5 Meter weit springen, 25 km/h schnell und nur 400 Gramm schwer: Das Eichhörnchen

Credits: Jon A. Juarez

Ein feines Kratzen. Erst kaum hörbar, dann immer lauter. Das Geräusch wandert die Hauswand entlang. Während ich noch im Bett liege, schaben Krallen über den Putz. Ein dumpfer Aufprall, ein Sprung. Dann setzt das Kratzen wieder ein, näher als zuvor. Ich bleibe noch ein bisschen liegen, bis mein Rollladen langsam nach oben fährt. Stück für Stück wird es heller. Mein Blick wandert in den Garten. Ein Rascheln, nur die Blätter des Walnussbaumes wehen. Doch von einem Ast aus fixieren mich zwei Augen. Nur einen kurzen Moment. Dann huscht das Tier davon und verschwindet in der Baumkrone. Es ist nicht das erste Mal, dass mich das Eichhörnchen weckt. Fast jeden Morgen zieht es über die Dächer, klettert an Hauswänden und an Bäumen der Nachbarschaft entlang. Mal verschwindet es in der Krone der Walnussbäume, mal balanciert es über den Zaun zum Nachbargarten. Im Dachgiebel über meinem Schlafzimmer baut es jährlich einen seiner Kobel. 

Ein junges Eichhörnchen im Garten von Redakteurin Natalie Koch.
Credits: Natalie Koch

Das kugelförmige Nest dient den Eichhörnchen nicht nur als Schlafplatz, sondern auch zum Aufziehen der Jungen sowie zum Schutz vor Wind und Wetter. Meist besitzt ein Tier gleich mehrere Kobel in seinem Revier. So kann es bei Gefahr, Parasitenbefall oder mit dem Wechsel der Jahreszeit einfach umziehen. In besonders gut geschützten Wurfkobel bringen die Weibchen meist zweimal im Jahr zwei bis sechs Junge zur Welt. „Die Babys werden blind, taub und nackt geboren, erst nach vier Wochen öffnen sie die Augen“, weiß Dr. Christine Dickmann. Doch nur wenige überstehen das erste Lebensjahr. Bis zu 80 Prozent der Jungtiere sterben – etwa durch Fressfeinde wie Greifvögel oder Marder, den Straßenverkehr oder Unfälle wie einem Sturz aus dem Kobel. Obwohl Eichhörnchen bis zu zwölf Jahre alt werden können, erreichen die meisten in freier Wildbahn nur ein Alter von drei bis vier Jahren. Aber nicht jedes Jungtier, das in Not gerät, ist chancenlos.

Ein Haus voller Eichhörnchen

Eichhörnchen-Mama: Dr. Christine Dickmann Credits: Natalie Koch

Im südhessischen Griesheim betreibt die pensionierte Tierärztin Dr. Christine Dickmann seit sechs Jahren eine Auffangstation für Eichhörnchen. Als ich am Stadtrand in einem Industriegebiet mit großen Lagerhallen ankomme, bin ich überrascht. Erst ein Briefkasten mit Eichhörnchenmotiv verrät, dass ich richtig bin. Noch bevor ich klingeln kann, huscht ein Eichhörnchen über die Straße und verschwindet unter einem Auto. Ein passender Empfang – und ein erster Hinweis darauf, dass sich hinter der unscheinbaren Fassade alles um die kleinen Nager dreht. Tatsächlich gehört das Eurasische Eichhörnchen als einzige in Deutschland heimische Art zur Ordnung der Nagetiere.

In ihrem Haus kümmert sich Dr. Christine Dickmann derzeit um 15 Eichhörnchen. Erst gestern wurde wieder ein Jungtier gebracht. Das geschwächte Eichhörnchen hatte sich Menschen auf einer Terrasse genähert, ein typisches Zeichen für eine Notlage. „Wer ein hilfsbedürftiges Eichhörnchen findet und nicht weiß, wohin damit, kann über die App WildtierSOS oder die Seite des Eichhörnchen-Schutzes und -Notrufs die passende Auffangstation finden“, erklärt Dickmann.

