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EU stoppt Insektenmittel wegen Bienensterben

Von Verena Müller

„Ein Weniger von mindestens zehn Prozent auf unseren Feldern bedeutet ein echtes Risiko für die Nahrungsmittelsicherheit“, so Harald von Witzke. Denn zwischen den Jahren 2000 und 2050 werde sich der Bedarf an Nahrungsmitteln weltweit verdoppeln. „Diesen Bedarf können wir nur decken, wenn wir die Ernte pro Fläche deutlich steigern. Und das geht nur mit Neonicotinoiden.“ Von Witzke ist Agrarökonom und Mitglied des Humboldt Forum for Food and Agriculture (HFFA), das den Wert von Neonicotinoiden für Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt untersucht hat (Noleppa & Hahn, 2013). „Nur durch höhere Erträge können wir verhindern, dass noch mehr Flächen in Äcker umgewandelt werden und noch mehr Regenwald vernichtet wird“, fügt er hinzu. Schon jetzt müsse die EU große Mengen an Nahrungsmitteln importieren.

Bei sachgemäßer Anwendung seien Neonicotinoide laut dem HFFA-Report auch vollkommen unproblematisch für die Umwelt. Auch für Bienen und andere Bestäuber. Denn diese würden gar nicht mit den Insektiziden in Kontakt kommen, da die Stoffe direkt mit dem Saatgut zusammen in die Erde gebracht und dort bleiben würden. Das ansonsten weltweit auftretende Bienensterben sei vor allem der Varroa-Milbe, einem aus Asien eingeschleppten Parasiten, zuzuschreiben.

Neonicotinoide werden weltweit auf nahezu allen Ackerflächen in den industrialisierten Ländern angewendet. Die Weltproduktion der drei Erfolgreichsten unter ihnen – Imidacloprid, Clothianidin und Thiamethoxam – liegt jährlich bei rund 40 000 Tonnen. Ein Marktwert von geschätzten 4,7 Milliarden Dollar pro Jahr.

„Ökologisch und ökonomisch unsinnig“

„Das Pikante an der Studie des Humboldt Forums ist, dass sie von den beiden Hauptproduzenten für Neonicotinoide, Bayer und Syngenta, in Auftrag gegeben wurde“, so Matthias Liess vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig. Als Ökotoxikologe beschäftigt er sich seit vielen Jahren mit den Auswirkungen von Insektiziden auf die Umwelt. „Damit müssen die Ergebnisse nicht falsch sein. Unangenehme Zahlen könnten jedoch einfach weggelassen worden sein.“ Das sei so ähnlich, als würde die Tabakindustrie eine Studie in Auftrag geben, die die Auswirkungen des Rauchens auf die Gesundheit untersucht. „Kontrovers diskutierte Themen, die von Interesse für Industrie und Gesellschaft sind, müssen durch unabhängige Forschung staatlicher Stellen untersucht werden“, so der Umweltwissenschaftler weiter. Stellen wie die Weltnaturschutzorganisation IUCN, die sich vor allem aus Regierungsgeldern der Mitgliedsländer finanziert. Gerade hat sie den Report einer internationalen Arbeitsgruppe unabhängiger Wissenschaftler veröffentlicht, der „Task Force on Systemic Pesticides“. Über vier Jahre hatte diese mehr als 800, in hochrangigen Wissenschaftsmagazinen wie Science veröffentlichte Einzelstudien zu den Auswirkungen von Neonicotinoiden auf die Umwelt ausgewertet.

Mit eindeutigem Ergebnis: Neonicotinoide sind nicht nur ausgesprochen schädlich für Honigbienen und andere Bestäuber und machen sie wesentlich empfindlicher für Parasiten wie die Varroa-Milbe. Sie bleiben auch nicht, wie vorgesehen, nur im Boden. Denn als sogenannte systemische Insektizide werden sie nicht nur im Falle einer Schädlingsinvasion gezielt eingesetzt. Vielmehr wird schon das Saatgut mit den Wirkstoffen behandelt, sodass sie während des Wachstums mit dem Wasserstrom in der Pflanze empor wandern. Was für einen besonders effektiven Schutz gegenüber Insektenbefall gedacht ist, bewirkt, dass jedes Tier, das an der Pflanze knabbert, die Stoffe aufnimmt.

„Auch wenn man es rein gesamtwirtschaftlich betrachtet, ist die Rechnung fragwürdig“, so Matthias Liess, Ökotoxikologe vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig. „Denn Honigbienen sind das drittwichtigste Nutztier der Menschheit.“ Der ökonomische Gesamtwert allein für die Bestäubungsleistung durch Honigbienen wird für Europa auf 15 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt. Mehr als ein Drittel der Nahrungsmittelproduktion hängt direkt von der Bestäubung durch Bienen ab – von Äpfeln über Zwiebeln bis hin zu Gurken. Dieser Wert ist damit fünfmal höher als der im Auftrag von Syngenta und Bayer ermittelte wirtschaftliche Nutzen der bienengefährlichen Neonicotinoide. Davon noch nicht abgezogen sind die Kosten, die der Gesellschaft durch verunreinigte Gewässer oder den Verlust von Biodiversität und vieler Nützlinge entstehen. „Neonicotinoide sind damit nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch unsinnig“, so Liess.

„Auch das Hauptargument der Befürworter, die Nahrungsmittelsicherheit, ist viel zu kurz gedacht“, so Ökotoxikologe Liess. „Laut Welternährungsorganisation FAO landen jedes Jahr weltweit ein Drittel aller Lebensmittel im Müll. Hier liegt das drängende Problem, nicht in zu geringen Erträgen.“ Auch hinsichtlich der EU-Importe von Nahrungsmitteln müsse man hinter die Zahlen schauen. Denn die EU führt nicht nur Nahrungsmittel wie südländische Früchte, Kaffee, Kakao und Tee ein, sondern exportiert diese auch in ähnlich großem Umfang – vor allem Getreide, Milch und Fleisch. „Selbst ein Mehr auf den Feldern der EU würde bei gleichem Konsumverhalten hier, nicht verhindern, dass sich Ackerflächen in den Tropen weiter ausdehnen und Regenwald vernichten.“ Zudem gäbe es umweltverträglichere Pflanzenschutzmittel, die auch für hohe Erträge sorgen.

Ende dieses Jahres will die EU-Komission entscheiden, ob aus einem Aussetzen der Neonicotionoide ein Verbot wird. Letztendlich lässt sich hier auf ausgewogene, nicht von einseitigen Interessen geleitete Erkenntnisse zu den Risiken dieser Stoffe und eine entsprechende Reaktion der EU-Kommission darauf hoffen. „Das Beispiel DDT hat es gezeigt: Hier wurde auch durch Beobachten der Umwelt festgestellt, dass dieses Insektizid derart umweltschädliche Auswirkungen hatte, dass es in den 1970er Jahren in großen Teilen der Welt verboten wurde“, so Ökotoxikologe Liess. „Deutlich wurde es den Menschen aber auch damals erst, als in den USA der Weißkopfseeadler durch DDT auszusterben drohte.“

Weitere Informationen auf der Website des Netzwerk-Forums zur Biodiversitätsforschung Deutschland (NEFO) www.biodiversity.de

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