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Regenwald
Regenwald
Regenwälder in Lateinamerika: enorme und zugleich bedrohte Artenvielfalt

Lateinamerika ist bekannt für seinen außergewöhnlichen Artenreichtum. Gerade in den tropischen Regionen um den Äquator ist die Vielfalt der Lebensformen riesig, zugleich allerdings besonders bedroht. Der unschätzbar reichen Biodiversität stehen enorme Staatsschulden gegenüber, welche die Regierungen zu nötigen scheinen, natürliche Ressourcen und menschliche Arbeitskraft ohne Rücksicht auf Verluste auszubeuten und in die Industrieländer zu verkaufen. Wir haben mit Menschen gesprochen, die sich in Mexiko und Costa Rica organisieren, um gerecht und nachhaltig zu wirtschaften. Ihre Arbeit hat uns beeindruckt und dazu angeregt, auch Konsum und Naturschutz in Deutschland sowie die globalen Zusammenhänge und kolonialen Kontinuitäten mit anderen Augen zu sehen.

Ein Essay von Tania Feurich und Fabian Werfel

Lateinamerika und die Karibik beherbergen laut National Geographic 40 Prozent der Biodiversität des gesamten Planeten (Stand 2013), obwohl ihr Anteil der Landmasse gerade mal 16 Prozent ausmacht. Ein Drittel der Säugetiere und Reptilien, 43 Prozent der Vögel und die Hälfte aller bekannten Amphibien leben in der Region, in der außerdem die Hälfte aller Wälder weltweit wachsen. Sie sind folglich besonders schützenswert. Nicht nur als menschliche Lebensgrundlage in Form von Nahrung, sauberem Wasser und frischer Luft, Erholung und Rohstoffen, sondern auch als Wert an sich (all diese Geschenke der Natur werden neuerdings auch „Ökosystemdienstleistungen“ genannt). Am Leben zu sein, ist selbst das größte Geschenk, das wir mit anderen Menschen, Tieren, Pflanzen, Pilzen und sogar Einzellern teilen. Leben gibt es nur in wechselseitigen Beziehungen von Lebewesen, es bedeutet aufeinander angewiesen sein. Selbst ein einzelner Mensch kann nur leben, wenn die Bakterien in seinem Darm leben – und umgekehrt. Die Biosphäre ist eine Gemeinschaft, die Crew unseres Raumschiffs Erde. Mit dieser systemischen Perspektive haben wir uns auf den Weg gemacht, um zu erfahren, wie es um den Schutz der Ökosysteme steht. 

Mexiko – für Bewusstsein, gerechten Lohn und ökologische Produktion

Die erste Station unserer Reise ist Mexiko. Raíz del Valle ist ein kleiner selbstorganisierter Bio-Laden für fair gehandelte, regionale Lebensmittel in Mexiko Stadt. Hier dreht sich alles um bewusste Ernährung. Gaby Lavista, eine der zwei Betreiberinnen, beantwortet uns einige Fragen zu ihrem Geschäft: „Ein ökologisches Geschäftsmodell ist bemüht, zu beachten, dass in jedem einzelnen Glied der Lieferkette gerecht entlohnt und Müll vermieden wird“. Gaby sieht vor allem zwei grundlegende Probleme bei der Lebensmittelversorgung: die Unterbezahlung der Bauern und der Überfluss an giftigem Abfall. Was in den Wertschöpfungsketten der Supermärkte keine Berücksichtigung fände, sagt sie, seien die Ausbeutung der Produzenten und die Belastung der Umwelt. Raíz del Valle baut darum eine faire Gemeinschaft aus Produzenten und Abnehmern von ökologischen Lebensmitteln auf und fungiert als Ort des Lernens. Bewusstsein über den eigenen Konsum zu fördern, hält Gaby für grundlegend, damit eine Gesellschaft praktische Veränderungen angehen kann.