Fütterungszeit für das jüngste Eichhörnchen Credits: Natalie Koch

Neuankömmlinge kommen zunächst in einen Praxisraum. Dort bleiben sie, bis sie medizinisch untersucht und frei von Parasiten sind. Alle drei bis vier Stunden erhalten sie speziell angemischte Aufzuchtmilch – auch nachts. Heute darf ich bei der zweiten morgendlichen Fütterung dabei sein. Die Tiere, die sich bereits erholt haben, leben in einer großen Innenvoliere. „Sie werden zunehmend neugieriger, sind aber noch auf Milch angewiesen“, sagt die Tierärztin. Den letzten Schritt vor der Auswilderung verbringen sie in einem großen Außengehege, wo sie klettern, springen und sich auf ein selbstständiges Leben vorbereiten. 

Mit etwa 14 Wochen, wenn sie eigenständig Nüsse knacken können, beginnt der sogenannte Soft Release, erklärt Dickmann. In geeigneten Waldgebieten gewöhnen sich die Eichhörnchen zunächst an ihre neue Umgebung. Anschließend werden die Türen geöffnet und sie haben mindestens zwei Wochen die Option, in das geschützte Gehege zurückzukehren, solange, bis sie einen neuen Kobel in Freiheit gebaut haben. Beim Rundgang fallen mir die verschiedenen Fellfarben der Eichhörnchen auf. Eines haben jedoch alle gemeinsam: ihre helle Bauchseite. Dahinter steckt eine Tarnstrategie, die sogenannte Konterschattierung. Die Eichhörnchen-Expertin erklärt:  „Der helle Bauch verschmilzt von unten mit dem Himmel, die dunklere Oberseite tarnt das Tier zwischen den Ästen und schützt es vor Greifvögeln“.

Hinter jeder erfolgreichen Auswilderung stehen viele Stunden ehrenamtlicher Arbeit, Geduld und persönlicher Einsatz, immer mit dem Ziel, den Eichhörnchen die Chance auf ein Leben in der Natur zu geben. Vereinzelt bleiben Tiere nach ihrer Auswilderung in der Nähe der vertrauten Umgebung und nutzen die Bäume im Garten der Auffangstation als neuen Lebensraum.

Perfekt angepasst

Einige Tage später beobachte ich wieder das Eichhörnchen in meinem Garten: Mit einem Satz erreicht es den Stamm und zieht sich scheinbar mühelos nach oben. Sprung für Sprung arbeitet es sich durch das Geäst, verschwindet kurz hinter den Blättern, taucht an anderer Stelle wieder auf und wechselt, ohne zu zögern, die Seite des Baumes. Jede Bewegung wirkt präzise, jeder Griff sitzt. Erst hoch oben hält es für einen kurzen Moment inne, bevor es hinter den dichten Blättern verschwindet. Dass diese Klettermanöver so spielerisch wirken, hat einen anatomischen Grund. Eichhörnchen können ihre Hinterpfoten um bis zu 180 Grad nach außen drehen. So finden ihre Krallen auch beim Kopfüber-Klettern sicheren Halt und ermöglichen ihnen, Baumstämme ebenso geschickt hinab- wie hinaufzulaufen. Von unten sieht das fast mühelos aus. Hilfreich für die Nager ist auch ihr buschiger Schwanz. Beim Balancieren und bei weiten Sprüngen dient er als Gegengewicht und Steuerruder, sodass das Tier selbst in luftiger Höhe sicher von Ast zu Ast gelangt und bei Sprüngen von bis zu fünf Metern sicher landen kann. Gleichzeitig ist der Schweif ein wichtiges Kommunikationsmittel: Mit seinem Wedeln oder Zittern signalisiert das Eichhörnchen Artgenossen etwa Nervosität oder warnt vor Gefahr. Am Abend in seinem Kobel wird der buschige Schwanz schließlich zur wärmenden Decke.

