Seite 4/5 Initiative: Love Green


Jenseits des Eventjournalismus widmet sich die schreibende Zunft inzwischen am liebsten dem guten Leben: dem ergrünten Lifestyle – Biogemüse und Elektroautos inklusive. Zu den Gegenständen der Berichterstattung gehören gerne auch Innovationen, die für eine bessere Welt sorgen sollen: Stühle aus dem recycelten Innenleben von Kühlschränken oder Tropfenfänger für Zapfpistolen von Tanksäulen – samt deren Erfinder.
Exemplarisch für diese Art der Berichterstattung steht die nach eigenen Angaben „größte Medieninitiative Deutschlands zum Thema Nachhaltigkeit“: Love Green. Die Initiative produziert ein Online Magazin und eine Fernsehsendung namens Love Green TV. Ihr Motto: „Wir retten die Welt. Jeder ein bisschen.“

Die Frage ist allerdings, ob Kurskorrekturen individueller Lebens-und Überlebensstrategien das Überleben des Planeten sichern. Ob die ökonomische und soziale Logik dafür spricht, Klimaschutz zu einer privaten Angelegenheit werden zu lassen. Und ob es journalistisch angemessen ist, nur oder fast nur über Inseln alternativer Entwicklungen in einem Meer der Nicht-Nachhaltigkeit zu berichten.

Meinen Verdacht bestätigte ausgerechnet ein Artikel in Cosmopolitan, dem Frauenmagazin für Mode, Liebe und Karriere. „Grüner leben – geht das?“ lautete die Überschrift über die Beschreibung eines einmonatigen Selbstversuchs. Am Ende kam die Autorin zu einer schlichten, aber zutreffenden Erkenntnis:

„Es gibt kein richtiges Leben im falschen Wirtschaftssystem.“

Was die Berichterstattung jenseits des Lifestyle angeht gibt es indes viele blinde Flecken. Das mag daran liegen, dass die Dinge immer komplizierter werden, beispielsweise der Emissionshandel, die geplante (und gescheiterte) Klimaabgabe, oder das Erneuerbare Energien Gesetz; Einordnungen der Reform des Jahres 2014 waren Mangelware.
Das Thema Energieeffizienz, laut amtlicher Lesart die „Schlüsselfrage“ der Energiewende, kommt in den Medien so gut wie gar nicht vor; ich kenne Journalisten, die von ihren Vorgesetzten gefragt wurden, warum sie darüber schreiben wollten – sie hätten das doch erst vor 5 Jahren getan!

Vieles nehmen die Massenmedien gar nicht mehr zur Kenntnis, beispielsweise Anfang 2015 die Meldung des International Transport Forum, einem Mitglied der OECD-Familie, dass das absehbare Wachstum des internationalen Frachtverkehrs die Durchsetzung der Klimaziele „ernsthaft untergraben“ könne.

Oder den Umstand, dass in dem jüngsten vom World Economic Forum herausgegebenen Risikoreport ökonomische Risiken zwar an Bedeutung verloren, ökologische Risiken wie der Klimawandel oder drohende Wasserkrisen aber an Bedeutung gewonnen haben.

Besonders eklatant ist die Ignoranz bei der Frage, ob Klimawandel, Terrorismus, am Ende auch die Flüchtlingskrise womöglich etwas miteinander zu tun haben. Dabei gibt es dazu inzwischen sogar quasi amtliche Erkenntnisse: Die Außenminister der G7-Staaten haben verschiedene Forschungsinstitute untersuchen lassen, welche Sicherheitsbedrohungen der Klimawandel mit sich bringt. In der Expertise wird beispielsweise auf die Folgen von Dürreperioden in verschiedenen Ländern verwiesen, auch in Syrien.

Tatsächlich hat laut der G7-Studie der Klimawandel den Bürgerkrieg in Syrien mitverursacht: Eine über mehrere Jahre andauernde Dürreperiode (2006 – 2011) hatte verheerende Auswirkung auf den Wasserhaushalt und die landwirtschaftliche Erzeugung, verursachte Landflucht, die wiederum die Städte überforderte, Hunger erzeugte und im Verein mit Missmanagement der Regierung Gewalt erzeugte.

Genau so steht das auf Seite 30 der G7-Studie. Die mediale Resonanz auf die Erkenntnisse blieb äußerst überschaubar, nicht einmal bei der aktuellen Berichterstattung über die Bekämpfung der Fluchtursachen kommt der Klimawandel vor.

Dass selbst solche Steilvorlagen ignoriert werden ist schon bemerkenswert. Fast noch erstaunlicher finde ich allerdings die journalistische Ignoranz bei einer Reihe von eigentlich immer mit schwingenden Fragestellungen, die sich im journalistischen Alltag aber offenbar als zu „sperrig“ erweisen, um Anlass für konkrete Artikel zu werden:

  1. Während die meisten Umweltprobleme globaler Natur sind, organisieren sich die politischen Instanzen nach wie vor lokal bzw. national; obendrein sind sie im Globalisierungsprozess entmachtet worden. Es ist also ausgeschlossen, dass sich mit den vorherrschenden institutionellen Arrangements die globalen Umweltprobleme lösen lassen. Frage also: Wie lassen sich Politik und Macht wieder zusammenbringen, wie kann die Politik international und national Handlungshoheit zurückgewinnen?
  2. Wie lässt sich die Demokratie so weiterentwickeln, dass politische Entscheidungen nicht nahezu ausschließlich an Kurzfristigkeit orientiert sind und Regierungen tagaus, tagein von einer Notstandsmaßnahme zur nächsten stolpern lässt? Welche Anreize könnten dafür sorgen, dass wenigstens halbwegs auch die zeitlich ferner liegenden Folgen heutigen Tuns in Entscheidungen einfließen? Es gibt den Vorschlag, den Bundespräsidenten als Nachhaltigkeitsanwalt aufzuwerten – wäre das ein gangbarer Weg?
  3. Wie kann sich die Politik aus der Pfadabhängigkeit vergangener Entscheidungen und aus dem Zwang vermeintlicher Alternativlosigkeiten befreien? Gelingt ihr das nämlich nicht, dann wird der vielbeschworene ökologische Umbau scheitern.
  4. Welche Finanzordnung könnte helfen, ökologische Investitionen voran zu bringen? Wirkt, um ein Beispiel zu nennen, die Beschränkung der Eigenkapitalhaftung von Unternehmen womöglich sogar als Anreiz, erhebliche Risiken auch zulasten der natürlichen Lebensgrundlagen einzugehen? Und folgte daraus nicht notwendigerweise, die Haftungsbeschränkung zu überdenken?
  5. Wie lässt sich die Wachstumsfixierung der Politik lockern – und wie hoch ist das Wirtschaftswachstum eigentlich tatsächlich noch, nach Abzug der für die Schadensbehebung notwendigen Kosten?

Mit solchen Fragestellungen beschäftigt sich Hin und Wieder ein Professor – aber nur selten mal ein Journalist. „Geht in der Kommunikation verloren“, sagte mir ein Wirtschaftsforscher, der über Alternativen zum BIP forscht und auch für die Grünen im Bayerischen Landtag einen Regionalen Wohlfahrtsindex entwickelt hat.

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