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Anders als die meisten journalistischen Redaktionen, vielleicht abgesehen von den Magazinen von Ökotest und der Stiftung Warentest, greift Greenpeace gerne auf wissenschaftliche Laboranalysen zurück, die z.T. für sehr aufwändige eigene Datenerhebungen genutzt werden. So sind wiederholt bundesweite Untersuchungen über die Pestizidbelastung bei Obst und Gemüse deutscher Supermärkte angestellt worden. Das Ziel war hier, den Verbrauchern Daten zur Verfügung zu stellen, über die zwar auch der Lebensmittelhandel selbst und die Lebensmittelüberwachungs-Ämter der Länder verfügen, die aber bis dahin nicht veröffentlicht wurden. Durch ein Belastungsranking der Supermarktketten wurde ein interner Qualitätswettbewerb entfacht, der letztlich zur Reduktion des Pestizideinsatzes geführt hat. Hierfür hat Greenpeace in mehreren Jahren nach einem von Wissenschaftlern entwickelten Verfahren Proben genommen, die Ware auf Pestizidrück- stände hin analysieren lassen und die Ergebnisse im Internet sowie in eigenen Broschüren veröffentlicht.

Ferner greift Greenpeace bei aktuellen Krisen auch gezielt auf eigene Messungen und Tests als Recherchemethode zurück: So hat ein international zusammengesetztes Greenpeace-Team nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima Radioaktivitätsmessungen in der Nähe des Unglücksortes vorgenommen und konnte damit gesundheitsgefährliche Strahlungswerte auch außerhalb der offiziellen Sperrzone nachweisen. Derartige Datenauswertungen werden von den Journalisten zwar gerne in der Berichterstattung aufgegriffen, kommt ihnen doch ein echter Neuigkeitswert zu. Allerdings nehmen die Journalisten im Regelfall keine eigenen Messungen vor. Zum einen fehlt ihnen dafür in der Regel die fachliche Kompetenz, während Greenpeace auch Atomphysiker beschäftigt. Ferner sind Auslandskorrespondenten in derartigen Krisesituationen komplett mit der Berichterstattung über die aktuelle Lage ausgelastet, so dass gerade in solchen Situationen keine Recherchen angeschoben werden können, die wie im Falle von eigenen Messungen einen größeren logistischen Aufwand erfordern.

Unterstützung durch Ehrenamtliche

Ohne die Unterstützung durch die rund 2.000 Ehrenamtlichen von Greenpeace, die sich bundesweit in 90 Ortsgruppen zusammengefunden haben, wären manche Recherchen erheblich teurer und damit für Greenpeace nicht durchführbar. So kauften die Ehrenamtlichen für die Pestizidtests anhand einer von der Zentrale in Hamburg zusammen mit Statistikern erstellten Liste an bestimmten Stichtagen Obst und Gemüse ein. Zwar sind die Einkaufsorte und die Produkte vorgegeben, um eine statistische Aussagekraft zu erreichen. Die Greenpeace-Gruppen erledigen somit nur noch die Einkäufe. Aber allein der Zeitaufwand, der hierfür notwendig wäre, würde es kein ehrenamtliches Helfernetz geben, lässt den Unterschied zu klassischen journalistischen Arbeitsstrukturen erkennen.

Ferner helfen die Ehrenamtlichen bei der Suche nach bestimmten Produkten, wenn ein Skandal offenbar wird. Beispielsweise gelang es mit ihrer Unterstützung schnell, Verkaufsstellen des Schokoriegels „Butterfinger“ zu ermitteln, der als gentechnikverändertes Produkt in deutschen Läden angeboten wurde, ohne entsprechend gekennzeichnet zu sein, wie es das europäische Gesetz verlangt. Die Hilfe der Greenpeace-Gruppen war auch zentral, als im September 2009 Gentechnik- Leinsamen aus Kanada in den Handel gelangte, der nirgendwo auf der Welt eine Zulassung besaß: Auch in diesem Fall war es durch ein Netz von Ehrenamtlichen möglich, kurzfristig an vielen Verkaufsstellen bundesweit zu kontrollieren, wo überall die Ware auftauchte. Im Vergleich zum Journalismus zeigt sich hier somit ein Vorteil im Blick auf Kosten, flächendeckende Abdeckung des Bundesgebietes und schnelle Reaktionsfähigkeit.

 Systematische Nutzung der Auskunftsrechte

Greenpeace stehen die gleichen Auskunftsrechte zur Verfügung wie jedem Journalisten: Auf den Auskunftsanspruch gegenüber Behörden gemäß der Landespressegesetze kann sich die Organisation berufen, da bei ihr auch das Greenpeace Magazin erscheint. Die Ansprüche nach dem Umweltinformationsgesetz (UIG) und dem Informationsfreiheitsgesetz (IFG) sind genauso wie die Registereinsichtsrechte etwa beim Handelsregister oder Vereinsregister Jedermannsrechte. Allerdings fällt auf, dass Greenpeace von diesen Rechten deutlich häufiger und systematischer Gebrauch macht, als dies bei den meisten Redaktionen der Fall ist. Da in Deutschland die Behördentransparenz deutlich schwächer ausgeprägt ist als etwa in den angelsächsischen Ländern und die Tradition des „Amtsgeheimnisses“ nach wie vor die Verwaltungskultur prägt, sind Informationsbegehren gegenüber deutschen Behörden häufig nicht im ersten Anlauf erfolgreich.

