hinter diesem Glanz wohne Gott. Jetzt fällt mir auf, dass ich gegen diese Vorstellung bis heute machtlos bin.“

Das ist in der Tat sehr schön! (lacht)

Glauben Sie, dass die Natur etwas Göttliches hat? Etwas, womit der Mensch vielleicht doch nicht machen darf, was er will?

Die Natur ist die letzte Instanz. Aber ist sie deswegen zwangsläufig gleichbedeutend mit Gott? Ich weiß nicht. Als letztmögliches Refugium für religiöses Empfinden allerdings würde ich sie schon bezeichnen. Und angesichts der Natur, insofern haben Sie recht, kann der Mensch spüren, wie klein er ist, kann merken, dass er kritisch umgehen sollte mit seinen Ambitionen – sei es im Ruwenzori-Gebirge in Uganda, auf einer Insel im Südpazifik oder am Rand der großen Erosions-Show des Grand Canyon.

Im Ruwenzori-Gebirge in Uganda gibt es  25 Meter hohes Heidekraut und zwölf Meter hohe Blumen. „Da kommt man sich vor, wie bei Gulivers Reisen“, sagt Hanisch

Im Ruwenzori-Gebirge in Uganda gibt es 25 Meter hohes Heidekraut und zwölf Meter hohe Blumen. „Da kommt man sich vor, wie bei Gulivers Reisen“, sagt Hanisch. (Bild: privat)

Herr Hanisch, was war bislang Ihre aufregendste Reise?

Da fallen mir viele ein. Ich erinnere mich beispielsweise an eine Reportage über die größte illegale Goldmiene der Welt im Süden Venezuelas. Dort stoßen Sie tief im Dschungel auf wild gewucherte, wahllos aus Holz und Kram zusammengezimmerte Städte mit zigtausend Einwohnern. Es gibt Wohnhäuser, Bars, Bordelle, aber keine Polizei. Den Schnaps bezahlen viele direkt mit jenen Goldbröckchen, die sie tagsüber aus der Miene holen. Wer mehr findet, sollte schnell Reißaus nehmen, weil er sonst erschlagen wird.

Wie konnten Sie da ungestört recherchieren?

Ich und ein Fotograf waren Protegés eines deutschen Goldgräbers der dritten Generation – seine Großeltern kamen nach dem Ersten Weltkrieg aus dem Ruhrgebiet nach Las Claritas, so heißt die Miene. Er war um die 60, hatte weiße Haare und merkwürdig wasserblaue Augen. Alle besaßen einen Heidenrespekt vor ihm, glaubten, er könne zaubern. So konnten wir uns eine Woche lang umsehen und beobachten, wie man mit Dynamit riesige Explosionen entfachte, die Erde zerfleischte und nach dem Gold wühlte. Dabei verseuchte das für die Goldsuche notwendige Amalgam die Bäche und mit ihnen viele Indianer, die im Urwald leben. Das alles ist ein riesiger, irrer Frevel. Regelrecht apokalyptisch und weiß Gott nicht schön. Aber natürlich hochinteressant.

Wie halten Sie das Gesehene fest, machen Sie sich Notizen und schießen Fotos? Oder können Sie sich alles einfach merken?

Ich mache manchmal ein paar Fotos, um mich zu erinnern, das ist wahr. Schreiben dagegen tue ich ständig. Können Sie sich an die Art erinnern, wie Jürgen Klinsmann Fußball spielte?

Ja. Wieso?

Klinsmann konnte seine Tore nur schießen, wenn er wie ein Bekloppter über den Platz zappelte. Ich habe ihn immer „Klinsmann, das Reh“ genannt, er brauchte das für seine innere Spannung. Bei mir ist das mit dem Schreiben ähnlich. Ich notiere viel in meine Kladde, mehr als ich eigentlich brauche, das hält meinen Aufmerksamkeits-Tonus hoch. Und in diesem Zustand bekomme ich Dinge mit, die mir vielleicht sonst gar nicht auffallen würden. Jedenfalls bilde ich mir das ein.

Sie übernachten in edlen Hotels, für manche Geschichten wandern sie, für andere schwingen sie sich aufs Rad. Brauchen Sie überhaupt noch Urlaub?

Nein, private Urlaube interessieren mich in der Tat nicht sehr. Entspannend sind die Recherchen allerdings ganz und gar nicht. Alles, was Sie da erleben, läuft ständig durch eine Art Verwertungsreuse. Sie schauen immer: Was kann, was darf, was muss da hängenbleiben? Bei mir rattert da zudem unentwegt eine Maschine für Analogien und Interpretationen, die versucht, die Dinge in den Griff und auf den Punkt zu bekommen. Entspannt sind Sie dabei eigentlich nie.

Interview: Manuel Schubert

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