Credits: Katarina Neher | Doppelbelichtung: Eine Fähre auf dem Rhein und die Silhouette des Niederwalddenkmals.
Rheinromantik als Reichspropaganda: Das Niederwalddenkmal
Die Sonne hängt bereits tief über der Landschaft, als ich die Treppen des Niederwalddenkmals erklimme. Obwohl sich gerade die letzten Sonnenstrahlen des Tages in den Baumkronen verfangen, haftet die Hitze der vergangenen Stunden noch an den steinernen Oberflächen. Fast alle der dreizehn im Halbkreis angeordneten Bänke sind besetzt. Nur die Bank ganz vorne in der Mitte, die mit der besten Aussicht, ist frei. Erschöpft lasse ich mich darauf fallen. Unter mir schlängelt sich der Rhein durch die hügelige Landschaft. Im warmen Abendlicht strahlt das Grün der Weinreben, die sich an den Hang unter mir klammern, unnatürlich satt. Gegenüber verlässt gerade eine Fähre ihren Anleger und tritt den Weg quer über den Fluss an. Unter ihr kräuselt sich das Wasser und lässt das Spiegelbild des Himmels für einen kurzen Moment in tausend Teile zerspringen, bevor es sich im nächsten Augenblick wieder zusammensetzt. Alles scheint ein wenig unwirklich.
Deutschland aus Bronze
Weit über mir thront die Statue der Germania und beobachtet ebenfalls, wie der Rhein im Sonnenuntergang seine Farben wechselt. An ihrem Rücken bricht sich das Licht und wirft einen langen Schatten auf die Aussichtsplattform. Die Bronzefigur ist 12,5 Meter hoch. Eichenlaub schmückt ihren Kopf. Sie hält ein gesenktes Schwert in der einen, die erhobene Kaiserkrone in der anderen Hand. Ihr rund 25 Meter hoher Sockel ist dicht mit Figuren, Symbolen und Inschriften gespickt. Ganz oben steht: »Zum Andenken an die einmütige, siegreiche Erhebung des deutschen Volkes und an die Wiederaufrichtung des Deutschen Reiches 1870 – 1871.« Das Denkmal verklärt die Gründung des deutschen Kaiserreichs zu einer identitätsstiftenden Legende. Tatsächlich verlief der Weg dorthin deutlich komplizierter.
»What part of Germany is that?« tönt es blechern aus einem Handylautsprecher und reißt mich aus meinen Gedanken. Eine Frau mit Sonnenbrille hält ihr Smartphone über das Geländer der Aussichtsplattform und schwenkt es langsam über das Rheintal. Der Wind trägt ihren zähflüssigen amerikanischen Akzent bruchstückhaft an mein Ohr. »It’s an hour away from our house. Isn’t it beautiful here?« Die Antwort ihrer Gesprächspartnerin auf der anderen Seite des Atlantiks wird von einer anderen Stimme überlagert. »Sollen wir noch eine Flasche aufmachen?« Sechs Männer sitzen auf den steinernen Treppenstufen unterhalb der Aussichtsplattform. Ihre Wanderrucksäcke haben sie vor sich gestellt, daneben stehen ein paar Wein- und Wasserflaschen sowie eine Packung Wurst und ein halbes Baguette. Jeder von ihnen hält ein halbvolles Glas in den Händen. Sie wirken ausgelassen. Ein paar Schritte weiter telefoniert ein Mann auf Türkisch. Ich erkenne ein Wort: »Almanya«.

Credits: Katarina Neher | Menschen blicken von der Treppe zur Aussichtsplattform auf den Rhein.
Die Erfindung einer Nation
Das Ringen um einen deutschen Nationalstaat beginnt bereits im frühen 19. Jahrhundert. 1806 bringt Napoleon zahlreiche deutsche Staaten im Rheinbund unter französische Kontrolle. Mit seiner Herrschaft gelangen die Ideen der Französischen Revolution und der Wunsch nach einem liberalen und demokratischen Nationalstaat in die deutschen Gebiete. Die herrschenden Fürsten halten allerdings an ihrem Machtanspruch fest. Sowohl 1815 beim Wiener Kongress, nach den Befreiungskriegen gegen Napoleon, als auch während der Deutschen Revolution von 1848/1849 scheitert die Gründung eines Nationalstaats. Erst nach den Einigungskriegen gegen Dänemark und Österreich besiegelt schließlich der Sieg im Deutsch-Französischen Krieg die Reichsgründung unter preußischer Führung. Am 18. Januar 1871 wird Wilhelm I. im Spiegelsaal von Versailles zum Deutschen Kaiser ausgerufen.
Von den liberalen und demokratischen Zielen der frühen Nationalbewegung bleibt im Kaiserreich jedoch nur wenig übrig. Die Nation definiert sich nun nicht mehr über gleiche Rechte ihrer Bürger und politische Selbstbestimmung, sondern über die Vorstellung einer gemeinsamen Abstammung, Sprache und Kultur. Diese imaginierte einheitliche Volksgemeinschaft spiegelt sich auch in den zahlreichen Nationaldenkmälern des Kaiserreichs wider. Neben dem Niederwalddenkmal entstehen das Hermannsdenkmal bei Detmold, zahlreiche Kaiser-Wilhelm-Denkmäler und Bismarcktürme sowie unzählige Kriegerdenkmäler. Die Landschaft wird nationalisiert.
Rheinromantik
Ich schaue mich um. Der Blick der Touristen haftet am Rhein. Beim Anblick des Sonnenuntergangs auf dem Wasser scheinen sie die monumentale Statue über sich fast zu vergessen. Dennoch verändert die Germania den Blick auf die Landschaft. Ihr Standort auf der Anhöhe ist so gewählt, dass sie von beiden Rheinufern aus zu sehen ist. Wer den Fluss befährt, passiert sie und wird daran erinnert: Diese Landschaft ist deutsch.
Noch bevor der erste Entwurf für das Denkmal gezeichnet wird, steht fest, dass es am Rhein entstehen soll. Bereits Anfang des 19. Jahrhunderts wird der Rhein für die deutschen Romantiker zum Sehnsuchtsort. Künstler unternehmen Schiffsreisen auf dem Rhein und halten ihre Begeisterung in Reisetagebüchern und Kunstwerken fest. Achim von Arnim und Clemens Brentano tragen mit ihren Sammlungen deutscher Volkslieder zum Rheinmythos bei. Burgruinen werden restauriert oder neu errichtet. Die Rheinromantik vermischt sich mit dem aufkommenden Nationalgedanken. Im 19. Jahrhundert wird der Rhein zur Projektionsfläche deutscher Identität.

