Bertram Weiß wackelte schon als Kind im Rheinland mit einer Blechkanne zum Bauern, füllte Rohmilch ab und versuchte auch, sie direkt aus dem Euter zu melken. Später studierte er Journalistik und Biologie (Quelle: privat)

Bertram Weiß ist Wissenschaftsjournalist und lebt in Hamburg. Er arbeitet für die Wissenschaftsredaktion von GEO und ist einer der Initiatoren des Sensorjournalismus-Projekts Superkühe. Für die Live-Reportage wurden die Daten dreier Milchkühe über einen Zeitraum von 30 Tagen von Sensoren ermittelt und journalistisch aufbereitet.

Was macht aus journalistischer Sicht den Reiz aus, Geschichten mit Hilfe von Sensordaten zu erzählen?

Sensorjournalismus eröffnet eine neue Möglichkeit, Eindrücke aus der Welt zu sammeln. Er ersetzt die bestehenden Möglichkeiten nicht, sondern ergänzt sie. Journalisten können also weiterhin fotografieren, lesen, zuhören. Doch mit Hilfe von Sensoren können sie zusätzlich auch noch selbst Daten erheben, Geschichten somit anders, vielleicht auch detailreicher und unmittelbarer erzählen als bisher. Und sie sind dabei nicht ausschließlich auf die Erhebungen anderer angewiesen, von Behörden oder Wissenschaftsinstitutionen etwa.

Warum glauben Sie ist Sensorjournalismus dann noch nicht so verbreitet?

Die Sensortechnik – und das Internet der Dinge – sind ja noch recht jung und erst seit wenigen Jahren so einfach, dass auch Laien all das einigermaßen handhaben können. Trotzdem ist es noch so kompliziert, dass nicht jeder Journalist sich damit beschäftigen möchte. Und für viele ist es noch ungewohnt, mit jenen, die sich damit auskennen, mit Entwicklern und Programmierern etwa, zusammenzuarbeiten.

Wo ist hinsichtlich des Lerneffekts auf Seiten des Rezipienten der größte Unterschied zum Beispiel zur Infografik?

Ein Unterschied ist, dass Sensorjournalismus, wie ich ihn verstehe, nicht unbedingt retrospektiv ist, sondern Live-Charakter hat. Dass ich als Rezipient zu jedem Zeitpunkt, an dem ich meine App aufrufe oder meinen Browser öffne, die live erhobenen Daten der Sensoren einsehen kann und sehen kann, was der Journalist daraus macht, wie er sie einordnet, kommentiert. Das kann eine große Nähe, eine Unmittelbarkeit schaffen. Die Voraussetzung dafür, dass man sich überhaupt auf ein Thema einlässt – bereit ist, etwas zu lernen.

Wird den Leserinnen und Lesern nicht zu viel zugemutet, wenn diese mit den gewonnenen Daten selbst zu einer Entscheidung kommen sollen?

Nein, ich glaube nicht, dass man Rezipienten zu viel zumutet, wenn man ihnen eigene Entscheidungen abverlangt. Ich halte es eher für fahrlässig, wenn ich als Journalist schon versuche, etwas für den Rezipienten zu entscheiden. Das ist nicht meine Aufgabe. Dennoch muss ich die Daten natürlich so aufbereiten und darbieten, dass sie für den Rezipienten verständlich sind. Wenn ich ihm nur die Rohdaten hinknalle und ihn damit allein lasse, dann habe ich meine Aufgabe als Journalist missverstanden.

Sehen Sie Sensorjournalismus als Gefährdung des herkömmlichen Journalismus?

Nein, es gibt weitaus größere Gefahren für den Journalismus als den Einsatz von Sensoren. Es mag sein, dass damit eine Automatisierung einhergeht, die den Einsatz eines Menschen in manchen Momenten erübrigt. Doch umgekehrt schafft die Sensortechnik neue Herausforderungen, zum Beispiel an Organisation und Dramaturgie, die nur mit journalistischer Kompetenz zu meistern sind. Für den herkömmlichen Journalismus ist es schlimmstenfalls in einem Sinne eine Gefahr: Vielleicht wird künftig eher ein Sensorjournalist Aussicht auf Beschäftigung haben als einer, der sich ausschließlich im Verfassen von herkömmlichen Berichten auskennt.

Für das Superkühe-Projekt greifen die Journalisten auf Sensoren zurück, die auf den Höfen ohnehin Daten einsammeln. Die messen, was und wie lange die Kühe fressen, wie viel und wie gute Milch sie geben, wie gesund ihre Euter sind (Quelle: Screenshot / youtube)

Wird Sensorjournalismus weiter Verbreitung finden und zukünftig auch für andere Themen funktionieren?

Die Technologie dahinter wird immer mehr Verbreitung finden und der Druck auf Journalisten größer werden, die Aufmerksamkeit der Menschen zu gewinnen. Ich glaube und hoffe deshalb, dass es zumindest einige Journalisten geben wird, die weiter neugierig sind, die Möglichkeiten der Sensortechnik für die Berichterstattung auszuloten. Noch ist allerdings nicht der Punkt erreicht, an dem man sagen könnte: Nun gibt es genug Erfahrungen, jetzt müssen wir nur noch Themen für etablierte Erzählformate finden. Vielmehr ist jedes Sensorjournalismus-Projekt noch ein Experiment.

Ist sensorbasierter Journalismus auch als Antwort auf das sogenannte “postfaktische Zeitalter” zu verstehen?

Ich würde es eher als Symptom des postfaktischen Zeitalters beschreiben, nicht als gezielte Antwort darauf. Denn im Kern ist Sensorjournalismus der Versuch, in der Berichterstattung objektiver zu werden, empirisch belastbarer, ein Stück weit weg zu kommen von Deutungen und Meinungen. Ein Versuch, etwas Evidenzbasierung in den Journalismus hinein zu tragen. Denn der Einsatz von Sensoren ist ein Schritt näher an die Realität; vielleicht auch an Orten oder Zeitpunkten, wo ein Journalist ansonsten nicht anwesend wäre.

