Ökosystem Frankfurt am Main

Collage: „Mein Frankfurt“ I Credits: Marie Krull


Wenn man durch Frankfurt am Main läuft, könnte man nur die erschöpften Gesichter, die sich zur Arbeit tragen sehen, die Gleichgültigkeit mit der die Junkies und Obdachlosen übergangen werden, und der Dreck, der sich in die Ritzen der Stadt geklebt hat. Oder man sieht einen Busfahrer, der auf eine noch rennende Person wartet, Menschen, die sich mit „Gude“ grüßen und bunt sprießende Nachbarschaftsgärten. Beides ist wahr.

Nordend, Frankfurt am Main

Ich stehe vor meiner Wohnung und ziehe die Tür hinter mir zu. Im Flur höre ich Flaschen klimpern, einen Nachbar, der die Spülmaschine ausräumt, dazwischen: geschäftiges Vögelzwitschern.

Draußen, vor meinem Wohnhaus im Nordend, ist das Zwitschern in einen langsameren Takt übergegangen. Der Baum im Vorgarten wirft Schatten auf mich. Von einer Baustelle zerschneidet lautes Klappern die Ruhe, dann rauscht die pfeifende U-Bahn vorbei. Und der Motor eines anfahrenden Autos ertönt. 

Ich konzentriere mich auf die Kühle vom Baumschatten, die Blätter die sich im Wind bewegen und die Vögel. Die Ruhe stellt sich wieder her. Es ist ein Wechselspiel, das die Stadt ausmacht: tiefe Stimmen über einer Baustelle, federnde Sportschuhe auf Asphalt, eine Kreissäge, die aufheult und verstummt. Stadt und Natur stehen im Kampf um die Aufmerksamkeit der Menschen.

Eine Landschafts Reportage über unberührte Wildnis zu schreiben erscheint logisch: die unschuldige Distanz des Beobachters, der eine Idylle einfängt. Wieso ist die Stadtlandschaft etwas Anderes? Auch sie war einmal Teil der Natur, bevor Menschen sich zu einer Gemeinschaft zusammengeschlossen und ein Lager errichteten, das mit der Zeit zu Straßen und Hochhäusern wurde. Die Antwort darauf: es ist schwer mit allen fünf Sinnen einen so intensiven Raum wie die Stadt wahrzunehmen.

Stadtpflanze: Ein kleiner grüner Farbklecks lugt zwischen dem städtischen Grau hervor.
Credits: Marie Krull

Einen weiteren Grund hat das Kurious Magazin in der Rezension zum Buch „Kraft und Schönheit des Wahrnehmens“ von Lili Taylor gut auf den Punkt gebracht: 

„Im öffentlichen (urbanen) Raum fühlt es sich fast verboten an, genau hinzusehen. „Wenn man irgendwas anderes als den Boden oder sein Smartphone ansieht, fällt man in der Stadt schon auf.“ 

Wenige frei zugängliche Plätze in der Stadt laden dazu ein, auf unbestimmte Zeit zu verweilen und ein Buch zu lesen, die meisten sind Orte für eine kurze Durchschnaufpause. Es sind Unorte. Der visuelle Utopist Jan Kamensky schafft in seinen animierten Videos Orte, die zum Verweilen einladen. Die Autos fliegen davon, begrünte Plätze entstehen. Sein Fokus liegt auf vollbefahrenen Straßen im Stadtzentrum. Er hinterfragt die Selbstverständlichkeit, mit der Menschen diese wahrnehmen. „Utopie hilft, um Sehgewohnheiten aufzubrechen, um den Blick für die Gegenwart zu schärfen“, sagt er.

Die Sonne blendet, der Wind streift die Arme. Eine weitere U-Bahn rauscht vorbei, dahinter knattert eine Vespa und hinterlässt den Geruch von Benzin. Blumen ragen in den Weg. Der Geruch von Marihuana zieht vorbei und ist ein Haus weiter verflogen. Eine Häuserschlucht, gefüllt mit Grün. Stimmen dringen aus dem Dönerladen, im vietnamesischen Restaurant nebenan herrscht Stille. Die Bremse eines gelben Postfahrrads quietscht. Aus dem Boden wachsen zwei kleine Bäume, ein Farbtupfer im Grau. In der gegenüberliegenden Hauswand sind Risse, eine Menge Graffiti und ein auffällig großer schwarzer Fleck aus Sprühlack.