Ein wissenschaftlicher Blick

Was in ihren schnellen Bewegungen kaum sichtbar ist: Eichhörnchen besitzen einen Hochleistungsorganismus. Mit 200 bis über 300 Herzschlägen pro Minute, hohem Puls und schnellem Stoffwechsel sind sie perfekt für ihre explosive Fortbewegung ausgestattet. „Deshalb fressen sie auch besonders gerne Nüsse, weil diese sehr nährstoffreich sind.“ Das erklärt mir Sinah Drenske, Doktorandin am Berliner Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in der Abteilung Ökologische Dynamiken. Dort erforscht sie die Anpassung von Eichhörnchen an das Stadtleben. Dafür analysiert sie unter anderem Kotproben, in denen sich nicht nur Spuren natürlicher Nahrung finden, sondern gelegentlich auch Überreste menschlicher Einflüsse, etwa Erdnüsse oder sogar Cannabis aus Vogelfutter oder anderen Hinterlassenschaften. Eichhörnchen sind weit mehr als nur ein „niedliches Stadttier“, sie zeigen, wie sich die Natur in einer zunehmend verdichteten und versiegelten Landschaft behauptet. Die Prognose ist vorsichtig, aber deutlich: „Mit zunehmender Flächenversiegelung und steigenden Temperaturen könnte die Population langfristig zurückgehen. Das wird für sie zum Problem“, stellt die Doktorandin knapp fest.

Sinah Drenske, Doktorandin Credits Stefanie Buchholz

Und doch bleibt ein zweiter Gedanke hängen: Eichhörnchen sind im Vergleich zu vielen anderen Arten erstaunlich anpassungsfähig. Sie können in unterschiedlichen Lebensräumen bestehen und reagieren flexibel auf Veränderungen. So leben die Tiere in Großstädten inzwischen eng mit den Menschen zusammen. Diese Anpassungsfähigkeit macht sie auch für Forschende und Beobachtende interessant. Nicht nur als Tierart, sondern als Verbindung zwischen Mensch und Natur. „Ich glaube, Eichhörnchen sind eigentlich ein super Thema, um Menschen wieder ein bisschen mehr an Natur heranzubringen“, sagt Drenske. Kaum jemand bleibt unberührt, wenn eines der Tiere über den Weg läuft oder kurz auf einem Baumstamm innehält. Genau darin liegt ihr Potenzial: Sie schaffen Aufmerksamkeit – und damit vielleicht auch den Einstieg in größere ökologische Fragen. „Naturnahe Bepflanzung und Trinkstellen helfen so vielen Tierarten“, betont die Doktorandin. Gemeint sind damit nicht nur große Schutzgebiete, sondern gerade die kleinen Strukturen im Alltag: Bäume, Hecken, verwilderte Ecken und Gärten. Sie bieten Eichhörnchen Rückzugsräume, zum Verstecken und Leben. Ich lerne, dass es zu den weit verbreiteten Tieren unzählige Beobachtungen gibt, jedoch erstaunlich wenig systematische Forschung.

Letzte Beobachtungen

Am Abend kommt das Eichhörnchen noch einmal in den Garten. Mit den Vorderpfoten am Rand der Wasserschale kühlt es sich ab, bevor es wieder den Walnussbaum hinaufklettert. Inzwischen hat es auch das Futtersilo mit den Sonnenblumenkernen entdeckt, eigentlich für die Vögel gedacht, aber nah genug am Stamm, dass es sich daran festhalten und Kern für Kern herauspicken kann. Während seines artistischen Balanceakts wagt sich kein Vogel an das Silo. Erst ein plötzliches Geräusch lässt das Eichhörnchen innehalten. Im nächsten Moment flüchtet das Hörnchen mit einem Satz, verschwindet zwischen den grünen Blättern des Walnussbaums. Nur das leicht schwankende Futtersilo verrät noch für einen Augenblick, wo es eben noch war.

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