Vergänglichkeit und neues Leben

Er präsentiert seine langen, kahlen Äste, welche in alle Richtungen ausgestreckt sind. Selbst der Stamm des mindestens 50-Jährigen wird von den unzähligen moosbewachsenen Armen und Fingern verdeckt, die sich verzweigen wie ein Fliegengitter vor einem Fenster. Manche berühren sanft den Boden, andere Ende sich unerwartet in der Luft. Es ist ein chaotisches Gewirr aus dem es beinahe unmöglich ist, Formen zu erkennen.

Als einer der wohl ältesten und am meisten naturbelassenen Bäume in seinem Radius wirft er einen tiefen runden Schatten auf  den struppigen Boden, auf dem nicht nur heruntergefallene Äpfel von der Zeit eingeholt werden, sondern auch allerlei Kriechtiere und Insekten einen wunderbaren Nährboden finden. Neben dem Fuße des Stammes heben sich dicke, holzige Äste eines kahlen Strauches aus der Erde. Weiter als einen Meter Höhe haben sie jedoch nicht erreicht, bevor sie abrupt enden. Über, vor und dahinter die hängenden Ästchen, die den Stamm umringen wie eine Igluwand einen Menschen umringen würde. Der bestimmt einen Meter Durchmesser breite Stamm entzweigt in drei Ausläufer, von welchen einer splitterig und spitz endet. Hier scheint die Natur den Baum um einen seiner Glieder gebracht zu haben. Unter dem gebrochenen Stück klafft ein rundes Loch. Der Anfangs starke Baum wirkt nun nicht mehr so mächtig, sondern zerbrechlich. Durch die hohle Innenwelt ist ihm sein Alter schlussendlich doch anzusehen. Rund um die Öffnung fehlt die dunkle Rinde, und das beige, sehnige Holz kommt zum Vorschein. In der Gabelung darüber nisten Vögel. Trotz des Winters tragen auch einige Zweige kleine, neue Triebe, die darauf warten im Frühling zu spriessen. So ist es ein ständiger Kreislauf von Vergehen und Erwachen.

Ein Beitrag von Alisia Klöckner
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