BU zum Porträtbild: Prof. Dr. Stephan Ruß-Mohl ist Medienwissenschaftler und Professor für Journalismus und Medienmanagement an der Università Svizerra italiana in Lugano. 2014 hat er das Europäische Journalismus-Observatorium (EJO) gegründet, das Trends im Journalismus und in der Medienbranche beobachtet, sowie Journalismus-Kulturen in Europa vergleicht. Durch seine Forschungen ist er nicht nur mit dem deutschen Mediensystem, sondern auch mit dem der Schweiz, Italien und den USA vertraut. / Quelle: Muphovi

Prof. Dr. Stephan Ruß-Mohl ist Medienwissenschaftler und Professor für Journalismus und Medienmanagement an der Università Svizerra italiana in Lugano. 2014 hat er das Europäische Journalismus-Observatorium (EJO) gegründet, das Trends im Journalismus und in der Medienbranche beobachtet, sowie Journalismus-Kulturen in Europa vergleicht. Durch seine Forschungen ist er nicht nur mit dem deutschen Mediensystem, sondern auch mit dem der Schweiz, Italien und den USA vertraut. / Quelle: Muphovi

Interview: Sarah Fenchel

Herr Ruß-Mohl, aktuell vertrauen laut dem Barometer der Europäischen Kommission 45 Prozent der Deutschen der EU eher nicht. Welche Gründe hat dieses große Misstrauen innerhalb der Bevölkerung?

Das hat vielfältige Ursachen. Ich glaube, die eine Ursache ist wirklich die europäische Politik selbst. Das Parlament hat im Grunde genommen nichts zu sagen im Vergleich zu nationalen Parlamenten. Und in der Kommission selbst gibt es Machtkonzentrationen, die sicherlich nicht vertrauensfördernd sind. Die andere Ursache hat sicherlich mit den Medien und dem Journalismus zu tun. Die Europäische Union hat ein abenteuerliches PR-Budget, das alles in den Schatten stellt, was auf der Gegenseite ist. Damit meine ich die Journalisten, die unabhängig recherchieren und rausfinden sollten, wo es in der EU hapert und wo Dinge korrupt und falsch laufen. Da ist ein krasses Missverhältnis da.

Kann die EU selbst etwas dagegen tun?

Die EU sollte auf jeden Euro, den sie für PR ausgibt, einen Euro für Journalismusförderung drauflegen. Dann würde das Bild wahrscheinlich ganz anders aussehen. Da wäre eine andere Vertrauensbasis da, weil der Journalismus so funktionieren würde, wie er es in einer Demokratie tun sollte. Und davon sind wir in Brüssel inzwischen weit weg.

„Die EU ist leider ein sehr stark bürokratisierter Apparat“

Nun sind für die Europaberichterstattung Korrespondent:innen vor Ort wichtig. Davon gibt es allerdings in Brüssel immer weniger. Was bedeutet das für die lokale Berichterstattung? Kommen deswegen EU-Themen tendenziell zu kurz?

Das ist sicherlich eine, aber nicht die einzige Ursache. Die andere Ursache ist natürlich auch, dass die Lokalredaktionen geschrumpft sind und zusammengelegt werden. Darüber hinaus lohnt es sich auf der lokalen Ebene für freie Mitarbeiter einfach nicht mehr, für eine regionale Zeitung solche Themen aufzuarbeiten, weil so wenig Honorartöpfe da sind. Aber das Nadelöhr ist die Recherchekapazität.

Was genau ist damit gemeint?

Recherche kostet viel Geld im Vergleich zu Meinungs- und „Copy-Paste“-Journalismus, der irgendwelche Pressemitteilungen kopiert und einfach weiterreicht, statt selber nachzurecherchieren. Und an der Stelle ist es gerade im Regional- und Lokaljournalismus deutlich schlechter geworden im Laufe der letzten Jahre. Es gibt schon auch positive Gegenbewegungen und Gegenentwicklungen bei den Leitmedien. Aber die EU selbst ist leider ein sehr stark bürokratisierter und unbeweglicher Apparat. Und wenig lernfähig, was die Bereitschaft anlangt, durch Journalismusförderung zu einer besseren EU-Berichterstattung zu kommen.

Der Medienfokus oft auf negativen Aspekten; „Brüssel“ wird gerne als Buhmann dargestellt. Hat das mit fehlenden Kompetenz von Journalist:innen zu tun?

Ich würde mir in der journalistischen Ausbildung durchaus einen stärkeren Fokus auf Europa und europäische Entwicklungen wünschen, aber das ist sicherlich nicht der Hauptgrund, weshalb in der Europaberichterstattung vieles schiefläuft. Ein Problem ist, dass generell im Journalismus gilt: „only bad news are good news“. Außerdem befinden wir uns in einer Aufmerksamkeitsökonomie, die zunehmend getrieben wird von Klicks, die man in Echtzeit verfolgen kann. Die Journalisten wissen also, welche Botschaften beim breiten Publikum ankommen und welche nicht. Da ist es sicherlich schwierig, mit Grau-Schattierungen zu kommen, wenn Schwarz-Weiß besser funktioniert. An solchen Grundmustern wird man vermutlich wenig ändern können.