„Manchmal wollen die Leute nachhaltige Produkte, aber gleichzeitig die Bequemlichkeiten beibehalten, an die sie die großen Supermarktketten gewöhnt haben.“
Gaby Lavista, Raíz del Valle, Mexiko Stadt (Juli 2020)

Bequemlichkeit auf Kosten anderer, Hochglanzetiketten auf Verpackungen mit grün gewaschenen Werbebotschaften, das ist verantwortungslos. Gaby betont, nachhaltig hergestellte Lebensmittel seien dagegen gleich dreifach gesünder: für jeden einzelnen Menschen beim Verzehr, für unsere Gesellschaften durch soziale Gerechtigkeit und schließlich für unsere Ökosysteme durch die Befreiung von nicht kompostierbaren Abfällen. „Es kommt darauf an, die Umwelt so wenig wie möglich zu belasten, Abfall zu vermeiden und weiter zu verwerten und unsere Konsumgewohnheiten zu verändern.“

Koloniales Erbe und Ressourcenfluch

Gut, Erkenntnis ist bekanntlich der erste Schritt zur Besserung. Halten wir also einen Moment inne und zoomen noch mal raus. Schließlich sind unsere Konsumgewohnheiten schon lange verstrickt in globale Zusammenhänge. Das wird beispielsweise deutlich anhand von Kaffee, der in ganz Europa getrunken, aber dort nicht angebaut wird. Während hiesige Imperien in den Überseegebieten die Plantagenwirtschaft erfanden (großangelegte Monokulturen und Sklaverei), legten sie auf eigenem Staatsgebiet schon die Grundsteine des Natur- und Artenschutzes und sannen über Menschenrechte nach (ohne jedoch auch Frauen als gleichberechtigte Menschen anzusehen). 

Obwohl die westlichen Regierungen Erdöl schon seit Jahrhunderten als Energiequelle nutzen, treten sie auch heute gern als Vorreiter in Sachen Natur- und Klimaschutz auf, während sie von den ehemaligen Kolonien gleichzeitig Klimaschutz und Schuldentilgung fordern, aber auch nicht ihren Teil beitragen, wenn es angebracht wäre. Beispielsweise organisierte die Zivilbevölkerung Ecuadors im Jahr 2007 die Yasuní ITT Initiative: Nachdem unter dem Regenwald große Erdölreserven gefunden wurden, schlug Ecuador der internationalen Gemeinschaft einen Deal vor, um gemeinsam Verantwortung für Klima- und Artenschutz zu tragen: Das Öl würde unter der Erde belassen, falls als Ausgleich die Hälfte der erwarteten Exporteinnahmen in Höhe von umgerechnet etwa 3,2 Milliarden Euro zusammenkämen. Doch nach sechs Jahren waren bloß knapp zwölf Millionen Euro eingezahlt. Die Initiative war gescheitert. Seither sind die Ölbohrungen im Gange. Zum Vergleich: Deutschland schüttete 2009 mit der Abwrackprämie insgesamt mal eben fünf Milliarden Euro aus, um nach der Finanzkrise die eigene Wirtschaft wieder anzukurbeln. Der offizielle Name lautete „Umweltprämie“. Wir haben es also nicht nur mit einem ökologischen Problem, sondern zugleich mit einem (volks-)wirtschaftlichen Interessenkonflikt globalen Ausmaßes zu tun. Wenn auch seit 1960 per UN-Resolution auf dem Papier alle ehemaligen Kolonien ein Recht auf Unabhängigkeit und Selbstbestimmung haben – die Dekolonisierung bei internationalen Handelsbeziehungen beginnt gerade erst.

Denn obwohl oder gerade weil die Region so reich an fruchtbaren Ökosystemen und Bodenschätzen ist, entstehen in Lateinamerika paradoxerweise Armut in der Bevölkerung und Zerstörung in der Natur. Grund dafür sind tief verankerte Strukturen aus der Kolonialzeit, die noch heute unterschwellig wirken. Davon wusste der argentinische Journalist und Autor Eduardo Galeano schon 1971 zu berichten in seiner Publikation „Die offenen Adern Lateinamerikas“. Ursache ist der sogenannte „Ressourcenfluch”: Zum einen findet die Ausbeutung der Bodenschätze und anderer Rohstoffe in den ehemaligen Kolonien weitgehend unreguliert oder sogar gesetzlich abgesichert statt, während in Folge mangelnder Auflagen rücksichtslos Luft, Ackerland und Trinkwasser verschmutzt und die Lebensräume von Mensch und Tier zerstört werden. Zum anderen gelangen die extrahierten Rohstoffe dann stets vom Land in die Städte und von dort schlussendlich samt den daraus erzielten Gewinnen in die Metropolen der Industrieländer des sogenannten Westens. Wie auf vor Jahrhunderten installierten Förderbändern folgt der Fluss von Materialien und Waren auch heute noch diesem Muster. Die lateinamerikanischen Länder zählen mit aus diesem Grund unverändert zu den ärmsten Ländern der Welt. Überdies ist vorhandenes Vermögen extrem ungleich verteilt. All dies erschwert den Naturschutz erheblich.

