Editorial
Als ich acht Jahre alt war, nahm mich meine Mutter mit auf eine Expedition. Sie ist Biologin, und ich durfte ihre Begleitung sein. Es war ein Gefühl von Ehre und Stolz, dass sie mich ausgewählt hatte. An dem Tag hat es geregnet. Wir haben uns eingepackt: Regenjacke, Matschhose, Gummistiefel. Ausgerüstet mit Equipment, wobei ich gar nicht mehr genau sagen kann, was sich alles in unseren Rucksäcken befand. Gläser, wiederverschließbare Tüten, daran kann ich mich erinnern. Um Proben einzusammeln. Alles, was wir gebrauchen könnten, alles, was wichtig sein könnte.
Ganz unruhig wartete ich an der Tür. Vorfreude, Ungewissheit und Neugierde strömten durch meinen kleinen Körper. „Los!“, sagte meine Mutter. Und wir gingen los. Wir stapften den matschigen Waldweg entlang. Und dann erklärte sie mir, dass wir vom Weg abweichen und uns querfeldein schlagen, um zu entdecken und wichtige Proben zu finden. Was sind wichtige Proben? Alles, was dir wichtig vorkommt. Ganz einfach. Und so bewegten wir uns über Stock und Stein. Wobei es in dem Fall vor allem Stock war, denn wir waren mitten im Wald. Ich kletterte über Stämme, balancierte über Äste, bückte mich und suchte, erkundete den bewaldeten Boden.

Credits: Marie Krull | Ein Teich im sonnigen Licht des Sommers.
Rückblickend bin ich mir ziemlich sicher, dass meine Eltern sich abgesprochen hatten. Sie mussten einen kreativen Weg finden, um meine kindliche, endlose Energie zu entladen, einerseits, damit ich abends ruhig schlafen würde, und andererseits, um mich an die frische Luft zu bringen, obwohl es in Strömen regnete. Was auch immer ihre Beweggründe waren, ich konnte sagen: Ich war mit acht Jahren auf Expedition mit einer Biologin.
Eine Expedition, oder auch querfeldein, über Stock und Stein zu gehen, egal, wie man es ausdrücken mag, bedeutet, dorthin zu gehen, wo man noch nie war, wo es keinen genormten Weg gibt, der einen führt. Es heißt, selbst zu entscheiden, sich durchzuschlagen durch’s Gestrüpp. Dornen, die den Arm streifen, aber nur oberflächliche Schnitte hinterlassen. Spuren des Abenteuers auf der Haut. Bist du schon über Stock und Stein gegangen? Im Wald? Auf dem Feld? In den Bergen? Hast du schon mal eine Abkürzung abseits der Route genommen oder vielleicht auch nur eine vermeintliche?
Querfeldein bedeutet, eine Wildnis zu betreten, eine unberührte Welt. Das heißt auch, ein fremdes Gebiet zu durchschreiten. Damit geht einher, es im besten Fall so zu hinterlassen, wie es vorgefunden wurde. Aus Rücksicht. Aus dem Grund, keine Spuren zu hinterlassen, sich dem Umfeld anzupassen und auch, um sich selbst in Sicherheit zu wiegen.

Credits: Marie Krull | Schafe grasen im Nebel.

Credits: Marie Krull | Ein Ausblick auf eine herbstlich gefärbte Waldlandschaft.
An dieser Stelle will ich darauf eingehen, dass unsere Redaktion sich zwischen zwei Namen nicht entscheiden konnte: „Landschafft…“ und „Stock und Stein“. Nach der Abstimmung stand es unentschieden. Wir wissen alle, welcher Name es am Ende geworden ist. Doch nicht ohne Grund war es eine knappe Entscheidung. Landschaft ist mehr als nur das, was uns Menschen umgibt. Landschaft schafft Dinge, die uns beeinflussen: Überschwemmungen, Stürme, Erdbeben, Vulkanausbrüche. Nur wenige, aber offensichtliche Beispiele, in denen Landschaft und Mensch sich wechselseitig beeinflussen. Auch ohne im Namen aufzutauchen: Dieses Thema verliert an keinerlei Bedeutung, nur weil es nicht unser Titel geworden ist.
In der studentischen Redaktion „Stock und Stein“ schreiben wir über Landschaft in jeglicher Form. Getrieben von Neugierde und dem Mut, Wege zu gehen, die Unvorhersehbares bereithalten. Die Umgebung wachsam zu beobachten, das Ego hintanzustellen und sich ganz auf die Landschaft einzulassen. Dinge wahrzunehmen, denen nur selten menschliche Aufmerksamkeit zuteil wird. Die Wildnis von außen in sich eindringen zu lassen, sie zu erfahren und im Anschluss davon berichten zu können. Möglichst ungefiltert und echt.
Stell dich ein auf Reportagen aus der Metropolregion RheinMain. Wir beleuchten eine der größten Landschaftsveränderungen Deutschlands, die Begradigung des Rheins, und ergründen das Spannungsfeld zwischen dem Fluss und der Epoche der Romantik. Es erwartet dich eine Wanderung im mystischen Spessart-Gebirge und ein Einblick in Deutschlands Schwarzes Moor. Doch auch die Natur, in die der Mensch eingegriffen hat, weist eine erstaunliche Artenvielfalt auf, wie zum Beispiel an alten Baggerseen, konkreter: am Rodgauer Baggersee.

Credits: Marie Krull | Spuren im Schnee: Ein zugefrorener Teich im Winter.
Unsere Fotostrecke zeigt, wie sich Pflanzen scheinbar unaufhaltsam alte Bauwerke aneignen. Zwei unserer Redakteur*innen wollen es wirklich wissen und haben den Selbstversuch gewagt: Sie berichten hautnah vom radikalen Handy-Detox im Wald sowie dem handfesten Vorhaben, ein eigenes Floß zu bauen und damit die Mümling, einen Zufluss des Mains, zu befahren. Kreativ wird es beim Perspektivenwechsel im Porträt über das Eichhörnchen im eigenen Garten. Und nicht zuletzt: die Stadtlandschaft und die Visionen und Innovationen dahinter.
Viel Spaß beim Durchstöbern und Lesen!
Redaktionsleitung
Marie Krull