Mehr als nur ein Badesee: Wo der Flussregenpfeifer brütet 

Credits: Timm Mielech | Strandbad – Badesee Rodgau

Wenn im Sommer die Temperaturen steigen, suchen viele Menschen einen Ort, an dem sie der Hitze entkommen können. Auch der Badesee in Rodgau ist eine Oase der Abkühlung, doch hinter der bekannten Freizeitkulisse steckt noch mehr.
Zwischen Kiesflächen, flachen Uferbereichen und geschützten Zonen befindet sich ein Lebensraum, den viele Badegäste vermutlich nie wahrnehmen: eine Brutstätte für den Flussregenpfeifer.

Ein See mit vielen Gesichtern

31 Grad im Schatten, wolkenloser Himmel und kaum ein freier Platz auf der Liegewiese: Am Badesee in Rodgau herrscht an diesem Nachmittag Hochbetrieb.
Zwischen Rasenflächen und Bäumen öffnet sich der Blick auf das Wasser. Der See leuchtet blau-türkis in der Sonne, auf der Oberfläche spiegeln sich die Lichtreflexe. Vom Volleyballfeld sind Rufe zu hören, Kinder springen ins Wasser, aus verschiedenen Ecken des Geländes dringen Stimmen herüber. Dazu kommt das gleichmäßige Säuseln des Windes und das Rauschen des Wassers. Es herrscht die typische Geräuschkulisse eines Sommertages am Wasser. Der erste Eindruck ist der eines gewöhnlichen Badesees.

Doch dazu kommt noch, bei genauerem Hinhören, ein leises, fast schon mechanisches Brummen, wie man es sonst nur von Baustellen kennt. Wer dem Geräusch folgt und den Blick über den Badebereich hinaus richtet, erkennt schnell, dass der Badesee mehrere Funktionen erfüllt.

Auf der gegenüberliegenden Seite des Sees stehen ein paar Angler am Ufer. Einer von ihnen steht bis zu den Knöcheln im Wasser, während er auswirft. Auf der Wasserfläche vor ihm ist eine schwimmende Photovoltaikanlage zu erkennen. Hinter ihr liegt die Kiesgrube, von der das mechanische Brummen ausgeht. Eine helle Fläche aus Kies und Sand, die sich deutlich vom umliegenden Grün abhebt. Was aber genau löst das Brummen aus?

Dort befindet sich der Bereich, in dem der Flussregenpfeifer brütet.

Auf der Suche nach einem unsichtbaren Bewohner

Von einem erhöhten Punkt aus lässt sich die Kies- und Sandgrube gut überblicken. Die Sonne steht hoch und lässt die hellen Kiesflächen fast weiß erscheinen. Dazwischen liegen flache Wasserbereiche und offene Stellen ohne größere Vegetation.

Genau diese Bedingungen sind für den Flussregenpfeifer entscheidend.
Der kleine Vogel legt seine Eier nicht in ein klassisches Nest, sondern brütet sie direkt auf dem Boden zwischen Kies und Sand. Die karge Fläche bietet ihm einen wichtigen Vorteil: Durch seine unauffällige Färbung ist er zwischen den Steinen kaum zu erkennen.

Der Versuch, ihn zu entdecken, bleibt demnach erfolglos. Selbst mit dem Wissen, wo er sich aufhalten könnte, ist kein Vogel zwischen den Kiesflächen und riesigen Planierraupen auszumachen. Seine Tarnung macht ihn nahezu unsichtbar.

Durch ein Gespräch mit Michael Knauer vom NABU Rodgau lässt sich mehr herausfinden. Er betreut die Naturschutzmaßnahmen rund um die Kies- und Sandgrube in Dudenhofen und kennt die Herausforderungen, die ein solcher Lebensraum mit sich bringt.

„Der Flussregenpfeifer braucht vor allem offene Flächen ohne viel Vegetation. Der Kies ist für ihn entscheidend“, erklärt der Naturschützer.

Für die Vogelart ist eine Fläche, die zunächst karg wirkt, genau der richtige Rückzugsort. Dichter Bewuchs würde die Bedingungen verschlechtern, weil die offenen Brutflächen verloren gehen würden.

Vom Flussufer in die Kiesgrube

Der Name des Flussregenpfeifers verrät, dass er ursprünglich an Flussufern vorkommt. Dort entstanden durch regelmäßiges Hochwasser immer wieder neue Kies- und Sandflächen. Das Wasser veränderte die Landschaft, trug Material ab und schuf offene Bereiche, die der Vogel für die Brut nutzen konnte.
Diese „Dynamik“, wie die Biologen sagen, ist heute vielerorts verschwunden. Flüsse wurden begradigt, Ufer befestigt und Auen trocken gelegt. Dadurch gingen viele der ursprünglichen Brutplätze des Flussregenpfeifers zurück.
Kies- und Sandgruben können diese Bedingungen teilweise ersetzen.
Durch den Abbau entstehen Kiesflächen und flache Uferzonen, die den ursprünglichen Flusslandschaften ähneln.
Allerdings entsteht daraus nicht automatisch eine wertvolle Umgebung.
Eine Kiesfläche bleibt nur dann geeignet, wenn sie gepflegt wird. Daran erinnert Michael Knauer vom NABU immer wieder im Gespräch. Ohne regelmäßige Eingriffe würden Pflanzen und Gehölze die offenen Bereiche nach und nach zurückerobern. Für viele Tiere, die genau diese offenen Flächen benötigen, würde der Lebensraum dadurch verloren gehen.

