Grün, so weit das Auge reicht. Was auf dem Holzsteg wie blühende Natur aussieht, ist im Hochmoor kein gutes Zeichen. I Credits: Jonathan Helm


Ein schnelles Selfie vor dem dunklen Wasser des Moorauges, ein kurzer Blick hinein, dann schiebt sich die Touristengruppe auf dem Holzsteg schon weiter. Ein paar Meter entfernt überfliegt jemand flüchtig eine der aufgestellten Infotafeln. Es ist laut, Stimmen rufen durcheinander, die Besucher stehen dicht gedrängt im Naturschutzgebiet „Lange Rhön“ und genießen ihren Ausflug. Um sie herum erstreckt sich das „Schwarze Moor“, grün, bewachsen und augenscheinlich völlig intakt.

Doch der Schein trügt. Unter der Oberfläche tobt ein Überlebenskampf, der weit über die Grenzen des UNESCO-Biosphärenreservats hinausgeht. Das Schwarze Moor ist kein touristisches Paradies, sondern ein Patient auf der Intensivstation. Und damit ist es bei Weitem kein Einzelfall. Bundesweit sind laut dem Bundesamt für Naturschutz mehr als 90 Prozent aller Moore durch Entwässerung, Torfabbau, Landwirtschaft oder den Klimawandel massiv geschädigt. Dabei geht es um weit mehr als nur den Schutz von Touristenattraktionen oder seltenen Pflanzen- und Tierarten. Es geht um das Klima. Moore sind die effektivsten Kohlenstoffspeicher der Erde. Wenn sie austrocknen, kippt das System und sie geben große Mengen an klimaschädlichem CO2 frei.

„Das Ökosystem steht auf der Kippe“

„Punktuell haben wir zwar Verbesserungen erreicht, aber auf der großen Fläche wird die Situation schlechter, weil sich das Klima ändert. Das Ökosystem steht gerade auf der Kippe“, erklärt Torsten Kirchner, der Gebietsbetreuer des Naturschutzgebietes „Lange Rhön“. Man spürt die Sorge in seiner Stimme, wenn er über den Zustand des „Schwarzen Moores“ spricht. Dabei erging es dem Hochmoor in der Vergangenheit eigentlich deutlich besser als vielen anderen Moorflächen in Deutschland. Während anderswo jahrzehntelang Torf abgebaut und die Landschaft trockengelegt wurde, blieben die ganz massiven Zerstörungen hier aus.       

Der Reichsarbeitsdienst zog zwar während der Nazizeit tiefe Entwässerungsgräben durch die Landschaft, um Torf abzubauen. Nachdem das Gebiet bereits 1939 unter Naturschutz gestellt worden war, hat man aber keine weiteren Arbeiten zum Torfabbau oder zur Entwässerung mehr vorgenommen. In den vergangenen Jahrzehnten haben Torsten Kirchner und sein Team die alten Sünden in mühsamer Arbeit sogar wieder rückgängig gemacht. Hydrologisch, so erklärt es Kirchner, sei das Moor heute eigentlich wiederhergestellt.

Dass das Ökosystem nun trotzdem vor dem Abgrund steht, liegt an der Natur des Moores selbst. Das „Schwarze Moor“ ist ein Hochmoor. Es wird nicht durch Grundwasser gespeist, sondern ist „ganz allein angewiesen auf Regenwasser“, hebt Kirchner hervor. Und genau dieses Wasser ist der entscheidende Faktor für den Klimaschutz. Denn nur wenn das Moor nass bleibt, kann es seine wichtige Funktion als Kohlenstoffspeicher erfüllen.

An manchen Stellen hält das „schwarze Moor“ das Wasser noch, doch solche Bereiche werden weniger.
Credits: Jonathan Helm

Wie das in der Praxis abläuft, lässt sich mit einem simplen biologischen Vorgang erklären: „Das funktioniert über Fotosynthese.“ Die Pflanzen im Moor nehmen CO2 aus der Atmosphäre auf, um zu wachsen, allen voran die Torfmoose. Im gesunden Zustand agieren sie laut dem Experten „wie ein großer Schwamm“, der sich mit dem Regenwasser vollsaugt und stetig nach oben wächst, etwa einen Millimeter pro Jahr. „Auf der Unterseite stirbt das Moos ab, wird aber nicht zersetzt, sondern konserviert über Huminsäuren“, erklärt Kirchner. Weil der Untergrund nass ist, bleibt das Material luftdicht vom Sauerstoff abgeschlossen. „So baut sich diese Biomasse auf und die ist nichts anderes als Kohlenstoff“, sagt der Gebietsbetreuer. „Wenn ich den in Ruhe lasse, also wenn das Wasser immer schön drinsteht, wird da immer mehr Kohlenstoff reingebunkert, ohne dass was rauskommt.“

Genau dieser schützende Kreislauf kehrt sich aktuell aber um. Weil verlässliche Niederschläge durch den Klimawandel zunehmend ausbleiben, sinkt der Wasserspiegel im Moorkörper ab. „Wenn es zu trocken wird, reißt der Boden richtig auf“, berichtet Kirchner. „Dann dringt Sauerstoff ein, der den Torf mineralisiert und zersetzt. Der Kohlenstoff entweicht gasförmig als CO2.“ Das Moor verliert also seine Substanz, schrumpft Stück für Stück zusammen und dabei treten gewaltige Mengen an Kohlenstoffdioxid aus.

