Auf historischen Pfaden: Eine Wanderung durch den Spessart 

Credits: Leonie Hnizdo | Zugewachsene Steintreppe

Meine Erwartungen sind groß, als ich mich aufmache, um den Kurfürstenweg abzuwandern. Durch verwachsene Graspfade, an denen hohe Sträucher meine Nase kitzeln, führt mein Weg zum ersten Halt der Route: der Grabstätte von Cancrin. Ungefähr einen Kilometer vom Startpunkt entfernt beschreibt eine Infotafel, was ich vor mir sehe. Eine regionale Erfolgsgeschichte, eine Familie, die sich durch die Bergarbeit „den gesellschaftlichen Aufstieg erarbeitete“. Ihnen gehörte das Gut, von dem aus ich meine Reise begann. Die Grabstätte an sich ist eine halbkreisförmige Mauer, die etwas erhöht und mit einer zugewachsenen Steintreppe versehen am Ende einer Lichtung steht. Umringt von schattenspendenden Bäumen und saftig-grünem Gras bietet sie eine besondere Art der Ruhe, die – ohne zu esoterisch zu werden – mich die Verbindung zwischen dem Reich der Toten und der Lebenden beinahe spüren lässt. 

Der Kurfürstenweg, den ich mir ausgesucht habe, umfasst 16 Kilometer und erstreckt sich vom Hotel und Gutshof „Weyberhöfe“ bei Sailauf durch den Spessart bis an die Ortskirche von Rothenbuch. So weit, so faktisch.

Die Kulturwege

„Der wichtigste Punkt wird der sein, der bei Ihnen hängen bleibt, wenn Sie den Kurfürstenweg abgelaufen sind“, sagt Gerrit Himmelsbach im Interview. Er ist Historiker, Archäologe und Projektleiter des Spessart-Projekts. Dieses beschäftigt sich seit beinahe 30 Jahren mit der Kulturlandschaft des Spessarts – Sprache, Geschichte, Kultur und viele weiteren Aspekten. In diesem Rahmen wurden die ersten sogenannten „Kulturwege“ durch den Verein ins Leben gerufen. „Als einen Blick auf die Kulturlandschaft und warum die Landschaft so aussieht, wie sie jetzt aussieht“, erzählt Himmelsbach. 

Himmelsbach erklärt mir, dass der Spessart aufgrund seines meist flachen Verlaufs oben eine wichtige Rolle bei der Verkehrserschließung vor dem 18. Jahrhundert spielte. Man sei davor nicht in der Lage dazu gewesen, Straßen zu bauen, und hätte sich an die Natur anpassen müssen. „Es war damals wichtig, Wasser aus dem Weg zu gehen, weil das natürlich für die Fahrzeuge damals schwierig war“, sagt er. Deshalb hätten sich Höhenwege etabliert – Höhenwege wie der Kurfürstenweg, der damals als Geleitweg der Rienecker Grafen und Handelsweg für ihre Untertanen galt.

Das Zusammenspiel aus Mensch und Natur – dass wir sie formen, und sie uns. Für mich ist das der Anstoß, einen der 132 in der Region existierenden Kulturwege entlangzuwandern. Ich möchte herausfinden, wie viel Mensch in unserer Landschaft steckt. Und wie viel davon in mir. 

Weiter geht es durch den Wald. Ich komme zu den Hohlwegen, von denen mir Gerrit Himmelsbach im Gespräch erzählt hat. Sie stammen aus einer Zeit, in der es noch keine befestigten Straßen gab. „Man fuhr dort steil hoch, die Tiere gruben den Grund weg, es regnete, wurde weggespült. So entstanden Hohlwege.“ Sie fallen mir sofort ins Auge, als ich an ihnen vorbeilaufe. Früher seien das Hauptverkehrsstraßen gewesen, so Himmelsbach. Wenn ich sie mir so anschaue, steil geschlagen, in der Landschaft bis heute, fühle ich einen Anflug von Ehrfurcht. Sie entlanglaufen zu können, in den Fußstapfen jener, die einst Handel betrieben, ist ein Privileg.

Credits: Leonie Hnizdo | Steinmauer

Menschengemacht

Kurzzeitig finde ich mich zurück auf offener Straße, von der Natur entfernt. Auch das ist Landschaft – die Menschengemachte. Ich nähere mich Steiger, einem Gemeindeteil von Bessenbach, mit 67 Einwohnern an der Zahl (Stand 2022). Ein verschlafenes, wohliges Örtchen, in dem die Menschen in ihren Vorgärten Unkraut ziehen und ein älterer Herr in seinem Auto an der Straßenseite anhält, um mich freundlich zu fragen, ob er mich denn ein Stück mitnehmen könne. Ich lehne dankend ab, grüße noch einen Mann, der gerade sein Motorrad wäscht, und setze meinen Weg durch den Wald fort. 

Nach sechs Kilometern mache ich zum ersten Mal Rast. Eigentlich hatte ich das gar nicht geplant, aber der Baum am Wegrand biegt sich so einladend zur Seite, dass er eine perfekte Sitzgelegenheit an einem schattigen Plätzchen bietet. „Idyllisch“ ist das Adjektiv, das ich in mein Notizbuch kritzle, nachdem ich mich dort mit Wasser versorgt habe. Um mich herum zwitschern Vögel in den Baumkronen, die andere Seite des Wegs wird durch eine bröckelnde Steinmauer gesäumt, in deren Ritzen ich Insekten flitzen sehen kann. Lebensraum für Mensch und Tier, Seite an Seite. Nicht weit entfernt von meinem Rastplatz komme ich an einem Waldkindergarten vorbei. Die Kinder sitzen an einem Sandkasten, essen und lachen miteinander. Bunte Sonnenhüte und wirre, hohe Stimmen glitzern durch die Äste der Bäume, die ihren Platz säumen. Ich grüße, bekomme kleine „Hallo!“s zurück und kann nicht anders, als die Sonne, die von oben herab scheint, in mir zu spüren. 