Vielmehr erfordern sie, gerade bei brisanten Informationen, oft den Gang vor Gericht. Und genau vor diesem Schritt schrecken die meisten Redaktionen zurück, z.T. aus Kostengründen, aber auch wg. der langen Verfahrensdauer, die jenseits der normalen journalistischen Planungshorizonte liegt: So beträgt allein die Wartezeit auf den ersten Verhandlungstermin vor dem Verwaltungsgericht, das für alle drei o.g. Gesetze zuständig ist, im Durchschnitt zwei Jahre.

Musterprozesse als Werkzeug

Weil die Arbeit von Greenpeace langfristiger angelegt ist als die Planungszeiten der typischen Redaktionen, strengt die Organisation immer wieder strategische Musterprozesse um Akteneinsicht oder Datenfreigabe an. Nach dem Störfall im AKW Brunsbüttel im Jahre 2001 hat Greenpeace einen Antrag auf Einsicht in den Schriftverkehr zwischen dem Kraftwerksbetreiber Vattenfall und der Atomaufsichtsbehörde in Schleswig-Holstein gestellt. Dieses Verfahren, das bis zum Bundesgerichtshof in Leipzig ging und von Greenpeace in letzter Instanz gewonnen wurde, hat sieben Jahre gedauert. Es erscheint fraglich, welche Redaktion angesichts des ungewissen Ausgangs bereit gewesen wäre, diesen Klageweg bis zum Ende zu beschreiten.

Drei Jahre dauerte es, bis Greenpeace durch eine Klage nach dem Umweltinformationsgesetz die Freigabe der Spitzenempfänger von Agrarexportsubventionen er- reichte. Immerhin führte dieses Verfahren auch nach der langen Verfahrensdauer noch zu interessanten Exklusivinformationen, die von mehreren überregionalen Tageszeitungen auf den Titelseiten gebracht wurden. Somit hätte der Aufwand sich sicherlich auch für eine klagen- de Redaktion gelohnt. Einen ähnlichen Effekt erzielte die nach dem Umweltinformationsgesetz Ende 2010 erstrittene Freigabe der möglichen Endlagerstandorte für die CO2-Verpressung: Etliche Zeitungen, vor allem im stark betroffenen norddeutschen Raum, machten mit dem Thema auf, demonstrierten also, wie hoch sie die journalistische Wertigkeit der Informationen einstuften. Den juristischen Streit mit dem Bundesamt für Geowissenschaften und Rohstoffe hatte zuvor jedoch keine Redaktion gesucht.

Vor allem das letzte Beispiel zeigt, dass für die erfolgreiche Nutzung der Akteneinsichtsrechte neben dem langen Atem auch eine fachliche Spezialisierung sehr hilfreich ist: Um überhaupt zu erkennen, wo für die Öffentlichkeit interessante Datensätze schlummern, um die es sich mit einer Behörde zu streiten lohnt, ist oft eine fachliche Detailkenntnis vonnöten, wie es sie im Journalismus immer seltener gibt. In diesem konkreten Fall war der Anhaltspunkt, dass die Behörde Kapazitätsberechnungen über die Menge an CO2 angestellt hatte, die theoretisch in Deutschland unterirdisch gelagert werden könnten. Diese Zahlenangabe ließ den Rückschluss zu, dass da, wo Enddaten existieren, auch Eingangsdaten vorliegen müssen, wie hier die Einzeluntersuchungen zu den örtlichen Lagerstätten.

Tausende Seiten Akten sichten

Schließlich darf nicht unterschätzt werden, dass nach dem erfolgreichen Zugang zu den Akten öffentlicher Stellen auch die Auswertung sehr arbeitsintensiv sein kann. Um das Genehmigungsverfahren für das geplante Atommüllendlager in Gorleben zu durchleuchten, haben Greenpeace-Mitarbeiter im Niedersächsischen Umweltministerium in monatelanger Arbeit tausende Seiten Akten gesichtet.

Der Aufwand hat sich unmittelbar gelohnt, denn es zeigte sich z.B., dass Gorleben als Endlagerstandort zunächst gar nicht von den beauftragten Wissenschaftlern favorisiert wurde, sondern ganz andere Standorte. Eine Liste des TÜV Hannover, der mit der Suche befasst war, existiert gar zweimal in den Akten: einmal ohne den Namen Gorleben und einmal mit der handschriftlichen Ergänzung „Gorleben“, die offenbar in letzter Minute hinzugefügt wurde. Es war immer vermutet worden, dass dieser Ort hauptsächlich aus politischen Gründen wegen seiner Zonenrandlage, der niedrigen Bevölkerungsdichte und der vermeintlich konservativ eingestellten Einwohnerschaft ausgewählt worden sei. Aber als schließlich ein Dokument auftauchte, das die politische Einflussnahme auf die Standortsuche untermauerte, widmete u.a. Frontal21 des ZDF diesem Greenpeace-Fund einen eigenen Beitrag.