Inwieweit kann Sensorjournalismus das Verhältnis von Mensch und Tier aus Ihrer Sicht verändern?

Erstens: Sensorjournalismus kann Aufmerksamkeit für Themen wecken und so dazu beitragen, dass Menschen sich Gedanken über das Verhältnis zwischen Mensch und Tier machen. Sich überhaupt erst einmal damit beschäftigen, wie zum Beispiel heute Milch produziert wird. Zweitens: Jene, die sich ohnehin schon Gedanken darum machen, können mit Hilfe von Sensordaten noch einen anderen Zugang bekommen, vielleicht ein detailreicheres Verständnis gewinnen. Drittens: Der Einsatz von Sensordaten kann verdeutlichen, wie die Digitalisierung an sich das Verhältnis von Mensch und Tieren verändert: Der Einsatz von unseren Sensordaten war ja für unser Projekt letztendlich auch exemplarisch dafür, wie die Landwirtschaft zunehmend digitalisiert wird.

Mit weiteren Sensoren kann das Projekt Luftfeuchtigkeit und Temperatur im Stall messen, drei Pedometer zählen die Schritte der Kühe und sogar in den Mägen der Superkühe sind Sensoren: für die Köperinnentemperatur, den Pansen-pH-Wert, das Trinkverhalten und die Bewegungsaktivität der Tiere (Quelle: superkuehe.wdr.de)

Wie würden Sie die Verbindung von Internet und Tier ethisch beurteile, beziehungsweise haben Sie sich damit beschäftigt?

Das ist für mich ein fundamentaler Aspekt. Wenn man als Journalist mit Tieren umgeht und wenn man dabei auch noch Technologie einsetzen möchte, dann sollte man das nur in Zusammenarbeit mit Menschen tun, die sich intensiv mit Tieren und deren Bedürfnissen beschäftigen, mit Tiermedizinern und -ethikern zum Beispiel. Deren Expertise ist unabdingbar, um einschätzen zu können, inwiefern das konkrete Vorhaben ethisch vertretbar ist.

Wie beurteilen Sie die Vermenschlichung des Tieres, zum Beispiel durch den Einsatz des Chatbots als Stimme der Kühe?

Wir haben mit dem Chatbot, sowie auf der Webseite mit dem Tagebuch, die Tier-Perspektive eingenommen. Es war eine grundsätzliche dramaturgische Entscheidung, die Tiere aus der Ich-Perspektive erzählen zu lassen. So wollten wir eine nähere Bindung schaffen. Wir wollten ja die Aufmerksamkeit der Leser gewinnen, und nicht nur einmal, sondern möglichst über eine lange Dauer. Es ist ein Kunstgriff, um überhaupt einen Leser dafür zu begeistern, sich mit dem Thema Milchwirtschaft auseinanderzusetzen.

Aber es gab trotzdem eine Einschränkung dabei, dass den Tieren keine menschlichen Gefühle zugeschrieben werden, oder?

Man kann nicht aus der Ich-Perspektive erzählen und dabei komplett objektiv bleiben, gefühllos erzählen. Aber dennoch war es uns wichtig, nicht zu stark zu vermenschlichen. Wir haben bei der Arbeit immer wieder darüber debattiert, auch in Einzelfällen. Da kann man natürlich zu anderen Einschätzungen kommen als wir, aber es ist für mich das Wichtigste, dass man sich dessen überhaupt bewusst ist. Dass man merkt, wenn man ein Stück weiter geht, als es menschenmöglich ist.

Wie beurteilen Sie die Chance, dass der Mensch mit dem Internet der Tiere einen neuen Zugang zur Natur finden kann?

Das Internet der Tiere kann die Begegnung mit der Natur nicht ersetzen. Aber es kann helfen, einen Bezug aufzubauen, vielleicht erst einmal herzustellen. Mit den Superkühen haben wir die Möglichkeit eröffnet, sich aus einem urbanen Alltag heraus mit den Tieren zu beschäftigten. Und so vielleicht bei manchen Menschen zum Beispiel den Impuls dafür gegeben zu schauen, wo der nächste Tag der offenen Tür auf einem Bauernhof stattfindet.

Bewerten Sie Superkühe im Nachhinein als Erfolg?

Ja, auf jeden Fall. Wir haben viele Menschen mindestens ein Stück weit über das Thema informiert, sie vielleicht sensibilisiert, auf Konflikte aufmerksam gemacht. Und zugleich auch in Journalisten-Kreisen Neugier geweckt, sich mit sensorjournalistischen Erzählformen auseinander zu setzen. Und für mich persönlich war es auch sehr erfolgreich: Ich habe mich zu keinem Zeitpunkt als Einzelkämpfer gefühlt, sondern eingebunden gefühlt in ein Team.

Was ist Ihr persönliches Fazit aus den Daten? Welche Milch trinken Sie?

Die Daten haben mir gezeigt: Nach den von uns genutzten Parametern geht es allen drei Tieren gut. Das Projekt insgesamt hat mir verdeutlicht, dass es weniger auf das generelle Haltungssystem ankommt als auf die konkreten Bedingungen auf einem Hof, auf die Arbeit des Landwirts vor Ort, auf seine Beziehung zu den Tieren. Deshalb ist es mir heute noch wichtiger als vorher zu wissen, woher meine Milch stammt, von welchem Hof, von welchen Tieren. Meist kaufe ich deshalb Milch von Höfen aus der Nähe.

Interview: Marie Herrmann und Laura Sprenger

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