Doomstrolling anstatt Doomscrolling

Credits: Selina Hönnige | Das auf dem Boden abgelegte Smartphone steht sinnbildlich für den Verzicht auf digitale Reize während des Waldaufenthalts.

Nach vielen Jahren hinterlasse ich wieder Fußabdrücke im lehmigen Boden des Scheerwaldes. Meine letzten Spuren hier liegen einige Schuhgrößen zurück. Ein süßlicher Humusduft steigt in meine Nase und trägt mich zurück in meine Kindheit, als ich noch häufiger im Wald war. Mein Alltag ist geprägt von Stress, vor dem ich mich oft ins Bildschirmlicht flüchte. An diesem Juniwochenende will ich den Kreislauf durchbrechen und herausfinden, ob es mir im Wald besser geht.

Ein weiter Betonweg umgeben von Bäumen führt in den Scheerwald hinein. Laub und Äste bedecken den Boden. In einem Korb führe ich Notizbuch, Armbanduhr und mein ausgeschaltetes Handy mit. Wann war ich das letzte Mal ohne Handy unterwegs? Mit zehn? Der Weg führt ab in einen kleinen Pfad. Eben knisterten noch vertrocknete Knospen und altes Laub unter meinen Sohlen, jetzt gibt der Boden nach. Der Untergrund verwandelt sich in Schlamm, der nach meinen Schuhen greift. Während ich den Pfad entlang wate, umhüllt mich die Stille des Waldes wie eine Glasglocke.

Waldbaden

Dass der Wald eine solche Wirkung entfalten kann, hatte mir Rebecca Wies angekündigt. Einige Tage zuvor traf ich die Resilienz- und Stressmanagement-Trainerin im Waldstück des Niddaparks in Frankfurt. Dort bietet sie seit 2022 Waldbaden-Kurse an. Waldbaden stammt ursprünglich aus Japan, wo es unter dem Namen Shinrin Yoku bekannt ist. Die Praxis soll Stress reduzieren, Erholung und Vitalität fördern. Im Gegensatz zum Waldspaziergang geht es beim Waldbaden darum, die Umgebung bewusst wahrzunehmen. „Beim Spaziergang sind wir oft nicht im Moment, weil wir uns unterhalten oder unseren Gedanken nachhängen“, erklärt Rebecca. Zu Beginn jedes Workshops gibt sie ihren Kursteilnehmern Aufgaben, die Achtsamkeit, Sinne und Kreativität fördern.

Während ich an diesem Freitagnachmittag durch den Wald laufe, erinnere ich mich an die Sinnesübungen und nehme bewusst wahr, was ich höre, rieche, sehe und fühle. Eine Melodie aus fünf Vogelstimmen lenkt mich vom Fluglärm ab. Das Vogelgezwitscher des Frankfurter Stadtwaldes steht im ständigen Wettstreit mit dem Dröhnen der Flugzeuge. Der Geruch von Erde und Lavendel zieht durch die Luft. Ich schaue mich um, doch der Lavendel bleibt verborgen. Dafür entdecke ich am Wegrand Brennnesseln. Pflanzenkunde ist nicht meine Stärke, doch Brennnesseln erkenne ich sofort. Zu oft haben sie meine Kinderbeine zum Jucken gebracht. Lange habe ich keine mehr berührt. Im nächsten Moment handle ich impulsiv und laufe bewusst gegen die Brennnessel. Meine Haut errötet, unter der Oberfläche breitet sich Hitze aus. Schmerz und Reue setzen ein, zugleich aber auch Nostalgie.

Der Nebenpfad mündet in einen neuen Hauptweg. Dort wartet eine Bank, die sich für eine Pause anbietet. Vereinzelt passieren Menschen mit Hunden oder Fahrrädern den Waldweg.