Credits: Katarina Neher | Ein Frachtschiff fährt über den Rhein.
Rheinpatriotismus
Der Rhein selbst sitzt in personifizierter Form ganz unten am Sockel der Statue und reicht der Mosel ein Wachthorn. Etwas weiter oben prangt ein großes Relief mit einer Menschenmenge: Herrscher, Fürsten und Generäle des damals neu gegründeten Kaiserreichs. In ihrem Zentrum reitet Kaiser Wilhelm I., neben ihm steht Bismarck. Zu ihren Füßen ergießen sich fünf Strophen des Liedes »Die Wacht am Rhein«. Eine Zeile ist hervorgehoben:
Lieb Vaterland magst ruhig sein: Fest steht und treu die Wacht am Rhein. Die Wacht am Rhein!
Der 21-jährige Max Schneckenburger schreibt das Lied 1840 als Reaktion auf die Rheinkrise. Frankreich erhebt erneut Ansprüche auf das linke Rheinufer und bezeichnet den Rhein als »natürliche Grenze« des französischen Staates. Auf deutscher Seite löst dies eine Welle patriotischer Erregung aus. Was die Romantik kulturell vorbereitet hat, eignet sich nun der aufkommende Nationalismus an. Der Rhein wird zum Symbol eines deutschen Nationalgefühls, das sich immer stärker gegen Frankreich richtet. Gedichte werden geschrieben, Lieder komponiert, Bilder gemalt. Alle mit derselben Botschaft: Der Rhein gehört uns.

Credits: Katarina Neher | Besucherinnen und Besucher sitzen auf der Wiese neben dem Niederwalddenkmal.
Der Rhein als Kampfbegriff
Ich trete etwas näher an das Denkmal, um den Liedtext besser entziffern zu können.
Solang ein Tropfen Blut noch glüht,
Noch eine Faust den Degen zieht,
Und noch ein Arm die Büchse spannt,
Betritt kein Feind hier deinen Strand.
Im Kaiserreich wird die »Wacht am Rhein« zu einem der populärsten patriotischen Lieder. Es vereint alles, was der Nationalismus braucht: eine kollektive Identität, ein klares Feindbild und den Aufruf, diese Identität nach außen zu verteidigen.
Der Schwur erschallt, die Woge rinnt,
Die Fahnen flattern hoch im Wind:
Zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein!
Wir Alle wollen Hüter sein!
Im Ersten Weltkrieg werden Verse des Liedes auf Kriegspostkarten gedruckt und von Soldaten gesungen. Auch im Zweiten Weltkrieg greifen die Nationalsozialisten die Symbolik auf. Ende 1944 wählt die deutsche Wehrmacht »Wacht am Rhein« als Decknamen für die Ardennenoffensive, einen ihrer letzten großen Angriffe an der Westfront. Auch heute greifen rechtsextreme und nationalistische Gruppen immer wieder auf Symbole des Kaiserreichs und der Nationalbewegung zurück, um ein völkisch geprägtes Verständnis deutscher Identität zu vermitteln. Zum 1. Mai 2026 will die »Patriotische Bewegung«, eine AfD-nahe Gruppierung, um das Niederwalddenkmal marschieren. Die Aktion wird wegen interner Streitigkeiten kurzfristig abgeblasen.
Was bleibt?
Mein Blick wandert zu den acht Informationstafeln am Fuße der Treppe, die in der hereinbrechenden Dunkelheit nur noch schemenhaft zu erkennen sind. Auf Deutsch und Englisch versuchen sie, die ambivalente Geschichte des Denkmals einzuordnen. Doch kaum jemand der Vorbeischlendernden scheint sie zu bemerken. Das Rheinpanorama und die monumentale Germania ziehen alle Blicke auf sich.
Als ich den Heimweg antrete, ist die Aussichtsplattform leer. Nur vereinzelt sitzen auf den Wiesen rund um das Denkmal noch Menschen auf Picknickdecken. Erst jetzt fällt mir auf, dass elf der dreizehn Bänke zum Rhein ausgerichtet sind. Nur die beiden äußeren ermöglichen es, sich dort mit Blick auf die Germania niederzulassen. Vielleicht ist das das ehrlichste Detail an diesem inszenierten Ort: Ein stilles Eingeständnis dessen, was ihm tatsächlich seine Bedeutung verleiht.

Credits: Katarina Neher | Die Bänke auf der Aussichtsplattform sind überwiegend zum Rhein ausgerichtet.

