Credits: Ellie Haase / Augen aus Beton
Versiegelt, begradigt und bezwungen: Das Schicksal der Modaupromenade in Darmstadt-Eberstadt.
Ein klares Rauschen liegt in der Luft. Hier, ein kleines Stückchen unterhalb der Mühltalstraße, die Darmstadt-Eberstadt mit Nieder-Ramstadt verbindet, befinden sich die Ausläufe der heimischen Streuobstwiesen. Apfelbäume, satte Wiesen, zwei Pferde – daneben: die Modau. An dieser Stelle hat sie Gefälle, wird von Eberstädter*innen liebevoll als kleiner Wasserfall bezeichnet. Steil ist er nicht, als Wahrzeichen und beliebter Ort zum Verweilen dafür umso geschätzter. Inmitten dieser Idylle beginnt hier, ein paar Meter flussabwärts, die Modaupromenade. Die Strecke zieht sich einmal quer durch das gesamte Stadtgebiet, ungefähr drei Kilometer lang.
In den frühen 1980er-Jahren wurde die Modau als Teil der Umbaumaßnahmen in Beton gebettet, daneben die Promenade errichtet. Die Vision einer grünen Utopie entstand. Zumindest stellte man sich das damals so vor. Leider nahmen die damaligen Pläne auf ökologische Standards von vor über 50 Jahre Rücksicht – für heutige Ansprüche ein Desaster. Heraus kam ein weitestgehend versiegelter Kanal, der dem Fluss wenig Raum zum Atmen bot. Eine Auszeichnung im Landeswettbewerb „Ökologische Erneuerung unserer Städte und Gemeinden“ gewann die Promenade trotzdem.

Credits: Ellie Haase / Eberstadts Wahrzeichen
Eberstadts kleiner Wasserfall lädt zum Verweilen ein, keine Frage. Im Sommer ein beliebter Ort für ein erstes Date oder ein Familienpicknick im Grünen. Leider wird nach genauerem Hinschauen die Flussbegradigung der 80er-Jahre deutlich. Bei dem, was heute einer kleinen Kaskade ähnelt, handelt es sich um eine Wehr. Im Laufe der Jahre wurde die Konstruktion immer seltener benötigt, wodurch uns heute nur unser kleiner Wasserfall bleibt.

Credits: Ellie Haase / Brückentroll
Schwerer Granit, gestapelt und vermörtelt zu einer märchenhaften Brücke. Unweigerlich stellt sich die Frage, ob beim Überqueren nicht jede Sekunde ein kleiner Troll unter dem Bogen hervorklettern und nichtsahnenden Spaziergänger*innen ein Abenteuer auferlegen könnte. Vermutlich nicht.
Ein Blick unter die Modaubrücke offenbart eine hässliche Realität: Richtig alt ist die Konstruktion nicht. „1938 erbaut“ ist auf der Brückenseite zu lesen, zu neu ist der Beton auf ihrer Unterseite. Ruhig, aber einengend. Ein einsames Graffiti regt zum Nachdenken über Denkmalschutz an.

Credits: Ellie Haase / Badespaß für die ganze Familie
Ein Stück flussabwärts lädt eine seichte Stelle an heißen Tagen zum Abkühlen ein. Als Teil der Erneuerung konzeptionierte man entlang der Modaupromenade mehrere kleine Buchten für die Kleinsten Eberstadts. Privatsphäre sucht man vergeblich, viel Platz gibt es auch nicht. Na, immerhin wurde an die Kinder gedacht! Heute können sich besonders Hunde über diese Idee freuen.

Credits: Ellie Haase / Verließ
Ein alter Kanalisationsausgang im Kern der Stadt wirkt wie ein dunkles Verließ. Ab hier an ist das Flussufer zu hoch, die Wände zu glatt, um bei einem Sturz eigenständig wieder herauszuklettern. Eine schiefe Leiter wird zum Sinnbild der Versiegelung.