Free Media

„Es liegt in der Natur der Sache, dass man immer mit der eigenen Brille auf Europa guckt“

Spielt hier auch die nationale Ausprägung eine Rolle, die der Europaberichterstattung zugeschrieben wird?

Die Tendenz ist, denke ich, in allen Ländern da. Aber das liegt in der Natur der Sache, dass man immer mit der eigenen Brille auch auf Europa guckt. Das ist für die kleinen Länder aber weniger ein Problem als für die großen. Die kleinen Länder schielen immer auf den „Next-Door-Giant“, so zum Beispiel die Schweiz auf Deutschland, Frankreich und Italien. Umgekehrt ist es oft so, dass man in großen Ländern, wie der Bundesrepublik, Länder wie die Schweiz oder Österreich selbst dann völlig übersieht, wenn sie Dinge sehr viel besser machen. Da raus zu kommen ist sehr, sehr schwierig.

Was können einzelne Journalist:innen tun, um sich aus dieser ungewollten Ignoranz zu lösen?

Der erste Schritt wäre, sich das Problem bewusst zu machen. Aber man muss auch ehrlicherweise sehen, dass die meisten Journalisten ihre Muttersprache perfekt sprechen. Wenn sie noch eine Fremdsprache können, dann ist das in der Regel ein bisschen Englisch und entsprechend verlaufen dann auch die Aufmerksamkeitsmuster. Schon was sich in Italien, Polen oder Tschechien tut, ist unter normalen Bedingungen außerhalb unseres Wahrnehmungshorizonts. Das ist natürlich schade und steht einer europäischen Einigung, oder besser gesagt einem Zusammenwachsen Europas, eher im Wege. Da müssen wir mehr über die Nachbarländer schauen und auch selber mehr tun, um zumindest kulturelle Kompetenz zu erwerben.

Nun könnte eine eher national geprägte Europaberichterstattung ja das Erstarken von nationalistischen Parteien begünstigen. Sehen Sie diese Tendenz etwa in Deutschland?

Ich sehe nicht, dass in Deutschland die Leitmedien sehr nationalistisch agieren würden. Im Gegenteil, sie sind gegenüber Brüssel und den Fehlentwicklungen dort oft zu nachsichtig und lassen der Frau von der Leyen und Co viel zu viel durchgehen. Und dann entsteht aus solchen Verhaltensmustern möglicherweise konkurrierend ein nationalistisch geprägter Journalismus, der solche Verfehlungen der Leitmedien dann wiederum anprangert. Dieser könnte dann natürlich zu dem Effekt beitragen, dass Parteien wie die AfD Zuwachs bekommen.

„Was in der einen Balse ankommt, kommt in der anderen eben nicht an“

Immer mehr Menschen konsumieren Nachrichten und journalistische Texte über soziale Facebook, Instagram und Twitter. Welchen Einfluss hat das auf die Europaskepsis?

Ich befürchte, dass soziale Medien sehr stark zur Blasenbildung einladen – und dass deren Algorithmen diese Blasenbildung auch verstärken. Insofern ist es auch im Blick auf die Europaberichterstattung eher schwieriger geworden, differenzierte Sichtweisen zu vermitteln. Was in der einen Blase ankommt, kommt in der anderen eben nicht an. Das allein schon ist im Vergleich zur alten Medienlandschaft schwieriger geworden. Dort hatte man zwar viel weniger Medien. Aber durfte doch irgendwie darauf hoffen, dass selbst in ein und demselben Medium unterschiedliche Positionen dargestellt werden.

Zum Abschluss: Welchen Ratschlag haben Sie für Nachwuchsjournalist:innen in Bezug auf die Europaberichterstattung?

Lernen Sie unbedingt zumindest eine weitere europäische Fremdsprache, die nicht Englisch ist und auch den zugehörigen Kulturraum kennen. Erst auf diese Art und Weise kann man kapieren, wie anders auch unsere unmittelbaren Nachbarn ticken. Selbst dann, wenn sie dieselbe Sprache sprechen. Insofern finde ich Erasmus eine der größten und wichtigsten Errungenschaft der EU, um auch mal was Positives zu sagen. Auf jeden Fall darf man sich nicht den Mut nehmen lassen und wenn es um Berichterstattung geht: Nicht nur so recherchieren, dass man eigene Vorurteile und Urteile bestätigt bekommt, sondern auch gegen den eigenen Strich. Das hilft enorm weiter, um gerade in der Europaberichterstattung guten Journalismus zu machen.

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