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Auf der grünen Seite

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So leicht kann man eine Zeitung grüner machen – im redaktionellen Alltag ist das wesentlich schwieriger. (Foto: flickr.com/Jon S/ (CC BY 2.0) )

Von Anne Dietrich

Hinweis: Um des Willens der Lesbarkeit haben wir Fußnoten und Literaturangaben aus dem Text entfernt. Die originale Diplomarbeit mit allen wissenschaftlichen Angaben finden Sie im Link am Ende des Textes.

Wer sind die Journalisten, die Umweltthemen bearbeiten? Wie sieht ihre Arbeitsrealität aus und welchem Rollenbild fühlen sie sich verpflichtet? Auf solche Fragen gibt es hierzulande kaum Antworten. Auch die Diskussion, ob umweltjournalistische Rollenverständnisse von denen anderer Journalisten abweichen, sich unterscheiden dürfen oder sogar sollten, wird hitzig geführt; eine Untersuchung dazu steht aber aus. Die Leerstellen versucht eine Diplomarbeit an der Universität Leipzig (2013) zu füllen. Die multimethodische Untersuchung beschränkt sich auf Tageszeitungen, da hier vergleichsweise viele auf Umweltthemen spezialisierte Journalisten tätig sind. An einer Online-Befragung zu den Arbeitsbedingungen nahmen 41 von 67 angefragten Journalisten teil. Parallel wurden acht Redakteure überregionaler Tageszeitungen zu ihrem Rollenselbstverständnis mit Hilfe eines Leitfadens ausführlich interviewt.

Älter, männlicher und politisch neutraler

Die befragten Journalisten sind überwiegend männlich (75,6 %) und durchschnittlich 56,8 Jahre alt. Sie sind damit älter und männlicher als der in der JouriD-Studie ermittelte Durchschnittsjournalist (41 Jahre, zu 62,7 % männlich). Wahrscheinlich ist der Altersvorsprung Folge einer längeren Ausbildungsdauer, denn von den Teilnehmern der Onlinebefragung hat ein höherer Anteil studiert als bei den JouriD-Studien (85 % vs 68,8 %).

Die Umweltjournalisten sind außerdem häufig politisch neutral eingestellt: 39,1 % der Online-Befragten gaben an, keiner Partei zuzuneigen, darauf folgten ‚Die Grünen‘ mit 34,2 % der Nennungen. Der Anteil derer ohne Parteipräferenz ist damit mehr als doppelt so hoch wie bei der JouriD-Studie, während der Prozentsatz der Grünen-Sympathisanten in etwa gleich ist.

Etablierte Strukturen – Fehlanzeige

Deutsche Tageszeitungen haben mehrheitlich kein eigenes Umweltressort, wie kann ein grüner Schwerpunkt hier aussehen? Die Befragten geben an, wöchentlich 9,4 Stunden für Umweltthemen aufzuwenden. Lediglich 17 % beschäftigen sich mehr als zwei Tage pro Arbeitswoche mit grünen Fragestellungen. Außerdem sind die Journalisten fünf Mal häufiger einem Wirtschafts- oder Politikressort zugeordnet als einer Umweltsparte (89,8% vs. 15,4 %). Entsprechend ist der Jobtitel ‚Umweltjournalist‘ eine Ausnahme (2,4 %). 20 % der befragten Journalisten bezeichnen sich jedoch selbst als Umweltjournalisten.

Dass die Selbstbezeichnung nur für eine Minderheit der online Befragten relevant ist, lässt sich neben der vergleichsweise geringen Wochenarbeitszeit – für die Teilnehmer das wichtigste Definitionskriterium – mit der Ressortstruktur erklären. Außerdem sehen sich die Journalisten auch wegen ihrer eigenen Berufsgeschichte vorrangig als Umweltjournalisten: Sie arbeiten im Schnitt seit 21,4 Jahren im Journalismus, ein Drittel von ihnen legt jedoch erst seit maximal fünf Jahren den Fokus auf grüne Themen (31,7 %).

Mangelnde Recherchezeit als Hürde

Wenig überraschend, ergibt sich der Öko-Schwerpunkt vorrangig aus persönlichem Interesse (70 %). Die Journalisten sehen dabei gute Möglichkeiten, ihr eigenes Themen-Faible auszuleben: 85,4 % stimmen dem Statement (eher) zu, dass in ihrer Zeitung die Chancen, Umweltthemen zu bearbeiten, vielfältig seien. Nachfragen zeigen jedoch auch, dass 22 % die finanziellen Mittel und 39 % die Recherchezeit als unzureichend bewerteten. 36,6 % meinen außerdem, sie hätten nicht genügend Raum im Blatt.

Journalisten darf die Welt nicht egal sein

Neben äußeren Bedingungen stellt die Selbstsicht der Befragten einen entscheidenden Faktor für die journalistische Arbeit dar. Die Frage, ob sich Journalisten eher der ‚objektiven Wirklichkeit‘ verpflichtet fühlen oder im Sinne ‚der guten Sache‘ schreiben sollten, erhitzt die Gemüter immer wieder. Bei thematischen Schwerpunkten wird vielfach persönliche Leidenschaft unterstellt, die Frage nach dem Rollenselbstverständnis stellt sich deshalb umso drängender.