„Der Konflikt zwischen Natur und Wirtschaft kommt, glaube ich, von der Notwendigkeit, mehr anzuhäufen, als wir wirklich brauchen. Wenn wir lernen, mit dem zu leben, was wir benötigen, und uns engagieren, um andere Gewohnheiten zu entwickeln, statt Güter zu akkumulieren, würden die Ressourcen ausreichen“ – Gaby, Raíz del Valle , Mexiko Stadt

Die Sackgasse der Unter-Entwicklung

Aufschlussreich ist die Rhetorik, mit der die ungerechten und lebensfeindlichen Verhältnisse offiziell gerechtfertigt werden. Werfen wir einen Blick auf die Entstehungsgeschichte und den Bedeutungswandel einiger Schlüsselbegriffe: Im „Westen” der 1950er Jahre war von „unterentwickelten Gebieten” an der Peripherie der industrialisierten Welt die Rede. Ihnen sei „Entwicklungshilfe” zu leisten. Heute wird von „Entwicklungs- und Schwellenländern” gesprochen und seit den 1990ern von „internationaler Entwicklungszusammenarbeit”. Erst die UN-Ziele für eine nachhaltige Entwicklung von 2015 (Sustainable Development Goals, kurz SDGs) nehmen offiziell alle Staaten der Welt gleichermaßen in die Pflicht, sich um eine Entwicklung im Sinne dieser globalen Ziele zu bemühen. Obgleich Wolfgang Sachs schon 1992 in seiner Publikation „Zur Archäologie der Entwicklungsidee“ vorschlug, „sich an eine Archäologie der Entwicklungsidee zu machen, um sie als Denkmal einer abdankenden Ära würdigen zu können‘“, hörten wir den britischen Premierminister Boris Johnson in seiner Eröffnungsrede zur UN-Klimakonferenz in Glasgow 2021 immer noch dieselbe Herrschaftsideologie wiederkäuen: Indem er zwischen den starken entwickelten Ländern und den hilfsbedürftigen Entwicklungsländern unterscheidet, impliziert er, dass es die eine richtige Entwicklung gäbe, die der „Westen“ erkannt und vollendet hätte. Diese Haltung untergräbt die Selbstbestimmung der ehemaligen Kolonien. 

Die Krux daran: Die angebliche „Unterentwicklung” Lateinamerikas war seit seiner „Entdeckung” durch die Kolonialisten notwendige Voraussetzung für „Fortschritt” und „Wachstum” der alten Imperien. Was aus ihnen hervorging, nennt sich heute die „westliche Welt”. Die Kolonien hingegen sollten ihre Rohstoffe nur fördern und liefern, während sie mit militärischer Gewalt daran gehindert wurden, eigene verarbeitende Industrien aufzubauen. Das hat Folgen bis heute, denn die Aufgaben im Zusammenhang mit den SDGs scheinen klar verteilt: Die einen haben sich zu entwickeln, die anderen müssen („nachhaltig“) weiter wachsen. Ein Teufelskreis, angesichts grandioser Fehlentwicklungen in der selbsternannten „Ersten Welt“.

Angesichts dieses geschichtlichen Hintergrundes fragen wir uns jetzt:

Was bedeutet eigentlich Entwicklung? Wer will sich wie entwickeln? Was sind die Ziele, und wer definiert sie? Wie sehen das Menschen in „Entwicklungsländern“? Und welche Rolle spielen dabei Artenvielfalt, Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit und Weltmarkt? Antworten auf diese Fragen suchten wir während unserer Recherchen bei mittelamerikanischen Kleinbauern und Organisationen auch in Costa Rica.