Credits: Ellie Haase / Kritzelskala
In den 1980er-Jahren plagte die Menschen die schlechte Wasserqualität der Modau. Heute ist es der niedrige Wasserstand, der bei einigen traurigen Zentimetern Höhe liegt. Eine kritzelige Skala illustriert das katastrophale Ausmaß der Erderwärmung. Im Vergleich zu anderen Flüssen in der Region sind die Folgen hier noch einmal besonders spürbar.
Auch wenn die Modau bei extremen Regen heute noch über die Ufer tritt, ist dieses Phänomen eine Seltenheit geworden. Dass der Fluss einen Wasserstand von einem Meter erreichte, ist lange her.
Kaum mehr sind die an den Kanal gezeichneten Höhenstände zu entziffern, während sie auf der anderen Seite der kleinen Brücke eine Kletterpflanze ihren Lebensraum zurückholt.

Credits: Ellie Haase / Grundstück am Wasser
Gegenüber der kleinen Brücke befindet sich ein Haus, es liegt direkt am Kanal. Gut zwei Meter hoch thront es über dem Wasser. Ob man in den 1980ern vom Balkon aus noch seine Zehen in die Modau stecken konnte?

Credits: Ellie Haase / Wassermüll
Entlang der Promenade liegt auch immer wieder Müll. Weniger auf den Wegen als im Wasser selbst. Mal findet man einen kaputten Tennisschläger, mal einen ganzen E-Scooter. Hier handelt es sich um eine nicht klar definierbare Metallkonstruktion – und einen Stein!
Den Fluss als Müllkippe zu verwenden ist leider ein verbreitetes Phänomen, die Modau damit nicht allein. Den Müll wieder aus dem Fluss herauszuholen ist harte Arbeit. Aus den Augen aus dem Sinn hatte für die Vandalist*innen noch nie einen fragwürdigeren Kontext.

Credits: Ellie Haase / Augen aus Beton
Diese Betonstruktur hat sich über die Jahrzehnte zu einem Ort für Jugendliche entwickelt, dem Gesetz aus dem Weg zu gehen. Überall finden sich leere Bierflaschen, Zigarettenstummel. Die Szene könnte fast friedlich wirken, wenn man nicht andauernd da Gefühl hätte, beobachtet zu werden. Dieses Graffiti macht es auch nicht besser.

Credits: Ellie Haase / Revolution
Ein Baum, der sich von seinen steinernen Fesseln befreit. Bis heute unterschätzen wir Menschen die Kraft der Natur. Hier dieses Schauspiel eines so ausdauernden Willens mitansehen zu können, macht Hoffnung: Für die Modau und für so viele andere versiegelte Orte in Darmstadt und dem Rest der Welt.

Credits: Ellie Haase / Überqueren verboten
Viel Kraft wurde darin investiert, Menschen davon abzuhalten, die Modau an dieser Stelle zu überqueren. Was auf der anderen Seite des schmalen Betonpfads liegt? Ein Bretterzaun lässt keine neugierigen Blicke zu. Vielleicht empfand man es als fahrlässig, Menschen die Konstruktion betreten zu lassen.
Die Metallzacken lösen Unbehagen aus. Das kommt anscheinend dabei heraus, wenn menschenfeindliche Architektur und ein nicht vorhandener Sinn für Ästhetik zusammenkommen. Ein Sinnbild für den Brutalismus entlang der Eberstädter Modaupromenade ist es auch.
Was in den 80er-Jahren als visionäres Projekt für die ökologische Erneuerung der Modau gefeiert wurde, wirkt heute aus der Zeit gefallen. Wenn das der damalige Standard für nachhaltiges Bauen war, ist es kaum ein Wunder, dass wir uns seither in Sachen Umweltschutz kaum von der Stelle bewegt haben. Wie viele Flüsse müssen wir noch in einen Betonsarg betten, bis wir ein Bewusstsein für unseren verehrenden Einfluss auf die Umwelt entwickeln?

