Nicht weiter: Im vietnamesischen Kohlerevier

Wir fahren durch Dörfer an abgeholzten Hängen. Kahle Kuppen, ockerfarben, am Fuß unten schwarz. Vietnams Kohlerevier. Der Fluss unter der Straße fließt im Betonbett, ist voller Plastiktüten. Der Wald wird zur dunklen Hülle des Weltstücks, das eben noch sein Ende fand: Wir hatten mit dem Bus zwanzig Meter vor dem Abgrund gehalten, waren auf der Kohlehalde ausgestiegen und zum Rand gegangen.

Weit unten ein Bagger, sonst schwarzer Stein, graue Flächen, Nebel. Wir stehen im Abraum. Schauen, knippsen, reden. Die Kohlearbeiter schweigen, ihr Chef erklärt. Ich laufe los, nach links, wo die Halde wieder abfällt. Dahinter Bergwald im Nebel, dampfendes Grün vor totem Schwarz. Es regnet, der Dunst verzieht sich – geköpfter Wald, auch hier. Der dampfende Berg ist gerodet – ockerfarbene und dunkelrote Erde, dazwischen nackte gelbe Wunden aus Lehm.

Es ist still hier im Abseits, die Gruppe arbeitet weiter entfernt. Ich blicke auf ein Zelt aus Müllsäcken, in dem sich die Arbeiter niederlassen. Daneben eine Raupe, Mopeds, sonst Schlacke, Geröll, dunkle Pfützen. Blicke auf das Nebelgrau dahinter, das Weiß der Atemmasken, das Grellrot der Frauenkostüme, die vor dem Abgrund leuchten. Farbenkriege, ein Ort als Ende. Nicht weiter, sagt hier alles – zum Bus, zur Gruppe, zu mir, zur Menschheit. Bis hierhin, zu diesem schwarzen Berg, diesem Steilhang. Nicht weiter.

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