Costa Rica – für eine selbstbestimmte Entwicklung

In vielen Ländern Mittelamerikas sind die Bewohner kleiner ländlicher Gemeinden ebenso von Ausbeutung betroffen wie die biologische Vielfalt ihrer natürlichen Umwelt. Sie sind großteils Indigene und Mestizen und leben von der Landwirtschaft. Viele von ihnen pflegen und schützen mit großer Sorgfalt ihre Lebensräume, welche jedoch vielerorts durch industrialisierte Landwirtschaft und Rohstoffausbeutung belastet werden. Die Menschen hier sind unter anderem infolgedessen häufig von großer und teils extremer Armut betroffen. Das betrifft laut den Vereinten Nationen insbesondere die rund 500 indigenen Völker der Region. Dieser Zustand hängt eng zusammen mit der andauernden Marginalisierung der Landbevölkerung und ihrem äußerst eingeschränkten Zugang zu Grundbedürfnissen wie Bildung, Arbeit und Gesundheit.

Daran möchte im vergleichsweise wohlhabenden Costa Rica eine Vereinigung zur Koordination gemeinschaftlicher Agroforstwirtschaft für indigene und afrostämmige Bauern und Kommunen etwas ändern (spanisches Akronym: ACICAFOC). Sie sammelt Entwicklungszuschüsse und -darlehen ein und verteilt sie an Gemeinden in Zentralamerika und vereinzelt auch in Südamerika. Die Gelder kommen beispielsweise von der Weltbank oder der deutschen Entwicklungsbank KfW. Exekutivdirektor Alberto Chinchilla Cascante betonte im Gespräch mit uns: „Der Erhalt [der Biodiversität] muss Hand in Hand mit der Entwicklung der Gemeinden gehen.“

Entwicklung müsse Gemeinschaft, Wirtschaft und Umwelt gleichermaßen betreffen, um langfristig Früchte tragen zu können. „Umweltschutz kann nicht gelingen, wenn die Leute einen leeren Magen haben“, sagte Chincilla Cascante. Darum fördere die gemeinnützige Vereinigung aus 50 Organisationen die sozio-ökonomische Unabhängigkeit ihrer Mitglieder.

„Die Menschen brauchen alternative Wege der Entwicklung, damit sie nicht auch anfangen ihre Umwelt zu zerstören.“ Alberto Chinchilla Cascante, ACICAFOC, Costa Rica (Juli 2020)

Indem die ACICAFOC Kleinbauern und indigene Gemeinschaften unterstütze, schütze sie auch die Natur, denn sie lege großen Wert auf einen verantwortungsvollen Umgang mit den natürlichen Ressourcen. Laut Chinchilla Cascante sind die direkte Zusammenarbeit und das Vertrauen in die Gemeinden der Schlüssel zum Erfolg. Er glaubt fest daran, dass Entwicklung und Naturschutz kein Widerspruch sein müssen. Zwar dauere es bisweilen zehn Jahre oder länger, bis ein Projekt gelinge, aber er sieht die langfristigen Erfolge, wenn es gelingt, Soziales, Ökonomie und Ökologie harmonisch zu vereinen.

Die Gemeinden stellen Projektanträge nach ihren eigenen Bedürfnissen. ACICAFOC gebe keine standardisierten Lösungen vor, sondern versorge die Teilnehmenden mit dem nötigen Kleingeld und Know-how, um ihnen eine selbstbestimmte Entwicklung zu ermöglichen, erläuterte Chinchilla Cascante. Weil sich die Kleinbauern in Mittelamerika bemühen, ihre Produktion auf den wachsenden Markt für Bio-Lebensmittel auszurichten, erhalten sie über ACICAFOC Zugang zu Fördermitteln. Das ermöglicht ihnen, schonend mit den Böden umzugehen, die sie bewirtschaften.

