Ironischerweise habe ich Kurt Eicher auf dem Parkplatz des Jägerhauses Heilbronn getroffen. Das ist eine Gaststätte, die es bereits seit 340 Jahren gibt. Ironisch ist es, weil Kurt Eicher einer der bekanntesten Jagdgegner in Deutschland ist und seit den frühen 200er Jahren in einer Initiative für die Abschaffung der Jagd kämpft.

„Wollen wir nicht noch ein Stück weiter hochfahren?“, fragt er nach unserer ersten Begrüßung. Ob er wegen des Jägerhauses weg will? Ich weiß es nicht. Zwei Minuten später halten wir an der Heilbronner Waldheide, einem naturbelassenen Areal, auf dem zu Zeiten des Kalten Krieges eine Raketenstation stand. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Gegend einfach in Ruhe gelassen und ist zugewuchert.

„Wald ist die ökologische Stütze überhaupt“

„Wald ist für mich nicht nur ein Kulturgut, sondern eigentlich ist der Wald die ökologische Stütze überhaupt für unsere ganze Klimazone“, sagt der 64-Jährige, als wir die Waldheide betreten. Ein paar Minuten laufen wir zwischen Bäumen und Feldern. Dann schaut Kurt Eicher plötzlich nach links auf eine wilde Wiese und freut sich: „Ich sollte hier wirklich öfter hochkommen, hier sehe ich wenigstens noch ein paar Schmetterlinge.“ Die Schmetterlingsarten kann der Naturliebhaber auf Anhieb bestimmen: Tagpfauenaugen, dazu ein Zitronenfalter.

Kurt Eicher hat eine große Passion für Naturschutz. Sein Geld verdient er jedoch als Beamter. Er ist Lehrer an einem Heilbronner Gymnasium. Eicher hat Biologie studiert und unterrichtet dieses Fach neben Naturwissenschaftstechnik und Sport.

Für die Abschaffung der Jagd brennt Eicher, hat die „Initiative zur Abschaffung der Jagd“ gegründet, für die er im Netz auch der Kontaktmann ist. „Durch das Internet haben die Leute die Chance sich zu informieren und selbst etwas dagegen zu tun“, sagt Eicher. Auf der Webseite posten er und seine Mitstreiter beispielsweise Presseartikel zur Jagd und Studien zum Umgang mit der Umwelt und Tieren. Außerdem listen sie Opfer von Jagdunfällen auf, von Hund bis Mensch, und verweisen auf Reaktionen der Jäger und Bevölkerung auf ihre Webseite.

Mit ihrer Initiative versuchen die Jagdgegner die Bevölkerung zu informieren. Nicht immer mit großem Erfolg. Sie verkaufen nur wenige Bücher, die sie selbst verfassen. „Und die auch nur an Leute, die sowieso schon wissen, wo der Hase liegt“, so Eicher. In den frühen Jahren des 21. Jahrhunderts veranstalteten Eicher und seine Miteiferer jeden Monat Demonstrationen auf dem Breitscheidplatz in Berlin. „Die Berliner Polizei hat sich immer total auf die Demos gefreut“, erzählt er. „Die liefen ja immer komplett friedlich ab.“

„Zweimal zum Jagdunfall eingeladen“

Der dreifache Vater sieht die Probleme nicht nur beim Jäger selbst, sondern auch beim generellen Umgang mit den Tieren. „Die Tiere, die es geschafft haben neben uns zu leben, die müssen unbedingt geschützt werden“, fordert er. Ihr Lebensraum müsse erhalten bleiben und die Tiere „nicht irgendeiner kleinen Gruppe zum Abschuss freigegeben werden.“ Für die Jagd hat der Biologe überhaupt kein Verständnis: „Wenn ein normaler Mensch ein Hobby hätte, in dem er Tiere töten würde, dann wäre er in Behandlung!“

Durch seinen Winderstand hat Eicher schon Drohungen erhalten. „Es gab Anrufe, mir wurde Mord und Todschlag angedroht. Zweimal wurde ich sogar zum Jagdunfall eingeladen.“ Eicher wurde in Form eines anonymen Schreibens eingeladen, eine Jagd zu stören. Er hätte um morgens zu einem Ort bei Karlsruhe in den Wald zu kommen. „Und dann gehe ich da morgens hin und werde aus Versehen erschossen. Und das ist dann der Jagdunfall“, empört er sich. Hingegangen ist Eicher natürlich nicht.

„Von daher ist es Mastzucht“

Deutsche Wälder sieht Kurt Eicher in einem Ungleichgewicht. Trophäenträger wie Hirsche würden aus seiner Sicht „hochgepäppelt, während ökologisch ganz wichtige Tiere wie die Füchse immer als „Böse Buben“ dahingestellt werden.“ Solche oft verbreiteten „Unwahrheiten“ hätten ihn und die anderen besonders motiviert, die Initiative zu gründen. Eicher erzählt weiter davon, wie Jäger aus seiner Sicht völlig zu Unrecht und viel zu viel Futter ausbringen, um Wildschweine zu locken und zu schießen. „Von daher ist es eine Mastzucht, und dann haben sie die Population nicht mehr in den Griff bekommen“, erklärt er mit verärgertem Blick.

Dann bezieht er sich auf eine Studie aus Frankreich, die er auf ihrer Webseite zur Initiative zur Abschaffung der Jagd veröffentlicht hat. Die Arbeit vergleicht zwei Areale. In einem Gebiet wurden Wildschweine zwanzig Jahre lang nicht bejagt, in dem anderen schon. Das Ergebnis, sei, so Eicher lachend, klar gewesen: „Unbejagt ist in 20 Jahren bei der Wildschweinpopulation nichts passiert, während in dem bejagten Areal die Population aus dem Ruder gelaufen sind. Na was für ein Wunder!“, ruft er freudig. 

Wieder bekräftigt er so die These, dass Jäger selbst verantwortlich für die Massenpopulation der Wildschweine seien. Kurt Eicher selbst glaubt, dass sich die Natur, solange man sie in Ruhe lässt, selbst reguliert.

Bleihaltige Munition ist für Eicher ein weiterer Grund, Jagd abzulehnen. Bis heute gebe es kein flächendeckendes Bleiverbot für Jagdmunition. „Jäger bringen momentan Tonnen an Blei raus“, erklärt der Biologe. „Das sind bestimmt mit die größten Schwermetallemittenten in Deutschland.“

Eicher sieht für die Jagd eine ganz einfache Alternative: Mit Kameras auf Tiere schießen und nicht mit Gewehren. „Den Hirsch kann man unendlich oft fotografieren“, sagt er. „Aber nur einmal töten.“

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