Credits: Selina Hönnige | Die Sitzbank im Wald bietet sich für eine Pause an

Zwischen Ruhe und Unruhe

Was mir zu Beginn leichtfiel, wird nun schwieriger. Immer wieder greife ich instinktiv nach meinem Handy. Die Gewohnheit meldet sich als Unruhe im Bauch. Ich realisiere, dass hinter dem plötzlichen Bedürfnis ein negativer Gedanke steckt. Das Gehen war ein stetiger Strom aus Ablenkung und Reizen. Auf der Bank passiert nun wenig. Mein Kopf hat plötzlich Zeit zu arbeiten, und leise kündigen sich altbekannte Alltagsängste an, die sich schnell zu Zukunftsängsten verdichten. Im Normalfall hätte ich sie mit einer schnellen Ladung Serotonin weggescrollt. Jetzt bleibt mir nur, mit den Gedanken sitzen zu bleiben. Ich atme tief ein. Nach einer Minute lässt das Engegefühl in der Brust nach, der Knoten im Bauch löst sich.

Doch ich bin damit nicht allein, es ist ein Trend. Auf TikTok teilen Nutzer unter dem Hashtag Waldbaden ihre Versuche, im Wald zur Ruhe zu kommen. Auch Rebecca nimmt diese Entwicklung wahr. Sie beobachtet, dass immer mehr Firmen ihre Kurse buchen. Den Wandel führt sie auf die zunehmende Digitalisierung des Alltags zurück. „Je schneller der Alltag, desto größer die Sehnsucht nach Entschleunigung“, sagt sie. Während ihrer Kurse ist die Nutzung von Handys untersagt. Die Teilnehmer hätten sich meist gut darauf eingelassen, da die Zeit begrenzt sei.

Den Blick auf den Boden gerichtet, verliere ich mich in meinen Gedanken. Die goldbraune Laubschicht wirkt zunächst still, bis ich genauer hinsehe: eine Ameise, dann noch eine. Innerhalb von Sekunden wird aus der Stille ein Netzwerk aus Bewegung, Dutzende Insekten, jedes vertieft in eine eigene Aufgabe. Wahrscheinlich habe ich unzählige zertreten, ohne es zu merken. Ich fühle mich wie ein Eindringling, der mit erschreckender Selbstverständlichkeit Raum einnimmt. Viel zu häufig laufe ich unachtsam durch die Welt, während die Natur still für mein Leben mitarbeitet. Ich fühle mich, als hätte ich verlernt, einfach nur da zu sein. Ich denke an meine Kindheit. Kompromisslos habe ich Baumhöhlen gebaut, Blätter gesammelt, Erde unter den Fingernägeln gehabt. Jetzt fühle ich mich dem so fern, als wäre ich kein Teil mehr von einem Raum, der einst selbstverständlich meiner war.

Das Beobachten der Insekten erinnert mich daran, dass ich vergessen habe, mich mit Zeckenschutz einzusprühen. Der Gedanke an einen Zeckenbiss beunruhigt mich. Rebecca erzählte mir, dass sie zu Beginn der Kurse überrascht war, wie groß die Angst vieler Teilnehmer vor der Natur ist. „Es sind Ängste vor Dingen, die mir nicht bewusst waren etwa über eine Wiese zu laufen aus Angst vor Scherben oder Insekten oder dem Wetter im Allgemeinen“, sagt sie.

Mit diesen Gedanken mache ich mich auf den Heimweg. Ich frage mich, wann sich diese unsichtbare Trennwand zwischen mir und der Natur entwickelt hat.

Der weg findet sich beim gehen

Am nächsten Vormittag freue ich mich auf den Wald. Angekommen nimmt er mir die Hitze dieses Sommertags. Zwischen den Baumkronen blitzt die Sonne hindurch und wirft ein Mosaik aus Lichtpunkten auf den Waldgrund. Die Blätter fangen das Licht ein und lassen den Wald in tausend Grüntönen leuchten. Auf diese Farbkulisse lässt sich die stimmungsaufhellende Wirkung des Waldbadens zurückführen. Studien zeigen, dass bereits der Blick ins Grüne Stress reduzieren kann. Auch die von Bäumen produzierten Duftstoffe, sogenannte Phytonzide, aus der Gruppe der Terpene, stehen im Verdacht, positive Effekte auf Körper und Immunsystem zu haben.