Die Organisation arbeitet laut Chinchilla Cascante gemäß des konfuzianischen Sinnspruchs: „Gib einem Menschen einen Fisch und du wirst ihn für einen Tag ernähren. Lehre ihn das Fischen und du wirst ihn für den Rest seines Lebens ernähren.“ So dienen die Projekte insbesondere dazu, Agroforstwirtschaft aufzubauen: Wälder mit heimischen Baum- und Straucharten liefern Holz, Früchte, Nüsse, Honig und andere Produkte. Auch wichtig sei Unterstützung bei der Bio-Zertifizierung und dem Vertrieb der Produkte, sowie den Erhalt von Wissen, traditioneller Kultur, Kleidung, Medizin und Sprachen zu fördern. Gleichzeitig sei es nützlich, sich neue Technologien anzueignen. So werden beispielsweise Drohnen mit GPS-Ortung eingesetzt, um indigenen Gemeinden zu ermöglichen, ihre rechtmäßigen Territorien abzustecken. Andere Projekte sind bemüht, die autarke Deckung von Grundbedürfnissen zu garantieren, z.B. durch den Bau von Anlagen zum Sammeln von Regenwasser für die Versorgung mit sauberem Trinkwasser.

Wie das aussehen kann, hat María Edith Mora Bonilla in Costa Rica erlebt. Sie produziert Austernpilze und engagiert sich als Mitglied von Aso-Orgánicos, einer Vereinigung mit dem Ziel, Wissen und Erfahrung mit umweltfreundlicher Produktion zu sammeln. Mora Bonilla erläuterte uns, wie Aso-Orgánicos und ACICAFOC kooperieren: Spezialisten besuchen die ländlichen Gemeinden, um deren Mitglieder dabei zu unterstützen, das für ihr jeweiliges Anliegen nötige Wissen und die Fähigkeiten zu erlangen. Dadurch sei es beispielsweise möglich gewesen, die Qualität der Produkte zu verbessern, die Produktion zu stabilisieren und den Erhalt der Artenvielfalt in Naturschutzgebieten zu sichern. Die Bäuerinnen und Bauern beschäftigen sich unter anderem damit, organischen Dünger herzustellen und Gewächshäuser zu bauen. Mora Bonilla sagte im Sommer 2020, die Autarkie bei der Nahrungsmittelversorgung habe nicht nur Stabilität in die Region gebracht, sondern sich auch gerade während der Covid19-Pandemie als hilfreich erwiesen.

Laut Chinchilla Cascante ist ein langfristiger Wandel hin zu nachhaltigem Wirtschaften „möglich, solange wir den Regierungen klar machen, dass ihr wichtigster Partner bei der Erhaltung der natürlichen Ressourcen und der biologischen Vielfalt die organisierten lokalen Gemeinschaften sind.“ Zwar dauere dieser Wandel in der Regel viele Jahre, doch seine Erfahrung zeige, dass kontinuierliche und beharrliche Anstrengung auf lange Sicht Früchte trage. Der Optimist ergänzt, es sei aber wichtig, dass die Gelder für Projekte ohne Umwege in die Gemeinden gelangen. Regierungen in Lateinamerika könnten dies aufgrund von Bürokratie und Korruption nicht leisten. Die Arbeit ziviler Organisationen sei hingegen nicht von parteipolitischen oder religiösen Zerwürfnissen belastet. So gelang es ACICAFOC erstmals von 2004 bis 2011 den Großteil eines neun Millionen US-Dollar schweren Umweltfonds der Weltbank auf ihre Partnergemeinden zu verteilen, um dort selbstbestimmte, regionale Entwicklungsprojekte durchzuführen. Einige der Mitglieder von ACICAFOC exportieren ihre Bio-Produkte mittlerweile sogar, z.B. ökologisch angebauten und gerecht entlohnten Kaffee.

Zurück in Europa – für Gemeinwohl statt Bequemlichkeit auf Kosten anderer

Bei den Geldgebern sind allerdings Ungereimtheiten zu beobachten. Die deutsche Entwicklungsbank KfW beispielsweise verhält sich äußerst widersprüchlich was Umweltschutz angeht. Einerseits bezuschusste sie die ACICAFOC in zwei Projekten mit insgesamt 17 Millionen Euro und finanziert auch gezielte Schutzprojekte für Biodiversität. Andererseits förderte sie gleichzeitig die emissionsträchtige deutsche Kreuzfahrtindustrie mit Staatskrediten in Höhe von 8,4 Milliarden Euro und einer Exportausfallversicherung in Höhe von 25 Milliarden Euro, wie der NDR berichtete. Das fragwürdige Förderprogramm gab sich einen grünen Anstrich,  so war von „green cruising“ die Rede. Ohne die Subventionen wären die deutschen Werften auf dem Weltmarkt nicht wettbewerbsfähig. Will heißen: Jetzt ist auch der Westen dran, sich weiterzuentwickeln – hin zu sozialer und ökologischer Gerechtigkeit und weg vom Paradigma eines Wirtschaftswachstums um jeden Preis. 