Die Wanderung durch die Natur, über Stock und Stein, weiche und feste Untergründe, fühlt sich zum ersten Mal wirklich bewusst an. Wenn ich sonst wandere, habe ich meine Kopfhörer dabei. Musik an, Welt aus. Nur laufen, einen Fuß vor den anderen. Dieses Mal lausche ich der Musik um mich herum. Den Ästen, die unter meinen Füßen knacken. Den Kieselsteinen, die ich während des Gehens vor mir her kicke. Den Vögeln um mich herum, verborgen hinter Ästen und Blättern. Von Zeit zu Zeit höre ich entferntes Rauschen von Autos auf Straßen, oder etwas näheres, lärmendes Dröhnen von Flugzeugen über mir. Am meisten mag ich die Trampelpfade, die mich die Wanderroute manchmal entlangführt. Dort, wo der Weg kaum breit genug ist, um zwei Füße nebeneinanderzustellen und wo Wurzeln die Erde in mandala-ähnlichen Mustern durchbrechen. Ich habe Spaß daran, mich um sie herum zu schlängeln. Ich bin Teil der Landschaft, und trotzdem existiert sie hier in ihrer wildesten, entschuldigungslosesten Form. Sie hat keine Erwartungen an mich, außer den Fakt, dass ich mich an sie anpasse. Ich merke, wie mein ganzes Selbst sich entschleunigt, während ich ihrem Beispiel folge.

Irrlichter

Wenn ich einmal kurz stocke, weil sich vor mir der Weg gabelt, muss ich nicht lange suchen. Meine Antwort liegt in den leuchtend blauen Schildern mit den zwölf gelben Sternen, die in einigen Kilometern Abstand mal an einem Baum hängen, mal in einem Stumpf stecken. Wie Irrlichter markieren sie die Kulturwege des Spessart-Projekts, von denen es gerade zwischen Waldaschaff und Rothenbuch einige gibt. Zwar verirren sich während meiner Wanderung nicht viele Menschen auf ihnen, jedoch treffe ich auf einem Anstieg ein älteres Wanderpärchen. „Geht leichter ohne Rucksack, oder?“ lacht mir die Frau zu, und deutet auf meinen Rücken, der – im Gegensatz zu ihrem – wohltuend frei die kühle Brise genießen kann, die manchmal durch den Wald weht. Fast nistet sich ein Schuldgefühl ein, als ich sie und ihren Begleiter mühelos überhole. 

Ich habe noch gut fünf Kilometer vor mir, als ich an eine der letzten Stationen gelange: Die Lohrer Straße. Dieser Abschnitt, so erzählt die Tafel, stellte bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts einen wichtigen Handelsweg dar. Die Frammersbacher Fuhrleute transportierten auf ihm vorwiegend das bekannte und geschätzte Spessartglas zwischen Lohr und Mainz – und das, ohne – wie zu der Zeit eigentlich üblich – Zoll an die Mainzer Kurfürsten bezahlen zu müssen. Dafür sorgten die Grafen von Rieneck.

Entlang eben dieser Handelsroute gelange ich zur letzten im Wald gelegenen Station. Die Kreuzung Eselsweg. Dieser war seinerzeit ein weiterer, wichtiger Verkehrspunkt, über den vorwiegend Salz von Bad Orb nach Miltenberg transportiert wurde. Ich erkenne, wie wichtig dieser Teil des Spessarts für Handel, Kommunikation und Fortschritt war. Mein Lieblingsfakt: Nachdem die Grafen von Rieneck ausgestorben waren, wurde ein alternativer Weg nach Lohr erschlossen. Den nahmen die Fuhrleute allerdings schlecht bis gar nicht an – sie bevorzugten es, „in der Höhe zu bleiben“. 

Credits: Leonie Hnizdo | Kulturweg

Beschleunigung

Das letzte Stück unbeschwerte Waldwanderei liegt hinter mir – ich komme an eine Kreisstraße. Im Licht der Sonne aufblitzende Blechgefährte flitzen ohne Rücksicht und Rast an mir vorbei, holen mich zurück in eine Welt, in der alles schnell ist. Sie erinnern mich daran, dass auch die Entschleunigung ein Ende hat. Als ich in Rothenbuch ankomme –  mit einer immerhin 1658 Mann starken Einwohnerzahl – fühle ich mich, als hätte ich eine halbe Weltreise beendet. Vielleicht habe ich das ja auch ein wenig. 

Ich denke an die Worte zurück, die Gerrit Himmelsbach mir hinsichtlich des wichtigsten Punktes der Wanderung gesagt hat. Was war er nun? Intuitiv finde ich eine Antwort, dort, wo die Sonnenstrahlen in mir geschienen und die Äste unter meinen Füßen geknackt haben. Zugegeben, es mag kitschig und abgegriffen klingen, aber – für mich ist es der Weg, der das Ziel macht.

Credits: Leonie Hnizdo | Rothenbuch

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