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Die Digitalisierung wird 40

Michael Meier, ein Journalist alter Schule, steht an der Kreuzung der ehemaligen Durchfahrtsstraße B26 und der Heidelberger Straße. Heute geht es auf Drehortsuche für seine Dokumentation zum 40. Digitalisierungsjubiläum. Früher war er täglich mit dem Auto hier im Stau gestanden, um von seiner Wohnung im damaligen Darmstädter Stadtteil Grießheim zu seiner Arbeitsstätte, dem Darmstädter Echo zu fahren. Heute ist der ehemalige Stadtteil wie selbstverständlich ein Teil der Trabantenstadt Darmstadt. Grund hierfür ist die Digitalisierung und der Schienen- und Straßennetzreform aus dem Jahr 2030. Inzwischen ist er froh, dass er diesen Stress nun endlich los ist. Seit niemand mehr ein eigenes Auto besitzt, es keine Taxi- und Busfahrer mehr gibt, befinden sich die Fahrzeuge in öffentlicher Hand und manövrieren autonom durch die City.

Ein komplexes Straßenverkehrsnetz

Vor ein paar Jahren wurden dann noch die Kontrolleure abgeschafft. Jetzt steuern selbstüberwachende Computer den Verkehrsfluss und es gibt keine Unfälle mehr. So mancher verschlafene Kontrolleur hatte den Überblick über das komplexe Netz verloren und es war trotz der Computer-Steuerung zu Zwischenfällen gekommen. Da schwebt eines der zahlreichen öffentlichen Autos auf ihn zu, ein Knopfdruck am Panel an seinem Arm, die Programmierung des Fahrzeugs lässt es anhalten. Mit ihm verlangsamen die anderen Autos auf der Strecke automatisch, alle ordentlich mit einem Meter Abstand zum Vordermann. Meier steigt ein, die Tür des Fahrzeugs schließt sich, er legt das Stirnband an. Sofort liest das Band sein Ziel aus – ohne, dass Meier ein Wort verliert, nur durch die Kraft seiner Gedanken. Langsam setzt sich alles in Bewegung.

Immer wieder versetzt ihn der Fortschritt in neues Staunen: „Wenn ich nur dran denke, was hier vor 30 Jahren – vor der Schienen- und Straßennetzreform – los war: kilometerlange Staus, ohrenbetäubender Krach und atemraubender Gestank – das war kaum auszuhalten. Und schauen sie sich das jetzt an, wie schön ruhig und entspannt alles geworden ist.“ Diese Reform, eine Idee des damaligen Oberbürgermeisters, hatte seinerzeit noch für Lacher gesorgt. Heute profitieren die Bürger davon – unabhängig von sozialer Herkunft, Berufsstand und Vermögen. Am Hauptbahnhof angekommen hält das Fahrzeug an und Meier steigt aus. Als er aus dem Fahrzeug aussteigt, wird die Fahrt automatisch abgerechnet. Auch hier konnte durch die Digitalisierung ein Stück Umweltschutz realisiert werden. Außerdem ersetzte der Fortschritt der Digitalisierung die klassischen Zahlungsmittel durch digitale Bezahlverfahren. Dies verringerte den Papierverbrauch weltweit und es wurden neue Bäume gepflanzt.

Die Deutsche Bahn … pünktlich?!

Im Bahnhof fährt gerade sein Zug davon. Was früher einem Drama gleichgekommen wäre, da die Züge oft erst eine Stunde später erneut fuhren – wenn überhaupt – nimmt der 58-jährige inzwischen gelassen. „In zehn Minuten kommt ja schon die nächste Bahn“, kommentiert er entspannt. Pünktlich kommt der Zug und schon geht es weiter in Richtung Berlin. Eine Stunde später fährt der Zug in den Berliner Hauptbahnhof ein, währenddessen ist der Vorzug bereits unterwegs in Richtung Moskau. Außerhalb von Berlin befindet sich der größte Serverpark der Republik. Auch hier wird eine Veränderung deutlich: Vor ein paar Jahren steuerten hier einige Hundert Server, einige wenige Internetseiten. Inzwischen betreibt die Stadt Berlin von hier aus ihr gesamtes Schienen- und Straßennetz sowie die Bibliotheken und Archive der Stadt und des Bundestages. Das Besondere an Serverfarmen wie hier und in anderen Großstädten ist, dass diese nicht an das normale Stromnetz angeschlossen sind. Früher kam es durch den Anschluss an das zivile Stromnetz immer wieder zu Stromausfällen in den Wohn- und Industriegebieten. Inzwischen verfügen sie über ein autarkes Stromnetz, das sich aus eigenen Windkraft- und Solaranlagen speist.

Mit dem Zug in die weite Welt

Zum Abschluss seiner Tour geht es für Meier von Berlin nach Lissabon, wo der größte, transkontinentale Bahnhof der Welt steht. Von hier aus geht es für Tausende Berufstätige und Waren aus ganz Europa hinaus in die Welt, hauptsächlich nach Nord- und Südamerika, aber auch nach Nordafrika. Auch hier kontrollieren Computer auf das Genauste die Verkehrsströme. Zudem steuern Computer Anlagen in den Tunneln, die die Luft absaugen, filtern und mit den im Wasser enthaltenen Gase in Sauerstoff umwandeln. So sind auch mehrstündige Zugfahrten auf dem Grunde des Ozeans möglich.

Am Abend ist Meier zurück in Darmstadt und begibt sich in die Redaktion, um den nächsten Tag vorzubereiten. An diesem soll er der Chefredakteurin seine Drehorte vorstellen. Auch hier hat sich viel verändert, seit er nach seinem Studium am Mediencampus in Dieburg sein Volontariat beim Darmstädter Echo begann. Inzwischen wird hier nur noch digital produziert, die gute, alte Zeitung gibt es nicht mehr. Stattdessen wird auf das E-Paper gesetzt, in dem nun auch Videos eingebettet werden können. Das Wichtigste ist jedoch, dass kein Papier mehr benötigt wird. Auch so konnte Holz gespart und die Welt durch neue Bäume ein Stückchen grüner gemacht werden.

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