Credits: naturetouch.info | Der Flussregenpfeifer

Ein ungewöhnliches Nebeneinander

Der See ist kein abgeschlossener Naturraum. Menschen kommen hierher, um zu baden. Ein Angelsportverein nutzt die Wasserflächen – und auf dem See befindet sich die Photovoltaikanlage. Gleichzeitig werden in Teilen des Gebietes weiterhin Kies und Gestein abgebaut. Das macht den Standort außergewöhnlich – und Kompromisse nötig: Kommunen, Vereine und weitere Verantwortliche treffen sich regelmäßig an einem runden Tisch, um Lösungen zu besprechen, erzählt Knauer. Dabei geht es nicht darum, eine Nutzung vollständig auszuschließen. Vielmehr muss berücksichtigt werden, welche Bereiche für bestimmte Arten wichtig sind und wie diese erhalten werden können.
Der Schutz der Tiere ist dabei nicht nur eine freiwillige Entscheidung, denn bestimmte Arten stehen unter gesetzlichem Schutz und müssen unabhängig von der Nutzung des Gebiets berücksichtigt werden.

Wenn der Mensch natürliche Prozesse unterstützt

Bei Flüssen sorgten Überschwemmungen regelmäßig dafür, dass neue Kiesflächen entstanden. Wasser bewegte das Material, riss Uferbereiche ab und hinterließ kiesige Stellen. Diesem Prozess muss am Baggersee nachgeholfen werden. 

Eine der Maßnahmen zum Erhalt dieser “künstlich” geschaffenen Gebiete der Kiesgrube betrifft die Uferkanten des Rodgauer Gewässers. Diese Bereiche werden regelmäßig erneut abgebrochen, damit offene Steilwände entstehen. Davon profitieren vor allem Uferschwalben, die ihre Brutröhren in solch sandigen und kiesigen Wänden graben.

Baufahrzeuge und Brutplätze

Der Flussregenpfeifer ist sehr anpassungsfähig – und die Kiesgrube eben meist kein ruhiger Rückzugsort. Maschinen bewegen Kies und Schutt, Arbeitsabläufe verändern regelmäßig Teile der Fläche. Trotzdem nutzen die Vögel das Gebiet weiterhin. Es erscheint schwer vorstellbar: Ein kleiner Vogel, der auf einer offenen Kiesfläche brütet, während in der Umgebung lautstark gearbeitet wird. Laut Knauer lassen sich die Tiere von den Arbeiten aber grundsätzlich nicht stören. Entscheidend sei, dass geeignete Brutflächen vorhanden bleiben und sensible Bereiche berücksichtigt werden.  

RODGAU 02.09.2021 Uferbereiche des Strandbad Strandbad Rodgau in Rodgau im Bundesland Hessen, Deutschland. // Beach areas on the Strandbad Rodgau in Rodgau in the state Hesse, Germany. Foto: Daniel Reiter

Credits: luftbildsuche.de | Uferbereiche am Freibad Strandbad Rodgau

Ein Standort für viele Arten

Die verschiedenen Bereiche der Kies- und Sandgrube bieten auch anderen Arten geeignete Lebensräume. Flache Gewässerbereiche sind für Amphibien wichtig, weil sich diese Zonen schnell erwärmen und geeignete Bedingungen für die Fortpflanzung bieten können.
Bei den Vögeln nutzen unterschiedliche Arten die vorhandenen Strukturen. Zwergtaucher finden geschützte Wasserbereiche, Graureiher und Silberreiher können die offenen Flächen zur Nahrungssuche nutzen. Die Uferschwalben profitieren von den regelmäßig erneuerten Steilkanten.

Unsichtbar, aber nicht unwichtig

Am Ende bleibt der Flussregenpfeifer an diesem Tag unsichtbar. Trotz des Wissens, dass er irgendwo zwischen den Kiesflächen brütet, lässt sich kein Vogel erkennen. Die Entfernung, die Tarnung und die Struktur der Fläche machen es nahezu unmöglich, ihn aus der Ferne auszumachen.

Gegen Nachmittag hallen noch immer die Rufe des Badebetriebs über den See. In der Ferne ist das dumpfe Brummen aus der Kiesgrube zu hören. Dazwischen liegt ein Lebensraum, den die meisten Badegäste nie bemerken werden. Vielleicht ist das genau der Grund, warum der Flussregenpfeifer hier bis heute seinen Platz gefunden hat.

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