Flussabwärts auf einem Müllfloß

Manche Kindheitsträume verschwinden irgendwann. Meiner tauchte Jahre später plötzlich wieder auf und führte mich mit einem Floß auf die Mümling. Doch er erfüllte sich ganz anders, als ich es mir mit zwölf Jahren vorgestellt hatte.

Der Schuh: Einer von vielen Gegenständen, die nie hätten in der Mümling landen dürfen.
Credits: Joana Dingeldein

Wer hatte als Kind nicht einen Traum, den er unbedingt einmal verwirklichen wollte – und der irgendwo zwischen Alltag und Erwachsenwerden verloren ging?

Meiner spielte auf der Mümling. Mit einem selbstgebauten Floß wollte ich im Alter von zwölf Jahren den Fluss hinunterfahren, darauf essen, vielleicht sogar schlafen und zwischendurch ins Wasser springen. Und das Ganze ohne Erwachsene, die danebenstehen und sagen: „Das geht nicht.“ Mich reizten die Abenteuerlust und das Gefühl von Freiheit. Doch aus dem Floß wurde damals nichts. Der Traum geriet irgendwann in Vergessenheit – bis er viele Jahre später plötzlich wieder auftaucht.

Im Rahmen unserer Lehrredaktion Stock und Stein soll ich mich journalistisch mit einer Landschaft auseinandersetzen. Für mich ist schnell klar: Wenn schon Landschaft, dann eine in meiner Heimat – dem Odenwald. Da ich als Rettungsschwimmerin und Taucherin im Sommer sowieso die meiste Zeit irgendwo im oder am Wasser verbringe, ist die Richtung schnell klar. Meine Geschichte soll sich ums Wasser drehen. So kommt mir die Mümling in den Sinn – und mit ihr mein unerfüllter Kindheitstraum.

Das Projekt beginnt

Der Plan, ein Floß zu bauen, steht schnell fest. Allerdings muss ich ihn an die Realität anpassen. Die Mümling ist eben nicht der grenzenlose Abenteuerspielplatz, den ich als Kind vor Augen habe. Wehre, Naturschutzgebiete und andere Hindernisse machen eine durchgehende Floßfahrt unmöglich. Gleichzeitig soll das Projekt mehr sein als eine nostalgische Rückreise in meine Kindheit. Ich will etwas Gutes tun: Mein Floß soll möglichst aus Müll bestehen, den ich in der Mümling finde – als Zeichen dafür, dass Abfall nicht in die Natur gehört.

Doch schon als ich über die Materialien für mein Floß nachdenke, wird mir bewusst, dass ich keine Erfahrung habe – weder im Floßbau noch damit, welche Regeln auf der Mümling gelten. Dabei ist mir eines besonders wichtig: Mit meinem Projekt will ich der Natur und ihren Bewohnern keinesfalls schaden.

Im Hessischen Wassergesetz sei der sogenannte Gemeingebrauch geregelt, erklärt Matthias Sottong, Geschäftsführer des Wasserverbands Mümling. „Das Befahren der Mümling mit kleinen Fahrzeugen – zum Beispiel einem Kanu oder deinem Floß – ist grundsätzlich erlaubt, solange es keinen Motor hat.“

Ganz ohne Regeln geht es dennoch nicht. Deshalb führt mich meine Recherche auch zur Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises Odenwald. Da bewachsene Uferbereiche naturnaher Gewässer wichtige Biotope darstellen, muss ich meine Müllsammelaktion auf gut gut zugängliche Bereiche der Mümling beschränken.

Was eigentlich nicht in die Natur gehört, landet in der Mülltüte.
Credits: Joana Dingeldein

Zu wenig Müll?

Bepackt mit Handschuhen und einer Mülltüte mache ich mich auf den Weg zur Mümling in Höchst. Lange dauert es nicht, bis sich die Tüte füllt: Flatterband, Verpackungsmüll und achtlos weggeworfene Zigarettenstummel. Alle paar Meter bücke ich mich, um den Müll anderer aufzuheben. Spaß macht mir das allerdings keinen. Alles, was ich in die Mülltüte stecke, hätte nie dort liegen müssen. Ein kurzer Griff zum Mülleimer hätte gereicht. Es zeigt mir, wie viel Sensibilisierung es in der Gesellschaft noch braucht – und zusätzliche Müllsammelaktionen.

