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„Bei Hochwasser ist das Geschrei groß“

Interview: Max Wiegmann

Inwiefern stehen sie mit dem Fluss Modau in Kontakt, welche Rolle spielt er für Ihre Arbeit?

Die Untersuchung, an der ich beteiligt war, war das erste Pilotprojekt in Hessen, also der Bewirtschaftungsplan für die EU-Wasserrahmenrichtlinien. Da haben wir modellhaft an der Modau, einem durch Siedlungen stark belastetem Gewässer, erstmals so etwas entwickelt. Es liefen fünf Modellprojekte in Hessen, drei davon an der Uni Kassel. Zwei habe ich gemacht, also mein Büro damals und die Uni Darmstadt – zum Siedlungswasserwirtschaftsbau. Drei Jahre später haben wir dann nochmal einen Bewirtschaftungsplan, der auch eine rechtliche Relevanz für die Umsetzung hatte, konkretisiert. Das war mein erster Bezug zum Gewässer.

Thomas Bobbe ist seit 20 Jahren im Gewässerschutz aktiv. Er erforscht mit seiner Firma als freier Biologe zahlreiche Gewässer in der Region Südhessen.

Und aktuell, im Hier und Jetzt?

Ich habe den Beerbach gepachtet, einen Mittelgebirgsbach, in dem die Bachforelle vorkommt und der in die Modau fließt. Sie ist eigentlich das Gewässer, in dem große Bachforellen, wenn alles natürlich wäre, aufsteigen würden, um dort zu laichen. Das können sie allerdings derzeit nicht, da zwei große Wehre dazwischen liegen, über die sie nicht hinwegkommen. Man muss es sich so vorstellen: Die Bachforellen, die vom Rhein hier aufsteigen, fressen sich zuerst dort satt und ziehen danach hoch in kleine Bäche, wie in meinen Beerbach oder die Modau. Sie laufen aktuell allerdings nur durch Eberstadt und müssen nachweislich am Wiesenmühlenwehr laichen – aus der Not heraus.

Welche Rolle spielt die Modau ihrer Meinung nach für das Mühltal?

Eine ganz wesentliche Rolle. Die Modau gibt der Gemeinde ja quasi ihrer Bebauung vor. Entsprechend müsste man die Bauweise ausrichten, im Hinblick auf Hochwasser. Leider hat man 1996 das Regenrückhaltebecken in Ober-Ramstadt gebaut, dessen Bauplan nach der derzeitigen Umweltgesetzgebung nicht mehr hätte umgesetzt werden dürfen. Durch das Becken hat man eine gesteuerte Hochwasserführung, sodass man mehr in die Flussauen hinein bauen konnte. Man vertraut auf das Becken und baut die Auen im Prinzip zu. Die Modau ist ein Fluss, der sehr stark durch Siedlungen fließt und daher nur noch die Hälfte einer eigentlichen Lauflänge hat. Wenn man die Auen dann noch zubaut, nimmt man dem Fluss sozusagen seine Luft zum Atmen. Das war eine sehr ungünstige Entwicklung.

Entwickelt sich der Fluss demnach eher zu einem von Bebauung geprägtem Kanal?

Er ist schon so stark verbaut, dass er quasi ein Kanal ist. Denn die Modau ist an vielen Stellen mit Wasserbausteinen festgelegt. Seit der Wasserrahmenrichtlinien-Planung hatten wir festgelegt, dass die freifließenden Abschnitte außerhalb der Siedlungen in den Auen eigentlich in einer Breite von mindestens 20 Metern je Ufer nicht bebaut werden sollten. Man kann jetzt in Nieder-Ramstadt sehen, dass der Bereich von der Kläranlange bis zur Illigschen Papierfabrik am rechten Ufer mit einem Gewerbegebiet zugebaut wurde. Obwohl die WRRL besagt, dass man einen Korridor benötigt, hat man die Modau dort zugebaut. Auf der linken Seite kann sich der Fluss zwar theoretisch noch entwickeln, dann müsste man aber die Wasserbausteine dort herausnehmen.

Aber es kann nicht ganz genutzt werden?

Ja, weil das Land nicht gekauft wird bzw. es schwierig ist, an Land zu kommen. Die Kommune müsste das machen, aber hat vielleicht nicht genügend Personal. Es ist schließlich alles ein Aufwand. Politisch weiß ich nicht, inwieweit das Interesse besteht. In der Regel ist es in Gemeinden so, dass sie Gewerbegebiete bauen und damit Umsatz machen wollen. Aspekte, die eben nicht in dieses Schema passen, fallen dann hinten herunter. Erst, wenn dann wirklich ein Hochwasser kommt, ist das Geschrei groß.

Abgesehen von der Bebauung – wie beeinflussen die Einwohner in Mühltal den Fluss?

Sobald ein Fließgewässer an Gärten geht, schmeißen die Menschen ihren Grün-Dung auf die Böschung. Das ist einfach Unwissen, aber wir wollen es eben sauber haben. Dabei ist leider auch immer wieder Unrat, der durch den Fluss weiter nach unten getrieben wird.

Wie wirken sich diese Einflüsse auf die Wasserqualität in der Modau aus?