Das Gefühl der Natur

Volker Demuth, ein Schriftsteller, der sich viel mit Landschaft beschäftigt, schrieb in „Unruhige Landschaften“ etwas, das mir nicht mehr aus dem Kopf geht. Er sagt: Das Gefühl, das wir heute bei „Natur“ haben, diese Sehnsucht und das Aufatmen, ist nicht schon immer da. Erst vor ein paar hundert Jahren, durch Malerei und Gedichte, wurde die Landschaft zu etwas, das man „erlebt“. Vorher war die Landschaft vor allem eine Frage von Besitz: Wem gehört der Boden, wer darf hier leben? Wenn wir heute über die Landschaft reden, reden wir Demuth zufolge eigentlich über uns selbst. Wir können nicht nicht mit der Landschaft interagieren. Und dabei, sagt er, teilen wir die Landschaft in zwei Kategorien ein. Die eine schützen wir: der Park, das Naturschutzgebiet, die Postkarten-Idylle. Die anderen nutzen wir ab, bis nichts mehr übrig ist: Autobahn, Gewerbegebiet, Acker. Für die Stadt heißt das meistens: die Landschaft fängt da an, wo die Häuser aufhören. Am Stadtrand, im Grüngürtel. Demuth findet das falsch. Landschaft, sagt er, beginnt in der eigenen Wohnung, im Büro und auf dem Gehweg.

Bei der Friedberger Parkanlage angekommen, ist Hundebellen zu hören. Ich gehe bis ich unter dem raschelnden Blätterdach stehe. Unter einer Eiche gräbt sich ein Fahrrad durch den Kies-Boden. Obwohl Einiges passiert, fühle ich mich nicht unruhig. Von meinem Platz unter dem Baum beobachte ich, wie ein Mann mit seinem Hund Ball spielt. Zwei Straßenfeger, die sich im Stehen unterhalten. Ein kaum besuchtes Café, das an einen Kiosk in der Natur erinnert, besonders weil es ebenfalls geschützt unter den großen Bäumen liegt. Frauenstimmen und ein ausgelassenes Lachen: „Hallo Frankfurt!“, übertönt ihr Ruf das Brummen des Verkehrs. 

“feinfrankfurt” Kiosk auf der Friedberger Anlage umgeben von Grün und alternativer Einrichtung des Außenbereichs.
Credits: Marie Krull

Noch einmal Durchatmen:

ein…

und aus…

Ich gehe zurück zum Bürgersteig und befinde mich direkt an der befahrenen Straße.

Sich das Leben romantisieren, die Aufmerksamkeit bewusst auf das zu lenken, was erfreulich ist und ein utopisches Szenario erschaffen. Wie viel haben Utopien eigentlich mit romantisieren zu tun?

Jan Kamensky überlegt und leitet sich den Begriff von der Romantik ab, die eine ursprüngliche Natur und Heimat, vielerorts verschwunden oder zerstört, als Idyll in Dichtung und Malerei feierte und den natürlichen Urgrund des menschlichen Seins anpries. Und erklärt, dass es eine Utopie das auch könne: eine Projektionsfläche, die das Fehlen in der Gegenwart sichtbar mache. Er wolle Optionen zeigen und keine Träumereien. Und doch merkt er an: „Wenn romantisierend bedeutet, dass ich Idyll entwickle, was es so vielleicht gar nicht geben kann, dann ist es vielleicht romantisch.“

Zwischen Nordend und Zeil

Ich suche Grün.

Erst nichts. Dann, vor einem Restaurant, eine Topfpflanze. In einer Seitengasse stehen kleine Ahornbäume am Wegrand. 