Fazit: Rückbesinnung auf journalistische Kompetenzen tut Not

Handwerklich unterscheidet sich die Recherche bei Greenpeace nicht von dem, was auch im Journalismus an Methoden genutzt wird. So wird in ethisch begründeten Fällen beispielsweise die verdeckte Recherche auch bei Zeitungen oder für Fernsehbeiträge praktiziert, gerade im Bereich der politischen Magazine. Allerdings profitiert die Umweltorganisation von einer klaren Themenspezialisierung, dem internationalen Netzwerk, der Unterstützung durch Ehrenamtliche und der Bereitschaft, sehr langfristig an Themen sowie konkreten Rechercheprojekten dranzubleiben. Ferner schreckt Greenpeace nicht davor zu- rück, strategische Auskunftsklagen gegen Behörden zu führen, selbst wenn das Ergebnis erst nach Jahren vorliegt. Die Greenpeace-Recherche profitiert damit von einer eigenen Themensetzung, die sich dem Aktualitätsdruck entzieht.

Sofern man sich fragt, was Journalisten von der Recherche bei Greenpeace an Schlussfolgerungen für die eigene Arbeit ziehen können, ist das Fazit daher ernüchternd konventionell: Es zeigt sich einmal mehr, auch beim Blick auf einen nichtjournalistischen Akteur, dass Recherche gerade im investigativen Bereich auf Themenspezialisierung und damit verbundene intensive Quellenpflege angewiesen ist, dass sie dann gelingt, wenn Freiraum jenseits tagesaktuellen Produktions- drucks da ist und wenn die Redaktionsleitung Rückendeckung da- für gibt, bestehende Rechercherechte offensiv und mit langem Atem wahrzunehmen, auch gegen behördliche Widerstände.

Handwerklich sollten diejenigen, die recherchieren, schlicht gut gerüstet sein, also etwas von Recherchemethodik verstehen, von Interviewtechnik, Internetrecherche, dem Umgang mit kommerziellen Datenbanken sowie der Rechtslage gegenüber Ämtern. Für den Journalismus eigentlich eine beruhigende Nachricht: Nichts muss neu erfunden werden – es reicht schon, Arbeitsmethoden in Ehren zu halten, die aus dem Journalismus kommen, die es aber angesichts von Kostendruck und Entertainisierung in weiten Teilen der Medien immer schwerer haben.

Der Beitrag erschien bereits im Band „Recherche reloaded – Was Journalisten von anderen Rechercheberufen lernen können“ des Netzwerk Recherche.

 Weitere Literatur des Autors

– Die Rekonstruktion einer größeren internationalen Recherche zur Schiffsverschrottung ist zu finden in: Manfred Redelfs: Schiffsverschrottung in Indien – ein bisher legaler Giftmüllexport. Rekonstruktion einer großangelegten Greenpeace-Recherche. In: Netzwerk Recherche (Hrsg.): Trainingshandbuch Recherche. Informationsbeschaffung professionell, Wiesbaden 2003, S. 93–106.

– Wie Greenpeace systematisch die Auskunftsrechte nach dem Umweltinformationsgesetz und dem Informationsfreiheitsgesetz für Recherchen nutzt, ist u.a. hier nachzulesen: Manfred Redelfs: Das Schweigen der Ämter – eine journalistische Horrorvorstellung. In: Netzwerk Recherche (Hrsg.): Presserecht – Praxis-Wissen für den Paragraphen-Dschungel, nr-Werkstatt Nr. 19, Wiesbaden 2011, S. 55–72.

– Für eine exemplarische Darstellung der Recherchen über Giftmüllexporte durch Greenpeace auch: Das Müllionending – wie Greenpeace den Giftmüllexport bezwang.

 Fußnoten

1 – Vgl. Manfred Redelfs: Glaubwürdigkeit in der Politik: Vertrauen in Nicht- regierungsorganisationen am Beispiel der Kommunikationsstrategie von Greenpeace. In: Beatrice Dernbach und Michael Meyer (Hrsg.): Vertrauen und Glaubwürdigkeit. Interdisziplinäre Perspektiven, Wiesbaden 2005, S. 246 – 268.

2 – Michael Haller: Recherchieren, Konstanz 2008 (siebte Auflage).

3 – Matthias Brendel u.a: Richtig Recherchieren. Wie Profis Informationen suchen und besorgen. Ein Handbuch für Journalisten und Öffentlichkeitsarbeiter, Frankfurt 2010 (siebte Auflage); Manfred Redelfs: Investigative Reporting in den USA. Strukturen eines Journalismus der Machtkontrolle, Wiesbaden 1996.

4 – Vgl. zu diesen allgemeinen Rechercheregeln: Haller, a.a.O., S. 55 ff.

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