Die Auswertung der Leitfadeninterviews zeigte, dass alle Journalisten ‚guten Journalismus‘ als neutrale, von der persönlichen Meinung freie Berichterstattung verstehen, die allen Seiten zur Wort kommen lässt. Zwei der Befragten betonen jedoch gleichzeitig, Fakten lediglich nebeneinander zu stellen, sei keine Lösung. „[D]as ist ja nun genau, was die Leser nicht brauchen können. Was sie brauchen ist eine Einordnung […]. So zu tun, als wäre jeder Fakt gleich wichtig, halte ich für ganz fatal.“ Die Interviewpartner meinen, die Welt dürfe Umweltjournalisten nicht egal sein und man brauche ein „Wertesystem im Kopf“. Dieses sei für den Rückbezug zum normativen Ideal zwingend „transparent“ zu machen.

Bewertung des Themas bestimmt das eigene Selbstverständnis

Während diese Basisüberzeugungen weitgehend übereinstimmen, unterscheiden sich die in den Leitfadeninterviews generierten Aussagen zur Bewertung des Berichterstattungsfeldes ‚Umwelt‘ und den individuell angestrebten Vermittlungszielen stark. Zwei gegensätzliche Typen kristallisieren sich heraus, (a) die ‚überzeugten Aufklärer‘ und (b) eher wirtschaftlich orientierten ‚Skeptiker‘.

Zur ersten Gruppe zählen vier, zur zweiten zwei Interviewpartner; die übrigen beiden haben eine große Schnittmenge mit den ‚überzeugten Aufklärern‘. Das heißt: Großes persönliches Interesse an Umweltthemen, das ausschlaggebend für die berufliche Orientierung ist; Bewertung der Umweltthematik als ungewöhnlich komplex und Vermutung einer Wissenslücke bei den Lesern sowie der daraus hervorgehende Wunsch, die Rezipienten aufzuklären.

Keinem der Aufklärer geht es dabei um die Manipulation. Stattdessen gehen die Umweltberichterstatter davon aus, dass, wenn die Rezipienten nur alle Informationen hätten, die auch ihnen selbst zur Verfügung stehen, dies automatisch eine ‚Aufklärung‘ nach sich zöge, da die Leser zu den selben Schlüssen kämen, wie die Journalisten.

Der Begriff ‚Umweltjournalist‘ polarisiert

Im Unterschied dazu waren bei den wirtschaftlich orientierten Skeptikern nicht persönliche Begeisterung, sondern externe Zuordnungen durch ihre Redaktionen ausschlaggebend für die Beschäftigung mit grünen Fragen. Entsprechend ihrer Ressortzuordnung verstehen sich die Skeptiker als Wirtschafts- bzw. Energie-Journalisten. Den Begriff ‚Umweltjournalist‘ lehnen sie ab – und das nicht nur für sich, sondern generell. Ihrer Ansicht nach enthält die Bezeichnung zu viel Bias. Eine besondere, genuine Relevanz von Umweltthemen sehen die Skeptiker nicht; Umweltverbände oder -interessengruppen betrachten sie kritisch als zu mächtige Lobby.

Bei den Vermittlungszielen der Skeptiker ist keine einheitliche Agenda erkennbar: Während einer der Befragten ausschließlich auf die neutrale Informierung seiner Leser abzielt (wohl wissend, dass dies kaum möglich ist), gibt der andere an, vor allem scharfe Kritik an allen Fehlentwicklungen üben zu wollen. Beide weisen eher ein nach Innen gerichtetes Selbstverständnis auf. Es geht ihnen weniger um das, was sie bei den Lesern anstoßen, als vielmehr um das strikte Einlösen ihrer Rollenselbstvorstellungen. Aufklärende Dimensionen haben die Selbstbilder ebenfalls, diese sind jedoch überlagert von anderen Bestandteilen des jeweiligen Rollenverständnisses.

Zwischentöne fehlen

Wegen der kleinen Zahl der Befragten (acht Stück) zum Thema Rollenselbstverständnis konnten bei der vorliegenden Untersuchung nur Extrempositionen ermittelt werden. Eine wichtige Schlussfolgerung scheint jedoch trotzdem möglich, denn die vielfach geäußerte Kritik, Umweltjournalisten lösten sich von der Objektivitätsnorm und schrieben als ‚Anwälte der Umwelt‘ scheint für deutschen Tageszeitungsjournalisten nicht zu gelten. Bei allem thematischen Engagement stellen die Experten für grüne Themen grundlegende journalistische ‚Regeln‘ nicht in Frage.

Gleichzeitig weist die Exploration darauf hin, dass es Unterschiede gibt zwischen denen, die sich als Umweltjournalisten begreifen und der Gruppe der ‚Anderen‘. Diese auszuleuchten, ist eine spannende Aufgabe für die Zukunft.

Zum weiterlesen:

Zur Autorin

Anne Dietrich hat Diplom-Journalistik und Geographie in Leipzig und Oslo studiert (2005-2013). 2010 bis 2011 volontierte sie beim Nordkurier. Seit 2014 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Geographie, Lehrstuhl Anthropogeographie, der Universität Leipzig und promoviert über neue urbane Bewegungen. Sie schrieb bereits unter anderem für die Leipziger Volkszeitung, die Thüringer Allgemeine und das Greenpeace Magazin.

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Anne Dietrich untersuchte in ihrer Diplomarbeit, wie es Umweltjournalisten im Alltag ergeht. (Foto: Privat)
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