Wenn das Moor austrocknet, reißt der Boden auf und der gespeicherte Kohlenstoff entweicht als CO2.
Credits: Torsten Kirchner

Falsches Grün

Der sich verschlechternde Zustand des Moores hat ein Gesicht, das von den meisten Besuchern völlig falsch interpretiert wird. Wer von den Holzstegen aus auf dichtes, sattes Grün blickt, denkt unweigerlich an florierende Natur. Doch in einem Hochmoor ist wuchernder Wald kein Zeichen von Gesundheit, sondern ein deutliches Alarmsignal. Die ständige Verschlechterung lässt sich an einem Detail erkennen: „Dann nehmen die Bäume zu“, bestätigt Kirchner.

Zwar gehören vereinzelte, bis zu 140 Jahre alte Kiefern natürlicherweise in das Bild des „Schwarzen Moores“. Aber was sich aktuell abspielt, hat mit dem Normalzustand nicht mehr viel zu tun. Weil der für Moore typische, extrem nasse Boden als natürliche Barriere zunehmend fehlt, finden Baumsamen plötzlich ideale Bedingungen vor, um zu keimen. 

Ein Vergleich: 1945 lag die Fläche noch weitgehend offen, 2020 hat sich die Verwaldung deutlich ausgebreitet.
Quelle: Torsten Kirchner

Ein Blick auf alte Luftaufnahmen und Fotos macht die Entwicklung besser erkennbar. Wo man noch 1945 frei über die weite Fläche blicken konnte, wächst das Gelände heute stark zu. Vergleicht man die Bilder mit heutigen Ansichten, „dann sieht man schon deutlich, dass hier die Gehölze immer dichter werden“, sagt Kirchner. Besonders in den letzten anderthalb Jahrzehnten habe es noch einmal „einen richtigen Schub“ gegeben. Die Beobachtung des Gebietsbetreuers deckt sich mit amtlichen Befunden. Laut dem Bayerischen Landesamt für Umwelt haben im Schwarzen Moor durch die zunehmende Trockenheit „die Etablierung von Gehölzen (Kiefern und Moorbirken) und die Verheidung stetig zugenommen“.

Auch die nackten Zahlen belegen das Ausmaß der Verwaldung. Auf der 35 Hektar großen Kernfläche stehen mittlerweile schätzungsweise 55.000 Bäume. Für den Gebietsbetreuer ist das ein fatales Symptom: „Es wächst immer mehr Gehölz dazu. Das sind eindeutige Zeichen dafür, dass da irgendwas im Gange ist, das die Landschaft verändert.“ Wenn sich diese Entwicklung durch die anhaltende Trockenheit ungebremst fortsetzt, verliert das Hochmoor in absehbarer Zeit genau das, was es über Jahrtausende ausgemacht hat. 

Wegweiser am Rand des Naturschutzgebiets, ringsum drängen bereits junge Bäume nach. 
Credits: Jonathan Helm

Kirchner formuliert die Prognose drastisch: „Wenn du hier auf der gleichen Stelle vor 30 Jahren gestanden hast, konntest du dort noch richtig reingucken. Wenn man jetzt noch mal 30 Jahre weiterdenkt, dann stehen wir mitten im Wald.“

Landwirtschaftliche Zerstörung

Während im „Schwarzen Moor“ der menschengemachte Klimawandel das größte Problem darstellt, sind es in den meisten anderen Moorgebieten Deutschlands vor allem direkte Eingriffe des Menschen, die den Großteil der Zerstörung ausmachen. 

Um landwirtschaftliche Nutzflächen zu gewinnen, wurden über 80 Prozent der deutschen Moorgebiete über Jahrzehnte einfach trockengelegt. „Die Flächen, zum Beispiel das Donaumoos oder das Erdinger Moos, hat man entwässert und dann Landwirtschaft betrieben“, ordnet Kirchner die historische Bewirtschaftung ein.

„Im Donaumoos zum Beispiel baut sich der fruchtbare Boden zwei Zentimeter pro Jahr ab“, betont der Gebietsbetreuer. Die Moorfläche verringert sich also spürbar schnell. Für Torsten Kirchner steuert diese Entwicklung auf ein unausweichliches Ende zu: „An vielen Stellen nur noch in etwa 30 Jahre. Und dann bist du unten auf dem Schotter.“

Um diesen Totalverlust auf den Agrarflächen zu verhindern und die Moore in Deutschland zu retten, rückt zunehmend ein Lösungsansatz in den Fokus, die sogenannte Paludikultur: Anstatt die Flächen für herkömmlichen Ackerbau trockenzulegen, werden sie wieder vernässt. Landwirte können auf dem nassen Boden dann beispielsweise Schilf als nachhaltiges Baustoffmaterial anbauen oder Torfmoose ernten. Das Moor bleibt nass, der Kohlenstoff bleibt im Boden verschlossen und die Fläche kann trotzdem wirtschaftlich genutzt werden.

Allerdings hilft das Konzept dem „Schwarzen Moor“ in der Rhön nicht, so vielversprechend die Paludikultur für viele andere zerstörte Moorgebiete in Deutschland auch sein mag. Als streng geschütztes Naturschutzgebiet wird hier ohnehin nicht landwirtschaftlich gearbeitet, eine Umstellung ist somit keine Option. 

Was bleibt, ist der Regen, auf den das Hochmoor allein angewiesen ist. Ob genug davon fällt, bevor der Moorboden weiter reißt und aus der offenen Fläche in dreißig Jahren tatsächlich Wald wird, lässt sich heute nicht beantworten.

Was bleibt, ist der Regen, auf den das Hochmoor allein angewiesen ist. Ob genug davon fällt, bevor der Moorboden weiter reißt und aus der offenen Fläche in dreißig Jahren tatsächlich Wald wird, lässt sich heute nicht beantworten.

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