Einen Beitrag dazu könnte beispielsweise ein europäisches Lieferkettengesetz leisten: Unternehmen, die international Rohstoffe, Arbeitskraft oder Bauteile einkaufen, müssten dann eine Sorgfaltspflicht erfüllen. Sie wären endlich in der Verantwortung, Transparenz zu schaffen und Korruption zu bekämpfen sowie dafür zu sorgen, dass Zulieferer Menschenrechte einhalten und ökologische Standards erfüllen. Entwicklung bedeutet schließlich nicht immer bloß technologische Aufrüstung und Infrastrukturausbau, vielmehr misst sich ihr Erfolg an den zugrundeliegenden ethischen Zielen wie der Stärkung von Gemeinwohl und ökologischem Gleichgewicht, etwa durch Zusammenarbeit auf Augenhöhe, Aufrichtigkeit, Respekt und gegenseitiger Wertschätzung.

So formuliert schon das deutsche Grundgesetz das Ziel sozialer Gleichheit: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Das erinnert uns an die Verpflichtung, die Gleichwertigkeit aller Menschen zu verwirklichen. Zielsetzungen ermöglichen die Überprüfung des Fortschritts von Entwicklungen. Nähern oder entfernen wir uns vom Ziel?

Ein deutsches Lieferkettengesetz wird ab 2023 schrittweise in Kraft treten. „Noch nicht am Ziel, aber endlich am Start“, meinte dazu die Initiative Lieferkettengesetz, denn der endgültige Gesetzestext sei stark verwässert und habe noch massive Lücken, die nachgebessert werden müssten. Es fehle beispielsweise eine ökologische Sorgfaltspflicht, die aber für den Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen unabdingbar sei. Dennoch sei das deutsche Gesetz ein wichtiger erster Schritt in Richtung Gemeinwohl, so die Initiative: „Der Gesetzentwurf leitet in Deutschland einen dringend notwendigen Paradigmenwechsel ein: Weg von einer rein freiwilligen Corporate Social Responsibility hin zu verbindlichen menschenrechtlichen und umweltbezogenen Vorgaben.“

Unsichtbare Kosten – zu welchem Preis?

Denn nach heute gängiger Praxis wälzen Unternehmen Teile ihrer Produktionskosten entlang globaler Lieferketten auf die Gesellschaften anderer Länder ab, um ihre Produkte hierzulande billiger verkaufen zu können und somit wettbewerbsfähig zu bleiben. Diese Kosten tauchen nicht in der Bilanz auf. So bleibt die Zahl auf dem Preisschild von Konsumprodukten klein. Da für diese sogenannten „externalisierten“ Kosten weder die Unternehmen noch ihre Kunden aufkommen, bleiben Mensch und Natur am Anfang der Lieferkette meist auf ihnen sitzen – etwa in Form von Gesundheitsschäden oder aufwendiger Reinigung kontaminierter Gewässer.

Die Studie „How much is the dish?“ zeigte 2018 eindrücklich diese Diskrepanz: „[Es] zeichnen sich die wahren Kosten(True Costs) von Lebensmitteln dadurch aus, dass in diese auch Umwelt- und soziale Folgekosten eingehen, die bei der Herstellung der Lebensmittel entstehen. Sie werden von Lebensmittelproduzenten verursacht, aber aktuell – indirekt – von der Gesamtgesellschaft getragen. So zahlen die Verbraucher beispielsweise für die Treibhausgasemissionen der Landwirtschaft mit dem Klimawandel und seinen Auswirkungen; oder sie bezahlen mit der Wasserrechnung für die Aufbereitung von Trinkwasser, welches aufgrund von Düngemitteln belastet ist.“ Da aber auch schlechte Arbeit und Verschmutzung selbst externalisiert werden, also in den ehemaligen Kolonien stattfinden, sind die Menschen dort in der Regel die ersten, die Umweltschäden zu spüren bekommen.