Bevor ich weiter in den Wald hineingehe, lasse ich meine Sachen an der Waldgarderobe zurück, ein Ritual, mit dem Rebecca ihre Kurse beginnt. Nach den Erkenntnissen des gestrigen Tages entscheide ich die Angst vor der Natur, an einer Buche zu lassen. Im ersten Moment spüre ich Scham, doch wenn ich mich an die grenzenlose Fantasie meiner Kindheit zurückerinnere, löst sich die Blockade.

Dieses Mal folge ich keinem Pfad. Ich gehe querfeldein, hinein zwischen die Bäume, wo kein Weg vorgegeben ist. Meine Schritte führen über umgestürzte Baumstämme, die mit weichem Moos überzogen sind. Jeder Schritt auf dem Waldboden ist von einem Rascheln begleitet. Je tiefer ich zwischen die Bäume eintauche, desto ruhiger wird mein Kopf. Der Wald versetzt mich in einen meditativen Zustand. Irgendwann verlasse ich das Dickicht und finde zurück auf einen Pfad. Ich nehme den nächsten, ohne zu wissen, wohin er führt. Niemand ist weit und breit zu sehen. Immer wieder drehe ich mich um. Ganz loslassen kann ich nicht. Als Frau allein im Wald bleibt ein Teil von mir immer wachsam. Die Gedanken kommen zurück: Was, wenn plötzlich jemand auftaucht und niemand da ist, der helfen könnte? Die Ruhe des Waldes und das Gefühl der Verletzlichkeit liegen dicht beieinander.

Der Pfad endet an einer Kreuzung. Mein Navi kann mir den Weg nicht weisen. Es ist ein unangenehmes Gefühl, nicht zu wissen, wohin ich laufe. Ich versuche, meiner Intuition zu vertrauen, einem Instinkt, den ich im Alltag oft übergehe. Ich entscheide mich für den linken Weg und versichere mir, dass ich irgendwo ankommen werde. Damit wird jeder Schritt bewusster und jedes Geräusch lauter. Die Angst, die ich im Wald spüre, ist anders als die im Alltag. Sie schärft meine Sinne. Sie gilt dem, was wirklich da sein könnte, nicht den Szenarien im Kopf.

Während ich den Pfad entlanggehe, erinnert mich der Zustand, in den ich hier komme, an die Zeit im Flugzeug. Eine Übergangsphase, in der Zeit steht, fern von Ablenkung und Erwartungen.

Zurück zu den Wurzeln

Rebecca prophezeite mir, dass ich im Wald Gelassenheit und den Zugang zu mir selbst wiederfinden würde. Ich bin froh, dass sie damit Recht behalten sollte. Fernab vom endlosen Strom aus Reizen erinnert der Wald mich daran, wer ich war, bevor jede freie Sekunde mit einem Bildschirm gefüllt wurde. Die kleinen Prozesse des Waldes setzen meine Alltagssorgen in ein anderes Verhältnis. Seit ich mein Handy ausgeschaltet habe, fühlt es sich an, als hätte mein Tag plötzlich fünf Stunden mehr. Außerdem begegnete mir ein längst vergessenes Gefühl: die Langeweile. Und eins kann ich sagen, mit Langeweile umzugehen, fällt mir immer noch schwer.

Ich entscheide mich, nach Hause zu gehen. Meine Intuition führt mich schnell zu einem Pfad, den ich noch aus meiner Kindheit kenne. Er führt mich zum Waldspielplatz. Am Kiosk hole ich mir ein „Haribo-Push-up“-Eis und staune darüber, dass es noch immer verkauft wird. Ich nehme einen tiefen Atemzug. Die Welt ist schneller geworden, lauter, voller Veränderung. Aber manche Dinge bleiben. Während Erdbeere und Vanille auf meiner Zunge zerschmelzen und ich den Kindern beim Spielen zuschaue, denke ich: so viel hat sich gar nicht verändert. Die Vögel zwitschern noch dieselbe Melodie. Die Luft riecht genauso.
Und für einen Moment ist draußen wieder 2008.

Credits: Selina Hönnige | Ein Sonnenstrahl wirft Licht auf einen dünnen Baumstamm

Credits: Selina Hönnige | Zwischen den Baumkronen öffnet sich das kleine Fenster zum Himmel

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