Beispielsweise durch die Abflüsse des Straßenwassers, das sämtliche Schadstoffe von der Straße transportiert. Diese Schadstoffe werden bei einem Hochwasser dann in den Fluss gespült. Bei sehr starkem Regen kann es außerdem zu einem Überlauf der Kläranlagen kommen. Dem wird häufig dadurch vorgebeugt, indem man das Wasser aus der Kanalisation mit dem Schmutzwasser in den Bach abschlägt. Das ist das sogenannte Mischwasser, das eines der Hauptfaktoren ist, der sich negativ auf die Wasserqualität auswirkt. Die Stoffe müssen im Fluss dann abgebaut werden, was Sauerstoff- und Eutrophierungsprobleme mit sich bringt. Generell ist die Wasserqualität in der Modau noch gut. Ereignisse wie ein Hochwasser wirken sich jedoch negativ darauf aus.

Schauen wir konkret auf ihre Arbeit: Sie haben die die ökologische Baubegleitung bei einem Brückenabriss und Neuaufbau an der Kilianstraße in Nieder-Ramstadt übernommen. Was waren ihre Aufgaben dort?

Ich muss bei solchen Begleitungen darauf achten, dass die Modau, ihr Kiesbett und die Lebewesen darin nicht durch die Bauarbeiten belastet werden. Ich muss also aufpassen, dass beispielsweise kein Beton, keine Bauabfälle, Schmierstoffe oder Treibstoffe in den Fluss gelangen. Die Baufirmen kennen sich nicht unbedingt mit Flusskörpern, den Tieren und den Verhältnissen darin aus. Deshalb werden Spezialisten wie ich hinzugezogen. Der Fluss soll nach den Arbeiten im gleichen Zustand sein wie vorher.

Apropos Tiere – wie steht es eigentlich um den Fischbestand in der Modau?

Die obere Modau ist eine sogenannte Bachforellenregion. Klassische Fische in dieser Region sind Groppe, Bachneunauge und Forelle – die Groppe fehlt allerdings im gesamten Einzugsgebiet. Dann gibt es noch Fischarten mit höheren Ansprüchen, die fehlen. Das sind Arten wie der Schneider und die Elritze. Oberhalb von der Eberstädter Koppenmühle fehlen außerdem Döbel und Hasel. Diese Arten findet man in großer Zahl ohnehin eigentlich eher in der Äschenregion, die ab Eberstadt beginnt. Der Knackpunkt in System der Modau ist das Regenrückhaltebecken. Ein Fluss wird von zwei Faktoren geprägt: der Morphodynamik, also die Umgestaltung, Entwicklung und Ausprägung des Bachbetts, und von der Hydrodynamik, also dem Auf und Ab der Wasserstände. Beide Faktoren sind miteinander verzahnt. Bei jedem Hochwasser kommt das Geschiebe, also das Flussbett, in Bewegung, wird durchmischt, gespült und verlagert sich. In dem Moment, wo die Hydrodynamik durch das Regenrückhaltebecken eingeschränkt wird, gibt es keine großen Hochwasser mehr, bei denen unter Wasser in der Modau eine gute Umwälzung entstehen würde. Auch wird das gesamte Geschiebe, der Kies, aus dem oberen Einzugsgebiet am Regenrückhaltebecken aufgefangen. Weiter unten besteht also ein Defizit, da von oben nichts mehr nachkommt. Den Kies-Laichern wie den Bachforellen fehlen die Laichbetten.

Sind denn Renaturierungen geplant, um Lebensraum für die fehlenden Arten zu schaffen und diese Fische zu besetzen?

Wir haben laut der WRRL die gesetzliche Pflicht, die Gewässer bis 2027 in einen guten ökologischen Zustand zu versetzen. Das bezieht sich sowohl auf den chemisch-ökologischen Zustand als auch auf alle biologischen Qualitätskomponenten wie Fische und Wasserpflanzen.

Welche Maßnahmen kann man denn ergreifen, um der Modau wieder ihr natürliches Erscheinungsbild zu verleihen?

Um ein Gewässer entwickeln zu können, benötigt man das Land rechts und links davon. Damit steht und fällt alles. Wenn sich ein Gewässer selbst seinen Weg in der Landschaft bahnt und dabei beginnt, etwa Straßen, Leitungen oder Gebäude in Mitleidenschaft zu ziehen, dürfen die Eigentümer eingreifen. Dann ist die Infrastruktur als Wert höher als das Gewässer und die Natur. In dem Moment aber, wo der Fluss anfängt zu graben, ohne dass es eine Infrastruktur gibt, muss der Eigentümer der jeweiligen Fläche, durch die sich das Gewässer zieht, damit leben. Wenn man also nichts gegen den natürlichen Verlauf unternimmt und beispielsweise 150 Jahre wartet, dann schafft sich der Fluss seine eigenen Freiräume. Der Eigentümer muss es dann dulden – oder aber versuchen über offizielle Wege wie den Wasserverband oder die Gemeinden Druck zu machen. Wir haben also nur Chancen den Fluss natürlich zu entwickeln, wenn wir das Land an seinen Ufern kaufen.

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