Menschliche Aktivität auf der Erde verursacht derzeit ein Massenaussterben, beispiellos seit dem Verschwinden der Dinosaurier, und bringt Ökosysteme unter anderem durch den weltweiten Temperaturanstieg aus dem Gleichgewicht. Damit beißt sich die Katze in den Schwanz, will heißen: Rücksichtslose Ausbeutung schadet uns selbst. Denn Klimakatastrophe und Biodiversitätskrise betreffen früher oder später alle Erdlinge, schließlich teilen wir alle ein und dieselbe Atmosphäre, ein und denselben Planeten. Es greift noch immer zu kurz, wenn westliche Regierungen innerhalb der eigenen Grenzen Menschenrechte und Naturschutz großschreiben, aber nicht darauf verzichten möchten davon zu profitieren, dass Menschenrechte und Naturschutz in anderen Ländern unbehelligt missachtet werden können. International operierende Unternehmen müssen endlich Verantwortung entlang der Lieferketten übernehmen! 

Globale Konsequenzen unhaltbarer Konsumgewohnheiten

Das lässt sich beispielhaft an der Agrarwirtschaft darlegen. Während nachhaltige Landwirtschaft auf Pestizide verzichtet und fruchtbaren Humus im Boden anreichert, laugt industrielle Landwirtschaft mit Mineraldünger und Agrargiften den Boden aus, sodass dieser stetig an Fruchtbarkeit verliert, bis die Äcker schließlich nichts mehr hergeben. Seit mittlerweile knapp 50 Jahren entnimmt die Menschheit der Natur jedes Jahr mehr als diese zu regenerieren vermag – doch der Verbrauch ist regional sehr unterschiedlich. Der Tag der Übernutzung der planetar gegebenen Möglichkeiten, der vom Global Footprint Network errechnete Overshoot Day, war 2021 in Costa Rica am 25. August und in Mexiko am 31. August, aber in Deutschland schon am 4. Mai. Der deutsche Lebensstandard hat folglich schon nach weniger als einem halben Jahr alles verbraucht, was die Natur für das ganze Jahr hätte hergeben können, so sie Zeit gehabt hätte, sich zu regenerieren. Ein weiteres Jahr voller überflüssigem Konsum um des Wirtschaftswachstums willen nahm Zerstörung in Kauf. 

Daraus wiederum folgt, dass die Ökosysteme des Planeten in Zukunft weniger zur Verfügung stellen können. So befinden wir uns in einer Abwärtsspirale stetiger Degradierung unserer Lebensräume. 

Die Vorstellung, dass sich alle Länder der Welt mit der Zeit zu Industrienationen nach westlichem Vorbild entwickeln könnten und bloßes Wirtschaftswachstum den Wohlstand für alle anheben würde („Trickle Down”), erwies sich als Irrglaube. Dieses Denken entpuppt sich letztlich als Rechtfertigung für die grenzenlose Anhäufung von Besitz und ein von Unterdrückung geprägtes Menschenbild, das sich auf die Spaltung in Unterdrücker und Unterdrückte stützt. 

Wir sind der Meinung, dass dieses Menschenbild keine Zukunft hat. Es brachte geplante Obsoleszenz und Müllberge von Wegwerfprodukten, wachsende Konzentration materiellen Reichtums, extreme Verschwendung und extreme Armut hervor. Privatisierung öffentlicher Güter versieht menschliche Grundbedürfnisse mit Preisschildern und macht den Zugang abhängig vom Kontostand, was die Spaltung weiter vertieft. Der Preiskampf um die Wettbewerbsfähigkeit begünstigt Gesetzeslücken, Intransparenz und Korruption. Das verschleiert die wahren Kosten von schlechten Arbeitsbedingungen und Umweltverschmutzungen entlang globaler Liefer- und Wertschöpfungsketten. 