Die Rosenbacher Mühle in Breuberg.
Credits: Joana Dingeldein
Die Müllausbeute an der Mühle ist gering.
Credis: Joana Dingeldein

Als ich mir meine Ausbeute anschaue, wird mir schnell klar: Für ein Floß braucht man Auftrieb – sehr viel Auftrieb, wenn ein Mensch darauf sitzen soll. Auf der Suche nach weiterem Material mache ich mich auf den Weg zur Rosenbacher Mühle in Breuberg. Zwischen Wehr und Turbine hoffe ich, genügend angeschwemmten Müll für mein Floß zu finden. Vor dem historischen Mühlengebäude aus rotem Sandstein steht bereits eine Kiste: alte Bälle und eine Handvoll Flaschen. Erstaunlich wenig, wie ich finde. „Wir haben viel weniger Müll als in den letzten Jahren“, erzählt der Mühlenbesitzer Rafel Israels. Vor der Pfandreform seien deutlich mehr Dosen und Flaschen angeschwemmt worden, berichtet er. Heutzutage werde vor allem nach Hochwasser vermehrt Müll angespült, ergänzt seine Frau Kathrin Spiegel. „Bei einem Arbeitseinsatz mit dem Naturschutzbund haben wir schon drei Reifen aus dem Wasser geholt.“ 

Auch Martina Limprecht, Vorsitzende des Naturschutzbundes Odenwaldkreis, stellt bei den regelmäßigen Gewässerschauen fest, dass in der Mümling immer weniger Müll zu finden ist. Ein Problem seien jedoch weiterhin Gegenstände, die von Anrainern an den Ufern gelagert und bei Hochwasser in die Mümling gespült würden.

Anders bewertet Matthias Sottong die Situation. Der Geschäftsführer des Wasserverbands Mümling konnte in den vergangenen Jahren keine deutliche Veränderung feststellen. „Wo sich Schwemmgut sammelt, ist regelmäßig ein hoher Müllanteil erkennbar.“ Noch immer werde das Gewässer häufig zur Entsorgung von Gartenabfällen genutzt.

Dennoch reicht meine bisherige Ausbeute bei Weitem nicht aus, um daraus ein Floß zu bauen. Also ergänze ich mein Floß um ausrangierte Materialien aus meinem Umfeld: Eine alte, unbehandelte Palette bildet das Grundgerüst, alte Pflanzenölkanister und die gesammelten Flaschen aus der Mümling sorgen für den nötigen Auftrieb.

Statt im Müll zu landen, erhalten ausrangierte Materialien eine zweite Verwendung.
Credits: Joana Dingeldein
Schritt für Schritt entsteht ein schwimmfähiges
Floß.
Credis: Joana Dingeldein

Einen Bauplan habe ich nicht. Ich lege einfach los und lerne beim Bauen, was funktioniert und was nicht. Wie sich diese Herangehensweise auszahlt, zeigt sich bei der Generalprobe im Schwimmbad. Ich merke schnell: Ein Floß zu bauen ist das eine, darauf das Gleichgewicht zu halten etwas ganz anderes. Immer wieder gerät die Konstruktion ins Wanken – ich benötige zusätzlichen Auftrieb.

Während das Floß langsam Form annimmt, beginnt die Suche nach einem geeigneten Gewässerabschnitt. Zum ersten Mal nehme ich mir Zeit, die Mümling wirklich wahrzunehmen. Zwischen dicht bewachsenen Ufern fließt das olivgrüne Wasser ruhig dahin. Vogelstimmen, Libellen und das Rauschen der Bäume lassen mich durchatmen. Etwas, wofür im Alltag oft keine Zeit bleibt.

Letzte Handgriffe vor der Generalprobe im Schwimmbad.
Credits: Joana Dingeldein
Das Gleichgewicht auf dem Floß zu halten, ist schwieriger als gedacht.
Credits: Joana Dingeldein

Eine geeignete Strecke

Meine Ansprüche an die Strecke sind hoch. Sie soll tief und breit genug sein, damit weder das Floß aufsetzt noch sensible Bereiche beschädigt werden. Gleichzeitig brauche ich gut erreichbare Stellen ohne Uferbewuchs, an denen ich ein- und aussteigen kann. Schließlich finde ich unmittelbar nach dem Klärwerk in Mümling-Grumbach einen rund 400 Meterlangen Abschnitt, der all diese Voraussetzungen erfüllt.

