Strohhalme zu Haltegriffen

Wieder mehr Störche in Niedersachsen! Wer in der Umweltberichterstattung gute Stimmung machen will, sucht sich kleine Teilerfolge (Quelle: hops_76 / CC BY-NC-SA 2.0)
Wieder mehr Störche in Niedersachsen! Wer in der Umweltberichterstattung Positives verbreiten will, sucht sich oft kleine Teilerfolge (Quelle: hops_76 / CC BY-NC-SA 2.0)

Von Bernhard Pötter

Du nicht auch noch!“, stöhnt Kollege W. Er sitzt im Hirn der taz und plant die Zeitung. Das heißt, er würde gern planen, wenn die Welt nicht in all ihrer Scheußlichkeit auf seine Seiten drängen würde: IS-Terror, das Morden in Syrien, Flüchtlinge an Europas Grenzen, Chaos und Tote in der Ukraine, der Ebola-Horror in Westafrika. Und dann komme ich mit einer Geschichte von schmelzenden Gletschern in der Antarktis.

Kollege W. rauft sich die Haare. „Wer will denn so was zum Frühstück lesen?“, fragt er sich und mich. Mord, Seuchen und Totschlag plus Klimachaos. Jeden Tag. Stumpft das nicht ab? Ist das Publikum nicht so frustriert, dass es sich gar nicht mehr engagiert? „Gibt’s da nicht mal was Positives?“, fleht W. in meine Richtung.

Bernhard Pötter ist Redakteur im Ressort Wirtschaft & Umwelt der taz sowie Buchautor mit Umweltschwerpunkt (Quelle: taz)
Bernhard Pötter ist Redakteur im Ressort Wirtschaft & Umwelt der taz sowie Buchautor mit Umweltschwerpunkt (Quelle: taz)

Positiv? Beim Klima? Die Reaktion ist ja verständlich. Normalerweise sind für uns Journalisten schlechte Nachrichten gute Nachrichten. Das sollten wir auch durchbrechen können: Mal was Neues! Nicht immer nur Weltuntergang, sondern auch mal Rettung der Welt, jenseits dieser kleinen Kolumne.

Aber interessiert Sie wirklich ein Text über einen vermiedenen Krieg? Oder über den unglaublichen Dusel, den wir damals hatten, weil wir zufällig rechtzeitig das Ozonloch entdeckt haben? Lesen Sie nicht lieber einen Artikel über die Schlampereien von Tepco, die zur Katastrophe von Fukushima geführt haben? Oder über den Irrsinn, eine endliche Welt mit unendlichem Wachstum zu ruinieren? Dem etwas Positives abzugewinnen ist nicht so leicht.

Öko-Indikatoren blinken im Warnmodus

Die großen Öko-Indikatoren blinken alle im Warnmodus: immer mehr Treibhausgase, immer weniger Tier- und Pflanzenarten, immer mehr verlorener Ackerboden, immer weniger Trinkwasser, immer schnellerer Verbrauch von Ressourcen. Das wollen Sie jetzt alles nicht lesen, denn das lesen Sie ja immer hier. Wer da gute Stimmung machen will, hat nur wenige Chancen: Er sucht sich kleine Teilerfolge (wieder mehr Störche in Niedersachsen!).

Oder er glaubt dem Firmen-PR (mit der neuen xy-Technik wird alles gut). Oder er hält sich wie die „Öko-Optimisten“ fröhlich ein Auge zu und schielt mit dem anderen, um Siege zu verkünden: Unsere Luft ist sauberer (aber der Dreck entsteht jetzt in China). Oder er kann den tollen Presseerklärungen von den Umweltgipfeln glauben (die meist schon Siege feiern, wenn knapp die totale Niederlage verhindert wurde). Da werden Strohhalme zu Haltegriffen.

Das Gesetz der Maulerei

Und wenn es dann doch mal was zu feiern gibt, sägen wir schnell alle kräftig daran herum. Die ENERGIEWENDE zum Beispiel. Nach einem kurzen Sommer, als selbst die schwersten Legastheniker unter den Wirtschaftsredakteuren plötzlich EEG buchstabieren konnten, gilt schon lange wieder das Gesetz der Maulerei.

Was das alles kostet! Wie viele Leute dagegen sind! Wie sich die Windparks verzögern! Wie murksig die Technik ist, wie inkompetent die Planung! Energiewende findet man inzwischen nur noch im Ausland knorke. Aber wehe, ich komme den Kollegen rund um W. mit einer Geschichte über den Riesenerfolg Energiewende. Dann heißt die Antwort aber ganz schnell: „Nee, nee, das ist mir jetzt zu unkritisch.“

Dieser Artikel erschien bereits auf taz.de.

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