Nicht einmal in den Industrieländern erfüllte sich das Versprechen eines Wirtschaftswachstums für alle. Im Gegenteil, seit es verlässliche Daten gibt, seit 1980, wächst die Kluft zwischen Arm und Reich auch im Westen stetig an. Während der Pandemie spitzte sich die Ungleichheit in besonderem Maße zu. Laut des Oxfam Inequality Reports für das Jahr 2021 verdoppelte sich das Vermögen der reichsten zehn Männer seit dem Ausbruch des Coronavirus, während 99 Prozent der Menschheit finanziell schlechter dastehen als zuvor. In jeder Krise beschleunigt sich die Konzentration von Reichtum weiter, während Einkommensverluste überdurchschnittlich jene betreffen, die sich schon zuvor in einer prekären Lage befanden. Das Problem hat System. Ändern wir die Regeln!

Perspektive

Wie können wir ein Gleichgewicht in Gesellschaft und Ökosystem anstreben, statt dem grenzenlosen Wirtschaftswachstum inmitten von Müll und sozialer Spaltung unsere Kraft zu opfern? Statt die Fehlentwicklungen westlicher Lebensstandards in der Welt zu verbreiten und im Namen profitablen Fortschritts den fortschreitenden Verfall natürlichen Reichtums zu missachten – lasst uns andere Wege pflastern, auf denen wir uns nicht länger an der Fortentwicklung dieses rücksichtslosen Wettrennens beteiligen!

Die Herausforderung scheint enorm zu sein, aber die Beispiele aus Mexiko und Costa Rica zeigen auch, dass noch so kleine Schritte in die richtige Richtung immer möglich sind. Sei es nur einen Moment lang innezuhalten und die gegebene Normalität in Frage zu stellen. Im verständnisvollen Austausch entdecken wir oft unverhoffte Möglichkeiten. Auf ernte-teilen.org kann man zum Beispiel eine Initiative solidarischer Landwirtschaft in der Nähe finden, um an wirklich regionale, saisonale und nachhaltig produzierte Lebensmittel zu kommen. Solche Projekte schätzen, schützen und stärken unseren natürlichen Reichtum durch die Selbstorganisation vieler engagierter Menschen.

Selbstverständlich lässt kann sich nicht alles von heute auf morgen ändern, und der Unterschied, den eine einzelne Person machen kann, ist begrenzt. Aber das Bewusstsein von den globalen Verflechtungen des eigenen Alltags kann schon heute bei der Orientierung helfen – und geteiltes Bewusstsein kann zu einer Bewegung werden. Tauschen wir uns aus, reden wir miteinander und besinnen uns auf was uns wichtig ist. Befreien wir uns aus dem mentalen Käfig unserer erzwungenen Komplizenschaft als Profiteure der Ungleichheit, in die wir geboren wurden und die wir uns nie ausgesucht haben! Statt ein Auge zugunsten bequemer Gewohnheiten zuzudrücken – öffnen wir uns für ehrliche, tiefgreifende Veränderung unseres Zusammenlebens vor Ort und auf der ganzen Welt! Es braucht unsere beständige Selbstorganisation. Gemeinsam können wir viel bewegen.

Die Autor:innen

Tania Feurich studiert Theaterwissenschaft und Publizistik- und Kommunikationswissenschaft in Berlin. Geboren in Peru und aufgewachsen in Guatemala, war für sie der dortige Reichtum an Biodiversität immer offenkundig. Mit der Zeit ebenso die soziale Ungleichheit. So wuchs das Interesse, sich mit den Zusammenhängen zu befassen.

Fabian Werfel studiert Medienwissenschaft in Berlin und arbeitet als Medienpädagoge. Er lebte ein Jahr in Mexiko und hatte die Gelegenheit, zwei Wochen in einer indigenen Gemeinde zu verbringen und an einem Interviewprojekt zur dortigen Musikkultur teilzunehmen. Er studierte ein Semester an der UNAM in Mexiko Stadt und begab sich für zwei Wochen zur Menschenrechtsbeobachtung in ein von Bergbau betroffenes Dorf.

Nach einer eingehenden Auseinandersetzung mit Biodiversität haben sich die Autor:innen mit verschiedenen lateinamerikanischen Perspektiven beschäftigt und in Mexiko und Costa Rica vor Ort recherchiert. Dieser Beitrag ist unter anderem entstanden auf Basis von Anregungen im Rahmen eines vom Netzwerk Weitblick veranstalteten Blockseminars zu „Biodiversität & Medien“ an Berliner Universitäten im Juni 2020.

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