Jemand erhebt die Stimme: “Sie versperren den Fahrradweg, Junge!“ „Bist du krank oder was?“, ein Mann, der mit seinem Rad eine Kurve um ein parkendes Auto macht. Alle vier Schritte: Menschen, vor mir, neben mir. Ein Techniker in Warnweste, eine Frau in Leinenhose, ein junges Paar. Es werden mehr. „Was hast du heute in der Schule gemacht?“, fragte ein Vater seine Tochter, „Hattet ihr auch Freispiele?“

Auf die Frage, was Frankfurt hören würde, wenn der Autolärm leiser wird, antwortet Kamensky: „Also das, was Frankfurt hören kann, wenn Autos weg sind, kann Frankfurt auch sonst hören. Natürlich nicht überall und nicht zu jeder Tages- und Nachtzeit, aber neulich war ich Sonntag früh in Frankfurt unterwegs und war noch vormittags im Palmengarten und da lässt sich auch schon quasi utopisch erahnen, wie wohltuend es ist, dann eben Vögeln beim Zwitschern zuzuhören.“ 

Seine Verbindung zur Stadt stellte sich durch sein erstes großes Projekt her: die Animation des Eschenheimer Tors im Rahmen der Ausstellung „Frankfurt in Bewegung“ vom Historischen Museum. Es folgten Utopie-Workshops im Palmengarten, in denen Collagen aus Stickern und Buntstiften entstanden, viel Wasser, viel Grün und immer wieder Eichhörnchen auf Gebäuden, was teils am vorbereiteten Sticker lag, teils zeigte, wie gern Frankfurter*innen sie mögen. Jan Kamensky hatte Papiervorlagen mit verschiedenen Orte aus Frankfurt bedruckt. Am häufigsten wählten die Teilnehmer*innen die Hauptwache und das Europaviertel, um sie zu verzieren und neue Stadtbilder zu kreieren.

Hier wachsen Stadt und Natur zusammen.
Credits: Marie Krull

Ich finde, die Schönheit in Frankfurt ist, dass es nicht leise sein würde, selbst in der utopischen Version nicht. Das Laute bleibt: die Sirenen, das Schreien, Menschen, die reden und sich treffen. Das Leben ist laut. Und Freiheit ist es auch. Wer der Stadt zusteht, ein eigenes Ökosystem zu sein, muss diesen Lärm als Lebenszeichen lesen, nicht nur als Störung. So wie niemand das Plätschern eines Bachs als Störung bezeichnen würde.

Zeil, Konstablerwache

Ich werde langsamer und passiere den Menschenstrom quer. Der Blick fällt auf die Baumallee, die sich durch die Mitte des Betonkanals zieht. Ein Mann sitzt gestützt auf einer Bank und übergibt sich, vor ihm drei wartende Polizeibeamte. Seine Hose sitzt in den Kniekehlen und eine weiße Tüte blitzt durch seine Beine hervor. Hat er auch Durchfall?

Collage: „Versifft“
Credits: Marie Krull

Mitten auf der Zeil treiben die Menschen in unterschiedliche Richtungen, wie ein dysfunktionaler Fischschwarm. Nicht alle treiben: Manche stehen, erkämpfen sich Aufmerksamkeit: Hört mir zu, ich habe etwas zu sagen. Energisch und kraftvoll. Andere reden und predigen, kraftvoll und kraftlos zugleich.

Die Menge ist in kleine Gruppen gestückelt, eingepfercht von den hohen Häusern: warten, stoppen, überholen, stehen, wachsam in Bereitschaft, Platz zu machen. So viele Menschen, die anders aussehen und andere Ziele haben.

Die stählernen Gebäude spiegeln Licht und Wolken. Hoch thronen sie vor der Innenstadt. Diese Gebäude, vom Menschen errichtet, wirken seltsam fern, am Boden alles geschäftig, keine Sekunde, in der nichts geschieht. Während die kalten, grauen, dunkelblauen Wolkenkratzer ruhen. Gesang dringt an mein Ohr. Gegenüber der Kleinmarkthalle steht ein Mann mit Gitarre und stimmt den Refrain von „Über den Wolken“ von Reinhard Mey an. 

„Über den Wolken

Muss die Freiheit wohl grenzenlos sein“

Manchmal muss man das Leben gar nicht romantisieren, es liefert ungefragt Momente, die man sich nicht ausdenken könnte.

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