Jetzt kann es losgehen. Die Sonne brennt vom Himmel, als ich mich auf den Weg zur Einstiegsstelle mache. Als mein Fuß zum ersten Mal das etwa 20 Grad kalte Wasser der Mümling berührt, realisiere ich: Mein Kindheitstraum wird tatsächlich wahr.

Ich schaue auf mein Floß. Das alte Holz habe ich zuvor noch abgeschliffen. Hinten befestige ich ein kleines Playmobil-Boot, das der Mühlenbesitzer zuvor aus der Mümling gefischt hat. Passender hätte dieses Detail kaum sein können: Ausgerechnet ein kleines Boot, das als Müll in der Mümling gelandet ist, hängt nun am Heck.

Endlich flussabwärts

Langsam lasse ich das Floß ins Wasser – es schaukelt. Vorsichtig knie ich mich auf meine selbstgebaute Konstruktion. Mit der Strömung setzt sie sich langsam in Bewegung.

Es fühlt sich deutlich wackeliger an als noch im Schwimmbad, obwohl ich inzwischen weitere Flaschen und Kanister befestigt habe. Die Strömung drückt das Floß immer wieder zur Seite. Mit dem Paddel eines Stand-up-Paddle-Boards gelingt es mir kaum, die Richtung zu halten. Doch nach einigen Minuten wird die Fahrt ruhiger. Langsam entspanne ich mich.
Es dauert allerdings nicht lange, bis sich der erste Kanister unter dem Floß löst. Sofort gerät die Konstruktion in Schieflage. Etwa auf halber Strecke verabschieden sich auch die restlichen Kanister.

Die Fahrt geht los – Ein Traum wird wahr.
Credits: Joana Dingeldein.

„Mist!“, rufe ich und muss gleichzeitig lachen – ich lande im Wasser. Vorsorglich habe ich alle Einzelteile miteinander verknotet, sodass nichts verloren geht. Ich lege mich auf das Floß und beginne, mit den Beinen zu paddeln – lenken lässt sich das Floß so deutlich besser.

Die Floßahrt endet mit einer unfreiwilligen Abkühlung.
Credits: Joana Dingeldein

Der Schein trügt

Mit jedem Meter beginne ich, die Fahrt mehr zu genießen. Vögel zwitschern, Grillen zirpen am Ufer und die Strömung trägt mich langsam durch die Landschaft. Stellenweise fühlt es sich an, als wäre ich mitten im Dschungel statt im Odenwald. Herabhängende Äste von Erlen und Weiden ragen über das Wasser, Wurzeln ziehen sich durch das Flussbett und für einen kurzen Moment landet sogar eine leuchtend blaue Libelle auf meiner Hand.

Alles scheint perfekt, bis ich genauer hinschaue: Zwischen den Ästen hat sich Müll verfangen oder wurde ans Ufer gespült. So viel wie möglich hole ich mit dem Paddel zu mir heran und lege es auf mein Floß. Nach der Fahrt landet der Müll dort, wo er hingehört: im Mülleimer. Für einen nur 400 Meter langen Abschnitt ist es mehr, als ich erwartet habe. Darunter treibt auch ein einzelner Schuh langsam im Wasser.

Am Ende hat sich mein Kindheitstraum erfüllt. Zwar anders, als ich ihn mir als Kind vorgestellt habe, aber mit der Erkenntnis, dass manche Träume nicht kleiner werden, wenn man erwachsen wird, sondern einfach eine andere Bedeutung bekommen. Geblieben ist mir aber vor allem eines: Das Bild eines einzelnen Schuhs im Wasser. Stellvertretend für all die Dinge, die ihren Weg in die Natur finden – und dort eigentlich nie hätten landen dürfen.

Der Schuh erinnert daran, wie selbstverständlich Müll seinen Weg in die Natur findet.
Credits: Joana Dingeldein
Zwischen Vogelstimmen und Libellen wird aus der Floßfahrt eine kleine Auszeit.
Credits: Joana Dingeldein
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